So nah und doch so fern:
„Einfach das Ende der Welt“
von Xavier Dolan

 

Wohin die Reise geht, und wer da reist, das erzählt uns Xavier Dolan in seinem neuen Film „Einfach das Ende der Welt“ gleich mit der ersten Szene: In einer von Musik unterlegten Parallelmontage sehen wir zum Einen einen eleganten, jungen Mann Anfang Dreißig in einem Taxi. Zum Anderen fängt die Kamera ein, was sein Blick aus dem Fenster auf der Fahrt erhascht: trostlose Schaufenster, Vorortsiedlungen der unteren Mittelschicht, Brachland, Tristesse. Das Eine mag zum Anderen nicht recht passen. Und doch gehört es zusammen. „So nah und doch so fern:„Einfach das Ende der Welt“von Xavier Dolan“ weiterlesen

Schatten der Vergangenheit:
„Nocturnal Animals“ von Tom Ford

 

Tom Ford scheint nach seinem gefeierten Debüt „A Single Man“ nun zugleich zwei Filme ins Kino zu bringen. Der eine Film erzählt von der latent unglücklichen Kunsthändlerin Susan (Amy Adams). Sie lebt mit ihrem Ehemann Hutton (Armie Hammer) in einer schicken Villa mit Blick über Los Angeles. Hutton scheint gerade kurz vor der Insolvenz zu stehen, aber seine Sorgen und was ihn sonst noch umtreibt teilt er nicht mit Susan. Die hat zwar Erfolg im Beruf, fühlt sich aber einsam und leer. Die gemeinsame Tochter lebt längst ihr eigenes Leben. „Schatten der Vergangenheit:„Nocturnal Animals“ von Tom Ford“ weiterlesen

Unsoziale Willkür:
„Ich, Daniel Blake“ von Ken Loach

 

Um mehr Transparenz in die Arbeit der Jobcenter zu bringen, hat die Internetplattform FragDenStaat.de im Oktober die Aktion FragDasJobcenter ins Leben gerufen. Dort können User die fragwürdigen Zielvereinbarungen und Weisungen der Jobcenter anfragen. Denn dass die Behörden vor allem die Arbeitslosenstatistiken bereinigen sollen und dabei auch noch möglichst viel Geld durch oft willkürlich vollstreckte Sanktionen sparen sollen, haben zahlreiche absurd anmutende Fallbeispiele aus der jüngeren Zeit gezeigt. Hat man Ken Loachs neuen Film gesehen, kann man davon ausgehen, dass das in England nicht besser aussieht. „Unsoziale Willkür: „Ich, Daniel Blake“ von Ken Loach“ weiterlesen

Beobachtung zweiter Ordnung:
„Paterson“ von Jim Jarmusch

 

Will man das: So heißen wie die Stadt, in der man wohnt? Das ist in etwa so, als stünde man mit einem rotbraunen Anzug vor einer Backsteinmauer. Genau so unscheinbar ist Paterson (Adam Driver /„Star Wars“, „Frances Ha“), der Protagonist des neuen Films von Jim Jarmusch. Der heißt nicht nur wie der Film, sondern eben auch wie die Stadt, in der er wohnt und durch die er sich unauffällig bewegt. Den Ort gibt es wirklich: 150.000 Einwohner leben hier. Mit den Great Falls des Passaic River gibt es einen beachtlichen Wasserfall, den aber angesichts der trostlosen Umgebung nur wenige Touristen aufsuchen dürften. „Beobachtung zweiter Ordnung:„Paterson“ von Jim Jarmusch“ weiterlesen

Zwischen Wut und Trauer:
„Die Ökonomie der Liebe“
von Joachim Lafosse

 

Es gibt Regeln und die müssen eingehalten werden. Zum Beispiel, an welchem Tag man für die Kinder, die Zwillinge Jade und Margaux, da zu sein hat. Heute ist Marie zuständig, aber plötzlich platzt Boris herein und bringt alles durcheinander. Der Ablauf gerät aus den Fugen: Die Kinder freuen sich über Papa, machen aber nicht mehr, was Mama sagt. Marie ist genervt, es kommt zum Streit. Die beiden sind seit 15 Jahren verheiratet und leben mit ihren Töchtern in einer schicken Eigentumswohnung mit pittoreskem Kopfsteinpflasterhof. Nun haben sich Boris und Marie für eine Trennung entschieden. Dass sie immer noch zusammen wohnen, liegt daran, dass die gemeinsame Wohnung Marie gehört und Boris sich keine eigene Wohnung leisten kann. „Zwischen Wut und Trauer:„Die Ökonomie der Liebe“von Joachim Lafosse“ weiterlesen

Fragmentierte Körper der Liebe:
„Swiss Army Man“
von Daniel Kwan & Daniel Scheinert

 

Splatterkomödie? Buddy-Movie oder Body-Movie? Vielleicht auch tragikomische Fantasy? Man sollte erst gar nicht versuchen, „Swiss Army Man“ zu kategorisieren. Einen Film wie diesen, über den vorab nicht allzu viel verraten werden darf, hat man bestimmt noch nicht gesehen: Hank (Paul Dano) sieht mit seinen langen Haaren, dem Bart und den ramponierten Klamotten ein wenig aus wie ein moderner Robinson Crusoe. Und in der Tat: Er scheint auf einer kleinen, einsamen Insel gestrandet zu sein. Seit Tagen schickt er Plastikflaschen mit Botschaften auf das weite Meer. Doch dann verliert er die Hoffnung auf Rettung und versucht, sich zu erhängen. Als er schon baumelt, sieht er jemanden am Strand liegen. Hank kann seinen Hals gerade noch aus der Schlinge ziehen. „Fragmentierte Körper der Liebe:„Swiss Army Man“von Daniel Kwan & Daniel Scheinert“ weiterlesen

„Eight Days a Week: The touring Years“
von Ron Howard

Washington Coliseum, Washington D.C. February 1964

Mehrere tausend kreischende Mädchen kurz vor der Ohnmacht, auf einer kleinen Bühne davor vier adrett gekleidete Jungs mit ihren Instrumenten, charmant lächelnd: Die Bilder der Beatlemania sind allseits bekannt und sitzen fest in unserem kollektiven Gedächtnis. Auch die nur gut zehnjährige Bandgeschichte mit ihren vielen pophistorischen Meilensteinen ist ausgiebig beleuchtet. Was kann einem eine Dokumentation über die vier Pilzköpfe nach Hunderten von Büchern, Spiel- und Dokumentarfilmen, akribisch editierten Plattenveröffentlichungen und sogar mehreren Comics noch Neues erzählen?
Hier geht es zur vollständigen Kritik aufZeit-Online

„Alles was kommt“ von Mia Hansen-Løve

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Nathalie hat eine erstaunliche Energie. Das merkt man in jedem Augenblick. Ob sie sich Zutritt zu der von politisierten Schülern verbarrikadierten Schule verschafft, um ihren Unterricht durchzuführen, ob sie mit ihrem Verlag verhandelt, der gerade eine ‚jüngere Linie‘ anstelle ihrer etwas angestaubten Lehrbücher ins Programm nehmen will, oder mit ihrem Mann und den erwachsenen Kindern den Alltag bewältigt – Schwäche zeigt Nathalie selten. „„Alles was kommt“ von Mia Hansen-Løve“ weiterlesen

„Captain Fantastic –
Einmal Wildnis und zurück“
von Matt Ross

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Ben und Leslie leben mit ihren sechs Kindern fernab jeglicher Zivilisation in den Wäldern Oregons. Dort erhalten sei ein hartes Survivaltraining, werden zivilisationskritisch erzogen, aber bekommen auch eine vorzügliche Allgemeinbildung. Die drei Jungen und drei Mädchen zwischen 6 und 18 werden jeden Morgen durch den Wald gescheucht, müssen Krafttraining ebenso machen wie Felsklettern für Fortgeschrittene. Dass sie die Pflanzen und Tiere in ihrer Umgebung in- und auswendig kennen, versteht sich von selber. „„Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück“ von Matt Ross“ weiterlesen

„1001 Nacht“ von Miguel Gomez

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Der Jubel über die EM ist noch nicht verklungen, da startet die EU ein Strafverfahren gegen die „Defizitsünder“ Portugal, die sich gerade ganz langsam vom wirtschaftlichen Tiefpunkt erholt haben. Der EU geht das aber nicht schnell genug, sie will mit einer absurden Logik Geldstrafen verhängen. Zum Lachen? Zum Weinen? Im Jahr 2013, dem Tiefpunkt der Krise in Portugal, will der portugiesische Regisseur Miguel Gomes die Lage in seinem Land porträtieren und gerät dadurch selber in eine Krise. „„1001 Nacht“ von Miguel Gomez“ weiterlesen

„Tangerine L.A.“ von Sean Baker

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Jetzt ist Sin-Dee (Kitana Kiki Rodriguez) stocksauer! Eben noch war sie bester Laune: Es ist Heiligabend, und gerade wurde sie aus dem Knast entlassen. Da erfährt sie von ihrer besten Freundin Alexandra (Mya Taylor), dass ihr Freund Chester sie während ihres Gefängnisaufenthalts mit einer Anderen betrogen hat. Das ist schon übel genug, aber das Schlimmste: Chester hat sie mit einer ganz normalen Frau betrogen. „„Tangerine L.A.“ von Sean Baker“ weiterlesen

„Cafe Belgica“ von Felix van Groeningen

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Musik ist wichtig für den Zusammenhalt seiner Filme, sagt der belgische Regisseur Felix Van Groeningen: „Sie sollte wirklich Teil der Geschichte sein.“ Wirklich beeindruckend hat er diese These 2012 in seinem großen Erfolg The Broken Circle umgesetzt. In Café Belgica verbindet er nun noch konsequenter Story und Sound, gerät diesmal allerdings immer wieder aus dem Takt …

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Der Mann, der zu wenig wusste:
„Remainder“ von Omer Fast

Ramainder

 

Ein Mann steht mit Rollkoffer an einer befahrenen Straße in einer Innenstadt. Er wirkt zugleich gehetzt und zögerlich. Als er die Straße überquert, vergisst er seinen Koffer. Er blickt irritiert zurück, will ihn bereits holen, als Splitter von dem überdimensionalen Glasdach, dass sich zwischen den schicken Bürogebäuden spannt, herunterfallen. Weitere, undefinierbare Teile fallen vom Himmel und treffen den jungen Mann mit voller Wucht. Der Schlag trifft auch die Umstehenden, die ebenso überrascht sind, wie die Zuschauer im Kino. „Der Mann, der zu wenig wusste:„Remainder“ von Omer Fast“ weiterlesen

„Der Schamane und die Schlange“ von Ciro Guerra

Der_Schamane_und_die_Schlange

 

Zu Beginn sehen wir einen Einbaum mit einem weißen Forscher an Bord, während am Ufer des Flusses ein Ureinwohner mit unverhohlen ablehnender Haltung steht. Marco Bechis‘ Film „Birdwatchers“ aus dem Jahr 2008 beginnt ganz ähnlich wie „Der Schamane und die Schlange“: Hier ist es eine Touristengruppe, die in einem Boot an einer Gruppe von Ureinwohnern vorbeifährt. Deren Aggression ist kaum versteckt – schließlich werfen sie sogar Speere auf die Weißen. „„Der Schamane und die Schlange“ von Ciro Guerra“ weiterlesen

Es geschah am hellichten Tag:
„El Clan“ von Pablo Trapero

El_Clan

 

Es ist ein freundliches Szenario: Die angesehene Familie Puccio lebt in einem Haus in Buenos Aires, dem ein kleiner Laden angeschlossen ist. Vater Arquímedes grüßt immer freundlich, wenn er morgens den Bürgersteig kehrt, die Mutter Epifanía sorgt liebevoll für die vielen Kinder. Die jüngste Tochter Adriana ist ein typischer, lebensfroher Teenager und auch ihr Bruder Guillermo scheint ein ganz normaler Junge zu sein. „Es geschah am hellichten Tag:„El Clan“ von Pablo Trapero“ weiterlesen

Dialogisches Gemetzel
„The Hateful Eight“ von Quentin Tarantino

THE HATEFUL EIGHT

 

Keine Frage, der neue Film von Quentin Tarantino spaltet mehr denn je: Die einen nennen ihn im besten Fall langweilig, empfinden den Film häufig aber auch als höchst unmoralisch. Die anderen feiern den Film für seine Dialoge, seine Bilder, seinen Spannungsaufbau und nicht zuletzt für seine oft auf Gewalt gründende Komik (ja, fiktionale Gewalt kann komisch sein, siehe Dick & Doof, Tom & Jerry etc.). „The Hateful Eight“ scheint Tarantinos extremstes Werk seit seinem Debüt „Reservoir Dogs“ zu sein, verfolgt gegenüber dem Erstling allerdings eine Mission. „Dialogisches Gemetzel „The Hateful Eight“ von Quentin Tarantino“ weiterlesen

Entfremdetes Puppengesicht
„Anomalisa“ von Duke Johnson & Charlie Kaufman

ANOMALISA

 

Bislang schneidet der neue Film von Charlie Kaufman bei der internationalen Filmkritik extrem gut ab. Das ist bei einem Kritikerliebling wie Kaufman, der mit seinen Drehbüchern zu Filmen wie „Being John Malkovich“ (1999), „Human Nature“ (2001), „Adaption“ (2002), „Confessions of a Dangerous Mind“ (2002) oder „Vergiss mein nicht!“ (2004) von Regisseuren wie Michael Gondry oder Spike Jonze regelmäßig für Begeisterung gesorgt hat, nicht so ungewöhnlich. Doch die Einstimmigkeit, mit der der Lobgesang anhebt, ist sogar für einen Charlie-Kaufman-Film erstaunlich. Zumal es sich um einen klassischen Puppenfilm handelt. „Entfremdetes Puppengesicht„Anomalisa“ von Duke Johnson & Charlie Kaufman“ weiterlesen