Can DVD

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Die wegweisendste, einflussreichste und legendärste Kölner Rockband der Geschichte? Nein – der Name beginnt natürlich nicht mit „B“ wie Bap, Bläck Föös oder Brings! Man muss einen Buchstaben im Alphabet weiterrücken um bei „C“ wie Can zu landen …

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Squarepusher

Sonic Destroyer!

Bevor das Interview beginnt, fällt im Raum der Name Alan McGee. Kennt der nach einigen Stunden Dumme-Journalisten-Fragen-Beantworten deutlich abgeschlaffte Tom Jenkinson aka Squarepusher nicht! Als ich erläutere, dass er das Label Creation gegründet hat, lautet sein desinteressierter Kommentar: „Kenn ich auch nicht, aber was für ein blöder Name. Hätte er besser Destroy genannt“.

Dabei macht sich Squarepusher nach wie vor häufig die doppelte Arbeit: erst kreieren, dann negieren, oder – etwas positiver ausgedrückt: erst zusammensetzten, dann wieder auseinandernehmen! Auf Squarepushers neuer Platte ‚Go plastic’ kommt diese Tugend wieder voll zum tragen, nachdem er zuvor mit Maximum Priest und Budakhan Mindphone fast schon seriöse Avantgardeziele verfolgt hat. Auf die Bemerkung, er würde sich im Moment wieder mehr seinem frühen Wahnwitz nähern, und überhaupt sei seine Entwicklung alles andere als die einer linearen Evolution, kontert er mit einem Modell dreier Tracktypen, die ständigen Verfeinerungen unterworfen werden: „Es gibt die ruhigeren Stücken ohne Beats (Leute, die das Ambient nennen, sollten ihm nicht zu nahe kommen…), die eher im Drum ‚n’ Bass-Kontext angesiedelten Stücken und die freieren, Fusion-Jazz inspirierten Sachen. Die drei Typen vermischen sich natürlich auch“. Denn alle drei Stränge bewegen sich auch gerne in Kreisen, entwickeln sich also nicht nach herkömmlichen Fortschritts-Schemata, und – das kann man sich leicht ausmalen – verheddern sich auch ineinander. Das führt zu D’n’B- Ambient (aua!), Fusion-D’n’B, Ambient-Fusion (noch mal aua!) und ähnlichem Unfug, der zu Hören dem Wagemutigen großen Spaß bereiten kann.
Neben dem wieder angehobenem Irrwitzfaktor scheint auch der Anteil ‚herkömmlicher’ Instrumente (Bass und Schlagzeug) wieder abgenommen zu haben.
Bei dem Thema entwickelt Herr Jenkinson allerdings einen ähnlichen Ekel, wie bei der Genreeinordnung seiner Tracks, aber da muss er jetzt trotz seines desolaten Zustands durch. „Die Unterscheidung von Computern und Instrumenten, äh, wenn ich von Instrumenten rede meine ich…(spielt den muckermäßig hochgeschnallten Luft-Bass), interessiert mich nicht“.
Ich stimme ihm schnell zu, um nicht vollkommen als Trottel dazustehen… Aber schließlich hat er dieses Fusion-Virtuositätsausstellungsspiel selber bereits mit den Bass-gniedel-daddel-Soli seines ersten Albums „Feed Me Weird Things“ losgetreten. „Hm, ja, stimmt“. Na also! Die Anteile herkömmlicher Instrumente sind jedoch gar nicht zurückgegangen, nur macht eine nachträgliche Klangbearbeitung auf der einen, und das Sampeln herkömmlicher Instrumente auf der anderen Seite eine Unterscheidung immer schwieriger und natürlich auch überflüssiger. Das Werk beantwortet die Fragen mal wieder wesentlich besser als der Autor. Und auch dessen Laune ist deutlich besser. Findet er eigentlich, dass seine Musik humorvoll ist? „Ja, schon…“.
Wirklich neu ist hingegen sein Versuch, 2Step ein wenig Charakter einzuhauchen. „Eines Tages kam ein Freund von mir, der viel 2Step hört, in mein Studio und er fand meine neuen Sachen mal wieder sehr strange. Da habe ich gesagt: ‚Ich mach Dir mal einen 2Step Track in meinem Stil’“ . Hat er gemacht, und als der Freund ihn gehört hat, hat er ihm anscheinend sogar gefallen, auch wenn er ihn etwas ungewöhnlich fand. Nur, es ist zu befürchten, dass der beim Tanzen zu „My Red Hot Car“ seinen Champagner verschütten wird.

Zuerst erschienen in De:Bug 11/03

Schlammpeitziger II

Schlamm(ge)schichten

Drei Jahre hat sich der Schlammpeitziger aka Jo Zimmermann Zeit genommen, um sein neues Album fertig zustellen. Aber nicht drei Jahre lang! Nach einem Remix für Depeche Mode und seiner Best of CD für das Britische Label Domino war zunächst eine Neupositionierung gefragt. Das Album selbst wurde in nur einem halben Jahr eingespielt. Was ist neu, was ist anders?

In der Tat hat sich einiges geändert, auch wenn einem das nicht so direkt ins Auge und Ohr springt. Die Produktionsbedingungen, die seit langem in der fast hermetischen Schlammpeitziger-Welt überschaubar waren, sind etwas durcheinander geraten: er hat zum ersten mal stringent an einem Album gearbeitet, und nicht über zwei Jahre Stücke angesammelt. Nach nur einem halben Jahr waren 9 Tracks fertig! „Es sollten eigentlich 10 Stücke werden, aber nach dem neunten war ich einfach leer! Da konnten die Geräte auch mal wieder schweigen.“ Auch hier, beim Instrumentarium, hat sich einiges geändert: Wo zuvor der Casio tonangebend war, regiert jetzt ein Roland SP 808 mit seiner Vielfalt an Möglichkeiten. „Man kann da Sachen exakt platzieren, wie im Minicomputer. Das ist eine ganz andere Arbeitsweise: da kann man Dinge nebeneinander und übereinander stellen, so dass die vom Timing auch genau hineinpassen. Ich habe auch viel mit Resamples gearbeitet. Die vier digitalen Spuren habe ich dann oft nachher wieder auf 8 analoge gebracht und noch mal Melodien dazu gespielt. Außerdem habe ich eine dickere Drummaschine benutzt, weil ich auf die Casio-‚Holzdrums’ wirklich keine Lust mehr hatte – es sollte mehr nach vorne gehen.“

Und nach oben, unten, rechts und links! Nachdem die kleinen Attraktionen, für Depeche Mode remixen zu dürfen (der Matmos- oder Mark Bell-Effekt hat sich aber nicht eingestellt, weil der Remix „zu eigen, zu verschroben“ war) und sein Best-of… Album „Collected simplesongs Of My Temporary Past“ auf Domino veröffentlichen zu können das Telefon NICHT haben heiß klingeln lassen, hatte Jo Zeit, sich über eine Neupositionierung Gedanken zu machen. „Ich wollte eine Grätsche machen zwischen Elektronik, Pop und Experiment. Ich habe die drei Jahre viel Musik gehört, und was letztendlich für mich hängen geblieben ist, wo ich am meisten dachte, da könnte es für mich hingehen, war zwischen Capitol K, Vert und Stevie Wonder. Ich dachte, dass das auch für mich eine gute Fortsetzung wäre für elektronische Popmusik im weitesten Sinne. Ich hatte keine Lust, dass das alles glatter wird, oder mainstreamiger. Ich wollte, dass das verschroben und komisch bleibt., zwischen Geräusch, Melodie und Pop.“ Niedlich-Sound adé! Stattdessen rappelt es auf dem neuen Album „Everything Without All Inclusive“ ordentlich und man kann bei der Vielschichtigkeit der Tracks durchaus von einem komplex geschichteten Wall of Sound sprechen.

Aus den vielen Schichten schälen sich dann immer wieder Geschichten – vage narrative Strukturen heraus. Konkreter wird es, wenn gesampelte Geräusche wie das Summen eines Bienenschwarms oder die Geräusche eines Ruderbootes zu hören sind. „Eine Geschichte ergibt sich erst während der Arbeit mit den Bruchstücken, bevor man die Versatzstücke zusammenfügt und es ein Ganzes ergibt. Das wurde jetzt schon öfters lyrisch genannt, worauf dann die Frage nach Gesang folgte. Auf Gesang hatte ich aber keine Lust. Ich wollte noch mal eine Platte machen, bei der ich einen Schritt anders wohin gehen und trotzdem instrumental bleiben kann. Ich dachte, dass es auf jeden Fall noch eine Erzählform in elektronischer Musik gibt, die ohne Stimme auskommt! Außerdem hätte ich total anders arbeiten müssen, wenn da noch eine Stimme hätte reinpassen sollen. Die Musik ist viel zu dicht und gar nicht so angelegt! Das ist aber witzig, das jetzt gesagt wird, die Platte klingt lyrisch, denn dann hat sich das mit der Stimme ja eh erst mal erledigt!“

Geblieben sind bei all den Veränderungen und Auflockerungen des hermetischen Schlammpeitziger-Universums die langen Titel aus neuen Wortschöpfungen. Nur beim Album Titel wurde er etwas pragmatischer: „Diesmal war es mir wichtig, etwas zu sagen, was nicht in diesem geschlossenen Schlammpeitziger-System ist. Der Titel „Everything Without All Inclusive“ richtet sich gegen ‚all inklusive’, fordert Eigenheit und Einzigartigkeit. Auch in der Elektronik wird alles so auf EINEM Teppich breitgetreten, und da ist es wichtig, dass es auch verschrobene und andersartige Sachen gibt innerhalb dieser ganzen Parameter.“
(Sonig, VÖ: 3.11.03).

Zuerst erschienen in De:Bug 11/03

Peaches – Fatherfucker

Erstmal volle Punktzahl für’s Image: Peaches mit angeklebtem Bart auf dem Cover des wohlüberlegt betitelten zweiten Albums „Fatherfucker“:

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Sexploitation und Gender-Verwirrung sind weiter ihre Themen. In einem der drei Bonus-Videos dann noch ein musikalisches Statement: „Queen of the Electro-Crap“ nennt sie sich da und läuft rum wie die 43. Version einer M.I.A. Obwohl: rein musikalisch betrachtet könnte sie natürlich auf dem Electro-Clash-Sampler landen: ihr Minimal-Electro-Booty-Style ist ab und an von Rockgitarren durchkreuzt. Das meiste hier ist aber staubtrockener Ghetto-Bass, Techno-Bass oder wie man das Zeug zur Zeit nennt. Cool wie Scheiße, dieser Crap, und das weiß inzwischen sogar good old Iggy Pop, der mit ihr bei „Kick It“ im Duett singt. (Als Doppel-CD mit 3 Bonustracks, darunter das tolle, bisher nur live gehörte „Sex(I’m a)“).
(XL-Rec./Beggars Group, VÖ: 15.9.2003)

Zuerst erschienen in De:Bug 10/03

Cavemen Speak – Wooden Cast

Es ist erstaunlich, was für eine Bandbreite das Duo Cavemen Speak da auf 11 Tracks demonstriert: zwischen hübsch verträumten Stücken mit perlenden Pianoakkorden, düster-verrauschtem Minimalismus, eingeflochtenen tricky Breakbeats in Drum ‚n’ Bass-Tempo, Electronica-Anleihen, Jazz-elementen und fernöstlichen Sounds findet man hier so ziemlich alles in bester Qualität, was man vom Leftfield-HipHop der letzten Jahre kennt. Und mehr! Schöne Überraschung!
(Shadowanimals, VÖ: 9/03)

Fanny Pack – So Stylistic

Salt ‚n’ Pepper oder die unbekannteren aber ziemlich irren und guten L’Trimm sind die deutlichen Referenzen von Fanny Pack. Also Female Rap der späten 80er: aufgekratzt freche Raps plus minimalistische Beats aus der Roland-808. In der Version der zwei musizierenden Jungs und der drei Girls (Jessibel, Belinda und Cat heißen die) paart sich das zudem mit fettem Booty-Style. Das klingt zwar erst einmal sehr ausgedacht – und ist es wohl auch – doch die Mischung funktioniert vorzüglich. Wenn man „Push it“ mochte und gegen Partymusik mit einer Extraportion Bass nichts einzuwenden hat, ist das genau das richtige. Und bitte nicht vom 80’s-Trash-Cover mit original Fat Boys Schriftzug abschrecken lassen.
(Tommy Boy, VÖ: 09/03)

Schorsch Kamerun zu „Golden Lemons“

Rockerdialog: Wen interessiert das noch?

Nach gut 20 Dienstjahren gibt es die Goldenen Zitronen erstmals im Kino zu sehen. Ihre US-Tour als Vorgruppe des schizophrenen und autistischen Musikers Wesley Willis bildet den Rahmen für den Tourfilm ‚Golden Lemons’. Regisseur Jörg Siepmann begleitete die Band knapp zwei Wochen durch die Provinzstädte des Westen der USA und liefert ein Portrait der Band unter diesen ungewöhnlichen Bedingungen. Ganz glücklich sind die mit dem Film jedoch nicht. Gründungsmitglied Schorsch Kamerun erläutert warum.

De:Bug: Eindeutige, sichere Zustände interessieren Euch anscheinend nicht. Als deutlich links positionierte politische Punkband tourt Ihr durch die eher konservativen Provinzstädte des US-Amerikanischen Westens. War das eine bewusste Entscheidung für einen Konfrontationskurs?
Schorsch Kamerun: Es waren schon klar Subkultur- orientierte Umgebungen in denen wir dort aufgetreten sind. Insofern empfanden wir die unmittelbaren Auftrittsorte nicht unbedingt „konservativer“ als ein Kulturzentrum wie „die Fabrik“ in Hamburg- Altona. Konfrontationen durch unser Auftreten allein waren so vorab erstmal nicht angelegt. Es gab eher ein erstauntes Empfinden über unsere klareren politischen Statements (beispielsweise über den aktuellen Präsidenten), aber niemals eine verärgerte Reaktion.
De:Bug: Könnt ihr einschätzen, wie man Euch dort als Band wahrgenommen hat? Habt Ihr ein detaillierteres Feedback von den Leuten bekommen? Wart Ihr die verrückten Deutschen, die coolen Deutschen, oder war Irritation eher vorherrschend? Wie hat die Musik gewirkt? Der Film gibt darüber nicht so recht Aufschluss…
SK: Das scheint mir eines der Probleme des Films zu sein. Er interessiert sich nicht weiter für die direkten Reaktionen die wir beim Publikum auslösten. Das heißt er ignoriert weitestgehend die kommunikativen Erlebnisse zwischen den Leuten vor Ort und uns- nach, aber auch während der Auftritte. Es gab viele spannende Gespräche mit den unterschiedlichsten Leuten, breit gefächert über Themen aus meist subkulturellen und politischen Bereichen, die der Film komplett auslässt.
Unser musikalisches Auftreten schien mir in seinem „realen Moment“ am überraschendsten zu wirken für das Publikum. Ich glaube wir sind als europäische Band weit weniger vordergründig eine „Show“ als vergleichbare Acts, wie vielleicht Jon Spencer o.Ä.
De:Bug: Wie habt Ihr den Spagat zwischen den Polen ausgehalten, als Vorgruppe des schizophrenen Musikers Wesley Willis einerseits Teil eines lobenswerten ‚Projektes’ zu sein (vgl. Phänomen ‚Station 17’), andererseits Euch aber auch immer wieder wie in einer unangenehmen Freakshow vorzukommen, wo man nicht mehr weiß, wer hier mit und wer über Willis lacht?
SK: Man muss schon ziemlich genau hin schauen bei dem Phänomen Wesley Willis. Er ist ziemlich komplex. Er ändert auch des Öfteren seine Positionen. In seinem Grundwesen ist er aber mit Sicherheit ein durchaus friedliebend ausgerichteter Zeitgenosse. Die Konzert bestimmenden „Fun- orientierten“ Reaktionen der Leute, vornehmlich bei den rüpelhaftesten Passagen seiner Vorstellungen (inklusive seiner Kopfnussrituale), sind für mich aber auch nicht immer voll zu verstehen. Es gilt zu bedenken das er meist in einer eigentlich recht eindeutigen Hardcore- Szene stattfindet.
De:Bug: Eine inhaltliche Auseinandersetzung war mit WW bzw. seinem Manager wohl nicht zu führen bzw. wäre wohl auch fehl am Platz gewesen. Im Film kommt mehrmals und an exponierter Stelle der Bin Laden Song vor, so dass man fragen muss, wie Ihr Euch dazu verhalten habt? Da klingt ja EIGENTLICH ein unangenehmer Patriotismus mit. Wie geht man damit um, wenn das von einem Menschen wie WW kommt?
SK: In dem man ihn ganz direkt fragt, was genau er mit diesem Lied sagen will. Es gibt aber kein klares Bild einer Antwort. Ich selbst habe ihn exakt diesen Song schon sehr unterschiedlich interpretieren hören. Textlich bleibt die reduzierte Ebene von: der Böse hat das Schlimme angerichtet und darum ist er ein Arschloch und deshalb man sollte Dieses und Jenes mit ihm anstellen. Anderseits denkt Wesley im Genaueren, allein schon durch seine Prägung (er war Zeuge schwerer Gewaltverbrechen), ein ganz feines Nachdenken über Gewaltausübung. Im besten Fall nehme ich solche brachialen Texte deshalb als (wie auch immer zu bewertenden) „Style“ wahr.
De:Bug: Der Film zeigt Euch sehr offen in Bezug auf Eure Konflikte untereinander und Eure inneren Konflikte. Wie empfindet Ihr diese Offenheit, wenn Ihr den Film seht?
SK: Das wäre im Grunde Okay mit uns. Wir finden nur, dass der Film an diesen Stellen sehr populistisch wiedergibt, wenn es um die Interna der Band geht. Außerdem ist das wirklich unverständlich schwach klischiert wenn man Bilder ausstellt, wo sich Gitarrist und Sänger über zu laute Verstärker streiten. Das gibt es zwar, aber wen interessiert das noch?
De:Bug: Ihr seid mit dem Bild, dass der Film von Euch zeichnet, nicht sonderlich zufrieden. Was gefällt Euch nicht an Eurer Darstellung im Film, was wäre Euch in einem Film wichtiger gewesen?
SK: Wir haben diese Tournee zu sagen wir 50% anders empfunden als der Film das wieder gibt. Er lässt völlig aus wie sich unsere Band in der besonderen Situation präsentiert hat in der wir uns befanden in den USA. Es gab unendlich viele Kontakte, Gespräche, Diskussionen, aber auch diverse persönliche Erlebnisse mit Leuten vor Ort. Das fehlt extrem für eine halbwegs adäquate Wiedergabe. Stattdessen sieht man Massen ästhetisierte Szenen von melancholischen Musikreisenden die traurig aus dem Tourbus sinnieren. Der Film sollte in dieser Form zumindest nicht so heißen wie die Band. Unser Problem ist nun, das wir den Film handwerklich als nicht ungelungen empfinden. Nur ignoriert er zu großen Teilen unsere Anliegen im Allgemeinen und noch mal mehr im Speziellen die dieser USA- Reise.
(Bundesstart von Golden Lemons: 28.8.2003)

Zuerst erschienen in De:Bug 09/2003

Danger Mouse & Jemini – Ghetto Pop Life

Jetzt gibt’s von Lex Records auch mal richtigen HipHop. Na, den gab`s auch schon auf ein paar Maxis, aber nach den drei Teilen des Lexoleums und der LP von Boom Bip war man doch eher HipHop orientierte Electronica von ihnen gewohnt.

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Danger Mouse & Jemini hingegen ist astreiner NY-Underground. MC Jemini hat viel zu erzählen (meist Blödsinn…), reitet schnell auf den Beats ohne ins Hecheln zu kommen, bleibt immer geschmeidig und rund im flow (klingt wie Sadat X auf Speed!). Danger Mouse bastelt dazu extrem abwechslungsreiche Musik, die ganz und gar nicht nach einem 24jährige Jungspund klingt. Absolut musikgeschichtsbewandert kreiert er ausgesprochen eigenständige neue Soundverbindungen, von hart rockend bis romantisch einlullend, vom Gitarrenloop über Pianokaskaden zur eingearbeiteten Operette. Verschnaufpausen gönnen die beiden einem jedenfalls nicht. Gut so!
(Lex, VÖ: 14.07.2003)

Zuerst erschienen in De:Bug 06.03

Meanest Man Contest (Interview)

Gefühlsachterbahn

Meanest Man Contest machen es dem zwangsneurotischen Archivar auch nicht leichter. Als gäbe es nicht schon genügend Verwirrung stiftende Scott Herrens auf dieser Welt, müssen sich auch MMC gekonnt zwischen die Stühle Electronica und HipHop setzen.

Auf ihrem eigenen Label Weapon-Shaped veröffentlichen sie krudes Anticon-Zeug und Artverwandtes in bester visueller Verpackung. Für ihr Debutalbum ‚Merit’ geht das Duo Meanest Man Contest allerdings zu Plug Research, dem Connaisseur-Label für Elektronik-Listener aller Art. Und natürlich sieht das Album-Cover überhaupt nicht nach HipHop, sondern nach gutem Kunst-Comic aus.

De:Bug Ähnlich wie zur Zeit auch bei einigen anderen HipHop-Produzenten, hat Eure Musik eine narrative Struktur, die mehr ist als das gewöhnliche ‘1-sampleloop-plus-1-catchy-Refrain’-Ding. Das erinnert an Electronica-HipHop-Produzenten wie Scott Herren (Prefuse 73). Kommt ihr wie er aus dieser Ecke, oder seid ihr eher B-Boys, die sich elektronischer Musik nähern?

Quarterbar: Wir haben definitiv mit einem Interesse an HipHop angefangen und uns dann hin zur elektronischen Musik bewegt. Das war aber keine bewusste Entscheidung. Wir versuchen, über solche Dinge nicht zu viel nachzudenken und einfach die Musik zu machen, die wir lieben. Aber wir mögen natürlich Sachen wie Push Button Objects oder Boards Of Canada.

De:Bug: Bei Euch gibt es ja auch den für Abstract-HipHop üblichen Schwerpunkt auf Instrumentals. Geht es Euch also mehr um die Erweiterung des musikalischen Ausdrucks im HipHop als um Rap-Skills und Lyrics?

Eriksolo: Wir wollen einfach nicht auf eine Formel reduziert sein. Einiges von dem, was wir demnächst veröffentlichen, wird mehr Vocal-orientiert sein als ‚Merit’. Für dieses Album haben wir aber eine instrumentale Herangehensweise beschlossen.

De:Bug: Ihr habt viele Jazz-Elemente in Eurer Musik. Die sind aber weniger die übliche Imitation (wie häufig beim Sampling durch die Verwendung von Klischees) als eine Neuerfindung von Jazz, wie man es auch von Plug Research-Labelmates wie Daedelus oder Low Res kennt. Könnt ihr dem zustimmen und Euer Verhältnis zu Jazz erläutern?

QB: Danke, das ist ein großes Kompliment! Wir sind beide große Jazz-Fans schätzen alle Möglichkeiten, die der Jazz bietet. Wir haben eine Menge Jazz-Samples verwendet – das wird wohl zu diesem Jazz-Feeling auf ‚Merit’ führen. Wir versuchen dabei tatsächlich neues zu erschaffen statt nur zu wiederholen, wie es viele Jazz-Musiker tun. Plug Research hat viele kreative Leute, die ebenfalls versuchen, etwas neues zu machen. Es ist gut, ein Teil davon zu sein. Einen MMC-Song zu machen ist dennoch keine spontane oder freie Angelegenheit. Fast alle Stücke sind mit dem MPC2000 aus Platten-Samples zusammengebaut. Es gibt einige wenige Stücke, wo ich Gitarre drüber spiele, mich selber an Gitarre oder Synthie gesampelt habe – das meiste sind aber gesampelte Platten. Ich mag die Tatsache, dass Du nur durchs sampeln einen so reichen Sound erlangen kannst. Jede Platte ist mit anderen Instrumenten, Verstärkern, Mikros und in unterschiedlichen Räumen aufgenommen, unterschiedlich gemastert. Je mehr Quellen Du verwendest, desto mehr kannst Du daraus Gewinn ziehen.

De:Bug: Á propos Gitarre: In Eurer Musik ist oft auch ein melancholischer folky Touch mit freundlicher, warmer Stimmung zu finden. Das steht oft im Kontrast zu düsteren, elektronischen Klängen. Wechselt Ihr gerne innerhalb der Stücke so extrem zwischen den Stimmungen? Warum wählt Ihr eine solche Achterbahnfahrt der Gefühle?

QB: Ich denke, dass Dinge mehr Beachtung finden, wenn man sie in Kontrast zueinander stellt, das bewirkt einen stärkeren Effekt. Der Grund dafür, warum die Beats so wechselhaft sind, liegt in meiner Arbeitsweise. Ich mache ziemlich viele Beats und wähle später die besten aus. Manchmal kann ich mich zwischen zweien nicht entscheiden – dann nehme ich eben beide oder verschmelze sie.

De:Bug: Wie seid Ihr als HipHop-Produzenten eigentlich zu Plug Research gekommen?

E: Wir haben Material zu einem Label in LA geschickt. Der Typ hat das Allen von Plug Research vorgespielt, dem es sofort gefiel. Keine gute Story, wirklich! Wir sollten uns mal eine spannendere Version ausdenken!

Zuerst erschienen in De:Bug 6/03

Jürgen Teipel: Verschwende Deine Jugend (Buch)
V/A: Verschwende Deine Jugend (CD)

Warum sich ‚New Wave’ nicht mit ‚Neue Deutsche Welle’ übersetzen lässt.

Ende letzten Jahres erschien im Suhrkamp Verlag das großartige Buch VERSCHWENDE DEINE JUGEND. Damit lieferte Jürgen Teipel anhand unzähliger O-Töne ehemaliger Protagonisten der deutschen New Wave zwischen 1976 und 1983 ein umfangreiches Zeitkolorit vom Auf- bis zum Zusammenbruch der Szene. Die Zitate aus den einzelnen hierfür geführten Interviews sind kommentarlos, aber in höchst raffinierte Weise aneinandergereiht – der Autor nennt es Doku-Roman, das Prinzip ist übernommen von dem ebenso gelungenen Pendant und Vorbild „Please kill me“ von Legs McNeil und Gilian McCain (auf Deutsch erschienen bei Hannibal).

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Im Zusammenhang mit diesem Buch erscheint nun bei dem damals stark involvierten Düsseldorfer Plattenlabel Ata Tak eine ebenso einmalige Doppel-CD, die analog zum Buch die bedeutendsten Musikstücke dieser Zeit zusammenfasst. Über die Auswahl muss man erst gar nicht streiten: denn erstens ist sie wirklich sehr repräsentativ für das musikalische Geschehen dieser Zeit (die Düsseldorflastigkeit findet man bereits im Buch, sie ist aber auch historisch legitim), und zweitens orientiert sie sich ja an den im Buch entscheidenden Stücken, ist also eine Gesamtauswahl vieler der Beteiligten Musiker: angefangen vom Düsseldorfer Ur-Punk bei MALE, MITTAGSPAUSE und S.Y.P.H., über die avantgardistischeren, mehr aus Kunstkontexten entstandenen Ansätze bei PALAIS SCHAUMBURG, der TÖDLICHEN DORIS, den Einstürzenden Neubauten oder FSK bis zum Abgesang auf die ‚Happy New Wave’ von XAO SEFFCHEQUE und den neue Tendenzen anstoßenden, elektronischen Tanzmusiken von DAF, den KRUPPS und LIAISONS DANGEREUSES (nur: wo bleiben die GEISTERFAHRER?). Buch und CD gemeinsam konsumiert, ergibt das einen äußerst gelungenen Einblick in eine bis dahin eher dürftig dokumentierte musikalische Deutschstunde. Und wer sich jetzt fragt, warum Nena und Markus unerwähnt bleiben, der muss nachsitzen und 100 mal ‚New Wave’ an die Tafel schreiben!
Erschienen bei Suhrkamp (Buch) bzw. Universal (CD; VÖ: 22.4.2002).

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 4/02

St. Thomas: „I’m Coming Home“

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Mal was neues: Country-Folk aus Norwegen! Der Novelty-Gag an sich würde natürlich als Grund für eine Rezension nicht reichen. Aber trotz aller Absurdität dieser Kombination verbirgt sich hinter ‚I’m Coming Home’ ein ernst zu nehmendes Album mit amerikanischer Folklore aus der Sicht von St. Thomas’ offensichtlichen Vorbildern wie Neil Young oder Palace Brothers. Vor allem gesanglich nähert er sich diesen beiden Helden bedrohlich nahe, fast bis zur Selbstaufgabe: Wir hören also eine leicht nasale, zarte und zerbrechliche Stimme, die auch von der vorwiegend akustischen und sparsam eingesetzten instrumentalen Begleitung kaum gestützt wird. Was aber vor allem auffällt, ist das wirklich gute Songwriting, durch das einige regelrechte Ohrwürmer entstanden sind. Dass so etwas in Norwegen in den Top Ten landet spricht zwar für das Land, kann aber kaum der musikalischen Einschätzung dienen. Aber man freut sich ja immer, wenn sympathische Minderheitenmusik ohne laute Gesten auch einmal Erfolg hat.
(City Slang/Labels/Virgin, )

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 4/02

Selten gehörte Musik in Köln

Ein antiautoritäres Lustspiel

Oswald Wiener präsentierte Mitte Januar im Kölner Volkstheater Millowitsch ‚Selten gehörter Musik’ und versuchte mit jungen Musikern, sein Projekt aus den 70er Jahren in die Jetztzeit zu katapultieren. Das gelang ihm allerdings nur ansatzweise.

Die Welten, die in Köln am Abend des 14.1. aufeinander prallten, könnten kaum verschiedener sein. ‚Selten gehörte Musik’ wurde für diesen Abend im Millowitsch-Theater angekündigt, und die Namen, die hinter diesem Projekt standen, konnten das Kölner Lustspieltheater mühelos mit einem vorwiegend jungen Publikum füllen.
‚Selten Gehörte Musik’ war in den siebziger Jahren ein aus der neodadaistischen Wiener Gruppe hervorgegangenes musikalisches Trio. Oswald Wiener (Dozent für Poetik und Ästhetik an der Düsseldorfer Kunstakademie), Gerhard Rühm und Dieter Roth haben sich in dieser Zeit für einige Konzerte und Schallplattenaufnahmen („3. Berliner Dichter-Workshop“,’73) zusammengefunden, um „…eine Ästhetik des Scheiterns auszuprobieren, das heißt eine Ästhetik des Nichtkönnens, des Möchtens, des Wollens. Und dies ist eine schmerzhafte Ästhetik, es ist eine Ästhetik der Peinlichkeiten, der Blamage, des Verzichts…“(Wiener). Durch das bewusste aufs Spiel setzen des Gelingens der Aufführung sollen die Ausdrucksmöglichkeiten der Musik erweitert werden. So nimmt man gezielt ein Instrument in die Hand, das man nicht beherrscht (falls man überhaupt eines beherrscht…), denn Kunst kommt nach Wiener nicht von können, sondern von wollen (deshalb nennt er es auch Wunst).
Nach langer Zeit hatte man nun erneut die seltene Gelegenheit, ‚Selten gehörte Musik’ zu erleben – allerdings in ganz anderer Besetzung. Auf der Bühne, in der Kulisse eines biederen, neoklassizistischen Wohnzimmers des gehobenen Bürgertums (die Kulisse der aktuellen Aufführung des Theaters), saßen nicht weniger als 13 Personen mit Glockenspiel, Gitarren, Schlagzeug, Samplern, Tuba, Saxophon, allerlei Flöten uvm. Die Liste der Beteiligten schien wild zusammengewürfelt zu sein: Mehrere Generationen avantgardistischer Aktivisten, von der ‚Wiener Family (Adam, Ingrid und Oswald Wiener) und Valie Export (Experimentalfilmerin aus dem Umfeld des Wiener Aktionismus) über Wolfgang Müller (ehem. Die Tödliche Doris) zu Marcus Schmickler, Thomas Brinkmann (der einst Schüler von Wiener war), Jan Werner von Mouse On Mars und der Medientheoretiker Nils Röller standen neben anderen auf der Bühne. Ein Generationskonflikt entstand daraus allerdings nicht. Groß war anscheinend der Respekt, den die jüngeren Teilnehmer dem Initiator Oswald Wiener entgegenbrachten.
Das Konzert wurde durch ein in dadaistischer Fantasiesprache gehaltenes Gespräch zwischen Wiener und Walter Fähndrich eingeleitet, an dem sich nach und nach alle Protagonisten beteiligten – verbal, musikalisch oder mit kleinen Handlungen. Das barg während des gut einstündigen Konzertes einige sowohl musikalische (in den besten Momenten energetisch wie ein gutes Free Jazz Konzert) als auch literarische oder gar komödiantische Höhepunkte.
Allerdings blieb das alles in allem recht brav. Die Akteure diffamierten sich zwar regelmäßig gegenseitig mit ‚peinlich,peinlich’ und ‚Blamage’ Zurufen und Fähndrich versuchte zwischendurch per Handy die Polizei wegen Ruhestörung zu rufen, doch blieb der Versuch reine Showeinlage. Ein kurzer Schlagabtausch mit Überraschungseiern zwischen Bühne und Saal verebbte schnell wieder und das biedere Ambiente auf der Bühne blieb komplett verschont. Musikalisch sehr inspirierend klangen jedoch Stefan Schmidts Traktierung der Gitarre mit einer Bohrmaschine und Jan Werners rhythmische Rückkopplungen. Überhaupt: wirkten die Einlagen der älteren Aktivisten zuweilen etwas antiquiert, so erdeten die jüngeren Teilnehmer das Unternehmen immer wieder ästhetisch im Hier und Jetzt. Damit barg das antiautoritäre Ereignis doch noch einige subtile Reibereien.
Christian Meyer

Workshop: Es liebt Dich und Deine Körperlichkeit ein Ausgeflippter

Falsches langsam ausschließen

Zuweilen entstehen Workshop-Platten in alten Landhäusern mit bis zu 15 Musikern. Für das neue Album ‚Es Liebt Dich Und Deine Körperlichkeit Ein Ausgeflippter’ haben sich nur Kai Althoff und Stephan Abry, der eigentliche Kern des Workshops, zusammengefunden und ihre Ideen erst kollidieren, dann fusionieren lassen.

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Mit ihrer neuen Platte entziehen sich Workshop wieder geschickt einer Schublade – indem sie gleich ganz viele anbieten: Folk, elektronische Musik und Art-‚Rock’ zum Beispiel. Aus der Schublade ihres Labels Ladomat sind sie jetzt allerdings komplett herausgefallen, um bei Sonig, ihrem neuen Label, auch nicht recht ins Programm zu passen.
Kai Althoff: Stephan wollte sehr gerne, dass die Platte folkig wird und akustische Gitarre spielen, was er am Anfang gar nicht mehr so gut konnte, wie er dachte. Das tat aber nichts zur Sache, denn wir wollten das eh teilweise sampeln und nicht 1:1 alles einspielen.
Da die beiden räumlich weit voneinander getrennt leben (Kai in Köln, Stephan in Hamburg), wurden die mitgebrachten Ideen erst beim Aufeinandertreffen für die Aufnahmen miteinander abgestimmt und modifiziert.
K.A.: Da wir uns wirklich sehr lange kennen, ist es aber so, dass man dabei nicht viel reden muss. Wir haben das teilweise auch innerhalb von Sekunden, ohne etwas zu reden, entschieden, das dies nicht geht, und dass das geht. Langes Diskutieren gab es nicht. Es gab kurze Momente, in denen einer für den anderen einen Kompromiss gemacht hat. Wenn Stephan wollte, dass da ein Mellotron drauf ist, dann habe ich gesagt: nee, das will ich eigentlich nicht, aber dann darf ich dafür woanders mal was sagen. Aber das waren wirklich kleine Sachen.

Nach einer langzeitigen räumlichen Trennung ist man natürlich verstärkt unterschiedlichen Einflüssen ausgeliefert, trägt also zunehmend unterschiedliche Ideen ins Studio. So kommt es dann, dass zwei Ideen etwas skurril aufeinander prallen: hier die Akustik-Gitarre, da die Drummaschine…
K.A.: Sicherlich will man gerne unterbringen, welche Musik man gerade hört. Wir freuen uns aber auch darüber, dass in der Konsequenz, weil der Andere was anderes will, wir uns das gegenseitig wieder kaputtmachen. Nur so kann etwas passieren, was interessant ist. Im Kern, von den Emotionen her, ist das immer die gleiche Sache, die sich eben in der Form immer sehr verändern kann. Deswegen würde ich nicht sagen, dass wir aufeinander geprallt sind. Wir waren uns schon einig. Ich hätte es nur nicht gerne gehabt, wenn da die ganze Zeit ein richtiges Schlagzeug zu hören gewesen wäre. Das hätte mich nicht interessiert. Mir gefällt ja gerade, dass das sehr stumpfe Snare-Getrommel einhergeht mit etwas, was doch eher ergreifend ist
Und mit Computern und Samples kann man ja auch wunderbar das Handwerkliche unterwandern…
K.A.: Virtuosität in der Musik interessiert uns sicherlich nicht. Mich interessiert der Punkt der Euphorie, an dem man merkt, etwas könnte gut werden, und es atemlos fertig stellt. Jedes Stück musste ja in zwei Tagen fertig werden. Wenn man merkte, dass man zu lang dran rum bastelte, war auch klar: dass würde so nichts werden. Mir gefällt der Gedanke sehr gut, deswegen Computer anzuwenden, weil es schnell gehen muss, weil man sonst schon wieder alles verloren hat. Auch wenn es nicht die besten Sounds sind. Wenn das Gefühl bei der Platte stimmt, wird man sich nicht daran aufhalten – auch nicht daran, wie z.B. die Gitarre gespielt ist – das ist wirklich nicht wichtig.

Wichtig sind hingegen die Texte, die sich in eigentümlicher Sprache zart und zärtlich am Schönen weiden und dessen Vergänglichkeit reiben, und sämtlich von Kai Althoff stammen. Vorher bereits fertig geschrieben, hat er sie frei über die Stücke gesungen, und meistens hat es auch direkt gepasst.
K.A.:Teilweise habe ich dann etwas improvisiert, um zu gucken, ob man diesen Satz als Refrain benutzen kann oder nicht. Wobei: Wiederholen ist eh immer richtig und gut – wenn es wichtig ist.

Zuerst erschienen in De:Bug 1/02

Alter Ego: Humor und Härte

Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke aka Alter Ego vermitteln zwischen Härte und Humor.

Gestern war Krieg in den USA! In der folgenden Nacht setzten sintflutartige Regenfälle ein, die bis in den Morgen andauerten. Jetzt hat sich das Wetter etwas beruhigt. Leichte Weltuntergangsstimmung liegt trotzdem über dem Szenario, als wir uns mit Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke, die zusammen das Produzentenduo Alter Ego bilden (ihr anderes Ego ist Sensorama) in den Räumen der intro-Redaktion treffen. Die Wartezeit bis zum Beginn des Fotoshootings (sämtliche Verspätungen und Pannen werden zur Zeit auf die Terroranschläge geschoben) überbrücken wir naheliegenderweise mit Gesprächen über die Ereignisse in den USA. Die Stimmung schwankt zwischen Besorgnis und hilflosem Rumalbern. Als die Fotosession beginnt, ist der Himmel immer noch tief bedeckt. Während Jörn eher Schlichtes bevorzugt und sich tapfer, aber letztendlich erfolglos gegen Pullunder wehrt, sucht sich Roman kontrastierend zur gedämpften Tagesstimmung einen schreiend-knalligen Pullunder aus dem Kleiderfundus aus: „Wo’s richtig weh tut fängt’s an Spaß zu machen.“

Vom Missverständnis zum Clubhit

Wenn das auch die Losung für „Betty Ford“, den viel gefeierten letztjährigen Clubhit von Alter Ego war, dann scheint sie gut zu funktionieren. „Betty Ford”, ein mächtig schiebender Technotrack, erschien Ende 1999 als 4-Track-EP auf Klang Elektronik, „ist aber 2000 erst richtig durchgebrochen“(Roman). Denn eigentlich war der Track auch nur eines der beiden B-Seiten Stücke. Nach anfänglicher Verwunderung hat sich dann aber nach und nach dieses Stück als der Clubtrack der EP durchgesetzt, und schnell kursierte die EP inoffiziell unter dem Titel „Betty Ford“.

Dabei ist Betty Ford für die Verhältnisse von Alter Ego ein ungewöhnlich hartes Stück. Denn Alter Ego wurde ursprünglich als das Ambient-Projekt der beiden gestartet, „seitdem hat sich das aber immer mehr verhärtet, und jetzt sind wir an diesem Punkt angelangt (Roman).“ ‚Diesen Punkt’ könnte man auch ‚Schrantz’ nennen, jenen harten Loop-Techno vornehmlich Frankfurter Provenienz. Jörn:“Es ist schon eine Schrantz-Hymne, das kann man so sagen. Aber den Begriff gab es zu der Zeit ja noch gar nicht.“ Der Track, der nach einem hochtourig laufenden Maschinenmotor mit kleinen Aussetzern klingt, bedient in der Tat das Schrantz-Publikum. Allerdings – und hier setzt ein Reihe von Missverständnissen und lustigen Zufällen ein – kann man im Stück noch einiges mehr hören – die stumpfen Momente sind doch eher vordergründig.

Digitaler Hardcore-Humor

Roman: „Die Idee ist völlig over-the-top, da sind vollkommen absurde Momente drin. Der Basslauf z.B.: schlimmer geht’s nimmer! Da gibt es wirklich stumpfe Elemente. Man muss die eben nur so einsetzen, dass es nicht peinlich wird.“

Jörn: „Es ist wie eine Achterbahnfahrt die über Höhen und Tiefen geht. Das gibt es im Augenblick selten. Die Stücke sind zur Zeit oft sehr eindimensional – DJ-Tools eben. „Betty Ford“ hingegen ist extra so gemacht, dass es aus dem DJ-Set herausragt. Es will sich in den Vordergrund spielen. Nicht ohne Grund hören so eine Platte auch ganz andere Leute: viele Ältere, viele Künstler, viele Studenten und viele Indie-Leute. Die gehen dazu aber nicht Techno tanzen, sondern finden das einfach gut, weil es so bizarr und absurd ist.“

Roman: „Das Stück nimmt eine gewisse Ernsthaftigkeit raus, die in vielen härteren Techno-Stücken ist. Es schwingt ein Quäntchen Wahnsinn mit, und das macht es etwas außergewöhnlich.“

Der Wahnsinn hat Methode

Deswegen auch der etwas verwirrende Titel: Betty Ford, die Frau von Henry Ford, hat eine Klinik für Suchtkranke Weltstars gegründet. Roman: „Weil der Wahnsinn einfach in der Luft lag, dachten wir, muss das auch im Titel erkennbar sein.“ Dass man bei dem Track auch an Motoren von z.B. Ford-Autos denken kann, ist hingegen nur eine weitere, willkommene Assoziation.

Verglichen mit Schrantz-Tools klingt „Betty Ford“ aber nicht wirklich hart. Dem Hörer schlägt nicht eine undynamisch permanent auf höchstem Level angesiedelte strukturelle Dichte entgegen, die einem rhythmisch gleichförmig spitze Sounds entgegenschleudert. „Betty Ford“ ist eher übersichtlich, mit fettem Bass produziert und konzeptuell Angelegt. Das ist so ziemlich das Gegenteil von Stumpf und liegt direkt in der Nachbarschaft eines Wolfgang Voigt, der mit seinen Projekten „Auftrieb“ und „Freiland“ ähnliche Felder beackert. So war bei der Frage nach den Kandidaten für die längst überfälligen Remixe schnell klar, dass Voigt aka Wassermann mit von der Partie sein wird (auch eine Revanche dafür, dass Alter Ego zusammen mit Sven Väth dessen programmatische Technohymne „W.I.R.“ zerbröselt haben). Auf der kommenden Remix Platte findet sich – neben Versionen von Justin Berkovi und DJ Rush – auch ein Remix von März. Der ist zuständig für den bislang letzten Zufall in dieser Geschichte: März alias Ekkhard Ehlers kam zur rechten Zeit ins richtige Büro und wollte kurzer Hand auch einen Mix beisteuern. Roman:“Wir dachten: ‚Ok, dass kann eigentlich nur absurd werden, lassen wir den ruhig mal ran’.
Christian Meyer

Zuerst erschienen in: intro, 10/2001

Die Remixe von Betty Ford erscheinen als CD bei Zomba, als Vinyl-Maxis weiterhin bei Klang Elektronik

Ming (Interview)

Electro-Pop-Chansons

Das Brüsseler Duo kann sich einfach nicht entscheiden:, Elektronik oder Pop, lustig oder traurig, Kraftwerk oder Telex, Innen oder Außen. Mit Ming zwischen allen Stühlen!

Text: Christian Meyer

Da stellte sich doch leichte Verwirrung ein, als ich kurz nach dem Interview mit dem Belgischen Electro-Pop Duo Ming eine Anzeige für das neue Album von Ming in einem Fachmagazin erblickte. Demnach heißt das überraschenderweise gerade erschienene Debutalbum des anscheinend Britischen Duos nicht ‚Intérieur/Extérieur’, sondern ‚Red’. Des Rätsels Lösung: es gibt zwei Mings und voraussichtlich bald auch den üblichen Namensstreit. Den werden hoffentlich die Belgischen Ming für sich entscheiden können: zum einen, weil sie zuerst da waren, und wer zuerst nennt, heißt schließlich auch zuerst! Zum anderen, weil man von diesen beiden äußerst sympathischen und sensiblen Menschen am liebsten alle Probleme dieser Welt fernhalten möchte. Irgendwie kann man bei ihrem Anblick nicht glauben, dass sie dem standhalten würden (was mit Sicherheit überhaupt nicht stimmt!). Ich treffe Frédérique (kurz Fred) und Nicolas am Rande des Electro Bunker Open-Airs in Köln am Rhein, genauer am Strand des Rheins, wovon die unterschiedlichsten Schiffsmotorengeräusche auf der MD ein munteres Liedchen brummen und die sowieso in lustigem Englisch Sinn zerbröselnden O-Töne verschlucken. Wir befinden uns jedenfalls (dr)außen…

De:Bug: Wie kann man den Albumtitel Intérieur/Exterieur verstehen?

Fred: Einige Songs erzählen die Innenansicht, einige die Außenansicht.

De:Bug: Das müsst ihr genauer erklären, ich verstehe fast kein französisch. Wovon redet ihr in den Texten, beziehungsweise wer von Euch schreibt sie überhaupt?

Nicolas: Manche Texte schreiben wir gemeinsam, manche alleine, das hängt davon ab, wer die Musik geschrieben hat. Ein Text ist auch von dem Dichter Arthur Rimbaud. Die Sprache, die wir benutzen, ist ähnlich poetisch. Wir beschreiben keine Alltagsdinge und benutzen auch keine Alltagssprache. Manchmal sind die Texte sehr abstrakt, manchmal sehr materiell. Fred hat dazu ein Stück geschrieben – Sentir et Analyser – das von beidem, vom Fühlen und Analysieren, handelt.

Fred: Im Französischen Chanson – in bestimmter Weise beziehen wir uns darauf, wenn auch nicht bewusst (alleine dadurch, das der Chanson in Belgien sehr präsent ist und sie in Französisch singen/Anm. CM) – gibt es etwas sehr affektiertes…
Für dieses Album habe ich versucht, nicht zu realistisch zu sein, sondern einen neuen Weg in der Poesie zu gehen. Zwei oder drei Stücke sind aber trotzdem ‚exterieur’, nicht metaphorisch, sondern sehr präzise, technische Beschreibungen von Dingen.

De:Bug: Passt dazu Euer Fassbinder Zitat „Liebe ist kälter als der Tod“?

Nicolas: Das ist als Hommage an Fassbinder gemeint. Er hat auch Musik mit kalten Texten und lustiger Variete Musik gemacht. (hat er das wirklich gesagt, oder versuchen mir hier die Interferenzen eines Schiffsmotors unterzujubeln, Fassbinder hätte auch Musik gemacht?). Der Intérieur-Part tritt bei Rimbaud hervor: er beschreibt einen Zeitgeist, der sehr aktuell erscheint. Das Leben in der Großstadt, die Situation der Jugend, die Opfer der Zeit sind – aber sie unternehmen nichts dagegen.

De:Bug: Musikalisch versuche ich Euch jetzt mal ganz platt mit anderen Brüssler Bands in einen Topf zu schmeißen: Die New Wave Band Honeymoon Killers war ähnlich wie ihr melancholisch und lustig zugleich. Was von beidem ist für Euch bedeutender?

Fred: Es ist einfach beides da!

Nicolas: Ich weiß nicht warum, aber für mich hat Musik immer etwas mit Melancholie zu tun. Aber auch wenn man so etwas Ernstes macht wie Musik, kann man nicht… ich bin nicht Stockhausen! Wir mögen es zu spielen, und es ist eben auch so etwas wie ein Spiel. Zur selben Zeit ist es aber auch wieder so ernst – wir hängen tatsächlich immer zwischen diesen beiden Aspekten.

De:Bug: Der Promozettel redet von starkem Kraftwerk-Einfluß in Eurer Musik. Ich denke eher an Telex, die ja ebenfalls aus Brüssel kommen: die waren weniger Streng, oft spaßig und sehr verspielt.

Nicolas: Dazu können wir nichts sagen. Telex ist uns zu nahe. Die waren soo belgisch. Die kommen aus unserer Parallelstraße. Die Leute machen über diese Nähe schon Witze.

De:Bug: Ihr werdet also oft mit ihnen verglichen?

Nicolas: Nein, und wir sind auch tatsächlich mehr von Kraftwerk beeinflusst. Wenn wir Telex hören, müssen wir immer lachen. Die machen ja ständig nur Witze. Sie haben z.B. 1980 das Stück ‚Eurovision’ auf dem Album Neurovision für den Grand Prix gemacht (wo übrigens auch das sehr schöne ‚Tour de France’ zu finden ist – soviel zum Telex/Kraftwerk-Vergleich!/Anm.CM).

De:Bug: Euer erstes Album Miso-Mix ist noch rauer als die neue Platte! Jetzt klingt alles reifer, erwachsener! Nicolas erzählte mir vorhin, dass ihr neues Equipment habt. Ist das der Grund für den neuen Sound.

Nicolas: Die Musik wird einfach immer wichtiger für uns. Früher haben wir den Schwerpunkt darauf gesetzt, kleine, lustige Melodien mit dem Synthesizer zu spielen. Jetzt versuchen wir Musik zu machen, die alle Möglichkeiten ausschöpft, die uns die Maschinen bieten. Wir sind darin allerdings keine Spezialisten, wir befinden uns eher auf Entdeckungsfahrt. Wir experimentieren, weil wir nicht genau wissen, was dies ist und wie jenes funktioniert.

Fred: Der Prozess des Suchens ist wahrscheinlich auch interessanter als der Moment des Findens.

De:Bug: Fühlt ihr euch der Elektronik-Szene nahe, oder seht ihr Euch eher einfach als Popmusiker? Denkt ihr darüber überhaupt nach?

Fred: (lacht) Wir reden tatsächlich sehr viel darüber. Es ist nicht so eindeutig

Nicolas: Nein, im Moment ist das nicht sehr klar… Vor zwei Jahren wollten wir nur noch elektronische Musik machen, keine Chansons mehr, keine Texte, nur herumexperimentieren. Jetzt wissen wir, dass wir auch andere Dinge machen müssen. Der Pop ist jetzt wieder zurückgekehrt.

De.Bug: Kein Gespräch ohne 80er Retro-Debatte: ihr covert Subculture von New Order. Ist das Eure Jugend?

Nicolas: Die Bassline ist so simple. Ich habe irgendeine Bassline gespielt, und merkte dann, das es von Subculture ist. Das ist alles!

Fred: Es sollte eigentlich etwas anderes werden, aber plötzlich war es New Order.
Für mich sind die 80er kein Jahrzehnt, bei dem man melancholisch werden kann, es war einfach eine lächerliche Zeit.

Nicolas: Eine wirklich schlechte Zeit!

Fred: Wenn das so weiter geht mit diesen Retrophänomen, kann ich das nicht mehr ernst nehmen. Das sind eben Modeerscheinungen.

Nicolas: Das ganze ist einfach nicht sonderlich interessant. Wir ziehen es vor, uns Gedanken über die Gegenwart und Zukunft zu machen. Viele Künstler sind anscheinend nicht fähig, über die Zukunft zu reden – und sie wissen auch nichts von der Gegenwart. Wenn man viel über die Zukunft nachdenkt, merkt man, dass das die totale Katastrophe ist, das Ende, das ist klar… aber ich will jetzt nicht zu negativ werden (lacht). Es ist ganz einfach diese Bassline zu spielen: dumm dum dumm dum.., und dieses 80er Zeug. Das könnten wir…

Fred: …1000 Jahre lang machen (große Belustigung allerseits)!

Nicolas: Wir machen auch so was, aber es ist eigentlich nicht unser Thema! Wir sind in den 80ern Groß geworden, und kennen deshalb die Musik genau, das ist alles.

Zuerst erschienen in De:Bug 10/01

Schlammpeitziger

Wühlen im Schlamm der gegenwärtigen Vergangenheit

Niedlich! Nie-dlich!! NIE-DLICH!!! So, das war schon mal vorab die übliche Portion ‚niedlich’ pro Schlammpeitziger-Artikel. Dann kann ich mich jetzt ja wohl einer weniger festgelegten Auseinandersetzung mit der Musik von Jo Zimmermann, wie sich Schlammpeitziger bürgerlich nennt, widmen. Denn er selbst gibt zwar einige steile Vorlagen, die den Gebrauch dieses Adjektivs fördert, aber eine Beschäftigung mit seiner Musik kann auch ganz anders gehen – und zwar so (im wirren Intuitions-Mix):

Die Schlamm-Kosmologie

Schmeißt man all sein Schlammpeitziger-Wissen in einen Topf, drängt sich einem unweigerlich die Vorstellung eines eigenen, kleinen Schlammpeitziger-Kosmos auf: da sind die in einem Paralleluniversum, unabhängig von der Musik entstehenden Coverzeichnungen, die aus einem großen Fundus über die Jahre angehäufter Zeichnungen ausgewählt werden. Da ist dieses eine, die gesamte Musik mit seinem Sound prägende Gerät (ein Casio Digital-Synthesizer, den er nach all den Jahren wie seine Westentasche kennt), mit dem bis vor kurzem die komplette Musik gemacht wurde (erst kürzlich sind ein Sampler und einige andere Geräte hinzugekommen). Da ist die freundschaftliche Zugehörigkeit zum Kosmos von A-Musik, in den er aber doch mit seiner unakademischen, intuitiven Musik nicht ganz hineinzupassen scheint.

Glücksrad-Musik

Vor allem Letzteres bestätigt sich beim Gespräch mit dem Künstler: Musik machen ist bei Schlammpeitziger sehr vom Zufall abhängig: nicht geplant, und auch nicht von technischem, musikwissenschaftlichem oder musikhistorischem Wissen abgeleitet. In der Musik prallen die verschiedensten Einflüsse aufeinander, ohne dass es theoretisierend knallt: es passiert einfach! Der als erstes vom Schlammpeitziger unverhohlen zugegebene und nachvollziehbare musikalische Einfluss kommt von New Wave-Elektronik à la Residents, Der Plan u.ä. Aber wie lassen sich all die anderen in die Textur der Stücke reingerutschten Elemente erklären? Vielleicht gar nicht künstlerisch, wie bei den orientalisch klingenden Sounds und Melodien seiner Fantasiefolklore: „Das passiert immer automatisch, wenn ich die schwarzen Tasten benutze“. Oder nur mit der zufälligen Koexistenz von musikalischen Ideen zu verschiedenen Zeiten, wie bei den deutlichen Anleihen beim Krautrock. Denn das hat Jo Zimmermann nie sonderlich bewusst in sich aufgenommen: „Als ich Frank Dommert kennenlernte (A-Musik; Entenpfuhl usw.), hat der mir von Harmonia erzählt. Vorher kannte ich so etwas nicht. Das ist dieses Phänomen von der gleichen Idee von Musik, die unabhängig voneinander und zu einer anderen Zeit entsteht“. Und jetzt, in anderen Zusammenhängen auch wieder funktioniert – anders funktioniert! Auch in produktionstechnischen Fragen ist das Ergebnis auf ähnliche Art dem Zufall ausgeliefert. Neugieriger Reporter: „ Wie wissen Sie, wann Sie die Arbeit an einem Stück beenden müssen, wann ist der Track fertig, wie schützten Sie sich davor, solange Ideen aufeinanderzustapeln bis das Ganze umkippt?“ Antwort des Künstlers:“Das bedingt die Technik, ich habe ja nur 8 Spuren! Wenn die voll sind, sind sie eben voll!“ Ja, so einfach kann das sein. Naiv könnte man das nennen, wenn das einerseits nicht negativ behaftet wäre, sich andererseits dadurch nicht wieder eine so gefährliche Nähe zu diesem anderen Adjektiv mit ‚n’ in the begining einstellen würde. Gefährliches Fahrwasser…

Jetzt Welterfolg, bitte!

Zu den Fakten: Die gerade erschienene erste Compilation ‚Collected Simple Songs Of My Temporary Past’ versammelt Lieblingslieder der bisherigen Veröffentlichungen, ausgesucht vom Musiker mit beratender Unterstützung von Freunden der A-Musik. Mit der CD soll der große Erfolg in GB und den USA, der bislang ausblieb, forciert werden. „Das wäre schon komisch, aber auch gut: Schlammpeitziger in den USA!“. Mit dem neuen Label Domino im Rücken wäre das sicherlich möglich und ein entscheidender Schritt nach vorne (ein Mixauftrag von Depeche Mode ist auch schon eingetrudelt). Leben kann er zwar schon seit zwei Jahren von der Musik (was ihn allerdings immer noch wundert!), besser leben wäre aber natürlich besser! Außerdem geht von den derzeitigen Entwicklungen ein neuer Motivationsschub aus, der zu neuem anspornt: Live werden jetzt nicht mehr nur die Melodien nachgespielt, wie bisher, sondern die Stücke auch lustvoll zerlegt (ha, gar nicht niedlich und auch nicht naiv!). À propos Melodien (die Dinger, weswegen ihm das Prädikat ‚niedlich’ so sehr anhängt): die wurden von vielen Hörern schon beim letzten Album vermisst, in Zukunft sollen die Stücke zusätzlich noch brüchiger werden und deutlich mehr nach vorne gehen. Die den meisten Tracks ihhärente sehnsüchtige Melancholie darf aber bleiben. Und er möchte auch nach wie vor seine Platten am liebsten im A-Musik-Fach wiederfinden. Soviel zur gegenwärtigen Vergangenheit inklusive besagter Compilation. Warten wir jetzt mal ab, was die vergangene Zukunft gebracht haben wird.

Zuerst erschienen in De.Bug 10/01

Roots Manuva: Madman im Audio-Zirkus!

Roots Manuva hat 1999 mit seinem Debut-Album ‚Brand New Second Hand’ nicht nur das Ninja Tune Sublabel Big Dada groß auf der Hip Hop-Landkarte markiert, sondern auch UK-Hip Hop wieder in’s Gespräch gebracht. Der war nach dem Ende von typisch britischen Fusionen von Shut Up And Dance (Hip Hop plus Breakbeat-Rave) oder der London Posse (Hip Hop plus Ragga) und zunehmend langweiligem Hardcore ziemlich lange in Vergessenheit geraten – die zeitgleich einsetzende Rawkus-Hysterie auf der anderen Seite des Atlantiks tat ihr Übriges…
In der Nachfolge von Manuva erschienen, allerdings weniger von der Presse beachtet, auf Big Dada weitere expanding Hip Hop Platten von New Flesh For Old oder Gamma, die Manuva an Eigenart nicht nachstanden, aber einen deutlich schärferen, von elektronischem Noise begleiteten Ton anschlugen. Nach Guest-Appereances bei Non-Hip Hop-Acts wie Leftfield, Mr. Scruff oder Herbalizer, die Manuvas open mindness unterstrichen, meldet er sich jetzt mit seinem zweiten Album zurück und kann seinen roughen Labelmates einiges entgegensetzen. Er hat allerdings auch weiterhin seine typische, vom Reggae geprägte Gelassenheit im Gepäck. Die Verbindung zum Reggae, die durch tiefe Bässe und teilweise eingestreutes Toasting präsent ist, ist ein erstes Indiz für den Herkunftsort London. In der Kombination mit Einflüssen von elektronischer Musik wird man noch deutlicher an diesen Ort der vielen Stilkreuzungen verwiesen.

De.Bug: Die Vermischung von Musikstilen scheint besonders typisch für England bzw. London zu sein. So sind schließlich Dinge wie Drum ‚n’ Bass, Trip Hop oder 2Step entstanden.

Manuva: Auf jeden Fall. In Bezug auf Hip Hop sieht das so aus: In den USA sind die Leute stark durch Funk beeinflusst, in England lieben die meisten Hip Hopper Reggae genauso wie Hip Hop.

Da verwundert es nicht, dass er sich einen alten Helden des britischen Hip Hop-Reggaes, Rodney P. von der London Posse, als Gast-MC auf sein Album holt. Woher aber kommen die Einflüsse für so ein Stück wie ‚Witness(one hope)’, die erste Singleauskopplung, das mit massiven elektronischen Sounds aufwartet?

Manuva: Ich höre ein bisschen elektronische Musik, z.B. Aphex Twin , Neotropic, andere Sachen auf Ninja Tune, und anderes, wo ich den Namen vergessen habe. Ich habe immer schon alle mögliche merkwürdige Musik gehört. Die Leute, die mich dazu gebracht haben, mit Synthesizern und Samplern zu arbeiten waren Art of Noise. Ich erinnere mich, wie sie darüber gesprochen haben, wie man Musik aus Fehlern macht, sich von den Regeln befreit. Das ist ein interessanter Aspekt beim Musik machen.

De:Bug: Hast Du bei all der Experimentierfreude keine Probleme mit dem Publikum? Experimenteller Hip Hop ist ja nicht gerade ein Kassenschlager, wenn ich an die Besucherzahlen der letzten Konzerte denke!

Manuva: Nein, in der Regel nicht. Wir kommen, um zu unterhalten, und je nachdem kannst Du die Musik ignorieren: just watch the Madman, the strange guy, the audio circus! Aber so viel wired stuff da ist, so sehr mache ich auch simpleres Zeug, um die Balance zu halten. There are awful safe tracks!

Das letzte Album hörte mit einem String-track auf, das aktuelle startet mit einem ähnlichen Intro. So hat man zunächst das Gefühl, dass Run Come Save Me die Konsequente Fortführung des Debuts ist. Aber ist das wirklich so, gibt es da nicht einige entscheidende Unterschiede zwischen den beiden Platten?

Manuva: Ich hatte jetzt mehr Zeit, mich dahingehend zu entwickeln, mich nicht zu sehr davon beeinflussen zu lassen, was für das In-Ding gehalten wird oder was die ‚korrekte’ Interpretation von dieser verrückten Sache ist, die wir Hip Hop nennen. Ich war freier und weniger im Kampf mit der Welt. Auf der technischen Seite habe ich mir ein kleines Heimstudio, nein, kein richtiges Studio, eher eine kleine Homeproduction Suite, zusammengestellt. Vorher hatte ich einen Atari-PC mit 1 MB Speicherplatz, jetzt habe ich einen G4 mit 85 Gigabyte, viele Programme, ich kann jetzt Vocals und Instrumente zuhause aufnehmen.

De:Bug: Du spielst herkömmliche Instrumente?

Manuva: Ich würde nicht sagen, dass ich sie spiele, ich produziere Sounds mit ihnen: Gitarre, Bass, Spielzeug-Trompete… alles, womit man interessante Geräusche erzeugen kann.

Mann könnte vermuten, daß die Arbeit an dem neuen Album wegen des großen Erwartungsdrucks nach dem ersten, in der Presse sehr positiv aufgenommenem Album problematisch war. Nach so einem Erfolg wie bei seinem Debut möchte man auf keinen Fall enttäuschen… besser, man setzt noch einen drauf, um die hochgeschraubten Erwartungen zu erfüllen. Das führt dann in der Tat dazu, dass die neue Platte wilder und gehetzter klingt. Zumindst zu beginn von Run Come Save Me wartet Manuva heftig mit vielen düsteren elektronischen Sounds und komplexen Beats auf. Weil das so besonders exponiert an den Anfang gestellt ist und offensichtlich eine Herausforderung für den durchschnittlichen Hip Hop-Fan sein wird, kann man vermuten, dass das signalisieren soll: hier kommt ein neuer Style, da musst du durch, da musst Du mit arbeiten.

Manuva: (lacht) Das war nicht meine Idee, es fühlte sich einfach richtig an. Das letzte Album fing ziemlich understated an. Jetzt komme ich zurück mit Noise. Aber es gab tatsächlich einen großen Druck. Nach dem ersten Album wollte ich zuerst eigentlich gar nichts mehr, zumindest nicht als Roots Manuva, produzieren. Ich wollte nicht mehr Musiker, sondern lieber wieder Mensch sein. Zeit haben, die grundlegenden Dinge des Lebens zu genießen: einkaufen, waschen, mal aufräumen, wieder selber kochen, anstatt immer Fast-Food zu essen.

Aber es gibt ein neues Album, also gab es da doch noch das Bedürfnis, sich musikalisch auszudrücken!

Manuva: Ja, ich habe ein großes Bedürfnis, kreativ zu sein. Nicht nur mit Musik, ich probiere auch andere Dinge aus: mache merkwürdige Bilder, Computerkunst, filme mit meiner neuen Digitalkamera alles mögliche und schneide kleine Filme zusammen.

Das ist eine nicht geringe Bandbreite, die einen Fragen lässt, als was wir wohl in der Zukunft von ihm hören werden.

Manuva: Ich brauche erst eine Reaktion, um zu wissen, was ich danach tun werde. Ich glaube aber nicht, das es in nächster Zeit noch ein Roots Manuva Album geben wird. Ich werde andere Dinge machen: mit anderen Leuten Zusammenarbeiten, Produzieren, es ist aber noch nichts konkretes geplant. Ich habe aber einige gute, noch vage Ideen.

Hört sich alles danach an, als sei das MCing nicht gerade das wichtigste im Leben von Roots Manuva.

Manuva: Ich rede über alles mögliche, die Basisstruktur meiner Texte ist ziemlich zufällig. Meist sind meine Texte nur wahllos Wortspiele. Es gibt ein oder zwei Stücke mit linearen Erzählungen: eine über eine Beziehung, eine über das Aufwachsen in der Kirche, aber im Allgemeinen mische ich Erlebtes mit Fantasie und verbalen Tricks. Vor allem würde ich aber gerne meine musikalischen Ideen und träume ausdrücken. Ich würde gerne einen Track machen, auf dem nicht meine Stimme zu hören ist, der aber trotzdem meine Richtung hat. Ich würde gerne die Stimmen arrangieren, wie ein Dirigent bei einem Orchester, nur eben nicht für Streicher, sondern für MC’s… und für die Sounds, die man verwendet, um die rhythmische und melodische Struktur zu Erschaffen.
Christian Meyer

Das Album Run Come Safe Me erscheint am 13.8. bei Big Dada
Die Single Witness(One Hope) mit einem Remix von Part2 von New Flesh For Old ist bereits erschienen.

Zuerst erschienen in De:Bug 50

Techno Animal

Aus Fiktionen Fakten machen!

Techno Animal, das Projekt von Kevin Martin und Justin Broadrick, ist nach zehnjähriger Entwicklung vom Metall ihrer Prä-Techno Animal-Phase über Techno mit ihrem neuen Album ‚The Brotherhood Of The Bomp’ bei Hip Hop angelangt. Aber natürlich machen sie keinen Hip Hop im klassischen Sinn, auch wenn diesmal sogar MC’s vom Anti Pop Consortium, Rubberroom und Sonic Sum sowie Toastie Taylor, Dälek und Vast mit EL-P beteiligt sind. Ihr schmutziger Mutant-Hip Hop wühlt sich durch Berge spitzen Krachs zwischen Industrial und Punk-Flavour und kriecht durch Täler tiefer Bässe zwischen Dub und D&B. Konservative Old-School-Attitüden gibt’s anderswo!

Es ist schön, wenn man mit Pluspunkten in’s Gespräch einsteigen kann: Die De.Bug kennen sie gut von einigen ihrer deutschen Freunde. Und nach meinen Erfahrungen mit Dälek zeichnet sich erneut ab, dass die schlimmsten Krachmacher die nettesten Menschen sind. Doch die Vorteile drohe ich mit meiner schlechten Vorbereitung direkt wieder zu verspielen. Von den zahlreichen Veröffentlichungen der beiden kenne ich nur die erste Godflesh LP (Justins Metall-Band der frühen 90er), ihr gemeinsames Sidewinder-Album mit industrialmäßigem Techno und natürlich ihr neues Album. Ein Manko, das mir aber als Vorteil ausgelegt wird.

Justin: Es ist gut, Leute zu treffen, die nur das neue Album kennen und nicht die ganze Geschichte und den Mist. Das ist richtig erfrischend!

Kevin: Das kann ein großes Handicap sein, wenn Leute deine Vergangenheit kennen, den ganzen Ballast. Sie haben vorgefertigte Vorstellungen, wie du klingen solltest. Und sie wollen, dass du so bleibst. Aber für uns bedeutet Musik immer auch Wandel, Wir verändern uns als Menschen, und wir sind besessen von Musik, also verändert sich auch unsere Musik. Und manchmal wird dir das nicht erlaubt – besonders von den Medien. Musikmedien verhandeln Menschen häufig als eindimensionale Charaktere. Sie sind DAS, und sie dürfen nur DAS sein! Für uns ist es eine Herausforderung, uns immer wieder neu zu erfinden und unser Interesse an Musik immer wieder anzutreiben.

1. Hip Hop
De:Bug: Hip Hop steht bei der neuen Platte weit im Vordergrund. Wann hat die Beschäftigung damit angefangen? Bereits 1999 hat Kevin ja die Compilation
‚Collision Course’ mit dem Anti Pop Consortium, Mike Ladd, Rubberroom u.a. zusammengestellt.

Justin: Du kennst nur das neue Album, aber wir haben uns in den letzten 6 Jahren langsam und kontinuierlich auf dieses Album zu bewegt.

Kevin: Wir haben schon bei God (Kevins Rock-Band vor TA/Anm.CM) u. Godflesh mit Hip Hop-Rhythmen gearbeitet. Es ist eigentlich unmöglich, in England nicht von Hip Hop beeinflusst zu sein, wenn du Musik magst. Er ist immer da, spätestens seit den späten 80ern. Ein wichtiger Teil der Entwicklung von Techno Animal hatte mit dem Label Force Inc. zu tun. Da gab es die Electric Ladyland Compilations. Ich finde, das waren ziemlich wichtige Compilations für das Label und allgemein für Leute, die an Mutant-Hip Hop interessiert sind – Hip Hop, der nicht gewöhnlich, old-school, konservativ ist.

Justin: Vorher gab es nur die MoWax ‚Heads’ Compilation, die einen Wechsel im Hip Hop zum Instrumental-Hip Hop markierten.

Kevin: Wir haben beide die Idee von Trip Hop gemocht. Klar, das ist jetzt fürchterlich, aber als wir das zuerst gehört haben, diese Idee von psychedelischem Hip Hop… Hip Hop war immer psychedelisch, das haben wir daran geliebt. Vorher konnte man das nur auf den B-Seiten der 12“es hören, die wir immer schon geliebt haben. Dazu kannst du einfach tanzen, und musst nicht die Lyrics analysieren.

Justin: Da steht die Musik im Vordergrund. Und die Heads-Compilation hat klar gezeigt, dass die Musik im Vordergrund stehen kann, und nicht nur als Hintergrund dienen muss. Ok, auf Heads war es auch eher Hintergrundmusik, eine art Easy listening. Electric Ladyland war natürlich lange nicht so erfolgreich wie Heads, war aber der nächste große Anstoß für uns.

Kevin: Für die Leute auf Electric Ladyland war es schwierig, mit Rappern zu arbeiten. Das waren Alec Empire, Word Sound, Vadim, Leute die Hip Hop lieben und etwas neues, aufregendes machen wollten, aber weder den Kontext, noch das Geld hatten, um mit Rappern zu arbeiten. Sie wollten, dass es so gut klingt wie traditionelle Hip Hop-Platten, wollten es aber gleichzeitig in eine andere Richtung lenken.

Justin: Force Inc. und die ganze Frankfurt-Szene haben auch uns die Möglichkeit gegeben, unseren Fokus auszuweiten.

De:Bug: Glaubt ihr, dass ihr mit dem Album echte B-Boys erreichen könnt?

Justin: Wir hoffen es!

Kevin: Warum auch nicht? Ok, es ist neu, aber das ist immer auch eine Herausforderung.

Justin: Nimm Public Enemy. Sie hatten einen so unglaublichen Einfluss, aber als es erschien, wusste erst mal keiner, was das sein soll, dieses Chaos, dieser Noise. Dann hatte auch noch Funk, und es hatte politische Inhalte. Wow!!!

Kevin: Der Titel unseres Albums hat viele Ebenen, eine davon ist eine Hommage an den großen Einfluss der Bomb Squad (PE-Produzententeam/Anm. CM) auf uns. Auch bei unserem Album kannst Du sagen: was hat das mit Hip Hop zu tun, aber das kannst du genauso gut zu dem Cannibal Ox-Album sagen, zu Mr. Lif, zu Company Flow.

De:Bug: Im Moment gibt es ja viele Hip Hop-Sachen, die verstärkt mit elektronischen Sounds und Noise arbeiten. Ein Blueprint dafür war vielleicht das verrückte Company Flow Instrumantalalbum ‚Little Johnny from the Hospitul“.

Kevin: Bestimmt, und eine sehr vielversprechende Platte, denn Hip Hop läuft große Gefahr, zu einer Karikatur zu werden. Wir haben letzte Nacht Viva gesehen: da war eine europäische Crew zu sehen und im Publikum waren nur Leute, die absolut auf Old-School aus wahren, mit all den Klischees. Warum versuchen Leute zu sagen, sie wüssten was Hip Hop ist? In Wirklichkeit ist es so, dass viele Schwarze dem Hip Hop bereits den Rücken kehren und andere Musik bevorzugen. Die haben keine Lust mehr, Stücke zu hören, die 10 Jahre alt klingen. Darum liebe ich den Underground- Hip Hop von Def Jux, Anticon, Anti-Pop u.a., weil sie sich absolut auf die Zukunft konzentrieren und nicht auf die Vergangenheit. Science Fiction is generally Science Fact for us! Wir lieben die Idee des Futureshock, den Justin im Zusammenhang mit Public Enemy angesprochen hat. Wir wussten nicht, was das für eine Musik sein sollte, aber wir wussten, dass es aufregend ist und viel genialische Energie hat. Viel Major-Hip Hop, obwohl: Underground-Hip Hop eigentlich genauso – ist so schematisch geworden. Ehrlich gesagt finde ich vielen Major-Hip Hop seit einigen Jahren produktionstechnisch viel interessanter als Underground-Hip Hop.

2. INDUSTRIAL
De:Bug:In Eurer Musik sind immer auch deutliche Industrial-Einflüsse…

Kevin: Bei Industrial denke ich an wirklich üble Musik, Marilyn Manson, Gothic und so

De:Bug: Oh nein, entschuldige, ich meine frühe 80er: Throbbing Gristle, SPK usw.

Kevin: DAS hat uns in der Tat ziemlich beeinflusst. Und auch die Leute, durch die sie wiederum beeinflusst waren. Damals kannten wir das nicht, aber jetzt kennen wir Komponisten wie Penderecki, Ligeti, Luigi Nono…

De:Bug: Kennt ihr sein Stück ‚La fabrica illuminata’ von 1969, wo er einen Chor mit Geräuschen aus einem Stahlwerk verbindet.

Kevin: Nein, gibt es davon Aufnahmen? Schreib mir das mal auf, das muss ich auschecken! (hier also der Beweis für ihr unstillbares Interesse an neuen musikalischen Eindrücken und Erfahrungen. Daneben ist ein äußerst wichtiger Programmpunkt ihres Köln-Tages auch ein Besuch bei Kompakt im Anschluss an unser Gespräch)

Kevin: Justin hat das letztens schon mal in einem Interview gesagt: in der ursprünglichen Industrialmusik ging es darum, das Kranke in Deiner Umgebung und deine Neurosen in Dir zu untersuchen. Das ist eigentlich das selbe was wir machen.

De:Bug: Es ging damals ja auch um die körperliche Erfahrung dieses Krankheitszustandes . Zu den sehr lauten Konzerten wurden häufig Videos aus OP’s usw. gezeigt.

Kevin: Wie bei uns: Wenn wir live spielen – und es im Griff haben – ist das auch eine Erfahrung der absoluten Überlastung.

De:Bug: Ich weiß, ich habe es bei eurem Gig mit Dälek im Studio 672 im letzten Jahr nicht ausgehalten und musste gehen…

Kevin: Ja, ich erinnere mich. Die Anlage war leider nicht so gut, der Bass fehlte, und der ist sehr wichtig bei uns.

Justin: Wenn du nicht den Bass fühlen kannst, bist du nur der Attacke des ‚kchchc’ ausgeliefert, da fehlen Dir 60%…

3. Dub
De:Bug: Damit kommen wir zum dritten Eckfeiler Eurer Musik: Dub steht dabei ganz im Kontrast zu Industrial.

Kevin: Richtig, wir lieben alten Dub von Lee Perry, King Tubby, Scientist, Prince Jammy oder Prince Far I, aber wir wollen keine Musik machen, die klingt wie 1972. Wir wollen Dubmusik machen, die jetzt Relevanz hat. Leute wie Word Sound oder Chain Reaction/Rhythm&Sound machen das auch. Man kann sagen, dass sie auch eine Idee – wenn auch eine andere – davon haben, wie Dub in Zukunft klingen könnte. Wenn man Dub live mit einem Soundsystem erleben kann, dann ist das so intensiv, fast wie eine religiöse Zeremonie. Intensiver als ein Metallkonzert z. B. Du kannst dazu tanzen, daneben hast du aber auch diese extrem avantgardistische Magie –

Justin: Wir verwenden Dub nicht im traditionellen Sinn, das ist offensichtlich, wir benutzen die Art der Übertreibung, wie sie im Dub vorkommt.

Kevin: Wenn man elektronische Musik macht, kommt man eigentlich gar nicht drum herum, von Dub beeinflusst zu sein. Der Bass steht im Mittelpunkt, Dubplates und der Remix sind Erfindungen von Dub – am Anfang war Dub!

De.Bug: Es ist ein weites Feld, dass ihr von Dub zu Industrial spannt.

Justin: Eigentlich nicht, das macht alles Sinn. Durch Punk kam ich zu Reggae und durch Punk kam ich zu Industrial. On-U-Sound und Adrian Sherwood haben beides zusammengebracht und gezeigt, dass dazwischen gar nicht so viel liegt. Adrian Sherwood ist ein unglaublicher Produzent! Er hat an der Idee gearbeitet, Musik für Körper und Geist zu machen. All das wollen wir auch!

Kevin: Genau! Und wir woollen dabei in keine Kategorie passen – We don’t want to fit in!

Zuerst erschienen in 9/01