„Turnaround“ von Celine Keller

Man könnte ganz kurz glauben, in einen Propagandafilm für das Glück der braven Kleinfamilie geraten zu sein. Aber wirklich nur ganz kurz! Denn die kleine Familie, die am Happy End von Céline Kellers 44Minütigem Comic-Film “Turnaround” steht, ist alles andere als normal. Und spießig schon gar nicht: Die allein erziehende Mutter Lana ist glücklich mit ihrer neuen Freundin liiert; Leon, der eigentlich Lanas bei einem wissenschaftlichen Experiment zum Kind verjüngter Ehemann ist und den sie nun als ihren Sohn ausgibt, ist eine kindliche Liebesbeziehung mit seinem nun ebenfalls verjüngten Psychotherapeuten eingegangen. Konzipiert wurde die fantastische Story von Céline Keller und dem Produzentenduo Graw Böckler, die „Turnaround“ als DVD auf ihrem Label „Raum für Projektionen“ veröffentlichen. Gezeichnet, getextet und animiert hat Keller ihren Debut-Film in nur einem knappen halben Jahr.

Mit dem munteren turnaround der Identitäten stehen so ziemlich alle gesellschaftlichen Determinationen, vom Alter über das Geschlecht bis zur Sexualität, aber auch der persönliche Lebensentwurf zur Disposition. „Turnaround“ spielt vor, wie es auch – und vielleicht besser – sein könnte. So verwirrend die Geschichte zunächst ist, so klar ist ihre ästhetische Umsetzung: Kellers Zeichnungen sind geprägt von klaren Linien und starken schwarz/weiss-Kontrasten, mitunter arbeitet sie auch mit verfremdetem Foto- und Filmmaterial. Farbe tritt nur gelegentlich auf und setzt dann deutliche Akzente. Die Art, wie die Comic-Künstlerin ihre Bilder auf die Zeitachse des Films überträgt, machen „Turnaround“ auch zu einer formalen Besonderheit: Animation im herkömmlichen Sinne, d.h. sich bewegende Figuren, sieht man zwar auch. Geprägt ist der Film allerdings von den als unbewegliche Einheit im Bild umhergeschobenen Elementen – Personen, Objekte, Hintergründe. Auch die Dialoge werden nicht wie im herkömmlichen Zeichentrickfilm gesprochen, sondern verbleiben in der Comicform der Sprechblase. Einziger Ton des Films ist die zwischen 60er-Jahre Easy Listening und House mäandernde Musik von Holger Fath-Tati. Als Bonus gibt es auf dieser außergewöhnlichen DVD, die ein großes Publikum zwischen Comic-, Kunst- und Schwulen-/Lesben-Szene verdient hätte, ein Musikvideo zum Titelsong (Gesungen von Keller) und einen Behind-the-Scenes-Bericht.

Céline Keller: „Turnaround“; DVD-R. Zu beziehen über Graw Böckler: grawboeckler@gmx.de; Tel./Fax +49 221 124100; www.raumfuerprojektionen.de
Comics von Céline Keller über CELINEK@gmx.de

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 76, 03/04

„Zatoichi – Der blinde Samurai“ von Takeshi Kitano

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Takeshi Kitano findet zurück zu alter Meisterschaft

Der blinde Samurai Zatoichi verdingt sich als Masseur. In einem kleinen Bergdorf trifft er auf die Ginzo-Gang, die gerade den Samurai Hattori als Leibwächter engagiert hat. Als das Unrechtsregime der Gang immer skrupelloser wird, greift der blinde Samurai ein und gibt zu erkennen, dass er ein ungewöhnlich guter Kämpfer ist …

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„Böse Zellen“ von Barbara Albert

Manu stürzt mit dem Flugzeug ab. Sie ist die einzige Überlebende des Unglücks. Sechs Jahre später verunglückt sie mit dem Auto. Sie ist die einzige Tote des Unfalls. Ihr soziales Umfeld lebt natürlich weiter. Zusammen, alleine – aber irgendwie anders als zuvor.

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„Böse Zellen“ ist eine Aneinanderreihung von locker montierten Szenen. Es Episoden zu nennen wäre zu hoch gegriffen. Es sind kurze Ereignisse: zwei Menschen treffen aufeinander, es wird geredet, geschlagen, gevögelt, gegessen, geschlafen, geweint. Oder: zwei Menschen treffen nicht aufeinander, ein Mensch bleibt alleine: es wird geschlafen, gegessen, geweint, vor sich hin gestarrt. Mit diesem ruhigen Reigen entfaltet sich eine Kartographie der verschiedenen Personen, die durch Manu direkt oder indirekt miteinander in Kontakt stehen. Die Kamera beobachtet ganz sachlich und nüchtern – fast vorsätzlich kühl, so kommt es einem vor – das Geschehen. Den Film durchweht ein kalter Luftzug, denn Wärme will sich trotz des offensichtlichen Wunsches aller Protagonisten zwischen den Menschen dauerhaft nicht einstellen. Warum das nicht? Weil, wenn das geschehen würde, ein Wunder in dieser Welt geschehen wäre. Glück und Liebe sind so kostbar wie sie selten sind – kleine Wunder. Oft greifbar nah, aber selten zu erreichen, geschweige denn lange zu halten.

In dieser Welt ist sogar die Liebe, geprägt von Abhängigkeitsverhältnissen, kälter als der Tod. Der Tod hingegen scheint ganz warm zu sein. Manchmal suggeriert die Kamera, wenn sie die hilflosen Wesen aus der Vogelperspektive in ihren kleinen Wohn-Zellen, die dann eher nach Gefängniszellen aussehen, etwas sensibler beobachtet, einen mitfühlenden Blick der Freundin, Mutter oder Ehefrau Manu. Gegen Ende, wenn Manus Freundin Andrea im Schneesturm sterben möchte, scheint die tote Manu sie anzuhauchen, ihr wieder Leben einzuhauchen und sie zu wecken. Diese Fantasie ist eine der wenigen tröstlichen des Films. Ansonsten wirft er einen mit unerbittlicher härte auf die Tatsache zurück, dass ein stabiles Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Glück durch nichts garantiert werden kann und dass alle Versuche der Kompensation – durch Kaufrausch, Sex oder Glauben – das nicht überspielen können. Es bleiben einem nur ein paar ganz kurze schöne Momente, kleine Wunder, wenn man sie denn bemerkt.
(Bundesstart: 1.4.04)

Zuerst erschienen in choices 04/04

„Blessing Bell“ von Sabu

Eine Fabrik: die Arbeiter stehen vor verschlossenen Türen. Der ebenfalls entlassene Igarashi startet einen schweigsamen Marsch durch die Stadt und begegnet dabei den unterschiedlichsten Menschen und gerät in die ungewöhnlichsten Situationen.
Ruhiges, kaleidoskopisches Gesellschaftsportrait

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Eigentlich kennt man Sabu – neben seiner Tätigkeit als Schauspieler für u.a. Takashi Miike – vor allem als Regisseur quirliger und stilistisch wechselhafter Yakuza-Filme. Mit seinem irrwitzigen Debut „D.A.N.G.A.N. Runner“ (´96) oder „Unlucky Monkey“ (´98) empfahl er sich als Meister der überraschenden wie kunstvollen Abschweifung. Sein neuer Film „Blessing Bell“ ist eine einzige, große Abschweifung. Insofern sind die Handlungs- und Stilbrüche hier wesentlich dezenter als in seinen früheren Filmen. Sabu selbst sagt, dass dieser Film vollkommen anders ist, als alles, was er bislang gemacht hat.

Igarashi streift, nachdem ihm gekündigt wurde, ziellos durch die Straßen der Stadt. Seine Wegstrecke ist der rote Faden, an dem die kleinen Geschichten des Films aufgezogen sind. Daher macht eine Nacherzählung des Plots wenig Sinn: „Blessing Bell“ erscheint mehr wie ein Episodenfilm, denn wie ein abendfüllender Spielfilm. Igarashi, engelsgleich, beeinflusst mit seiner stummen, passiven Präsenz Schicksale und führt Menschen zueinander (in einer solchen Nebenrolle ist als Hommage an Sabus großes Vorbild der Regisseur Seijun Suzuki zu sehen). Daneben ist die Ästhetik des Films das einzig verbindende Element zwischen den Szenen: Kameramann Masao Nakabori ist ein Meister des kunstvollen Bildausschnitts. Er lässt die häufig zu Stills eingefrorenen, langen Einstellungen zu einem Genuss werden. Man kann sich an den Bildern, die nicht selten wie eine Mischung der Inszenierten Fotografie eines Jeff Wall und dem überhöhtem Doku-Stil eines Andreas Gursky aussehen, kaum satt sehen. Und die Ruhe, die die Bilder ausstrahlen, lassen dem Zuschauer Zeit für kleine Meditationen zum Gesehenen.
Wenn schließlich der Manierismus des schweigenden Igarashi (gespielt von Susumu Terajima mit Buster Keaton’schem ‚stone face’) gegen Ende des Films droht, zu penetrant zu werden, zieht Sabu die Notbremse beziehungsweise legt im wörtlichen Sinn den Rückwärtsgang ein und endet dann mit einer befreienden, so geschwätzigen wie albernen Überraschung. Alleine für diese Szene muss man den Film lieben.
(Bundesstart: 11.3.04)

Zuerst erschienen in choices 03/04

Can DVD

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Die wegweisendste, einflussreichste und legendärste Kölner Rockband der Geschichte? Nein – der Name beginnt natürlich nicht mit „B“ wie Bap, Bläck Föös oder Brings! Man muss einen Buchstaben im Alphabet weiterrücken um bei „C“ wie Can zu landen …

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KunstFilmBiennale 2003, Köln

Kunst im Kino

Nach einem erfolgreichen „Vorspiel“ Ende letzten Jahres fand vom 26.Oktober bis zum 2. November in Köln die erste reguläre KunstFilmBiennale mit internationalem Wettbewerb statt. Die Schnittstelle zwischen Bildender Kunst und Film in Form von Künstlerfilm, Kunst im Film und Film über Kunst war Thema des einwöchigen Film-Festivals, auf dem rund 180 Filme gezeigt wurden.

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Filmverleih „Rapid Eye Movies“

Mit Gewalt gegen die Großen

Gerade ist „Dolls“, der neue, bildgewaltige Film von Takeshi Kitano, in den deutschen Kinos angelaufen. Kitano, den japanischen Tausendsassa, kennt man inzwischen auch hierzulande. Seine Spielfilme sind außergewöhnliche Gratwanderungen zwischen exzessiven Gewaltausbrüchen und außerordentlich sensiblen Bildkompositionen. Dass seine Filme spätestens seit „Sonatine“ (1993, zeitverzögert in den deutschen Kinos) eine große Fangemeinde gewonnen haben, ist unter anderem dem kleinen Kölner Filmverleih Rapid Eye Movies (R.E.M.) zu verdanken. Der Verleih wurde vor sieben Jahren von Antoinette Köster, Stephan Holl und Sigrid Limprecht, die zugleich Geschäftsführerin der Bonner Kinemathek ist, gegründet. Gestartet hat man mit dem Anime „Ghost in the Shell“ und damit gleich ein ganzes Genre ins hiesige Bewusstsein gerückt. Denn von Anfang an wollte man „filmisches Neuland betreten“, wie Stephan Holl berichtet. Seitdem hat Rapid Eye Movies pro Jahr fünf bis zehn Filme in die deutschen Kinos gebracht, darunter solch außergewöhnliche und schockierende Arthouse-Filme wie Takashi Miikes feministischen Splatterfilm „Audition“ oder den nicht minder drastischen Liebesfilm „The Isle“ von dem Koreaner Ki-Duk Kim. Derartige Filme, die sowohl thematisch als auch ästhetisch die Grenzen des gewöhnlichen Kinobetriebs sprengen, sind durchaus repräsentativ für das Programm von R.E.M., wo man „immer auf der Suche nach dem, was einen fordert und weiterbringt“ ist, so Holl. Aber es gibt durchaus auch leichtere Kost – vor Genre- und Trashfilmen schreckt man bei R.E.M. nicht zurück. Solange die Filme einen eigenen Ansatz erkennen lassen bzw. dem jeweiligen Genre etwas neues einhauchen, darf „auch mal ein Partymovie“ im Programm auftauchen. Das gilt vor allem für den Video- und DVD-Bereich, der zur Zeit mit Hilfe neuer Vertriebspartner ausgebaut wird. Dort wird demnächst auch der Bollywood-Film „Sometimes Happy, Sometimes Sad“ erscheinen. Das indische Epos mit vielen Tanz-, Gesang- und vor allem Heulszenen war dank R.E.M. im Frühling dieses Jahres der erste in Deutschland adäquat gezeigte Film seiner Art. Das ein vierstündiges „Musical“ aus Indien hier trotzdem nicht zu den Kassenschlagern zählt, verwundert aber niemanden. Finanzierbar sind solche Liebhaber-Eskapaden nur durch sekundäre finanzielle Unterstützung. Neben der Filmstiftung NRW, ohne die sich der Verleih nach eigenen Angaben nicht hätte etablieren können, trägt sich das Unternehmen mit Hilfe von Fernsehlizenzen. Vor allem der WDR ist da ein verlässlicher Partner: die Finanzierung von „Dolls“ war nur mit einer gleichzeitigen Zusage des Kölner Senders, die Fernsehrechte zu erwerben, möglich. So ist neben dem Kinoverleih und dem Video/DVD-Markt das Fernsehen das dritte Standbein von R.E.M., das hoffen lässt, dass dieser kleine, spezialisierte Verleih den großen aber meist profillosen Filmverleihen auch auf Dauer Paroli bieten kann.
Christian Meyer

Zuerst erschienen: Zeitung der Kunstfilmbiennenale Köln 2003

Schorsch Kamerun zu „Golden Lemons“

Rockerdialog: Wen interessiert das noch?

Nach gut 20 Dienstjahren gibt es die Goldenen Zitronen erstmals im Kino zu sehen. Ihre US-Tour als Vorgruppe des schizophrenen und autistischen Musikers Wesley Willis bildet den Rahmen für den Tourfilm ‚Golden Lemons’. Regisseur Jörg Siepmann begleitete die Band knapp zwei Wochen durch die Provinzstädte des Westen der USA und liefert ein Portrait der Band unter diesen ungewöhnlichen Bedingungen. Ganz glücklich sind die mit dem Film jedoch nicht. Gründungsmitglied Schorsch Kamerun erläutert warum.

De:Bug: Eindeutige, sichere Zustände interessieren Euch anscheinend nicht. Als deutlich links positionierte politische Punkband tourt Ihr durch die eher konservativen Provinzstädte des US-Amerikanischen Westens. War das eine bewusste Entscheidung für einen Konfrontationskurs?
Schorsch Kamerun: Es waren schon klar Subkultur- orientierte Umgebungen in denen wir dort aufgetreten sind. Insofern empfanden wir die unmittelbaren Auftrittsorte nicht unbedingt „konservativer“ als ein Kulturzentrum wie „die Fabrik“ in Hamburg- Altona. Konfrontationen durch unser Auftreten allein waren so vorab erstmal nicht angelegt. Es gab eher ein erstauntes Empfinden über unsere klareren politischen Statements (beispielsweise über den aktuellen Präsidenten), aber niemals eine verärgerte Reaktion.
De:Bug: Könnt ihr einschätzen, wie man Euch dort als Band wahrgenommen hat? Habt Ihr ein detaillierteres Feedback von den Leuten bekommen? Wart Ihr die verrückten Deutschen, die coolen Deutschen, oder war Irritation eher vorherrschend? Wie hat die Musik gewirkt? Der Film gibt darüber nicht so recht Aufschluss…
SK: Das scheint mir eines der Probleme des Films zu sein. Er interessiert sich nicht weiter für die direkten Reaktionen die wir beim Publikum auslösten. Das heißt er ignoriert weitestgehend die kommunikativen Erlebnisse zwischen den Leuten vor Ort und uns- nach, aber auch während der Auftritte. Es gab viele spannende Gespräche mit den unterschiedlichsten Leuten, breit gefächert über Themen aus meist subkulturellen und politischen Bereichen, die der Film komplett auslässt.
Unser musikalisches Auftreten schien mir in seinem „realen Moment“ am überraschendsten zu wirken für das Publikum. Ich glaube wir sind als europäische Band weit weniger vordergründig eine „Show“ als vergleichbare Acts, wie vielleicht Jon Spencer o.Ä.
De:Bug: Wie habt Ihr den Spagat zwischen den Polen ausgehalten, als Vorgruppe des schizophrenen Musikers Wesley Willis einerseits Teil eines lobenswerten ‚Projektes’ zu sein (vgl. Phänomen ‚Station 17’), andererseits Euch aber auch immer wieder wie in einer unangenehmen Freakshow vorzukommen, wo man nicht mehr weiß, wer hier mit und wer über Willis lacht?
SK: Man muss schon ziemlich genau hin schauen bei dem Phänomen Wesley Willis. Er ist ziemlich komplex. Er ändert auch des Öfteren seine Positionen. In seinem Grundwesen ist er aber mit Sicherheit ein durchaus friedliebend ausgerichteter Zeitgenosse. Die Konzert bestimmenden „Fun- orientierten“ Reaktionen der Leute, vornehmlich bei den rüpelhaftesten Passagen seiner Vorstellungen (inklusive seiner Kopfnussrituale), sind für mich aber auch nicht immer voll zu verstehen. Es gilt zu bedenken das er meist in einer eigentlich recht eindeutigen Hardcore- Szene stattfindet.
De:Bug: Eine inhaltliche Auseinandersetzung war mit WW bzw. seinem Manager wohl nicht zu führen bzw. wäre wohl auch fehl am Platz gewesen. Im Film kommt mehrmals und an exponierter Stelle der Bin Laden Song vor, so dass man fragen muss, wie Ihr Euch dazu verhalten habt? Da klingt ja EIGENTLICH ein unangenehmer Patriotismus mit. Wie geht man damit um, wenn das von einem Menschen wie WW kommt?
SK: In dem man ihn ganz direkt fragt, was genau er mit diesem Lied sagen will. Es gibt aber kein klares Bild einer Antwort. Ich selbst habe ihn exakt diesen Song schon sehr unterschiedlich interpretieren hören. Textlich bleibt die reduzierte Ebene von: der Böse hat das Schlimme angerichtet und darum ist er ein Arschloch und deshalb man sollte Dieses und Jenes mit ihm anstellen. Anderseits denkt Wesley im Genaueren, allein schon durch seine Prägung (er war Zeuge schwerer Gewaltverbrechen), ein ganz feines Nachdenken über Gewaltausübung. Im besten Fall nehme ich solche brachialen Texte deshalb als (wie auch immer zu bewertenden) „Style“ wahr.
De:Bug: Der Film zeigt Euch sehr offen in Bezug auf Eure Konflikte untereinander und Eure inneren Konflikte. Wie empfindet Ihr diese Offenheit, wenn Ihr den Film seht?
SK: Das wäre im Grunde Okay mit uns. Wir finden nur, dass der Film an diesen Stellen sehr populistisch wiedergibt, wenn es um die Interna der Band geht. Außerdem ist das wirklich unverständlich schwach klischiert wenn man Bilder ausstellt, wo sich Gitarrist und Sänger über zu laute Verstärker streiten. Das gibt es zwar, aber wen interessiert das noch?
De:Bug: Ihr seid mit dem Bild, dass der Film von Euch zeichnet, nicht sonderlich zufrieden. Was gefällt Euch nicht an Eurer Darstellung im Film, was wäre Euch in einem Film wichtiger gewesen?
SK: Wir haben diese Tournee zu sagen wir 50% anders empfunden als der Film das wieder gibt. Er lässt völlig aus wie sich unsere Band in der besonderen Situation präsentiert hat in der wir uns befanden in den USA. Es gab unendlich viele Kontakte, Gespräche, Diskussionen, aber auch diverse persönliche Erlebnisse mit Leuten vor Ort. Das fehlt extrem für eine halbwegs adäquate Wiedergabe. Stattdessen sieht man Massen ästhetisierte Szenen von melancholischen Musikreisenden die traurig aus dem Tourbus sinnieren. Der Film sollte in dieser Form zumindest nicht so heißen wie die Band. Unser Problem ist nun, das wir den Film handwerklich als nicht ungelungen empfinden. Nur ignoriert er zu großen Teilen unsere Anliegen im Allgemeinen und noch mal mehr im Speziellen die dieser USA- Reise.
(Bundesstart von Golden Lemons: 28.8.2003)

Zuerst erschienen in De:Bug 09/2003

„Der Sohn“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne

Olivier arbeitet als Meister in einer Schreinerei für schwer erziehbare Jugendliche. Von seiner Frau lebt er getrennt, der gemeinsame Sohn wurde vor 5 Jahren bei einem Raubmord erwürgt. Dann komm Francis neu in die Werkstatt: er ist der Mörder von Oliviers Sohn!

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Der Plot von „Der Sohn“ klingt schwer nach Krimi. Tatsächlich sieht der Zuschauer aber eine merkwürdige Melange aus Suspense á la Hitchcock und einer schlichten Fernsehreportage. Das auseinander zu bröseln ist gar nicht so einfach: das simple Setting der Schreinerei und der Wohnung Oliviers, versetzt mit einigen Außenaufnahmen, liefert wahrlich keinen geeigneten Hintergrund für Psychospiele. Olivier, ein zunächst so unglaublich gewöhnlicher, fast langweiliger Mensch, auch nicht. Entscheidend ist hier wieder ein mal nicht das ‚was’, sondern das ‚wie’! Olivier Gourmet stattet die Figur Oliviers mit einer inneren Unruhe und einer äußeren Hast aus, die ihn zunehmend zum sichtbar Getriebenen macht. Verstehen kann man das erst mal nicht. Genau darum verunsichert es einen. Wenn man dann die Hintergründe erfährt, ängstigt es einen. Olivier Gourmet spielt vollkommen grandios – weniger als das Superlativ ist da nicht drin!
Die klaustrophobische, extrem aufdringliche Nähe der Kamera, die den Figuren regelrecht zu Leibe rückt, steigert diese (An-)Spannung ins unermessliche. Die Kamera beobachtet akribisch genau. Trotzdem bleibt fast alles im Offenen. Dies Paradox ist eine große, wohltuende Kunst! Was warum passiert bzw. warum die Personen handeln, wie sie handeln, könnte man wahrscheinlich auch kaum erklären, selbst wenn man wollte. Doch gerade dadurch, dass nur gezeigt wird, eröffnet der Film eine immens große Projektionsfläche für den Zuschauer. Die kann und soll er füllen. Und nicht nur er, denn selbst die Regisseure, die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne („Rosetta“) – lange Jahre waren sie Dokumentarfilmer – sind sich des Spektrums ihres Films anscheinend nicht ganz bewusst. Nach 11/2 Jahren Arbeit stellen sie in den Arbeitsnotizen fest:“ Der Film heißt „Der Sohn“. Er könnte auch heißen „Der Vater““.
(Bundesstart: 12.6.2003)

„City Of God“ von Fernando Meirelles

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Lateinamerikanisches Kino ist wieder schwer im kommen – sowohl mit kleinen Filmen („Ein Glückstag“, „Historias Minimas“, „Japón“) als auch im ambitionierten Mainstream („Die Versuchung des Padre Amaro“). City of God gehört sicherlich in die zweite Kategorie, das Adjektiv vor Mainstream sollte man hier aber ganz groß schreiben!

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„After Life“ von KORE-EDA Hirokazu

Ein kleines Grüppchen wird in einem Gebäude empfangen und zu ihrem schönsten Erlebnis befragt. Die Personen sind gerade gestorben und sollen den Moment ihres Lebens aussuchen, den sie als einzige Erinnerung mit ins Jenseits nehmen.

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Man merkt schon wenige Minuten nach beginn des Films, wie wörtlich man den Titel des zweiten Spielfilms von KORE-EDA Hirokazu nehmen muss: Alle Figuren des Films sind bereits tot! Die einen – in Beamtentätigkeit zwischen Leben und Tod beschäftigt – schon etwas länger, andere – für eine Woche in den bürokratischen Prozess des Übertritts ins Jenseits involviert – noch ganz frisch. Die Beamten mit Beraterfunktion helfen den Neuankömmlingen, sich innerhalb einer Woche in intensiven Gesprächen und in schwereren Fällen auch mittels Videoaufnahmen des jeweiligen Lebens für die wichtigste oder schönste Erinnerung zu entscheiden. Einige tun sich damit sehr leicht, andere können sich nicht erinnern, wieder andere können sich nicht entscheiden und ein Neuankömmling will sich nicht entscheiden.
Mit dieser sehr witzig klingenden Konstellation bietet uns KORE-EDA allerdings keine leichte Komödie, sondern ihm gelingt eine erstaunlich umfassende Reflexion über das Leben, die Erinnerung und die darin enthaltenen Verschiebungen zur Wirklichkeit (mit all den damit verbundenen Funktionen, die das Erinnern erfüllen kann). Das Geschehen in dem Amtsgebäude und dem umliegenden Garten zeigt KORE-EDA in ruhigen Bildern und einem diese Grundstimmung weitertragenden, fast zärtlichen Bemühen der Berater um die Neugestorbenen. Die ‚Sitzungen’ haben einen therapeutischen Charakter und führen dazu, dass sich die Menschen mit dem hinter ihnen liegenden Leben auf unterschiedlichste Art auseinandersetzen.
Am Ende der Woche sollen sich alle entscheiden, die gewählten Erinnerungen werden dann detailgenau Verfilmt und im eigenen Kinosaal vorgeführt – schließlich werden die Toten ins Jenseits entlassen. Mit dem Aspekt der abschließenden Verfilmung der Erinnerung der Gestorbenen liefert KORE-EDA schließlich auch noch eine Reflexion über das Kino, das ja immer auch Leben nachstellt – erfindet oder erinnert.
(Bundesstart: 10.4.03)

Zuerst erschienen in choices 04/03

„Das Weisse Rauschen“ von Hans Weingartner

Die Wirklichkeit des Wahns

Hans Weingartners Film ‚Das Weisse Rauschen’ beschreibt realistisch den Kampf eines Schizophrenen mit seiner Krankheit.

Das weisse Rauschen entsteht, wenn alle Information gleichwertig präsent ist, eine Selektion nicht stattfindet. Don DeLillo nannte schon 1984 einen Roman über eine private Apokalypse ‚White Noise’, jetzt verwendet Hans Weingartner diesen Begriff für seinen ersten abendfüllenden Film. Auch bei ihm geht es um den Zusammenbruch eines Menschen. Lukas (gespielt von Daniel Brühl) zieht zu Beginn des Studiums von der Provinz zu seiner Schwester Kati (Anabelle Lachatte) in die Großstadt. Durch das neue soziale Umfeld verunsichert, erkrankt er an einer vererbten Schizophrenie. Erste Überreaktionen steigern sich zu drastischen emotionalen Ausfällen und führen bei ihm schließlich zu einer ausgeprägten Paranoia mit Wahnvorstellungen: Lukas hört Stimmen – beschimpfende, befehlende, Verschwörungen suggerierende – die gleichermaßen auf ihn wie auf den Zuschauer ungeordnet und sich überlagernd einstürzen.

Hans Weingartner widmet sich mit Weisses Rauschen, seinem Abschlussfilm für die Kunsthochschule für Medien in Köln, einem häufig im Kino behandelten Thema. Dort sind psychisch Kranke jedoch in der Regel entweder Genie, Gewaltverbrecher oder einfach Gaglieferant. Weingartner interessieren solche plakativen Zuordnungen nicht. Weder thematisch noch ästhetisch lässt er sich auf die Klischees des ‚großen’ Kinos ein. Stattdessen erzählt er vom Ausbruch dieser ungewöhnlichen, leider aber gar nicht seltenen Krankheit in einem schlichten, dokumentarischen Stil. Der Film wurde ohne aufwändige Beleuchtung oder Tontechnik mit drei Handkameras auf DV (Digital Video) gedreht. Dadurch konnte man mit einem kleinen Stab von nur 7 Personen und ohne ein ausformuliertes Drehbuch viel Improvisieren und auf unerwartete Entwicklungen spontan reagieren. Zudem wurde in der Zeit der 6 wöchigen Dreharbeiten hauptsächlich in Weingartens eigener Wohnung gedreht, so dass allmählich Arbeit und Freizeit, Drehort und Wohnort, Film und Realität förmlich miteinander verschmolzen.

Die Ähnlichkeit zu den Produktionsprinzipien von Dogma-Filmen ist kein Zufall – Weingarten ist bekennender Dogma-Fan! Und das Manifest des Dänischen Regisseurs Lars von Trier (‚Idioten’!) offenbart auch bei Weingartens Film seine künstlerischen Qualitäten. Alleine die schlichte Entstehung der Aufnahmen bewirkt beim Zuschauer eine eindringliche Präsenz der Protagonisten und ihrer Konflikte. Daher kann Weingartner auf ‚handelsübliche’ Effekte bei der Darstellung von Psychose oder Drogenrausch (was hier einer der auslösenden Momente der Psychose von Lukas ist) wie Zeitlupe, Unschärfe oder den Einsatz von Farbfiltern verzichten und lässt stattdessen den Blick der Kamera durch größere Nähe und weniger Stabilität der Bilder noch aufdringlicher, fragender und gleichzeitig unsicherer werden. So erhalten die Szenen der psychotischen Schübe entsprechend der im Inneren des Protagonisten wütenden Paranoia etwas bedrohliches und klaustrophobisches. Genau wie Lukas Abgrenzungsvermögen nicht mehr funktioniert, die äußeren Reize auf ihn einstürzen, kann sich der Zuschauer von dem wirbeln der Bilder und Töne nicht mehr distanzieren.

Man merkt dem Film in jeder Sekunde an, dass der Regisseur sein Thema kennt. Und wirklich: Weingartner hat vor seinem Studium an der Kölner Medienhochschule Gehirnforschung studiert und sich und den Hauptdarsteller in langen Gesprächen mit einem von der Krankheit Betroffenen auf die Arbeit vorbereitet. Der Film meidet daher jede Beschönigung: Auch als die Diagnose vorliegt, reagiert Lukas’ Umfeld (nachvollziehbar) hilflos auf dessen ‚Verrücktheiten’. Schizophrenie ist eben kein cooler Trip einer künstlerisch veranlagten Person – auch wenn Lucas’ veränderte Wahrnehmung zu faszinierenden Handlungen (z. B. bei der Zimmergestaltung) führt und in großangelegten Verschwörungstheorien immer auch ein kreatives Potential liegt. Bunte Trickeffekte würden das Thema jedoch verfehlen.
Bundesstart: 31.1.2002

Zuerst erschienen in: Süddeutsche Zeitung, NRW-Ausgabe

Oliver Husain & Michel Klökorn: Musikclips ffür Sensorama

Dokpop: Mit Sensorama-Videos den Alltag zum tanzen bringen

Oliver Husains und Michel Klökorns Arbeit als Videoclipregisseure ist wahrscheinlich den meisten durch ihr ausgezeichnetes Video zu ‚Star Escalator’ von Sensorama bekannt. Zuvor hatten sie bereits deren Track ‚Echtzeit’ verfilmt. Dass sie jetzt auch wieder ‚Where the white rabbits sleep’, die erste Singleauskopplung aus Sensoramas neuem Album ‚Projektor’, mit aufblasbaren Werbeobjekten verfilmen (bzw. Michel Klökorn diesmal zusammen mit Anna Berger) und auch die nächste Auskopplung bebildern werden, macht sie definitiv zu den Hofregisseuren der Frankfurter Musikproduzenten. Welche Parallelen man zwischen den einzelnen Clips ziehen kann, und was beim neuen Video doch anders war, verrieten sie im Interview mit De:Bug.

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„Black Box BRD“ von Andres Veiel

Das derzeitige Interesse an ´68 und die Folgen reicht von hysterischer Abwehr bis zu naiver Affirmation. Der Dokumentarfilm Black Box BRD von Andres Veiel (‚Die Überlebenden’) positioniert sich in der Mitte dieser Pole, will es damit aber keinesfalls allen recht machen. Im Gegenteil: den meisten dürfte es eher unangenehm sein, wenn die Feindbilder – hier wie dort – nicht mehr klar umrissen sind.

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Veiel nähert sich in seinem Film zwei ‚deutschen’ Biographien, die unterschiedlicher nicht sein könnten, mit Interviews, ‚Ortserkundungen’ und privatem Film- und Fotomaterial: Dialogisch wird der Lebensweg von Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, der 1989 bei einem Anschlag der RAF ums Leben kam, gegen die Entwicklung von Wolfgang Grams, jenem RAF-Mitglied der ‚dritten Generation’, das 1993 bei dem Versuch der Festnahme in Bad Kleinen durch einen aufgesetzten Kopfschuss ums Leben kam, gestellt. Nach einer deutlicheren Verbindung dieser beiden Menschen wird in dem Film nicht gesucht – überhaupt ist Enthüllungsjournalismus nicht Veiels Sache. Spekulationen über Grams’ Beteiligung am Herrhausen Attentat finden nicht statt – die schwarzen Löcher der Geschichte werden nicht mit harten Fakten gestopft.
Stattdessen kommt im Verlauf des Films zunehmend eine emotionale Ebene ins Spiel. Das geschieht offensichtlich auch in der öffentlichen Diskussion, allerdings mit ganz anderem Ergebnis: während dort Trotz und Rechthaberei regieren, scheinen im Film die hinter den Daten der Ereignisse stehenden Menschen auf. Das erklärt ihre Entwicklung, ohne dass die zweifelhaften Momente ihres Handelns unterschlagen werden. In Interviews mit Verwandten, Freunden und Bekannten tastet sich Veiel an eine Kartografie der Seelen zweier Menschen heran, die beide durch ihr konsequentes Handeln zunehmend in Isolation geraten. Dabei zeigt der Diplom-Psychologe außerordentliches Gespür für seine Gesprächspartner (sogar den medienverachtenden Helmut Kohl bringt er zum reden!).
Ebenso einfühlsam wie in den Interviews agiert Veiel als Regisseur in der Auswahl der Bilder: nicht nur im Gespräch entlockt er den Interviewpartnern interessante Aspekte einer emotional offensichtlich noch längst nicht verarbeiteten deutschen Geschichte, auch die Kamera ‚erzählt’ beim Abtasten der Personen und ihrer Umgebung Geschichten. Oft werden dadurch Äußerungen treffend unterstrichen, mitunter aber auch unterwandert. Das führt zu einer Spannung, die unkommentiert und unaufgelöst in das Denken des Zuschauers einfließt.
(Bundesstart: 31.5.01)

Zuerst erschienen in 05/01

VJ $ehvermögen

Bilder regeln das $ehvermögen

$ehvermögen rockt die Drum ‚n’ Bass-Crowd mit massiver Message

Text: Christian Meyer

Unterschiedliche Bilder wirken sich unterschiedlich auf die individuelle Entwicklung der visuellen Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit aus. Das kann man sich wunderbar zunutzen machen, denn wenn bestimmte Bilder bestimmte Lebensaspekte dominieren, dann dominieren neben der spezifischen Ästhetik auch deren Aussagen, klar! Nur leider sitzen meist die falschen Leute an den richtigen Stellen, so dass der Bilder-Mainstream in der Regel von öden bis bösen Menschen bestimmt wird. In der Popkultur hingegen kann das schon mal besser laufen: für die Schnittmenge Westdeutschland und Drum ‚n’ Bass-Party gibt es z.B. auch solche dominierenden Bilder. Das stellt man schnell fest, wenn man sich in Köln und Umgebung, aber auch in Koblenz oder Stuttgart auf Drum ’n’ Bass-Parties herumtreibt:man sieht dort meistens Visuals von $ehvermögen – doch die sind weder öde noch böse!

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