Pictoplasma: Characters in Motion

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 Bewegte Kreaturen

Character Design bezeichnet die Gestaltung der Grundzüge einer Figur, die durch beispielhafte Ansichten und Bewegungsmomente in ihrer spezifischen Form wieder erkennbar bleibt. Vor allem im Bereich des Animationsfilms sind durch diese gestalterischen Vorlagen die Grundlagen für eine industrielle Arbeitsweise gegeben, ob in großen Zeichenstudios für Comics oder Filme oder in der Werbung.   „Pictoplasma: Characters in Motion“ weiterlesen

Lorenzo Mattotti: Briefe aus ferner Zeit

Das Album versammelt vier Kurzgeschichten, darunter zwei sehr knappe mit jeweils 2- und 4-Seiten. Die Geschichten kreisen um die Themen Liebe und Erinnerung, stets sehr symbolhaft und ausgeschmückt in allegorischen Bildern. Wartende auf dem Flughafen, reisende im Zug – das sind die Ausgangspunkte für Meditationen über die Liebe in der Ferne, trotz der Ferne, wegen der Ferne, auch mal ohne Nähe.

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Die Entstehung von Mattottis jüngstem Werk „Briefe aus ferner Zeit“ konnte man bereits Anfang des Jahres in einer Folge einer 7-teiligen Comic-Serie auf Arte mitverfolgen. Dort wurde Mattotti bei der Arbeit zu dem Album über die Schulter geschaut und die Ansicht, die meisten seiner Panels könnten auch als eigenständige Gemälde funktionieren, bestätigt: einige sind oder werden leicht umgearbeitet tatsächlich Gemälde, und da der Text häufig am Rand des Bildes angeordnet ist, unterscheiden sie sich auch kaum von Mattottis ausschließlich als Gemälde konzipierten Bildern.

Doch hat „Briefe aus ferner Zeit“ eine nähere Bindung an das Genre des klassischen Comics als man zunächst, bei aller Gemäldehaftigkeit der Bilder, meinen könnte. Viele Panels kommen ohne Sprechblasen aus, manche lassen sogar die Textbegleitung ganz missen, aber Sprechblasen sind nach wie vor ein wichtiger Bestandteil in Mattottis Arbeit. Und mit der Titelgeschichte widmet er sich nicht nur einem im Comic präsenten Genre, der Science Fiction, sondern fährt auch zitatenhaft Abenteuercomics eines gewissen Lucio Mazzotti (daraus darf man wohl eine Anspielung auf Mattotti lesen) auf. Allerdings wird dem Verweis dann wieder ein romantisches Gemälde aus dem 19. Jahrhundert entgegen gesetzt. Mattotti macht es sich mit seiner narrativen, an Francis Bacon aber auch Neue Sachlichkeit erinnernden Kreidemalerei eben immer zwischen beiden Stühlen gemütlich: Kunst und Comic gut durchmischt.
(Schreiber & Leser, 64 Seiten, Farbe, Hardcover, 19,95€)

Zuerst erschienen in Strapazin # 79, 6/05

Hanco Kolk: Club Paradise

Der niederländische Comic-Künstler und Illustrator Hanco Kolk ist vor allem durch seine franco-belgischen Funnies bekannt. Und in der ersten Hälfte der 90er Jahre wurde er bereits mit zahlreichen Preisen überhäuft. Doch von all dem weiß man als deutschsprachiger Comicfan – des Niederländischen nicht mächtig – wenig. Auf Deutsch sind von ihm bislang nämlich nur die ersten beiden Alben seiner Mini-Serie „Meccano“ erschienen. Und die zeigen ein ganz anderes Bild des Zeichners: kunstvolle Abstraktionen mit abgründigen Untertönen erwarten hier den Leser.

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Diesem Stil entspricht auch Kolks neues Werk, das auf Englisch erscheinende Album „Club Paradise“. War es bei „Meccano“ vor allem der Zeichenstil, der Aufmerksamkeit erregte, ist es bei „Club Paradise“ das Konzept. Die Story spielt sich nur auf den rechten Seiten des Heftes ab: Ein Zeichner – offensichtlich Kolk selbst – reist in die USA, um neue Erwerbsmöglichkeiten aufzutun. Schlechtes Timing, wie er selbst bemerkt, denn es ist Mitte Oktober 2001, und die Stadt liegt noch im Terror-Trauma. Da ist mit gezeichneten Gags nicht gut Geld verdienen. Also hängt er in Cafés und Bars rum, beobachtet die Leute, macht Skizzen, landet schließlich in einem Strip-Club, macht auch dort Skizzen, recherchiert unter den Tänzerinnen für eine Story und kommt so schließlich zu dem vorliegenden Album.
Kolk erzählt – wie gesagt: nur auf den rechten Seiten –die Geschichte in lakonischen und selbstironischen Texten und Bildern ohne Rahmung. Mal sind zwei bis drei kleinere Zeichnungen locker auf einer Seite angeordnet, mal nur eine einzige. Die Comic-Strip artigen Figuren sind stark stilisiert und in nur wenigen, stark konturierenden Strichen angedeutet. Dahinter liegen jeweils größere, sich teilweise über die gesamte Seite erstreckende farbige Skizzen in raschen, groben Strichen, die als die Skizzen des Protagonisten zu deuten sind. Dadurch erfährt die Erzählung eine atmosphärische Ergänzung, die die Geschichte aus der Comic-Strip-Ästhetik heraushebt. Dass auf der jeweils linken Seite des Albums zudem eine große Zeichnung von je einer der Tänzerinnen des Titel gebenden Clubs zu sehen ist (Picasso überdeutlich als großes Vorbild), ergänzt die kurzweilige Geschichte um eine Katalog ähnliche Bildersammlung.
(Oog en Blik Editions, Farbe u. S/W, Softcover, 56 Seiten, 19,95 €)

Zuerst erschienen in Strapazin # 79, 6/05

Max Andersson & Lars Sjunnesson: Bosnian Flat Dog

Das Cover macht schon mal deutlich: es ist kein gewöhnlicher Comic, den uns die beiden schwedischen Comiczeichner Max Andersson und Lars Sjunnesson hier auftischen: ein grobpixeliges Foto eines verwesten Kopfes mit einem Augapfel und Militärmütze lädt den Leser auf eine surrealistische Reise ins Bosnien der Kriegswirren ein. Andersson und Sjunnesson werden auf einem Comic-Kongress von einem alten slowenischen Studienkollegen kontaktiert, der ihnen seine brisanten Kriegstagebücher zum Verkauf anbietet. Im Folgenden irren unsere Helden durch das zerbröselte ehemalige Jugoslawien und begegnen der verwesten Leiche Titos, unterirdischen Eisfabriken, militanten Srebrenicafrauen, Tito-Zombies und den titelgebenden, mutierten Hunden.

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Wer sich da an Chester Browns ersten großen Comic-Roman, „Ed the happy Clown“, erinnert fühlt, liegt nicht falsch: auch die Geschichte um die beiden schwedischen Zeichner im ehemaligen Jugoslawien ist voller absurder Wendungen, oft von solider Geschmacklosigkeit und hangelt sich alptraumhaft von einem wilden Szenario in das nächste, noch wildere. Politische Zusammenhänge werden hier bewusst fahrlässig in eine stürmische Odyssee überführt, die den tatsächlichen Alptraum und die Logik des Krieges sicherlich adäquater Umsetzen als es eine ‚realistische’ Darstellung könnte, die einen objektiven, verstehenden Standpunkt behauptet, wo es keinen gibt.

Andersson und Sjunnesson fungieren gleichermaßen als Autoren und Zeichner und verlassen dabei die herkömmliche Arbeitsaufteilung so sehr, „dass sie selber nicht mehr wissen, wer was gemacht hat“, wie der Klappentext verrät. Das führt zu sprunghaften Orts- und Ereigniswechseln und wohl auch zu den extrem vielteiligen und durch viele Schraffuren extrem düsteren Zeichnungen. Eine visuelle Unübersichtlichkeit, mit der die nicht minder verwirrenden Geschehnisse treffend dargestellt werden.

Der Band mit der vierteiligen Geschichte „Bosnien Flat Dog“, einem One-Pager, der die Autoren direkt zu Wort kommen lässt und einem nicht minder absurden, aber auch scharfsichtigen Glossar wird ergänzt durch die Kurzgeschichten „Onkel Skledar – Der Kotzfilm“ und „Traktor-Girl und das Haustier“. Eine Geschichte, die den großen Humanismus hinter all der Perversion der beiden Schweden durchscheinen lässt.
(Reprodukt, 86 Seiten; S/W, Softcover, 17 Euro)

Zuerst erschienen in Strapazin # 78, 03/05

„Persepolis – Jugendjahre“ von Marjane Satrapi

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Mit dem ersten Teil von „Persepolis“, auf der Frankfurter Buchmesse als Comic des Jahres ausgezeichnet, hatte die gebürtige Iranerin von ihrer Kindheit im Iran berichtet. Nicht minder beeindruckend sind ihre Erinnerungen an die Jugend. In „Jugendjahre“ erzählt sie von ihrem Exil in Österreich und der Rückkehr in den Iran. Der Comic lebt von dem Kontrast zwischen zeichnerischer Naivität und erzählerischer Genauigkeit und gewährt Einblicke in eine zerrissene, heimatlose Seele.
(Edition Moderne)

Joel Andreas: Süchtig nach Krieg. Warum die USA nicht aufhören können, Krieg zu führen.

Es mutet an wie die Comic-Version eines Films von Michael Moore: Joel Andreas Sachcomic „Süchtig nach Krieg“ ist eine profunde Sammlung an Zahlen und Fakten zum US-amerikanischen Imperialismus seit der Gründung der Staatenunion, die an ironischen Spitzen nicht spart. Doch wo man einem Film wie „Super Size Me“ durchaus das Michael Moore Syndrom unterstellen kann, muss man bei Andreas Sachcomic vom Vorwurf des Epigonentums Abstand nehmen, da der Band bereits 1992 erstmals anlässlich des ersten Irak-Krieges erschienen ist. Zehn Jahre später wurde das Album anlässlich des Afghanistan-Krieges aktualisiert. Nach dem zweiten Irakkrieg fügte Andreas im Frühling 2004 nochmals eine Ergänzung hinzu. Auf dieser letzten Fassung basiert die erste deutsche Übersetzung.
„Süchtig nach Krieg“ ist weniger als ästhetisches Kunstwerk von Interesse, denn es handelt sich hier überwiegend um bebilderte Texte, die allerdings in Panels gegliedert sind. Die Zeichnungen sind schlicht und erinnern an Cartoons in Schulbüchern. Damit ist der didaktische Anspruch offensichtlich und das Album steht deutlich mehr in der Tradition von illustrierten Büchern oder politischen Cartoons denn von neuzeitlicher Comic-Kunst. Man will wohl über diese leicht zu konsumierende Form eine große Zahl an Lesern, vor allem Schülern erreichen – ein durchaus akzeptables Ziel.

Die Fülle an Informationen ist dennoch erschlagend: Andreas liefert zu Beginn einen fundierten Abriss der kolonialistischen Bestrebungen der USA bis in die heutige Zeit, bevor er in einzelnen Kapiteln die Verwicklungen von Politik, Militär, Wirtschaft und Medien beschreibt und die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Sozialpolitik der USA. Damit macht er schnell klar, weshalb der Untertitel „Warum die USA nicht aufhören können, Krieg zu führen“ lauten muss. Nicht können statt nicht wollen! Denn die beschriebenen Strukturen lassen längst keine freie Entscheidung mehr zu: zwischen eigenem Selbstbild und kapitalistischer Notwendigkeit könnte auch ein moderater Präsident nur in Nuancen anders handeln. Das ist keine schöne Erkenntnis, zeigt aber klar und schonungslos die strukturellen Zusammenhänge der US-Politik. Vorwürfe bzgl. eines etwas einseitigen Anti-Amerikanismus bedient der Comic sicherlich. Der Verlag Zweitausendeins ist ja bekannt dafür und die Gefahr, schnell auch beim Anti-Zionismus zu landen ist groß – es ist kein Zufall, dass gerade Zweitausendeins auch Joe Saccos großartige Comic-Reportage „Palästina“ veröffentlicht hat. Nichts desto Trotz sind dies Wahrheiten, die benannt werden sollten. Die Gefahr, sich dabei auch falsche Freunde zu machen, gibt es immer. Die das fürchten, können dem ja Comics über palästinensische Terrorakte oder die Deutsche Machtpolitik entgegensetzen. Die eigene Meinung muss man sich immer aus verschiedenen Quellen zusammenbasteln.
(Zweitausendeins. 76 Seiten, S/W, Softcover, 7,50Euro)

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 77, 04/04

Joann Sfar – Die Katze des Rabbiners / Joann Sfar – Professor Bell

Zwei neue Serien von Joann Sfar auf Deutsch

Es gibt zwei entscheidende Unterschiede zwischen französischen und deutschen Comiczeichnern: erstens verkaufen die Franzosen wesentlich mehr Hefte (Sfars „Die Katze des Rabbiners“ wurde in Frankreich rund 250.000 verkauft); zweitens machen die Franzosen wesentlich mehr Hefte. Wirft man einen Blick auf die Bibliografien von Joann Sfar oder Kollege Trondheim, dann müssen die wohl rund um die Uhr und ausschließlich wie die Blöden zeichnen. Joann Sfar kann mit seinen 33 Jahren rund 90 Hefte, an denen er beteiligt war, vorweisen, die wenigsten davon – wie beispielsweise Sfars und Trondheims gemeinsames Großprojekt „Donjon“ – erscheinen auf Deutsch. Der ambitionierte Avant-Verlag hat sich jüngst daran gemacht, zwei weitere Serien von Sfar auf Deutsch zugänglich zu machen: „Die Katze des Rabbiners“ und „Professor Bell“ sind beides Reihen, die Sfar komplett alleine bestreitet.

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„Die Katze des Rabbiners“ erzählt aus der Sicht der Titelgebenden, sprechenden(!) Katze vom Leben eines Rabbiners und seiner Tochter im Algerien der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Dort prallt französischer Kolonialismus auf den Islam auf eine kleine jüdische Gemeinde. Sfar, der selber einen jüdischen Hintergrund hat, nutzt die märchenhafte Erzählweise, um humorvoll philosophisch-theologische Fragestellungen aufzuwerfen, aber auch Kolonialismuskritik anklingen zu lassen. Die Katze, frech und arrogant, kommentiert das Geschehen sehr respektlos und übernimmt den Part des alles hinterfragenden Skeptikers. Wenn die Katze im ersten Band mit den Rabbinern diskutiert, warum sie als jüdische Katze ein Recht auf ihre Bar- Mizwa hat, lernt man nicht nur einiges über das Judentum, sondern befindet sich mitten in einem urkomischen Religionsstreit. Und wenn im zweiten Band Juden und Islamisten streiten, dann bietet auch das reichlich Stoff für humoristische Einlagen. Und vor allem: niemand muss dabei sterben. Eine leicht ironische Haltung des Autors zu religiösen Fragen schimmert hier durch. Die Bilder sind farbenfroh, aber äußerst unruhig, Farblich vergleichbar mit dem plakativen, knallbunten Donjon-Stil, ist der wilde Strich verhuscht und nervös, und die Konturen wirken ähnlich verzerrt wie bei dem von ihm gezeichneten Zweiteiler „Petrus Grumbart“. Das entspricht der umtriebigen Art der erzählenden Katze, der Detailreichtum der Zeichnungen hat darunter allerdings überhaupt nicht zu leiden: Sfar hat ganz offensichtlich Spaß an dem vielfältigen, orientalischen Szenario.

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Das gilt in gleicher Weise für das britische Fin-de-Siècle-Ambiente bei „Professor Bell“. Die düstere Serie um den Lehrer von Sir Arthur Conan Doyle, der Pate für die Figur des Sherlock Holmes gestanden haben soll, zeigt den Professor etwas abgründiger und leicht depressiv und ist entsprechend in gedeckten Farben gehalten. Die Mischung aus Fien-de-Siècle, Kriminalfall und übersinnlichen Ereignissen erinnert nicht nur thematisch an Tardis „Adele“-Serie. Sfar hat wie jener offensichtlichen Spaß an überdrehtem, surrealem Humor und ist nie um eine haarsträubende Wendung verlegen: melancholische Geister, sprechende Geschwüre und lebende Tote sind da noch die kleineren Überraschungen. Das narrative Freigeistertum und die offensichtliche Freude an Splatter-Effekten bei „Professor Bell“ erinnert mal wieder an den „Donjon“, und man wundert sich wirklich, dass Sfar und seine Kollegen mit dem lockeren Umgang von Wahrscheinlichkeit und ihrem schnoddrig wirkenden, aber sicherlich arbeitsintensiven Zeichnungen beim Publikum ankommen und dafür auch noch, wie Sfar jüngst in Erlangen, ausgezeichnet werden. Es gibt eben nichts spannenderes, als die gelungene Überraschung auf der nächsten Heftseite…

(Die Katze des Rabbiners 1. Die Bar-Mizwa; 2. Malka, der Herr der Löwen. Je 48 Seiten, Farbe, Hardcover, Avant-Verlag, 14,95 € Professor Bell: 1. Der Mexikaner mit den zwei Köpfen. 46 Seiten, Farbe, Softcover, Avant-Verlag, 14,95 €)

Zuerst erschienen in Strapazin # 77, 12/04

„American Splendor “ von Shari Springer Berman & Robert Pulcini

Harvey Pekar ist Angestellter in der Verwaltung eines Krankenhauses in Cleveland. Der nerdige Platten- und Comicsammler, zweifach geschieden, beginnt 1976 mit Hilfe von Robert Crumb seine Alltagserlebnisse in Comicform zu veröffentlichen – und erfindet damit erfolgreich ein neues Genre.

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Comics werden häufig immer noch mit Superhelden und Knollennasen gleichgesetzt, und das Kino leistet bei diesem Missverständnis einen nicht unerheblichen Beitrag. Comicverfilmungen finden derzeit zahlreich den Weg in unsere Kinos: Hellboy, Spiderman, Daredevil, The Punisher – um nur einige zu nennen. Den meisten von ihnen ist jedoch gemein, dass es sich dabei um mittelmäßige Verfilmungen von mittelmäßigen Comics handelt. Doch es gibt Ausnahmen: mit Hulk von Ang Lee entstand eine ambitionierte Verfilmung eines mittelmäßigen Comics, mit „The Extraordinary Gentlemen“ allerdings auch eine äußerst ärgerliche Adaption der tollen Comic-Vorlage des meisterlichen Alan Moore, unwesentlich gelungener ist die Filmversion seines Jahrhundertwerks „From Hell“. Ganz selten nur entsteht aus einer guten Vorlage ein guter Film. „Ghostworld“ war einer dieser seltenen Glücksfälle, „American Splendor“ ist ein weiterer.

Dabei lässt sich zunächst nicht einmal klar sagen, ob „American Splendor“ überhaupt eine Adaption des gleichnamigen, autobiographischen Comics ist, oder „nur“ ein Dokumentarfilm über dessen Autor. Genau diesem Wirrwarr ist die erzählerische Komplexität des Films geschuldet. Denn gleich auf vier verschiedenen Ebenen wird das Leben des leicht neurotischen Misanthropen Harvey Pekar nachgezeichnet: Tatsächlich gezeichnet in gefilmten Ausschnitten aus den Comics und für den Film animierten Zeichnungen, die teilweise in Spielfilmszenen integriert sind; des Weiteren mittels dokumentarischen Materials (z.B. aus den legendären Auftritten Pekars bei der David Letterman Show in den 80er Jahren); außerdem in Interview-Einschüben, die mit Pekar im Studio gefilmt wurden; schließlich und hauptsächlich mit Spielfilmszenen, die klassisch mit Schauspielern (als Pekar Paul Giamatti/ „Truman Show“) inszeniert sind und kongenial die deprimierende Schlichtheit von Pekars Angestellten-Dasein in der Industriestadt Cleveland darstellen. Die verschiedenen Ansätze überschneiden sich und sind kunstvoll und virtuos ineinander verwoben.

Die anspruchsvolle und komplexe Machart des Films trägt der Tatsache Rechnung, das „American Splendor“ seinerzeit richtungweisend für die Comicgeschichte war und 1987 mit dem American Book Award ausgezeichnet wurde. 1976 traf Pekar den Star der Underground-Comix, Robert Crumb, den er einige Jahre zuvor durch ihre gemeinsame Sammelleidenschaft von Comics und alten 78er Platten auf dem Flohmarkt kennen gelernt hatte. Er zeigte Crumb seine Skizzen. Der war sofort begeistert von dem neuartigen Konzept, einen autobiografischen Comic über Alltagserlebnisse zu machen – das gab es in dieser Konsequenz noch nicht. Er bot sich an, die Stories für den zeichnerisch untalentierten Pekar umzusetzen. Fortan erschien ungefähr einmal im Jahr eine Ausgabe des Heftes, das schnell zum Publikumsliebling auch jenseits der Undergroundcomic-Szene avancierte.

Die wohl erste autobiografische Comic-Serie (Crumb selber verwendete zuvor nur ansatzweise autobiografische Elemente, später allerdings massiv) wurde bis in die 90er Jahre von Pekar selbst, dann von Dark Horse verlegt und von wechselnden Zeichnern illustriert: neben Crumb, der bereits Mitte der 90er Jahre mit der Kino-Doku „Crumb“ gewürdigt wurde, unter anderem von Joe Sacco (der später u.a. mit „Palästina“ das Genre des autobiographischen Reportage-Comics begründete), Drew Friedman, Jim Woodring und Dean Haspiel. Letzterer zeichnet auch für die Animationen im Film verantwortlich. Neben einigen Sammlungen im Buchformat erschien ebenfalls das Comicprojekt „Our Cancer Year“, an dem er zusammen mit seiner Frau Joyce Brabner (in den Spielszenen Hope Davis/ „About Schmidt“) anlässlich seiner Krebserkrankung arbeitete.

Leider gibt es bislang keine einzige deutsche Übersetzung von „American Splendor“, aber vielleicht wird der Film das ändern. Natürlich gibt es inzwischen in den USA, nach all dem Wirbel um den Film in Cannes und auf dem Sundance-Festival, einen neuen Comic von Pekar: „Our Movie Year“, wieder gezeichnet von Dean Haspiel.
(Bundesstart: 17.9.04)

Zuerst erschienen in choices 09/04

Nachtrag: Am 29.6.2005 ist die reich mit Bonusmaterial ausgestattete DVD zum Film bei Sunfilm Entertainment erschienen.

„Turnaround“ von Celine Keller

Man könnte ganz kurz glauben, in einen Propagandafilm für das Glück der braven Kleinfamilie geraten zu sein. Aber wirklich nur ganz kurz! Denn die kleine Familie, die am Happy End von Céline Kellers 44Minütigem Comic-Film “Turnaround” steht, ist alles andere als normal. Und spießig schon gar nicht: Die allein erziehende Mutter Lana ist glücklich mit ihrer neuen Freundin liiert; Leon, der eigentlich Lanas bei einem wissenschaftlichen Experiment zum Kind verjüngter Ehemann ist und den sie nun als ihren Sohn ausgibt, ist eine kindliche Liebesbeziehung mit seinem nun ebenfalls verjüngten Psychotherapeuten eingegangen. Konzipiert wurde die fantastische Story von Céline Keller und dem Produzentenduo Graw Böckler, die „Turnaround“ als DVD auf ihrem Label „Raum für Projektionen“ veröffentlichen. Gezeichnet, getextet und animiert hat Keller ihren Debut-Film in nur einem knappen halben Jahr.

Mit dem munteren turnaround der Identitäten stehen so ziemlich alle gesellschaftlichen Determinationen, vom Alter über das Geschlecht bis zur Sexualität, aber auch der persönliche Lebensentwurf zur Disposition. „Turnaround“ spielt vor, wie es auch – und vielleicht besser – sein könnte. So verwirrend die Geschichte zunächst ist, so klar ist ihre ästhetische Umsetzung: Kellers Zeichnungen sind geprägt von klaren Linien und starken schwarz/weiss-Kontrasten, mitunter arbeitet sie auch mit verfremdetem Foto- und Filmmaterial. Farbe tritt nur gelegentlich auf und setzt dann deutliche Akzente. Die Art, wie die Comic-Künstlerin ihre Bilder auf die Zeitachse des Films überträgt, machen „Turnaround“ auch zu einer formalen Besonderheit: Animation im herkömmlichen Sinne, d.h. sich bewegende Figuren, sieht man zwar auch. Geprägt ist der Film allerdings von den als unbewegliche Einheit im Bild umhergeschobenen Elementen – Personen, Objekte, Hintergründe. Auch die Dialoge werden nicht wie im herkömmlichen Zeichentrickfilm gesprochen, sondern verbleiben in der Comicform der Sprechblase. Einziger Ton des Films ist die zwischen 60er-Jahre Easy Listening und House mäandernde Musik von Holger Fath-Tati. Als Bonus gibt es auf dieser außergewöhnlichen DVD, die ein großes Publikum zwischen Comic-, Kunst- und Schwulen-/Lesben-Szene verdient hätte, ein Musikvideo zum Titelsong (Gesungen von Keller) und einen Behind-the-Scenes-Bericht.

Céline Keller: „Turnaround“; DVD-R. Zu beziehen über Graw Böckler: grawboeckler@gmx.de; Tel./Fax +49 221 124100; www.raumfuerprojektionen.de
Comics von Céline Keller über CELINEK@gmx.de

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 76, 03/04

Seth: Eigentlich ist das Leben schön / Clyde Fans

Gleich zwei Comic-Romane des Kanadischen Zeichners Seth hat jetzt die Wuppertaler Edition 52 veröffentlicht. „It’s a good life if you don’t weaken“, vom Comics Journal als einer der 100 besten Comics des 20.Jhd. auserwählt, erschien bereits 1996 bei Drawn and Quarterly, nachdem die Geschichte zuvor in Seths Heftreihe „Palookaville“ seit Anfang der 90er Jahren veröffentlicht wurde. Der Titel der deutschen Ausgabe, „Eigentlich ist das Leben schön“, hängt ein wenig schief, da der fatalistische Tonfall etwas verloren geht. Der beherrscht jedoch die Gesamte Story um den Zeichner Seth, der sich auf die Suche nach dem vergessenen Cartoonisten Kalo macht. Seth erzählt damit gleich zwei Geschichten: Die (autobiographische) Geschichte des Zeichners Seth auf der Suche nach Kalo mit all den persönlichen Erlebnissen des Protagonisten, und die grob recherchierte Lebensgeschichte von Kalo. Die beiden Lebensentwürfe von Seth und Kalo – weniger freiwillige denn den Umständen geschuldete – kollidieren immer wieder. Während Kalo anscheinend nur ein kurzer Erfolg mit seinen Zeichnungen beschieden war und er später recht glücklich eine Familie gründete und ins Immobiliengeschäft einstieg, ist der Idealist Seth mehr oder weniger erfolgreich als Zeichner tätig, kämpft aber mit allgemeinen Beziehungsproblemen und Depressionen. Als Gesprächspartner tritt sein Freund Chet auf (unübersehbar der Kollege und Freund Chester Brown) mit dem er seine fatalistische Weltsicht diskutiert.

„Clyde Fans“ ist Seths aktuellste Story. Auch die Geschichte um zwei Brüder, die im Ventilatorengeschäft tätig sind, ist durchtränkt von Melancholie und Depression. Im ersten Teil blickt der alte Abraham, durch die geisterhaften und heruntergekommenen Räume des Betriebs streifend, auf die Geschichte des Firmenunternehmens und das Leben seines sensiblen Bruders Simon zurück. Im zweiten Teil erleben wir Simons verzweifelten Versuch, 1957 als Vertreter von Clyde Fans Fuß zu fassen, doch seine Depressionen und Ängste werden übermächtig.

Die Tatsache, das Seth im schönen, nur leicht expressionistisch angehauchten klassischen Ligne Claire-Stil arbeitet, transportiert bereits viel von der Thematik der Stories: in beiden Geschichten hadern die Hauptfiguren mit der Gegenwart, den Entwicklungen des modernen Lebens. Was in Clyde Fans noch nachvollziehbar die Haltung eines alten Mannes ist, ist in „Eigentlich ist das Leben schön“ die nostalgische Sehnsucht eines jungen Misanthropen, der droht, den Kontakt zur Welt zu verlieren. Hierin findet man eine Nähe zu Chris Wares ebenfalls autobiographisch inspiriertem „Jimmy Corrigan“. Beide wiederum – man vergleiche nur einmal die statischen Panels in den atmosphärischen Szeneüberleitungen– scheinen stark beeinflusst von den beklemmenden Bildern eines Edward Hopper, dessen Protagonisten ebenfalls von Angst und Depression in Angesicht einer kalten modernistischen Gesellschaft geprägt sind. Bei Seth wird die kühle Stimmung unterstrichen von den Blautönen in den zweifarbigen Zeichnungen.
Der Kulturpessimismus und Zynismus, der vor allem hinter „Eigentlich…“ bzw. dem Protagonisten Seth steckt, könnte auf Dauer etwas ermüdend sein. Doch zum einen merkt man, dass sich Seth in dieser Rolle selbst nicht wohl fühlt, zum anderen ist aber die Konsequenz, sich und die Welt derart Freudlos darzustellen, auch sehr faszinierend. „Clyde Fans“ beruhigt dann den etwas verzweifelten Leser wieder: hier ist das Gefühl der Nostalgie zwar noch etwas ausgeprägter, dafür scheint der Autor inzwischen ein wenig Liebe für seine Figuren entwickeln zu können. So geht einem das Schicksal von Simon wesentlich näher als das von Seth, der in den Diskussionen mit Chet und seinem Umgang mit Partnerinnen regelmäßig der Unsympath ist. Simons Absturz in die Depression im zweiten Teil von Clyde Fans ist hingegen regelrecht erschüttend und erreicht eine emotionale Tiefe, wie man sie von Ware kennt. Das (vorläufige?) Ende deutet Simons Glück im einfachen Leben als Postkartensammler an. Allerdings: auch dies eine hoffnungslos nostalgische Vorstellung.
(Eigentlich ist das Leben schön: 176 Seiten Softcover, Edition 52, 20 Euro
Clyde Fans: 160 Seiten, Softcover, 2-farbig, Edition 52, 20 Euro)

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 76, 3/04

Robert Crumb im Museum Ludwig, Köln

„Herr Crumb, warum tun sie sich das eigentlich an?“. So oder ähnlich hätte die abschließende Frage bei der Podiumsdiskussion im Museum Ludwig lauten können. Am Dienstagabend fand sich nach der Eröffnung seiner Ausstellung am 27. Juni der Comic-Künstler Robert Crumb ein zweites mal in Köln ein, um sich den Fragen des Kurators Alfred M. Fischer, des Direktors Kasper König und des Publikums zu stellen. Eingeleitet wurde der Abend durch einen Filmbeitrag von Arte, der anlässlich der Ausstellung produziert wurde. Dort nahm man mit der Bemerkung, Crumb hätte es „längst zur Museumsreife gebracht“, das Scheitern des Gesprächs vorweg.
Die Institution Museum lässt sich nicht gerne ihre Hegemonialmacht in Sachen „Kunstwerk“ streitig machen. So merkte man den beiden Gastgebern ihre gönnerhafte Haltung an, Crumb ‚entdeckt’ und in ihren Tempel aufgenommen zu haben. Vergleiche mit Pieter Breughel, August Sanders und Philip Guston mussten herhalten, um Crumb Museumsreif zu machen, anderen, von Crumb geschätzten Produkten der Massenkultur wurde die Wertigkeit abgesprochen, denn die Kriterien für Qualität stellt immer noch der Kunstkenner auf – basta! Bei der Verteidigung der Macht über den Kunstdiskurs mittels Ausschließung wurde König richtig lebhaft.

Ganz im Gegensatz zu seinen beiden Gesprächspartnern, die vor allem die bereits auf der Vernissage zum Besten gegebenen Anekdoten zur Entstehung der Ausstellung kolportierten, war Crumb die ganzen 90 Minuten über sehr lebhaft und rettete den Abend mit seiner kecken Art und der frühen Motivation des Publikums, Fragen zu stellen. Denn nachdem er sich, dem eigentlichen Thema zuwendend, bei Fischer erkundigte, ob der mehr die Zeichnungen oder die Texte bei Comics beachte, und ihn somit nebenbei darauf hinwies, dass der Comic eine narrative Kunstform ist, war klar, dass von dieser Seite nicht mehr viel zu erwarten war – für Fischer sind es nur Zeichnungen. Das Publikum hingegen fragte im Folgenden interessiert nach den Reaktionen auf seine oft rassistischen und sexistischen Provokationen, nach seinen kreativen Schüben durch Drogen, nach seinen verlegerischen Problemen und seiner Stellung in und seine Sicht auf die gegenwärtige Comicszene.

Wer im Rahmen dieser Institution auf eine akademische Annäherung an Crumb gehofft hatte, wie man sie von einem Museum erwarten kann, wurde enttäuscht. Fragen zu Arbeitstechniken, Zeichenstil, Erzählweise oder Ideenfindung hätten von den Gastgebern kommen müssen. Die schienen aber mit dem Genre, in dem ihr Gast zu arbeiten Pflegt, nicht vertraut zu sein und konnten anscheinend auch nicht ihr Handwerkszeug auf den Comic übertragen. Auf die Idee, als weiteren Gast einen Comicexperten einzuladen, ist man jedoch nicht gekommen. So musste man sich wirklich fragen, warum Crumb sich das antut. Der jedoch war bester Laune, sehr ironisch und völlig frei vom Comic-üblichen Rechtfertigungszwang gegenüber der so genannten Hohen Kunst. Wie genau er es anstelle, witzige Comics zu machen, war eine der Fragen aus dem Publikum. Witzig sein sei gar nicht sein Ziel, antwortete Crumb. „Ich will zuallererst unterhalten“. Damit hat er auch diesen Abend gerettet.
Christian Meyer

„Robert Crumb im Museum Ludwig, Köln: 28.5. – 12.9.2004.
Katalog: Robert Crumb: „Yeah, but is it art?“. Drawings and Comics. Museum Ludwig, Köln/ Verlag der Buchhandlung Walther König, 2004

Zuerst erschienen in taz- NRW

Ed Brubaker & Jason Lutes: Herbstfall

Jason Lutes arbeitet für gewöhnlich alleine, hat sich aber mit dem zeichnen dieses Intermezzos, das in den USA bereits 2001 erschienen ist, eine kurze Abwechslung gegönnt. Denn seit Jahren beschäftigt er sich schon mit dem akribisch recherchierten, ca. 600 Seiten umfassenden Historiencomic „Berlin“. Ein Projekt, das ihn voraussichtlich auch noch die nächsten Jahre in Beschlag nehmen wird.

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Ed Brubaker, der Autor von „Herbstfall“, ist vor allem aus dem Superhelden- und Krimi-Kontext bekannt. Er nähert sich thematisch an den stets an individueller Psychologisierung der Personen interessierten Lutes an: „Herbstfall“ ist ein Psychothriller um einen jungen, desorientierten Slacker, der in einen zehn Jahre zurückliegenden Mordfall verwickelt wird. Brubaker stellt auf spannende Art eine stimmungsvollen Kontrast zwischen den verwirrenden Ereignissen im Mordfall und dem etwas orientierungslosen Kirk her. Denn der wurde gerade von seiner Freundin verlassen, arbeitet angeödet in einer Tankstelle und muss mit seinem langweiligen, aber neugierigen WG-Bewohner zurechtkommen. Im klassischen Thriller-Modus rutscht der unbescholtene Kirk aus seinem ziellosen Leben, hinein in die beängstigende Welt des Verbrechens.
Schnell lernt der Leser die psychologischen Befindlichkeiten der Protagonisten kennen, ohne dass deren geheimnisvolle Aura verloren geht. Das ist gleichermaßen Brubakers wie Lutes Verdienst: Sie lassen einen mit dubiosen, die Story einleitenden Bildern regelrecht in die Geschichte stürzen, bis man sich wie Kirk, hastend in ihr verfängt. Die Story wird einerseits von den sich überschlagenden Ereignissen, andererseits von Lutes’ typischen, kleinen Panels schnell vorangetrieben. Mit seinem der ligne claire verwandtem, aber in Sachen Detailreichtum auf die Spitze getriebenem Stil, vermag er in wenigen Bildern auf eine Art klaustrophobische Gefühlswelten heraufzubeschwören, wie man es bereits von seinem Comicroman „Narren“ kennt.
Die Qualität dieser kleinen Geschichte wird allerdings dadurch etwas geschmälert, dass man gegen Ende deutlich das 48-Seiten Korsett spürt, in die sich die Autoren wohl fügen mussten. Das Ende erscheint wie im Zeitraffer und unsanft fällt man so schnell aus der Geschichte, wie man in sie hineingestürzt ist. So erscheint „Herbstfall“ zumindest im Falle Lutes mehr wie eine kleine Fingerübung eines Künstlers, der in größer angelegten Projekten seine Fähigkeiten besser zum Ausdruck bringen kann.

(Reprodukt, 48 Seiten, S/W, Softcover, 10 €)

Zuerst erschienen in Strapazin # 75, 06/04

„Persepolis – Eine Kindkeit im Iran“ von Marjane Satrapi

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Der arabische Lebensraum ist für gewöhnlich kaum Thema in Comics. Daher ist „Persepolis – Eine Kindheit im Iran“ von Marjane Satrapi an sich schon ein Ereignis. Satrapi schildert in naiv anmutenden, kontrastreichen Zeichnungen ihre Kindheit im Iran – von der Unterdrückung durch den Schah bis zur Unterdrückung während der islamischen Revolution unter Khomeini und dem Iran-Irak-Krieg. Gar nicht bitter, sondern mit viel Humor bringt uns Satrapi die verzweifelte Lage der iranischen Bevölkerung nahe, die neben Repression und Tod aber immer auch Wege zum kleinen Glück – Feiern, Alkohol, Popmusik und sogar Poster von Iron Maiden – findet. Keine gewöhnliche Kindheit, in einem Land, dass aber nicht nur Fanatiker kennt. Ein zweiter Band „Jugendjahre“ ist in Planung.
(Edition Moderne)

Michael Husmann: Rama

Da bestellt man ahnungslos bei dem kleinen Schweizer Comic-Verlag Arrache Coeur ein Rezensionsexemplar ihrer neuesten Veröffentlichung – und was bekommt man? Nicht weniger als eine kleine Revolution des Mediums! Genau das ist Michael Husmanns Adaption der Indischen Sage Rama. Huismann fast zunächst auf zwei Seiten den Plot der Legende in einer Kurzerzählung zusammen, um uns im Folgenden mit seiner quietschbunten, in der Gegenwart angesiedelten Comicversion sprachlos zu machen.

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Alleine die Verknappung der Story mittels Untertiteln hat es in sich: „…brachte eine seiner drei Frauen ein Pferdeopfer dar…“ wird zu „Pferd: Wieher!; Revolver: Peng!; Pferd: +++“ und „… versuchte, sie durch betörende Reden zu gewinnen“ wird zu „Hallo… Ich will Sex mit Dir!“ Die Bilder sprechen eine genau so deutliche Sprache: in indisch-knallbunt lümmeln sich die Protagonisten wie Medienhipster in schicken Interieurs, müssen sich allerdings nicht mit Mac & Co. sondern mit allerhand Dämonen rumschlagen. Panels im klassischen Sinn gibt es auf den Seiten nicht, Sprechblasen schon gar nicht! Stattdessen gilt es auch für den Comic erfahrenen Leser erst ein mal die Handlungsabfolge zu erforschen, und die Auslassungen sind sogar für ein auf dem Prinzip der Auslassung (zwischen den Panels) basierendes Medium wie den Comic etwas zuviel des guten. Und so ist das Lesen der Sage nicht nur ein Differenzentdeckungsspaß, sondern zum Verständnis der Handlung ziemlich unerlässlich. Ein dreifaches Hoch auf diesen das Leseverhalten irritierenden Medienzwitter!

Plaque 01 – Magazin für Wort und Bild

All die Hoffnungen, die in den 80er Jahren geschürt wurden, dass Comic Kultur endlich aus dem Spezialistenkreis heraus in die allgemeine kulturelle Wahrnehmung als etwas anderes als gezeichnete Enten eingehen könnte, nämlich als komplexes, anspruchsvolles künstlerisches Medium, mussten trotz der theoretischen Bemühungen Scott McClouds in den 90er Jahren wieder tief begraben werden. Stattdessen allerorten Mangas, die die Superhelden im Mainstream abgelöst haben. Im deutschsprachigen Raum erhält seither lediglich das tapfere Magazin Strapazin ein wenig die Hoffnung, der sogenannte Erwachsenen-Comic könne endlich die ihm gebührende breitere Popularität erlangen. Doch jetzt kommt Verstärkung in Form der jährlich erscheinenden Anthologie „Plaque“ aus dem Avant-Verlag, dem Berliner ‚Fachmann’ für italienische Comicavantgarde. Da verwundert es nicht, dass der Schwerpunkt der ersten Ausgabe mit Beiträgen von und zu Andrea Bruno, Steffano Ricci, den Altmeistern Lorenzo Mattotti und Igort sowie anderen gleich auf italienischen Künstlern zwischen klarer Sachlichkeit, wilder Expressivität und Materialexperiment liegt.

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Das schöne und einzigartige 300 Seiten starke Magazin im Buchformat widmet sich verschiedenen Autoren und Zeichnern mit aufschlussreichen, intelligent geführten Interviews und teils exklusiven Arbeiten der Künstler. Außerhalb des Italien-Spezials finden sich neben den Comic-Rahmen sprengenden Zeichnungen, Graphiken und Collagen von unbekannteren Künstlern wie Jens Harder oder Marc Gröszer auch Beiträge von und zu solch nationalen Größen wie Atak und sogar einem Superstar wie Alan Moore, dessen klugen Worten im Interview man gerne folgt und der mit „Ich komme immer wieder zurück“, einer klar reflektierten Kurzgeschichte zum riskanten inzestuösen Autor-Werk-Verhältnis, noch ein mal eine Fußnote zu seinem Jahrhundert-Werk „From Hell“ abliefert – auf dass dessen Verfilmung in ewige Vergessenheit gerate!
(Herausgeber: Johann Ulrich u. Kai Pfeiffer, avant-verlag)

Zuerst erschienen in De.Bug 05/03

Lewis Trondheim: Mein Freund der Rechner / Nicht ohne meine Konsole
Lewis Trondheim & M. Larcenet: Die Kosmonauten der Zukunft 1 & 2

Lewis Trondheim, Comicautor, Zeichner und Freund der absurden Wendung, hat in nur wenigen Jahren als Einzelhefte und in diversen Serien, alleine oder im Duo mit anderen Zeichnern bereits über 30 Alben veröffentlicht. Dass bei diesem mörderischen Arbeitstempo die Qualität auch mal schwankt, verwundert nicht. Das kann man auch bei seinen nur locker verbundenen Geschichten rund um Computer und Videospiele, feststellen.

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Mit 1-4 Seitigen Kurzgeschichten greift Trondheim in „Mein Freund der Rechner“ die reichlich vorhandenen Absurditäten der digitalen Lebensaspekte auf – die Pointen zünden allerdings nicht immer! In der letzten Geschichte lernen sich dann die Protagonisten des zweiten Bandes „Nicht ohne meine Konsole“ kennen. Dort kreist die Story der beiden Videospiel-Kritiker um die Themen Medien und Konsum, und stößt des öfteren humorvoll an philosophische Grundfragen. Auch hier zündet nicht jede Pointe (trotz fortlaufender Story im Heft ist jede Seite kunstvoll wie ein einzelner Comicstrip mit Pointe arrangiert), aber wie Trondheim z.B. auf einer Seite eine komplette Fernsehkritik ausbreitet um sie dann in nur einer Sprechblase ganz im Sinne von Bourdieus These von der Absorbtion/Affirmation der Kritik durch das Medium platt zu walzen, ist schon eindrucksvoll. So etwas bekommt man in einem Funny-Comic sonst nur noch bei Fil (beide Carlsen).

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Seine Serie „Die Kosmonauten der Zukunft“ (Zeichnungen von Manu Larcenet) ist ein Science Fiction um zwei naseweise 11Jährige, die sich plötzlich in ihrer eigenen Fantasiewelt wiederfinden. Ab der Mitte des ersten Bandes wird’s richtig skurril, wobei die absurd erscheinende Logik – sowohl die der Story als auch die der Rotzlöffel – zunehmend für metaphysische Begeisterung sorgt. Im zweiten Band bricht der Wahnsinn komplett aus (beide Ehapa).

Zuerst erschienen in De:Bug 05/03

Yslaire: Der XX.Himmel

Der Comiczeichner Yslaire (‚Sambre’) startet mit der zweibändigen Geschichte ‚Der XX.Himmel’ den Versuch, den Comic ins Computerzeitalter zu katapultieren. Nicht mit am Computer gezeichneten Bildern, nicht durch die Publikation im Internet, sondern mit einer spezifischen Erzählweise: die Geschichte wird weitgehend an Hand von E-Mails, die anonym (von @nonymous) an die Protagonistin Eva Stern (evastern@yslaire.de), eine steinalte, jüdische Psychoanalytikerin, gesendet werden, erzählt.

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@nonymous schickt ihr Bilder und Filme, die zwar ihr eigenes Leben betreffen, insgesamt aber auch ein Bild der düsteren Seite des 20.Jahrhunderts liefern. Die Panels sind in einem klassischen, malerischen Stil gehalten (vergleichbar mit Bilal), Yslaire hat dadurch aber seine eigene Erzähltechnik nicht immer ganz im Griff: das malerische kollidiert mit dem neuen Kommunikationsmedium – die Software mit der Hardware. Trotzdem ein schöner, poetischer Comic eines französischen Altmeisters.
(2 Bände, Carlsen, 2001/2)

Alan Moore & Eddie Campbell: From Hell

Die literarische Vorlage des zur Zeit in den Kinos laufenden Films From Hell mit Johnny Depp ist der gleichnamige Comic von Alan Moore und Eddie Campbell, der aus diesem Anlass jetzt auch in einer einbändigen, deutschen Gesamtauflage vorliegt. Moore (Watchmen, V wie Vendetta) hat dieses Mammutwerk zusammen mit dem Australischen Zeichner Campbell in den Jahren ´89 bis ´98 verfasst, und wenn man den ca. 600 Seiten umfassenden Wälzer erst einmal durchgearbeitet hat, wundert man sich überhaupt nicht mehr über den langen Zeitraum der Entstehung. Moore nimmt die Ereignisse um die bis dato ungelösten Whitechapel-Morde (bekannt geworden unter dem fiktiven Namen Jack the Rippers) als Aufhänger, um an ihnen den Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert zu veranschaulichen – technisch, mental, kriminal – nicht ohne die halbe Weltgeschichte zwischen Mythen-, Architektur- und Sozialgeschichte auch noch abzuhaken. Und dies tut er mit einem Rechercheaufwand, den nur ein Besessener betreiben kann. Im Rahmen der eigentlichen Mordserie stützt er sich auf zahlreiche bisherige Veröffentlichungen zum Fall, recherchiert aber auch selber und bastelt sich so seine eigene Theorie zusammen, wobei er alle Quellen, eigenen Schlüsse und fiktiven Einschübe um der Dramaturgie Willen in einem detaillierten, schriftlichen Kommentar (alleine das sind 60 Seiten) erläutert.

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Campbell arbeitet auf den ersten Blick intuitiver: In seinen fahrigen s/w-Zeichnungen ist das Londoner Nebel- und Regenwetter stets präsent – allerdings auch in den Innenräumen! Daher ist es wohl kaum überinterpretiert, wenn man in den rastlos hingekritzelten Zeichnungen einerseits die Unruhe und Ungeduld der Protagonisten widergespiegelt sieht, andererseits in ihren Ungenauigkeiten und häufig nur schemenhaften Andeutungen die vage Sachlage des Kriminalfalls reflektiert findet. Und letztendlich basiert natürlich auch die visuelle Darstellung der Architektur, der Mode und der restlichen Requisiten auf detaillierter Recherche.
Und als wäre das alles noch nicht genug, bietet dieses Comic-Monstrum im zweiten Anhang auch noch einen 24 Seitigen Bonuscomic, der sich auf der Metaebene der Entstehung des Buchs widmet. From Hell ist sofort in meine persönliche Top Ten der besten Comics aller Zeiten eingestiegen. Der Film (muss man es noch extra sagen?) ist natürlich nur eine traurige Verstümmelung der Vorlage.
(Speed Comics)

Zuerst erschienen in De:Bug 05/02

Scott McCloud: Comics richtig lesen / Comics neu erfinden

Comic als elektronischer Lebensaspekt

Nach einer detaillierten, in Comicform ausgearbeiteten Theorie zum ästhetischen Phänomen Comic, veröffentlicht Scott McCloud nun in gleicher Form eine Analyse der ökonomischen Bedingungen des in der Krise steckenden Comicmarktes und formuliert zugleich die Möglichkeiten der sowohl ästhetischen als auch ökonomischen Neuerfindung des Comics in Zeiten von Computer und Internet.

1993 veröffentlichte der US-Amerikanische Comicautor Scott McCloud seinen vielumjubelten Comicband ‚Understanding Comics’ (die deutsche Übersetzung heißt leider besserwisserisch ‚Comics richtig lesen’). Neben der ungewöhnlichen Tatsache, dass dieser Theorie-Band in der Form des Gegenstandes der Analyse gestaltet war, nämlich als Comic, bestach das 220-Seiten dicke Buch vor allem dadurch, dass hier eine ernstzunehmende ästhetische Theorie (hauptsächlich semiotisch orientiert) in höchst kurzweiliger Form entwickelt wurde. Die Wahl der Form war aber mehr als nur ein Gag bzw. die naheliegendste Möglichkeit, das anvisierte Publikum zu erreichen, denn so konnten die visuellen Effekte, über die gesprochen wurde (und zwar mit Hilfe der Comicfigur Scott McCloud, die den Leser dozierend durch das Buch führt), auch gleich anschaulich vorgeführt werden. Sämtliche Koryphäen der Comic-Kunst, von Will Eisner bis Art Spiegelman überschlugen sich mit Lob. Im Folgenden Arbeitete McCloud an dem computergenerierten Album ‚The New Adventures Of Abraham Lincoln’, dass wenig Gnade bei der Kritik fand. Insofern kann die Rückkehr zu der Erfolgsformel von ‚Understanding Comics’ durchaus zwielichtig erscheinen (erst recht, da die Comicform diesmal nicht ganz so zwingend ist – allerdings spricht auch nichts dagegen). Aber man sollte sich doch anschauen, was ‚Reinventing Comics’, soeben in der deutschen Übersetzung unter dem Titel ‚Comics neu erfinden’ erschienen, inhaltlich zu bieten hat.

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Das Buch besteht aus zwei Teilen: Im ersten beschreibt McCloud 9 sogenannte Revolutionen, die die fetten Jahre Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre gebracht haben. Diese Zeit hat mit Akteuren wie Bill Sienkiewicz, Frank Miller, Alan Moore, Dave McKean u.a., häufig ausgehend von der Dekonstruktion des übermächtigen Superhelden-Genres, eine sowohl ästhetische als auch thematische Explosion auf dem Comicmarkt verursacht (bei dessen Beschreibung zeichnet sich recht deutlich McClouds amerikanische Sichtweise ab). Im Jahr 2001 gibt es daher immer noch eine große Anzahl thematisch interessanter und künstlerisch eigenständig formulierter Comics, die Marktsituation ist nach dem Ende der Aufbruchsstimmung aber ziemlich schlecht bis katastrophal. McCloud schreibt aus dieser Position, in der die künstlerische Blütezeit gerade zurückliegt, und man die Zukunft recht ernüchtert betrachtet.

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Im zweiten Teil fragt er daher nach den Möglichkeiten, die Errungenschaften der ‚Erwachsenwerdung’ der Comics halten und ausbauen zu können. Nach einleitenden Worten über Geschichte und Möglichkeiten von Computer und Internet, beschäftigt er sich mit den Fragen der digitalen Distribution, Produktion (auch ‚Comics neu erfinden’ ist am Computer entstanden!) und der komplett digitalen Comics, die nur im Netz existieren. Dieser zweite Teil ist kräftig von Pathos begleitet, denn McCloud sieht hier nicht nur die einzige Möglichkeit, den künstlerischen Comic finanziell überlebensfähig zu halten, sondern auch die Chance, vollkommen neue Wege sowohl in der Ästhetik der einzelnen Panels, als auch in deren Anordnung zu gehen. Dabei lässt er sich gar nicht einmal so sehr auf multimediale und interaktive Möglichkeiten ein, denn diese Felder möchte er Kunstgattungen überlassen, die dort wesentlich mehr leisten können. Er bezieht sich hier vielmehr auf ästhetische Möglichkeiten jenseits von perfekter Simulation: die Freiheit von Erzählstrukturen, wie sie durch die Loslösung vom bedruckten Papier entsteht. Diese Möglichkeiten beschreibt McCloud in ‚Comics neu erfinden’ eindrucksvoll und anschaulich. Ob man sich aber in Zukunft komplett von der herkömmlichen Form des Comics als Buch verabschieden soll und kann, darf trotz aller Euphorie McClouds bestritten werden.

Zuerst erschienen in De:Bug 01/02