Nick Cave and the Bad Seeds: The Road to God knows where / Live at the Paradiso (DVD)

Hier werden zwei VHS-Veröffentlichungen auf DVD zusammengefasst. Uli M. Schueppels Konzertfilm „The Road to God knows where“ begleitet die Band Anfang ’89 auf ihrer US-Tour.

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Impressionen vom Backstage-Bereich, von Hotelaufenthalten, Busfahrten, Interviews und Fototerminen zeigen einen reservierten, manchmal vom Rummel auch deutlich genervten Cave. Die zweite DVD enthält ein Konzert „Live at the Paradiso“ von 1992. Die Qualität hält sich in Grenzen und der Film ist ein wenig überambitioniert geschnitten, dank der tollen Setliste (u.a. Mercy Seat, Tupelo, From her to Eternity) ist’s aber trotzdem ein Vergnügen. Bonus: Der Kurzfilm „The Song“ zeigt die Band im Studio, „City of Refuge“ sind weitere Tourimpressionen.
(Mute)

Bauhaus: Shadow of light / Archive (DVD)

Die britische Band Bauhaus könnte man zur dritten Generation der New Wave zählen. Diejenige Generation, die eigentlich erst Alben veröffentlichte, als die Welle schon abflaute. So waren sie denn auch signifikant für den Übergang zum Post-Punk und machten Wave-Rock mit Glam-Anleihen und düster-elegischen Momenten.

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Dass sie in Sachen Style und Theatralik auch ‚Mitschuld’ an Gothic u.ä. sind, zeigt die DVD, die zwei VHS-Veröffentlichungen der 80er Jahre zusammenfasst: „Shadow of Light“ mischt die Videos der Band mit einem Auftritt von 1982, „Archive“ ist ein Film von Christopher Collins mit einer etwas ungelenken Rahmenhandlung. Das historische Material ist trotzdem nicht nur für absolute Fans spannend – und die Musik klingt beim Wiederhören überraschend frisch.
(Beggars Banquet)

„Bob Dylan – No Direction Home“ von Martin Scorsese (DVD)

Schließlich hat sich kein Geringerer als Martin Scorsese des Themas annehmen müssen – wenn’s kein anderer macht:

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Bob Dylans Aufstieg vom Folk-Sänger der Gegenkultur und Bürgerrechtsbewegung der frühen 60er Jahre zu einem der bedeutendsten Musiker der Popgeschichte. Scorsese erzählt in „No Direction Home“ über 200 Minuten mittels Originalaufnahmen und Interviews von Weggefährten und Dylan selbst den Aufstieg und endet bereits mit dem legendären Newcastle-Auftritt von 1966, wo Bob Dylan die E-Gitarre einstöpselt und vom Publikum beschimpft wird. Doch ging’s erst richtig los… Inklusive zahlreicher Konzertmitschnitte von 1963-66.
(Paramount, VÖ: 10.11.2005)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/05

„Das Kind“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne

Dicht dran

Bruno ist Anfang 20 und schlägt sich mit kleinen Betrügereien durchs Leben. Seine Freundin Sonja hat gerade den gemeinsamen Sohn Jimmy zur Welt gebracht. Als Bruno mal wieder Geld fehlt, kommt ihm die Idee, das Baby zu verkaufen.

Von Anbeginn ihrer Karriere als Regisseure beschäftigen sich die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne mit sozialen Außenseitern. Erfolg haben sie damit erst seit ein paar Jahren. Das liegt daran, dass sie bis Ende der 80er Jahre fast ausschließlich im wenig publicityträchtigen Bereich des Dokumentarfilms gearbeitet haben. In ihren Filmen – in den 70er Jahren zunächst auf Video gedrehte Reportagen, später auch lange Dokumentarfilme – haben sie sich den Problemen der Arbeiter in der belgischen Industrieregion Wallonien, der Heimat der Dardennes, gewidmet. Mit den Problemen der Menschen am sozialen Rand der Gesellschaft beschäftigen sie sich bis heute – nur ist es seit den 90er Jahren das Terrain des Spielfilms, auf dem sie sich bewegen. Ihre Erfahrung als sozial engagierte Dokumentarfilmer wirkt sich allerdings nach wie vor auf ihre Filme aus – und macht sie so einzigartig.

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Schlicht, aber nicht einfach

„Das Kind“ ist ein unauffälliger Film. Die Ästhetik tritt vollkommen hinter die Geschichte um die ungewöhnliche Kleinfamilie zurück. Als ständiger Beobachter verfolgt die Kamera die Protagonisten. Beobachtet, wie sie sich in ihrer Umwelt bewegen und wie sie miteinander umgehen. Dabei bleibt sie stets unauffällig im Hintergrund, wird weder selber Protagonist noch ist sie sichtbar Teil eines ästhetischen Programms. Das war beim Vorgänger der Brüder, dem eindrucksvollen Film „Der Sohn“, anders: hier schlich die Kamera lauernd um die beiden Hauptdarsteller herum, rückte ihnen gefährlich nah, um sie auch ja keinen Moment aus den Augen zu lassen. Das entsprach exakt dem Verhältnis der beiden Figuren, die sich während des gesamten Films misstrauisch belauern.

In „Das Kind“ wird der Protagonist Bruno scheinbar sachlich beobachtet. Bei seinen kleinen Gaunereien, die er mit Hilfe einiger Teenager durchführt, beim Weg zu seinem Unterschlupf an der Ausfahrtstraße, den er nutzt, wenn er die Wohnung aus Geldnot untervermietet, bei nächtlichen Deals. Das wirkt zunächst wie ein wenig durchdachtes ‚abfilmen’. Aber das ist es natürlich nicht. Die Nähe und Intensität, mit der die Dardennes ihren Figuren folgen, verrät auch eine starke Zuneigung. Man glaubt es kaum: Diesem Typ, der mit dem Geld – wenn etwas da ist – gedankenlos um sich schmeißt, um einen Sportwagen für einen Tag zu mieten oder eine teure Lederjacke zu kaufen, aber nicht für seine Freundin oder sein Kind sorgen kann, soll man Zuneigung entgegenbringen? Es fällt schwer, aber gerade die intensive Beobachterhaltung ermöglicht es den Dardennes und durch sie auch dem Zuschauer, den Protagonisten nicht zu verurteilen.

Nah am Menschen

Die reservierte Zuneigung der Dardennes für Bruno zeigt sich vor allem in der zweiten Hälfte des Films, als Bruno nach der ungeheuerlichen Tat, das eigene Kind zu verkaufen, und nach Sonjas Zusammenbruch merkt, dass er einen großen Fehler begannen hat und ihn wieder gut machen will. Mit „wir können ja ein Neues machen“, wie er seiner Freundin vorschlägt, ist es aber nicht getan. Also jagt er durch seine Heimat, eine ärmliche Industriestadt mit heruntergekommenen Arbeitersiedlungen, desolaten Industriegeländen und Gewerbegebieten voller leerer Versprechungen, um sein Versprechen, das Baby wieder zu holen, trotz aller Widerstände einzulösen. Die Dardennes bleiben Bruno bei all dem dicht auf den Fersen und spüren damit all die inneren Zwiespälte dieser Person auf.

Der Stil der Brüder Dardenne ist minimalistisch, ohne der Gefahr zu erliegen, dem Konzept des Minimalismus die eigenen Figuren zu opfern. Wenn man genau hin sieht, merkt man, dass dem vermeintlich schlichten Beobachten, dem einfachen Abfilmen meist perfekt arrangierte Einstellungen zu Grunde liegen, die sehr geschickt diese große Nähe zu den Figuren herzustellen wissen. Dass man diese inszenatorischen Kunstgriffe aber kaum wahrnimmt, ist die große Kunst dieser beiden Regisseure.
(Bundesstart: 17.11.2005)

Zuerst erschienen in choices 11/05

„Wir waren niemals hier“ von Antonia Ganz

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„Daß man sie liebt“

Ein Portrait der einzigartigen Rockband „Mutter“ und der dahinter stehenden Persönlichkeiten mit all ihren persönlichen Beweggründen für ihre Neben- („Mutter“) und Haupttätigkeiten.

Die Berliner Band „Mutter“ ging 1989 aus der Band „Camping Sex“ hervor. Mit schwerem Rock und düsteren, deutschen Texten galten sie schnell als Solitär in der hiesigen Musiklandschaft. Eine vage Nähe zu der neu aufkommenden Indie-Version des „Deutschrock“ brachte auch ihnen Auftrieb. Doch irgendwie haben sie es immer geschafft, den Erwartungen zu trotzen bzw. den Erfolg wieder abzuwürgen. Antonia Ganz erzählt die Geschichte der Band sehr persönlich und emotional, interviewt Freunde und Kenner wie Jörg Buttgereit, Diedrich Diederichsen, Jochen Distelmeyer, Rocko Schamoni, oder Wolfgang Müller von der Band „Die Tödliche Doris“ und Bruder von Sänger Max. Sie begleitet die Band auf Tour, kommt den Musikern dabei sehr nahe und erlebt schließlich den Ausstieg eines der Gründungsmitglieder vor laufender Kamera. Da muss man schon mal schlucken …
(Bundesstart: 20.10.2005)

zuerst erschienen in choices 10/05

„Dear Wendy“ von Thomas Vinterberg

Die V-Waffe

Dick ist ein Einzelgänger in der US-amerikanischen Bergarbeiterstadt Estherslope. Als er eine Pistole findet, ist er fasziniert von der Waffe, die ihm Selbstsicherheit verleiht. Zusammen mit einigen anderen Jugendlichen gründen sie den pazifistischen Club der „Dandies“, die ihre Pistolen verehren, aber niemals gegen Menschen richten wollen.

Der neue Film von Lars von Trier startet erst im November in unseren Kinos. Trotzdem fällt bereits jetzt im Zusammenhang mit Thomas Vinterbergs „Dear Wendy“ vermehrt sein Name. Zum einen, weil bereits vor zehn Jahren die beiden Regisseure durch das Dogma-Manifest untrennbar miteinander verbunden waren, auch wenn Vinterbergs letzter Film, der grandios gescheiterte „It’s all about love“, das glatte Gegenteil von Dogma war. Zum anderen, weil sie nun wieder untrennbar miteinander verbunden sind. Denn Vinterberg, der Realist, hat mit „Dear Wendy“ ein Drehbuch von Lars von Trier, dem listigen Strategen, verfilmt.

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Die Nähe zu Lars von Triers aktueller Arbeit ist unübersehbar. „Dear Wendy“ würde nur allzu gut in dessen Amerika-Trilogie passen, beschäftigt sich der Film doch mit der Gewaltproblematik in der Gesellschaft der USA und ist – vergleichbar mit „Dogville“ – theatralisch und in einer ästhetisch äußerst aufregenden Form inszeniert. Vor allem diese Form scheint das Publikum schon jetzt deutlich zu polarisieren: Stark typisiert sehen wir den Marktplatz in dem Bergarbeiterstädtchen und eine alte Zeche, die beiden Handlungsorte des Films. Im Off-Kommentar erzählt Dick die Geschichte seines Lebens und nimmt den Zuschauer mit auf seine Reise vom Außenseiter zum selbstbewussten Anführer einer Waffen liebenden Pazifisten-Gang. Eine Reise, die detailliert die Absurdität des Abschreckung-Prinzips „Frieden schaffen mit Waffen“ durchspielt.

Der anfänglichen Empathie für die Protagonisten (Vinterbergs Part) wird im Verlauf des Films zunehmend die Basis entzogen (von Triers Part) und torpediert von Überzeichnungen und Ausbrüchen aus der Handlung. Damit stellt sich Trier (wieder mal) in die Tradition von Brecht (der klassische V-Effekt), rekurriert aber auch (mal wieder) auf Jean-Luc Godard, der 1963 in einem Film wie „Les Carabiniers“ ähnlich verfuhr. Bei Godard wie bei Trier ist nicht das Maß des sichtbaren Realismus von Bedeutung, sondern die Aufdeckung der Struktur und Logik, die hinter den geschilderten Verhältnissen steckt. Dies geschieht bei von Trier und Vinterberg mit prächtiger Polemik und endet in einem filmisch furiosen Feuerwerk, dessen Genuss nur dadurch getrübt wird, dass einem die post-zivilisatorischen Bilder aus New Orleans zeigen, dass alles noch viel schlimmer ist.
(Bundesstart: 6.10.2005)

„Broken Flowers“ von Jim Jarmusch

Don Johnston wird eines Morgens nicht nur von seiner Freundin verlassen, sondern erhält gleich darauf auch noch einen Brief, in dem ihm eine anonyme Verflossene mitteilt, dass ihn sein bis dato unbekannter Sohn sucht. Der depressive Don macht sich nun seinerseits auf die Suche nach der Mutter.

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Man kommt nicht daran vorbei: Zu ähnlich ist das Thema der neuen Filme von Wim Wenders und Jim Jarmusch, als dass man nicht ständig ins Vergleichen geriete. Die beiden älteren Männer haben Filme über ältere Männer gemacht: Männer, die nach einem rastlosen, exzentrischen Leben ernüchtert aufwachen, auf die Gegenwart blicken und nichts als Leere empfinden. Und wie das so ist, in so einer ausweglosen Situation: Plötzlich erfährt man, dass man mit einer alten Liebe (in beiden Filmen spielt Jessica Lange eine Ex-Geliebte) ein Kind in die Welt gesetzt hat. Hallo, Sinn des Lebens – da bist Du ja wieder!

Keiner der Regisseure ist so blöd, das Bild des einsamen Wolfes komplett ernst zu meinen. Hier ist natürlich viel Ironie im Spiel. Aber während Wenders den Helden aus „Don’t come knocking“ in seiner gebrochenen Tragik immer cool aussehen lässt und mit halb ernst gezeichneten, halb ironisch überzeichneten Klischees nicht geizt, gibt sich Jarmusch völlig der lakonischen Demontage hin. Don reitet nicht auf Pferden, wacht nicht versoffen mit Dreitagebart neben jungen Mädchen auf und wird auch nicht in Handschellen abgeführt. Don fährt einen langweiligen PKW, liegt traurig zusammengerollt auf seinem Sofa und guckt am Ende nur dumm aus der Wäsche, die ein wenig schmeichelhafter Jogginganzug ist.

Wo Wenders möglichst verrückte Bilder sucht, um die Dinge zu zeigen, die er nicht sagt, gelingt das Jarmusch mit beiläufigen Gesten, Blicken und kleinen Ereignissen am Rande. Wenders setzt auf Eindeutigkeit, Jarmusch hingegen entspannt ein offenes Spiel von Andeutungen. Und die entfalten ihre volle Wirkung erst, wenn der Film bereits lange zu Ende ist. Es ist einiges geschehen und viel kann sich daraus noch entwickeln. Was genau, das lässt der Film offen.

Eine kleine Fußnote: Jarmusch, der knapp 10 Jahre jünger ist als Wenders, hat sich Ende der 70er Jahre als Produktionsassistent bei Wenders verdingt, um seinen ersten Film „Permanent Vacation“ finanzieren zu können. Dafür muss man Wenders zumindest danken.
(Bundesstart: 8.9.05)

Zuerst erschienen in 09/05

„Das wandelnde Schloss“ von Hayao Miyazaki

Sprechende Wärme

Die junge Hutmacherin Sophie wird nach einer Begegnung mit dem smarten Zauberer Hauro von einer Hexe mit einem Fluch belegt: sie hat auf einmal den Körper einer 90 jährigen. Nun sucht sie Hauro, um den Fluch umzukehren.

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Die ins Elsass des 19. Jahrhunderts verlegte Handlung des neuen Animes von Hayao Miyazaki („Chihiros Reise ins Zauberland“; „Prinzessin Mononoke“) wirkt zu Beginn nicht zufällig wie eine Sequenz aus der bekannten Zeichentrick-Serie „Heidi“, denn auch die stammt von Miyazaki. Doch die Alpen-Idylle, die der Regisseur Ende der 70er Jahre aus finanziellen Gründen noch kitschig inszeniert hat, wird in seinem neuen Werk unterwandert von finsteren Glibbergeistern, bösen Hexen, selbstsüchtigen Zauberern und apokalyptischen Kriegslandschaften. Dass man in seinem neusten Märchen sowohl als Kind wie als Erwachsener viel zu lachen hat, liegt an den wirklich urkomischen Ideen sprechender Feuergeister, seniler alter Hexen und der mächtig resolut agierenden Sophie. Dass hier auch wieder viel Fantasie und menschliche Wärme im Spiel ist, macht den Film umso sehenswerter.
(Bundesstart: 25.8.2005)

Zuerst erschienen in choices 8/05

„Bin-Jip“ von Kim Ki-Duk

Tae-Suk bricht in leer stehende Wohnungen ein. Dort wohnt er für ein paar Tage, bis die Bewohner wieder kommen. Er stiehlt nichts, kümmert sich im Gegenteil um die Wohnungen. Eines Tages überrascht ihn die depressive Sun-Hwa. Von nun an ziehen sie gemeinsam durch leere Häuser.

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Seit Jahren scheinen sich alle Kritiker auf die Filme des koreanischen Regisseurs Kim Ki-Duk einigen zu können. Das zeigen nicht nur die regelmäßigen und zahlreichen Auszeichnungen auf den wichtigsten Filmfestivals, sondern auch die überschwänglichen Rezensionen zu seinen Filmen. Die hiesige Faszination (in Korea ist er weitaus weniger erfolgreich) mag mit der stilisierten Schönheit, aber auch mit der irritierenden Widersprüchlichkeit der Filme zusammen hängen.

Tae-Suk bricht in Häuser ein, aber er ist kein normaler Einbrecher. Er stiehlt nichts, und anders als in „Die fetten Jahre sind vorbei“ werden auch keine Stühle verrückt, um politische Signale zu setzen. Während der Abwesenheit der Bewohner übernimmt er deren Rolle und bewohnt Haus oder Apartment – er isst dort, er wäscht und er räumt auf. Und falls Zeit ist übernimmt er auch kleinere Reparaturen. Wenn die verreisten Bewohner nach einigen Tagen zurückkehren, entschwindet er wie ein guter Geist. Ein einsames Leben, da Tae-Suk immer dort ist, wo niemand ist. Bis er eines Tages in eine Villa einbricht, in der sich die depressive Sun-Hwa, ein ehemaliges Model, das von ihrem gewalttätigen Ehemann schikaniert wird, aufhält. Heimlich beobachtet sie ihn bei seinem Treiben, nähert sich dem offensichtlich sensiblen Fremden, der sich in ihrem Haus gemütlich einrichtet, langsam und vorsichtig an. Schließlich ziehen sie gemeinsam fort, um leere Häuser mit Leben zu füllen.

Kim Ki-Duk ist ein Regisseur der Bilder. Das zeigt sich in seinem neuen Film alleine dadurch, dass Worte sehr rar gesät sind, vor allem seine beiden Protagonisten wortlos durch das Geschehen gleiten. Bei vielen Regisseuren würde eine solch konsequente Wortverweigerung wahrscheinlich prätentiös und aufgesetzt wirken – der Koreaner hingegen gibt nicht nur Hinweise, die die Verletzungen hinter der Stummheit erahnen lassen, sondern rahmt die Stille in eine zaghafte Körperlichkeit ein, die Worte kaum vermissen lässt. Und passt außerdem den Ausdruck seines Films dem körperlichen Ausdruck des ungewöhnlichen Liebespaares mit einer ebenso zurückhaltenden wie genauen Beobachtung durch die Kamera an. Die Kamera ist die dritte Person in diesem Liebesreigen, der einen Traum einer vollkommenen, leichten Liebe träumt – der Welt enthobenen.

Ein Traum nur, der natürlich von der Wirklichkeit torpediert wird. Zunächst von der Vergangenheit, die noch schmerzvoll in den traurigen Blicken und den schüchternen Bewegungen der beiden hängt, natürlich auch in den Resten des Masochismus von Sun-Hwa und der Brutalität von Tae-Suk. All das macht die Annäherung der beiden zu einer schwierigen Angelegenheit, die sie vertrauensvoll mit kleinen Zeichen und Gesten meistern. Vor allem wird dieser Traum aber in der Gegenwart von außen, von der Welt attackiert. Denn die sanktioniert solche Versuche, außerhalb der Spielregeln das Glück zu finden. Und so geraten die beiden wieder in die Knechtschaft der Wirklichkeit, die hier in Form der Justiz und des Ehemanns Rache nimmt für die Respektlosigkeit und den Mut, nach dem Glück zu greifen.

Kim Ki-Duk befindet sich in guter Gesellschaft mit anderen asiatischen Regisseuren wie Takeshi Kitano, wenn er den Kontrast zwischen Zärtlichkeit und Brutalität stark betont, gleichzeitig aber an einer Ästhetisierung der Gewalt arbeitet. Dass er diese für europäische Augen eher widersprüchliche Darstellungsweise wie kaum ein anderer beherrscht, hat er in Filmen wie „Samaria“, vor allem aber mit „The Isle“ bis ins kaum erträgliche Extrem vorgeführt. Doch in den Ausbrüchen der Gewalt findet man immer Sehnsüchte als Ursache und Antrieb. Das klingt nach einer relativierenden Entschuldigung für alle Gewalt, ist aber begleitet von einer Verzweiflung, die genau diese Gewalt nicht verstehen kann. Man möchte ihr entfliehen, so wie Tae-Suk und Sun-Hwa ihr in geisterhafter Manier zu entschwinden suchen. „Bin-Jip“ spiegelt ein buddhistisches Streben nach vollkommener Harmonie mehr als jeder andere Film des Regisseurs.
(Bundesstart: 11.8.05)

Zuerst erschienen in choices 08/05

„Nobody Knows“ von Hirokazu Kore-Eda

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Das Leben – ein Kinderspiel?

Keiko lebt mit ihren vier Kindern in Tokio in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Die Kinder haben allesamt verschiedene Väter, und auch jetzt noch führt ihre Mutter ein unstetes Leben. So bleibt sie auch mal einen Monat weg, während sich der älteste Sohn um die Geschwister kümmert. Dann kommt Keiko gar nicht mehr nach Hause …

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„Die Reise ins Glück“ von Wenzel Storch (Interview)

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Die Reise ins Kino

Nach 10 Jahren kommt Wenzel Storchs dritter Spielfilm „Die Reise ins Glück“ endlich ins Kino. choices sprach mit dem Regisseur über das Filmemachen und die deutsche Filmlandschaft.

Woher nimmst Du die Energie und Zuversicht, ein Projekt wie „Die Reise ins Glück“ über zehn Jahre lang mit nur spärlichen finanziellen Mitteln durchzuhalten …

„„Die Reise ins Glück“ von Wenzel Storch (Interview)“ weiterlesen

„Die fetten Jahre sind vorbei“ von Hans Weingartner (Review & Interview)

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„Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Sie haben zu viel Geld“ lauten die Botschaften, die die beiden linken Aktivisten Jan und Peter bei ihren nächtlichen Streifzügen durch Villen hinterlassen. Geklaut wird jedoch nichts, sie stellen nur die Einrichtung auf den Kopf. Als Jan bei einem Streifzug mit Peters Freundin Jule auf den Besitzer trifft, gerät ihre Aktion außer Kontrolle. Zu dritt entführen sie ihn…

„„Die fetten Jahre sind vorbei“ von Hans Weingartner (Review & Interview)“ weiterlesen

„Bad Santa“ von Terry Zwigoff

Der trunksüchtige Tresorknacker Willie T. Stokes ist Kaufhaus-Weihnachtsmann, sein kleinwüchsiger Kollege Marcus mimt den Kobold. Doch das alles ist nur Tarnung für ihre nächtlichen Raubzüge. Als ein kleiner, dicker Junge, der sich partout nicht davon abbringen lassen will, an den Weihnachtsmann zu glauben, auftaucht, wird’s kompliziert…

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Eine solche „Klamotte“ war von Terry Zwigoff nicht gerade zu erwarten. Der mehrfach ausgezeichnete Regisseur machte bislang mit ganz anderen Filmen von sich reden: 1994 überraschte er Kritik und Publikum mit dem großartigen Dokumentarfilm „Crumb“ über Robert Crumb, die Ikone des US-amerikanischen Underground-Comics – der Film war seiner Zeit der dritterfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten. Auch sein nächster Film, der Spielfilm „Ghost World“, hatte mit Comics zu tun, handelte es sich doch um die gelungene Adaption von Daniel Clowes gleichnamigen Comic um das Leben zweier Mädchen in den öden Suburbs der USA. Clowes wird auch Co-Autor seines nächsten Films „Art School Confidential“ sein.

Bad Santa, sein aktueller, von den Coen-Brüdern produzierter Film, hat mit Comics nicht am Hut, es sei denn man charakterisiert die dort gezeigten Übertreibungen als ‚comichaft’. Billy Bob Thornton weiß als trunksüchtiger, fluchender und nicht zuletzt krimineller Weihnachtsmann zu überraschen. Spaß an der Übertreibung wird er beim Dreh gehabt haben: wenn er nicht versoffen in Bars rumhängt, sieht man den von ihm verkörperten Willie Stokes entweder fluchend mit kleinen Rotzlöffeln auf dem Schoß oder hintenüberkippend in seiner eigenen Kotze versinkend. Die zunächst verbalen, dann zunehmend körperlicher werdenden Gefechte zwischen Thornton und seinem kleinwüchsigen Partner Tony Cox sind herrlich derbe. Wenn sich dann noch der 8jährige Brett Kelly als der unbeirrt an den Weihnachtsmann glaubende Thurman zu diesem ungleichen Paar gesellt, ist das an Absurdität kaum zu überbieten. Es ist etwas gemein, aber Kelly kassiert als kleiner, dicker, rothaariger Junge alleine schon mit seinem Aussehen reichlich Lacher. Wenn er dann noch in unnachahmlicher Beharrlichkeit wider alle Bösartigkeiten des Gegenübers mit treudummem, bewegungslosem Gesichtsausdruck Stokes anstarrt, ist das an Komik kaum zu überbieten. Trotz aller Exzentrik gibt es aber auch bei Zwigoff eine Art Happy-End – es ist ja schließlich ein Weihnachtsfilm.
(Bundesstart: 18.11.04)

Zuerst erschienen in choices 11/04

„American Splendor “ von Shari Springer Berman & Robert Pulcini

Harvey Pekar ist Angestellter in der Verwaltung eines Krankenhauses in Cleveland. Der nerdige Platten- und Comicsammler, zweifach geschieden, beginnt 1976 mit Hilfe von Robert Crumb seine Alltagserlebnisse in Comicform zu veröffentlichen – und erfindet damit erfolgreich ein neues Genre.

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Comics werden häufig immer noch mit Superhelden und Knollennasen gleichgesetzt, und das Kino leistet bei diesem Missverständnis einen nicht unerheblichen Beitrag. Comicverfilmungen finden derzeit zahlreich den Weg in unsere Kinos: Hellboy, Spiderman, Daredevil, The Punisher – um nur einige zu nennen. Den meisten von ihnen ist jedoch gemein, dass es sich dabei um mittelmäßige Verfilmungen von mittelmäßigen Comics handelt. Doch es gibt Ausnahmen: mit Hulk von Ang Lee entstand eine ambitionierte Verfilmung eines mittelmäßigen Comics, mit „The Extraordinary Gentlemen“ allerdings auch eine äußerst ärgerliche Adaption der tollen Comic-Vorlage des meisterlichen Alan Moore, unwesentlich gelungener ist die Filmversion seines Jahrhundertwerks „From Hell“. Ganz selten nur entsteht aus einer guten Vorlage ein guter Film. „Ghostworld“ war einer dieser seltenen Glücksfälle, „American Splendor“ ist ein weiterer.

Dabei lässt sich zunächst nicht einmal klar sagen, ob „American Splendor“ überhaupt eine Adaption des gleichnamigen, autobiographischen Comics ist, oder „nur“ ein Dokumentarfilm über dessen Autor. Genau diesem Wirrwarr ist die erzählerische Komplexität des Films geschuldet. Denn gleich auf vier verschiedenen Ebenen wird das Leben des leicht neurotischen Misanthropen Harvey Pekar nachgezeichnet: Tatsächlich gezeichnet in gefilmten Ausschnitten aus den Comics und für den Film animierten Zeichnungen, die teilweise in Spielfilmszenen integriert sind; des Weiteren mittels dokumentarischen Materials (z.B. aus den legendären Auftritten Pekars bei der David Letterman Show in den 80er Jahren); außerdem in Interview-Einschüben, die mit Pekar im Studio gefilmt wurden; schließlich und hauptsächlich mit Spielfilmszenen, die klassisch mit Schauspielern (als Pekar Paul Giamatti/ „Truman Show“) inszeniert sind und kongenial die deprimierende Schlichtheit von Pekars Angestellten-Dasein in der Industriestadt Cleveland darstellen. Die verschiedenen Ansätze überschneiden sich und sind kunstvoll und virtuos ineinander verwoben.

Die anspruchsvolle und komplexe Machart des Films trägt der Tatsache Rechnung, das „American Splendor“ seinerzeit richtungweisend für die Comicgeschichte war und 1987 mit dem American Book Award ausgezeichnet wurde. 1976 traf Pekar den Star der Underground-Comix, Robert Crumb, den er einige Jahre zuvor durch ihre gemeinsame Sammelleidenschaft von Comics und alten 78er Platten auf dem Flohmarkt kennen gelernt hatte. Er zeigte Crumb seine Skizzen. Der war sofort begeistert von dem neuartigen Konzept, einen autobiografischen Comic über Alltagserlebnisse zu machen – das gab es in dieser Konsequenz noch nicht. Er bot sich an, die Stories für den zeichnerisch untalentierten Pekar umzusetzen. Fortan erschien ungefähr einmal im Jahr eine Ausgabe des Heftes, das schnell zum Publikumsliebling auch jenseits der Undergroundcomic-Szene avancierte.

Die wohl erste autobiografische Comic-Serie (Crumb selber verwendete zuvor nur ansatzweise autobiografische Elemente, später allerdings massiv) wurde bis in die 90er Jahre von Pekar selbst, dann von Dark Horse verlegt und von wechselnden Zeichnern illustriert: neben Crumb, der bereits Mitte der 90er Jahre mit der Kino-Doku „Crumb“ gewürdigt wurde, unter anderem von Joe Sacco (der später u.a. mit „Palästina“ das Genre des autobiographischen Reportage-Comics begründete), Drew Friedman, Jim Woodring und Dean Haspiel. Letzterer zeichnet auch für die Animationen im Film verantwortlich. Neben einigen Sammlungen im Buchformat erschien ebenfalls das Comicprojekt „Our Cancer Year“, an dem er zusammen mit seiner Frau Joyce Brabner (in den Spielszenen Hope Davis/ „About Schmidt“) anlässlich seiner Krebserkrankung arbeitete.

Leider gibt es bislang keine einzige deutsche Übersetzung von „American Splendor“, aber vielleicht wird der Film das ändern. Natürlich gibt es inzwischen in den USA, nach all dem Wirbel um den Film in Cannes und auf dem Sundance-Festival, einen neuen Comic von Pekar: „Our Movie Year“, wieder gezeichnet von Dean Haspiel.
(Bundesstart: 17.9.04)

Zuerst erschienen in choices 09/04

Nachtrag: Am 29.6.2005 ist die reich mit Bonusmaterial ausgestattete DVD zum Film bei Sunfilm Entertainment erschienen.