„Aus der Ferne“ von Thomas Arslan

„Eine Reise durch die Türkei“ lautet schlicht der Untertitel von Thomas Arslans neuem Film, und genau so schlicht ist der Film selbst. Es ist ein ruhiger Film, und er ist sehr offen angelegt.
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(Bundesstart: ??.??.2006)

Zuerst erschienen in choices 04/06

Melvins – Salad of a thousand Delights (DVD)

Ein Konzert mit kleiner, aber wüster Clubatmosphäre: permanent tummeln sich Leute auf der Bühne, stagediven, wenn sie es schaffen, bevor sie vom Bassisten erwischt werden.

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Oder umgekehrt: direkt beim ersten Stück landet Joe Preston im Publikum, seinen Bass findet er erst am Ende des Stücks wieder. So war das 1991 in Olympia, südlich von Seattle. Die Melvins spielen ihren superben Stopp-and-Go-Doom-Hardcore-Metal abgeklärt, der Film ist in diesem Rahmen zwar relativ aufwändig mit mehreren Kameras gemacht, insgesamt aber doch eine sehr punkige Angelegenheit. Als Bonus gibt es noch ulkige Frühstaufnahmen von 1983 – da war sogar King Buzzo noch jung!
(MVD)

Bob Gruen/Nadya Beck: New York Dolls – All Dolled up (DVD)

Anfang der 70er Jahre drang durch sie der New Yorker Underground kurz an die Oberfläche: musikalisch durch harte Bands wie MC5 begünstigt, drogenmäßig am Puls der Zeit, also auf Heroin, im Transvestiten-Style von den ‚Superstars’ aus Warhols Factory, aber auch eingekleidet von Malcolm McLaren, der hier schon mal seine Hakenkreuz-Provokationen für die Sex Pistols, für die die Dolls sicherlich auch musikalisch bedeutsam waren, ausprobieren konnte, bespielten sie in der ersten Hälfte der 70er die Clubs der Großstädte.

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Bob Gruen und Nadya Beck haben sie damals drei Jahre lang begleitet und Gefilmt – auf der Bühne, Backstage, in Hotels und beim Abhängen – und nun eine Impression daraus geformt. Kommentare gibt es während der Slide-Show als Bonus.
(MVD)

„Capote“ von Bennett Miller

Der Autor Truman Capote schafft mit seinem Tatsachenroman „Kaltblütig“ zwar nicht ein komplett neues Genre. Dem großartigen Werk, das er unbedingt schreiben wollte, ist er nach sechs Jahren Arbeit aber sehr nahe gekommen. Doch er zahlt einen hohen Preis dafür.

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Bennett Miller wählt ein interessantes Themenfenster: Der Film ist nicht die Verfilmung des Lebens von Truman Capote, wie der Titel nahe legen könnte. Und er ist auch nicht eine weitere Verfilmung von Capotes Roman „Kaltblütig“, obwohl der Inhalt des Films fast identisch mit dem des Romans ist. Aber nur fast, denn eine Figur des Films taucht im Buch überhaupt nicht auf – die Hauptfigur. Bennett Miller tritt mit Hilfe seines Drehbuchautors Dan Futterman und gestützt auf Gerlad Clarkes Biografie „Capote“ einen Schritt vom Roman zurück, und plötzlich kommt der Autor ins Blickfeld.

Der exzentrische Autor Truman Capote (sehr beeindruckend Philip Seymour Hoffman) beginnt nach seinem Erfolg „Frühstück bei Tiffany“ Recherchen zu einem Mordfall im Mittelwesten – eine vierköpfige Farmerfamilie war nach einem Raubüberfall tot aufgefunden worden – und reist Ende ’59, noch vor der Festnahme der beiden Täter, an den Ort des Verbrechens. Schnell ist Capote von dem Thema gebannt, und als er nach der Festnahme der Täter vor allem Perry Smith näher kommt und in dessen sensibler Einsamkeit eine Wesensverwandtschaft erkennt, vielleicht auch Liebe für ihn empfindet, kann er nicht mehr loslassen: Es soll sein bis dahin ambitioniertestes Projekt werden, bei dem er Journalismus und Literatur auf unnachahmliche Weise miteinander verbindet.

Richard Brooks gleichnamiger Film von 1967 erzählt eindrucksvoll den Roman nach. Mitchells Film erzählt Capotes Arbeit an dem Roman nach und somit automatisch auch die Ereignisse des Falls. Was hier hinzukommt, ist allerdings nicht nur eine Figur, sondern die spannende Entstehungsgeschichte dieses legendären Romans, der den Tatsachenroman zwischen Beatniks und New Journalism perfektionierte. Und es ist vor allem die schonungslos erzählte Geschichte eines einsamen, arroganten Narzissten (man lese nur „Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie“, sein 250 Seiten langes Gespräch mit Lawrence Grobel). Vor allem den moralischen Zwiespalt, Nutznießer der Hinrichtung zu sein – erst dann kann er sein Buch beenden – schildert der Film. Capote hat dies nie verwunden, auch wenn er weiterhin seine Rolle als Superstar in der Öffentlichkeit genoss.
(Bundesstart: 2.3.06)

Zuerst erschienen in choices 03/06

„Brokeback Mountain“ von Ang Lee

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„Go West, Young Man !“. 1865 ermunterte der New Yorker Zeitungsverlegers Horace Greeley seine Landsleute mit diesem Ausspruch, im Westen ihr Glück zu suchen. Wyoming war lange Zeit Zentrum des ‚Wilden Westens’, das legendäre Fort Laramie ein wichtiges Nadelöhr zum Westen. Hundert Jahre später kann man das karge Leben in der Prärie am Rande der nördlichen Rocky Mountains kaum glücklich nennen. Das Land ist arm, es gibt kaum Arbeit – für das ausgediente Modell ‚Cowboy’ schon gar nicht.

So sind der Rancher Ennis del Mar und der Rodeoreiter Jack Twist bereits froh, ihr ‚Glück’ in einem einsamen Job als Schafhüter in den Bergen zu finden. Unter widrigen Bedingungen hausen sie mehrere Monate zusammen in einem Zelt – Ennis schützt in den Nächten die Herde vor Raubtieren, Rick kümmert sich vor allem um die Verpflegung. Langsam kommen sich die beiden wortkargen Männer näher – auch körperlich. Als Ennis wegen eines plötzlichen Wintereinbruchs eines Nachts nicht zur Herde kann und die Temperaturen ungemütlich werden, übermannt es die beiden. Viel Platz für derartige Gefühle zwischen zwei Männern gibt es in dieser Welt aber nicht. Vor allem für den introvertierten Ennis sind die Ereignisse in den Bergen zunächst nur ein Ausrutscher, die darin liegenden Möglichkeiten, ein anderes Leben zu leben, sieht er eher als eine Gefahr denn eine Perspektive. Auf weitere Annäherungsversuche von Jack reagiert er mit brüsker Zurückweisung.

„Go West, Young Man“ ist auch der Titel eines Dokumentarfilms von 2003, in dem den Orten und Geschichten der Western-Filme nachgespürt wird. Dabei macht der Film Halt in Wyoming und stößt auf die Schriftstellerin Annie Proulx, die sich auf ungewöhnliche Art am Mythos des Westerns abarbeitet. Die Kurzgeschichte „Brokeback Mountain“ der Purlitzer-Preisträgerin ist die Vorlage für Ang Lees ungewöhnlichen Cowboy-Film. Die unwirtliche, windige Prärielandschaft, die in dem Dokumentarfilm zu sehen ist, prägt nicht nur die Eingangssequenz von „Brokeback Mountain“: ein sandiger Platz, der Wind treibt den Staub vor sich her – es ist kalt. Vor einem schäbigen Container, der als Büro dient, treffen sich Ennis und Jack zum ersten Mal, als sie sich um den Job bewerben, der sie in die Rocky Mountains führt. Dann wähnt man sich fast in einem klassischen Western: beeindruckende Totalen der Gebirgslandschaft und das wortkarge Gebaren der Männer prägen den Film. Doch dann biegt der Film wieder ab und wird ein psychologisches Langzeitportrait einer kaum ausgelebten schwulen Liebesbeziehung und eine erbarmungslose Sozialstudie ihrer kleinbürgerlichen Umgebung.
Nachdem ihre gemeinsame Zeit ein Ende gefunden hat, flüchtet sich Ennis in ein trostloses, bürgerliches Leben mit Frau und Kindern und auch Jack reiht sich ein in die Rolle des Familienvaters. Ihre heimlichen Sehnsüchte leben sie nur alle paar Monate, oft seltener, bei gemeinsamen Angeltouren aus. Rick glaubt zunehmend an die Möglichkeit, in einer Beziehung mit Ennis sein Leben voller Kompromisse und Lügen hinter sich lassen zu können, Ennis jedoch kann nicht einmal sich selbst die Wahrheit über seine Gefühle eingestehen. Das Doppelleben nagt an den Protagonisten – wirkliche Wärme und Nähe überlebt in dieser Umgebung nicht.
(Bundesstart: 9.3.2006)

Zuerst erschienen in Filmstart 03/06

Nick Cave and the Bad Seeds: The Road to God knows where / Live at the Paradiso (DVD)

Hier werden zwei VHS-Veröffentlichungen auf DVD zusammengefasst. Uli M. Schueppels Konzertfilm „The Road to God knows where“ begleitet die Band Anfang ’89 auf ihrer US-Tour.

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Impressionen vom Backstage-Bereich, von Hotelaufenthalten, Busfahrten, Interviews und Fototerminen zeigen einen reservierten, manchmal vom Rummel auch deutlich genervten Cave. Die zweite DVD enthält ein Konzert „Live at the Paradiso“ von 1992. Die Qualität hält sich in Grenzen und der Film ist ein wenig überambitioniert geschnitten, dank der tollen Setliste (u.a. Mercy Seat, Tupelo, From her to Eternity) ist’s aber trotzdem ein Vergnügen. Bonus: Der Kurzfilm „The Song“ zeigt die Band im Studio, „City of Refuge“ sind weitere Tourimpressionen.
(Mute)

Bauhaus: Shadow of light / Archive (DVD)

Die britische Band Bauhaus könnte man zur dritten Generation der New Wave zählen. Diejenige Generation, die eigentlich erst Alben veröffentlichte, als die Welle schon abflaute. So waren sie denn auch signifikant für den Übergang zum Post-Punk und machten Wave-Rock mit Glam-Anleihen und düster-elegischen Momenten.

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Dass sie in Sachen Style und Theatralik auch ‚Mitschuld’ an Gothic u.ä. sind, zeigt die DVD, die zwei VHS-Veröffentlichungen der 80er Jahre zusammenfasst: „Shadow of Light“ mischt die Videos der Band mit einem Auftritt von 1982, „Archive“ ist ein Film von Christopher Collins mit einer etwas ungelenken Rahmenhandlung. Das historische Material ist trotzdem nicht nur für absolute Fans spannend – und die Musik klingt beim Wiederhören überraschend frisch.
(Beggars Banquet)

„Bob Dylan – No Direction Home“ von Martin Scorsese (DVD)

Schließlich hat sich kein Geringerer als Martin Scorsese des Themas annehmen müssen – wenn’s kein anderer macht:

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Bob Dylans Aufstieg vom Folk-Sänger der Gegenkultur und Bürgerrechtsbewegung der frühen 60er Jahre zu einem der bedeutendsten Musiker der Popgeschichte. Scorsese erzählt in „No Direction Home“ über 200 Minuten mittels Originalaufnahmen und Interviews von Weggefährten und Dylan selbst den Aufstieg und endet bereits mit dem legendären Newcastle-Auftritt von 1966, wo Bob Dylan die E-Gitarre einstöpselt und vom Publikum beschimpft wird. Doch ging’s erst richtig los… Inklusive zahlreicher Konzertmitschnitte von 1963-66.
(Paramount, VÖ: 10.11.2005)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/05

„Das Kind“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne

Dicht dran

Bruno ist Anfang 20 und schlägt sich mit kleinen Betrügereien durchs Leben. Seine Freundin Sonja hat gerade den gemeinsamen Sohn Jimmy zur Welt gebracht. Als Bruno mal wieder Geld fehlt, kommt ihm die Idee, das Baby zu verkaufen.

Von Anbeginn ihrer Karriere als Regisseure beschäftigen sich die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne mit sozialen Außenseitern. Erfolg haben sie damit erst seit ein paar Jahren. Das liegt daran, dass sie bis Ende der 80er Jahre fast ausschließlich im wenig publicityträchtigen Bereich des Dokumentarfilms gearbeitet haben. In ihren Filmen – in den 70er Jahren zunächst auf Video gedrehte Reportagen, später auch lange Dokumentarfilme – haben sie sich den Problemen der Arbeiter in der belgischen Industrieregion Wallonien, der Heimat der Dardennes, gewidmet. Mit den Problemen der Menschen am sozialen Rand der Gesellschaft beschäftigen sie sich bis heute – nur ist es seit den 90er Jahren das Terrain des Spielfilms, auf dem sie sich bewegen. Ihre Erfahrung als sozial engagierte Dokumentarfilmer wirkt sich allerdings nach wie vor auf ihre Filme aus – und macht sie so einzigartig.

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Schlicht, aber nicht einfach

„Das Kind“ ist ein unauffälliger Film. Die Ästhetik tritt vollkommen hinter die Geschichte um die ungewöhnliche Kleinfamilie zurück. Als ständiger Beobachter verfolgt die Kamera die Protagonisten. Beobachtet, wie sie sich in ihrer Umwelt bewegen und wie sie miteinander umgehen. Dabei bleibt sie stets unauffällig im Hintergrund, wird weder selber Protagonist noch ist sie sichtbar Teil eines ästhetischen Programms. Das war beim Vorgänger der Brüder, dem eindrucksvollen Film „Der Sohn“, anders: hier schlich die Kamera lauernd um die beiden Hauptdarsteller herum, rückte ihnen gefährlich nah, um sie auch ja keinen Moment aus den Augen zu lassen. Das entsprach exakt dem Verhältnis der beiden Figuren, die sich während des gesamten Films misstrauisch belauern.

In „Das Kind“ wird der Protagonist Bruno scheinbar sachlich beobachtet. Bei seinen kleinen Gaunereien, die er mit Hilfe einiger Teenager durchführt, beim Weg zu seinem Unterschlupf an der Ausfahrtstraße, den er nutzt, wenn er die Wohnung aus Geldnot untervermietet, bei nächtlichen Deals. Das wirkt zunächst wie ein wenig durchdachtes ‚abfilmen’. Aber das ist es natürlich nicht. Die Nähe und Intensität, mit der die Dardennes ihren Figuren folgen, verrät auch eine starke Zuneigung. Man glaubt es kaum: Diesem Typ, der mit dem Geld – wenn etwas da ist – gedankenlos um sich schmeißt, um einen Sportwagen für einen Tag zu mieten oder eine teure Lederjacke zu kaufen, aber nicht für seine Freundin oder sein Kind sorgen kann, soll man Zuneigung entgegenbringen? Es fällt schwer, aber gerade die intensive Beobachterhaltung ermöglicht es den Dardennes und durch sie auch dem Zuschauer, den Protagonisten nicht zu verurteilen.

Nah am Menschen

Die reservierte Zuneigung der Dardennes für Bruno zeigt sich vor allem in der zweiten Hälfte des Films, als Bruno nach der ungeheuerlichen Tat, das eigene Kind zu verkaufen, und nach Sonjas Zusammenbruch merkt, dass er einen großen Fehler begannen hat und ihn wieder gut machen will. Mit „wir können ja ein Neues machen“, wie er seiner Freundin vorschlägt, ist es aber nicht getan. Also jagt er durch seine Heimat, eine ärmliche Industriestadt mit heruntergekommenen Arbeitersiedlungen, desolaten Industriegeländen und Gewerbegebieten voller leerer Versprechungen, um sein Versprechen, das Baby wieder zu holen, trotz aller Widerstände einzulösen. Die Dardennes bleiben Bruno bei all dem dicht auf den Fersen und spüren damit all die inneren Zwiespälte dieser Person auf.

Der Stil der Brüder Dardenne ist minimalistisch, ohne der Gefahr zu erliegen, dem Konzept des Minimalismus die eigenen Figuren zu opfern. Wenn man genau hin sieht, merkt man, dass dem vermeintlich schlichten Beobachten, dem einfachen Abfilmen meist perfekt arrangierte Einstellungen zu Grunde liegen, die sehr geschickt diese große Nähe zu den Figuren herzustellen wissen. Dass man diese inszenatorischen Kunstgriffe aber kaum wahrnimmt, ist die große Kunst dieser beiden Regisseure.
(Bundesstart: 17.11.2005)

Zuerst erschienen in choices 11/05

„Wir waren niemals hier“ von Antonia Ganz

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„Daß man sie liebt“

Ein Portrait der einzigartigen Rockband „Mutter“ und der dahinter stehenden Persönlichkeiten mit all ihren persönlichen Beweggründen für ihre Neben- („Mutter“) und Haupttätigkeiten.

Die Berliner Band „Mutter“ ging 1989 aus der Band „Camping Sex“ hervor. Mit schwerem Rock und düsteren, deutschen Texten galten sie schnell als Solitär in der hiesigen Musiklandschaft. Eine vage Nähe zu der neu aufkommenden Indie-Version des „Deutschrock“ brachte auch ihnen Auftrieb. Doch irgendwie haben sie es immer geschafft, den Erwartungen zu trotzen bzw. den Erfolg wieder abzuwürgen. Antonia Ganz erzählt die Geschichte der Band sehr persönlich und emotional, interviewt Freunde und Kenner wie Jörg Buttgereit, Diedrich Diederichsen, Jochen Distelmeyer, Rocko Schamoni, oder Wolfgang Müller von der Band „Die Tödliche Doris“ und Bruder von Sänger Max. Sie begleitet die Band auf Tour, kommt den Musikern dabei sehr nahe und erlebt schließlich den Ausstieg eines der Gründungsmitglieder vor laufender Kamera. Da muss man schon mal schlucken …
(Bundesstart: 20.10.2005)

zuerst erschienen in choices 10/05

„Dear Wendy“ von Thomas Vinterberg

Die V-Waffe

Dick ist ein Einzelgänger in der US-amerikanischen Bergarbeiterstadt Estherslope. Als er eine Pistole findet, ist er fasziniert von der Waffe, die ihm Selbstsicherheit verleiht. Zusammen mit einigen anderen Jugendlichen gründen sie den pazifistischen Club der „Dandies“, die ihre Pistolen verehren, aber niemals gegen Menschen richten wollen.

Der neue Film von Lars von Trier startet erst im November in unseren Kinos. Trotzdem fällt bereits jetzt im Zusammenhang mit Thomas Vinterbergs „Dear Wendy“ vermehrt sein Name. Zum einen, weil bereits vor zehn Jahren die beiden Regisseure durch das Dogma-Manifest untrennbar miteinander verbunden waren, auch wenn Vinterbergs letzter Film, der grandios gescheiterte „It’s all about love“, das glatte Gegenteil von Dogma war. Zum anderen, weil sie nun wieder untrennbar miteinander verbunden sind. Denn Vinterberg, der Realist, hat mit „Dear Wendy“ ein Drehbuch von Lars von Trier, dem listigen Strategen, verfilmt.

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Die Nähe zu Lars von Triers aktueller Arbeit ist unübersehbar. „Dear Wendy“ würde nur allzu gut in dessen Amerika-Trilogie passen, beschäftigt sich der Film doch mit der Gewaltproblematik in der Gesellschaft der USA und ist – vergleichbar mit „Dogville“ – theatralisch und in einer ästhetisch äußerst aufregenden Form inszeniert. Vor allem diese Form scheint das Publikum schon jetzt deutlich zu polarisieren: Stark typisiert sehen wir den Marktplatz in dem Bergarbeiterstädtchen und eine alte Zeche, die beiden Handlungsorte des Films. Im Off-Kommentar erzählt Dick die Geschichte seines Lebens und nimmt den Zuschauer mit auf seine Reise vom Außenseiter zum selbstbewussten Anführer einer Waffen liebenden Pazifisten-Gang. Eine Reise, die detailliert die Absurdität des Abschreckung-Prinzips „Frieden schaffen mit Waffen“ durchspielt.

Der anfänglichen Empathie für die Protagonisten (Vinterbergs Part) wird im Verlauf des Films zunehmend die Basis entzogen (von Triers Part) und torpediert von Überzeichnungen und Ausbrüchen aus der Handlung. Damit stellt sich Trier (wieder mal) in die Tradition von Brecht (der klassische V-Effekt), rekurriert aber auch (mal wieder) auf Jean-Luc Godard, der 1963 in einem Film wie „Les Carabiniers“ ähnlich verfuhr. Bei Godard wie bei Trier ist nicht das Maß des sichtbaren Realismus von Bedeutung, sondern die Aufdeckung der Struktur und Logik, die hinter den geschilderten Verhältnissen steckt. Dies geschieht bei von Trier und Vinterberg mit prächtiger Polemik und endet in einem filmisch furiosen Feuerwerk, dessen Genuss nur dadurch getrübt wird, dass einem die post-zivilisatorischen Bilder aus New Orleans zeigen, dass alles noch viel schlimmer ist.
(Bundesstart: 6.10.2005)

„Broken Flowers“ von Jim Jarmusch

Don Johnston wird eines Morgens nicht nur von seiner Freundin verlassen, sondern erhält gleich darauf auch noch einen Brief, in dem ihm eine anonyme Verflossene mitteilt, dass ihn sein bis dato unbekannter Sohn sucht. Der depressive Don macht sich nun seinerseits auf die Suche nach der Mutter.

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Man kommt nicht daran vorbei: Zu ähnlich ist das Thema der neuen Filme von Wim Wenders und Jim Jarmusch, als dass man nicht ständig ins Vergleichen geriete. Die beiden älteren Männer haben Filme über ältere Männer gemacht: Männer, die nach einem rastlosen, exzentrischen Leben ernüchtert aufwachen, auf die Gegenwart blicken und nichts als Leere empfinden. Und wie das so ist, in so einer ausweglosen Situation: Plötzlich erfährt man, dass man mit einer alten Liebe (in beiden Filmen spielt Jessica Lange eine Ex-Geliebte) ein Kind in die Welt gesetzt hat. Hallo, Sinn des Lebens – da bist Du ja wieder!

Keiner der Regisseure ist so blöd, das Bild des einsamen Wolfes komplett ernst zu meinen. Hier ist natürlich viel Ironie im Spiel. Aber während Wenders den Helden aus „Don’t come knocking“ in seiner gebrochenen Tragik immer cool aussehen lässt und mit halb ernst gezeichneten, halb ironisch überzeichneten Klischees nicht geizt, gibt sich Jarmusch völlig der lakonischen Demontage hin. Don reitet nicht auf Pferden, wacht nicht versoffen mit Dreitagebart neben jungen Mädchen auf und wird auch nicht in Handschellen abgeführt. Don fährt einen langweiligen PKW, liegt traurig zusammengerollt auf seinem Sofa und guckt am Ende nur dumm aus der Wäsche, die ein wenig schmeichelhafter Jogginganzug ist.

Wo Wenders möglichst verrückte Bilder sucht, um die Dinge zu zeigen, die er nicht sagt, gelingt das Jarmusch mit beiläufigen Gesten, Blicken und kleinen Ereignissen am Rande. Wenders setzt auf Eindeutigkeit, Jarmusch hingegen entspannt ein offenes Spiel von Andeutungen. Und die entfalten ihre volle Wirkung erst, wenn der Film bereits lange zu Ende ist. Es ist einiges geschehen und viel kann sich daraus noch entwickeln. Was genau, das lässt der Film offen.

Eine kleine Fußnote: Jarmusch, der knapp 10 Jahre jünger ist als Wenders, hat sich Ende der 70er Jahre als Produktionsassistent bei Wenders verdingt, um seinen ersten Film „Permanent Vacation“ finanzieren zu können. Dafür muss man Wenders zumindest danken.
(Bundesstart: 8.9.05)

Zuerst erschienen in 09/05

„Das wandelnde Schloss“ von Hayao Miyazaki

Sprechende Wärme

Die junge Hutmacherin Sophie wird nach einer Begegnung mit dem smarten Zauberer Hauro von einer Hexe mit einem Fluch belegt: sie hat auf einmal den Körper einer 90 jährigen. Nun sucht sie Hauro, um den Fluch umzukehren.

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Die ins Elsass des 19. Jahrhunderts verlegte Handlung des neuen Animes von Hayao Miyazaki („Chihiros Reise ins Zauberland“; „Prinzessin Mononoke“) wirkt zu Beginn nicht zufällig wie eine Sequenz aus der bekannten Zeichentrick-Serie „Heidi“, denn auch die stammt von Miyazaki. Doch die Alpen-Idylle, die der Regisseur Ende der 70er Jahre aus finanziellen Gründen noch kitschig inszeniert hat, wird in seinem neuen Werk unterwandert von finsteren Glibbergeistern, bösen Hexen, selbstsüchtigen Zauberern und apokalyptischen Kriegslandschaften. Dass man in seinem neusten Märchen sowohl als Kind wie als Erwachsener viel zu lachen hat, liegt an den wirklich urkomischen Ideen sprechender Feuergeister, seniler alter Hexen und der mächtig resolut agierenden Sophie. Dass hier auch wieder viel Fantasie und menschliche Wärme im Spiel ist, macht den Film umso sehenswerter.
(Bundesstart: 25.8.2005)

Zuerst erschienen in choices 8/05

„Bin-Jip“ von Kim Ki-Duk

Tae-Suk bricht in leer stehende Wohnungen ein. Dort wohnt er für ein paar Tage, bis die Bewohner wieder kommen. Er stiehlt nichts, kümmert sich im Gegenteil um die Wohnungen. Eines Tages überrascht ihn die depressive Sun-Hwa. Von nun an ziehen sie gemeinsam durch leere Häuser.

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Seit Jahren scheinen sich alle Kritiker auf die Filme des koreanischen Regisseurs Kim Ki-Duk einigen zu können. Das zeigen nicht nur die regelmäßigen und zahlreichen Auszeichnungen auf den wichtigsten Filmfestivals, sondern auch die überschwänglichen Rezensionen zu seinen Filmen. Die hiesige Faszination (in Korea ist er weitaus weniger erfolgreich) mag mit der stilisierten Schönheit, aber auch mit der irritierenden Widersprüchlichkeit der Filme zusammen hängen.

Tae-Suk bricht in Häuser ein, aber er ist kein normaler Einbrecher. Er stiehlt nichts, und anders als in „Die fetten Jahre sind vorbei“ werden auch keine Stühle verrückt, um politische Signale zu setzen. Während der Abwesenheit der Bewohner übernimmt er deren Rolle und bewohnt Haus oder Apartment – er isst dort, er wäscht und er räumt auf. Und falls Zeit ist übernimmt er auch kleinere Reparaturen. Wenn die verreisten Bewohner nach einigen Tagen zurückkehren, entschwindet er wie ein guter Geist. Ein einsames Leben, da Tae-Suk immer dort ist, wo niemand ist. Bis er eines Tages in eine Villa einbricht, in der sich die depressive Sun-Hwa, ein ehemaliges Model, das von ihrem gewalttätigen Ehemann schikaniert wird, aufhält. Heimlich beobachtet sie ihn bei seinem Treiben, nähert sich dem offensichtlich sensiblen Fremden, der sich in ihrem Haus gemütlich einrichtet, langsam und vorsichtig an. Schließlich ziehen sie gemeinsam fort, um leere Häuser mit Leben zu füllen.

Kim Ki-Duk ist ein Regisseur der Bilder. Das zeigt sich in seinem neuen Film alleine dadurch, dass Worte sehr rar gesät sind, vor allem seine beiden Protagonisten wortlos durch das Geschehen gleiten. Bei vielen Regisseuren würde eine solch konsequente Wortverweigerung wahrscheinlich prätentiös und aufgesetzt wirken – der Koreaner hingegen gibt nicht nur Hinweise, die die Verletzungen hinter der Stummheit erahnen lassen, sondern rahmt die Stille in eine zaghafte Körperlichkeit ein, die Worte kaum vermissen lässt. Und passt außerdem den Ausdruck seines Films dem körperlichen Ausdruck des ungewöhnlichen Liebespaares mit einer ebenso zurückhaltenden wie genauen Beobachtung durch die Kamera an. Die Kamera ist die dritte Person in diesem Liebesreigen, der einen Traum einer vollkommenen, leichten Liebe träumt – der Welt enthobenen.

Ein Traum nur, der natürlich von der Wirklichkeit torpediert wird. Zunächst von der Vergangenheit, die noch schmerzvoll in den traurigen Blicken und den schüchternen Bewegungen der beiden hängt, natürlich auch in den Resten des Masochismus von Sun-Hwa und der Brutalität von Tae-Suk. All das macht die Annäherung der beiden zu einer schwierigen Angelegenheit, die sie vertrauensvoll mit kleinen Zeichen und Gesten meistern. Vor allem wird dieser Traum aber in der Gegenwart von außen, von der Welt attackiert. Denn die sanktioniert solche Versuche, außerhalb der Spielregeln das Glück zu finden. Und so geraten die beiden wieder in die Knechtschaft der Wirklichkeit, die hier in Form der Justiz und des Ehemanns Rache nimmt für die Respektlosigkeit und den Mut, nach dem Glück zu greifen.

Kim Ki-Duk befindet sich in guter Gesellschaft mit anderen asiatischen Regisseuren wie Takeshi Kitano, wenn er den Kontrast zwischen Zärtlichkeit und Brutalität stark betont, gleichzeitig aber an einer Ästhetisierung der Gewalt arbeitet. Dass er diese für europäische Augen eher widersprüchliche Darstellungsweise wie kaum ein anderer beherrscht, hat er in Filmen wie „Samaria“, vor allem aber mit „The Isle“ bis ins kaum erträgliche Extrem vorgeführt. Doch in den Ausbrüchen der Gewalt findet man immer Sehnsüchte als Ursache und Antrieb. Das klingt nach einer relativierenden Entschuldigung für alle Gewalt, ist aber begleitet von einer Verzweiflung, die genau diese Gewalt nicht verstehen kann. Man möchte ihr entfliehen, so wie Tae-Suk und Sun-Hwa ihr in geisterhafter Manier zu entschwinden suchen. „Bin-Jip“ spiegelt ein buddhistisches Streben nach vollkommener Harmonie mehr als jeder andere Film des Regisseurs.
(Bundesstart: 11.8.05)

Zuerst erschienen in choices 08/05

„Nobody Knows“ von Hirokazu Kore-Eda

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Das Leben – ein Kinderspiel?

Keiko lebt mit ihren vier Kindern in Tokio in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Die Kinder haben allesamt verschiedene Väter, und auch jetzt noch führt ihre Mutter ein unstetes Leben. So bleibt sie auch mal einen Monat weg, während sich der älteste Sohn um die Geschwister kümmert. Dann kommt Keiko gar nicht mehr nach Hause …

„„Nobody Knows“ von Hirokazu Kore-Eda“ weiterlesen