Peter Licht (Interview)

Mit Pop gegen Pop

Text: Christian Meyer

Wer, bitte schön, ist PeterLicht? Ganz einfach: PeterLicht ist Meinrad Jungblut! Und Meinrad Jungblut ist der mit dem Sonnendeck! Kramt nur mal in Euren Erinnerungen an den letzten Sommer, da findet sich bestimmt ein Eintrag unter ‚S’. Sein uns durch diesen letzten Sommer begleitender Electropop-Hit begrüßt uns auch jetzt noch auf diversen Anrufbeantwortern. In den Wintermonaten klang die Nachricht ‚wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck’ allerdings nicht gerade glaubwürdig. Jetzt, da wir ihr dank Sommer wieder glauben schenken können, kommt das Sonnendeck erneut über uns und wird ein großer Hit! Muß!

Auf der gerade erscheinenden CD ‚Lieder’ gibt es die 6 Stücke der ursprünglichen Meinrad Jungblut Vinylplatte ‚6 Lieder’, die im letzten Sommer bei dem kleinen Label Betrug erschienen ist. Dazu gesellen sich acht neue Stücke von Meinrad Jungblut, also Peter Licht, die aus der selben Zeit wie die 6 Lieder stammen. So bleibt auch jetzt sowohl die produktionstechnische wie auch die musikalische Bandbreite recht groß. Von perfekt produzierten Popsongs die an ‚Echt’ erinnern, uns im Text aber gleichzeitig vor der Popkultur warnen, über Donovan-Folklore mit Akkustik-Gitarre, ‚Lalala-Schubidu’ und 80er-Old-School-Rhythmus-Box zu Lowest-Fidelty Diktiergerät-Aufnahmen. Eine gewisse Einbettung in aktuelle Entwicklungen elektronischer Musik schimmert manchmal durch (‚Ihr lieben 68er’, ‚Fuzzipelz’), ganz sicher sein kann man sich da aber nicht. Ein sonniges Schlagergemüt, NDW-Obskurität und anarchistischer Humor sind ebenso deutliche Zutaten für seine populären Lieder.

Der charmante Underground-Hit und seine 13 Begleiter hätten eine stärkere Präsenz in den Medien auf jeden Fall verdient. Möglich scheint das jetzt durch die große Plattenfirma im Hintergrund zu sein. Erste Anzeichen hierfür sind der verstärkte Medienrummel inklusive niedlichem Trash-Video des Produzententeams Datenstrudel. Hat das vielleicht auch inhaltliche Konsequenzen? Man könnte sich ja denken, dass so eine Firma erst mal gerne noch ein paar Sonnendecks mehr hätte…

PeterLicht: Klar, aber die fanden auch alles andere lustig. Die mochten das gesamte Konzept. Von denen gibt es keinen Druck. Der Deal ist so: ich mache Platten, und sie veröffentlichen die, wenn ihnen der gesamte Cluster gefällt. Wenn nicht, dann wird nichts davon veröffentlicht.

Netter junger Mann am anderen Ende der Leitung, denke ich nicht nur wegen seines Sorglosigkeit suggerierenden Namens („Peter wie Peter Pan, Peter Alexander oder Peter W. Adorno“) und seiner unbekümmerten Auskunftfreudigkeit, sondern auch, weil letzteres zutrifft, obwohl unser Gespräch die Promotionweisheit, dass der Künstler immer die gleichen Fragen beantworten muss, allzu wörtlich nachstellt. Wegen einer versauten Bandaufnahme von unserem ersten Telefonat lässt Herr Licht nun alle Fragen noch einmal über sich ergehen.

PeterLicht: Das ist eigentlich ganz gut, wenn die Fragen immer die gleichen sind. Da fühlt man sich sicherer und kann sich auf anderes konzentrieren, die Geschwindigkeit zum Beispiel. Man kann immer schneller werden beim beantworten von Fragen.

Virilio hätte seinen Spaß daran, aber gemeinerweise habe ich natürlich auch ein paar neue Fragen mitgebracht – jetzt wird’s also ernst:

De:Bug: Neben der Musik stehen auch die Texte der Stücke, die mit klugen, hübsch formulierten Bonmots nicht geizen, im Vordergrund. Auf der Platte werden viele ernste Themen unernst und in blumiger Sprache behandelt: die Entmündigung der 68er, Beschreibungen von Parkplatzsuchneurosen, eine Warnung vor der Popkultur.

PeterLicht: Das ist alles total ernst gemeint.

De:Bug: Wenn Du ernste Themen ernst behandelt hättest, wäre vielleicht auch etwas höchst peinliches dabei herausgekommen.

PeterLicht: Peinlich kann natürlich auch wieder gut sein!

De:Bug: ‚Ihr lieben 68er’ ist inzwischen auf etwas problematische Art von den Ereignissen eingeholt worden. Im Moment herrscht im Mainstream die Meinung, alles war ein großer Fehler und die Beteiligten mögen sich jetzt doch bitte in aller Öffentlichkeit dafür entschuldigen. Eine Kritik der 68er spielt inzwischen den falschen Leuten zu.

PeterLicht: Das Stück ist schon drei Jahre alt, und ich bin ja kein Kabarettist, der das Zeitgeschehen behandelt. Außerdem mag ich die 68er ja. Die Musik ist schließlich auch sehr 68er kompatibel, nette Lieder, oft mit Gitarre. Aber es stimmt schon, ein bisschen komisch ist das doch.

De:Bug: Und wie sieht’s mit der Gefahr aus, dass aus dem Sonnendeck ein Katzeklo wird?

PeterLicht: Du meinst ein Sonnenklo! Hat das Helge Schneider geschadet?

De:Bug: Schon, der wollte ja auch und besonders seine seriöseren Sachen gewürdigt wissen und hat auch mal Leute aus dem Saal entfernen lassen, die immer nur nach dem einen Stück gerufen haben. Du willst ja wahrscheinlich auch, dass die Leute genauso Deine sperrigeren Stücke würdigen…

PeterLicht: Ja, aber es ist mir schon klar, das nicht jeder alles gut finden kann. Hauptsache, sie hören erst mal ein Stück. Mir selbst sind die Stücke alle gleich wichtig, aber ich kann den Leuten da ja nichts vorschreiben. Der eine sieht’s so, der andere so. Deshalb erkläre ich meine Musik auch nicht. Ich weiß nicht wie sich das entwickelt, aber im Moment ist mir das noch egal.

Zuerst erschienen in De:Bug 08/01

Mush Records

Da bekommt man als Freund merkwürdigen Hip Hops im Laden eine Platte in die Hand gedrückt, bei der man sich dreimal überlegt, ob man diese Musik zwischen Geräuschcollage, Breakbeats, Spoken Poetrie und Rap jenseits von Macho- und Ego-Lyrics noch Hip Hop nennen soll (am vorläufigen Ende der Überlegungen dann aber doch nichts dagegen spricht), mit einem Cover, das deutlichst an das Artwork des legendären Free-Jazz Labels ESP erinnert (bei dem man zweimal überlegt, ob man es Free Jazz-Label nennt, denn schließlich wurden dort auch experimentelle Rock und Pop Platten veröffentlicht). Die LP – Ende letzten Jahres von der New York Times zu einer von 10 wichtigsten übersehenen Platten des Jahres gewählt – heißt Circle, ist von Boom Bip & Dose One und auf dem US-Amerikanischen Hip Hop-Label Mush erschienen (bei dem man zweimal überlegt, ob man es Hip Hop-Label nennt, denn schließlich werden dort auch experimentelle Rock und Pop Platten veröffentlicht). Mush, erfährt man nach kurzen Nachforschungen, ist eines von zwei unter dem Firmennamen Dirtyloop zusammengefassten Labels (Three to Five, das zweite Label, veröffentlicht House zwischen Tech, Deep und Disco). Wenn man daraufhin die Mush-Compilation Ropeladder12 durchforstet, bekommt man zwar einen Überblick über die Veröffentlichungen des Labels, ein Verstehen dieser Mischung aus
avantgardistischem Hip Hop und Downbeat-Experimenten auch in Indie-Rock Nähe ist jedoch noch in weiter Ferne. Ein guter Grund, um bei Dirtyloop-Gründer Robert Curcio nachzufragen, wie, warum und vor allem wo solch musikalisch wunderlichen Dinge passieren.

De:Bug: Wie sieht der geographische und soziale Background der Labelbetreiber und der Künstler aus?
Robert Curcio: Unsere soziale und ethnische Herkunft ist so unterschiedlich wie sie nur sein kann. Mush wird von einer Gruppe
Individualisten betrieben, die quer über die USA verstreut sind. Im Sommer werden wir unser Hauptbüro aber nach L.A. verlegen und dort bis zum Ende des Jahres die meisten Beschäftigten versammeln. Bei den Künstlern sieht es ähnlich aus: Wir haben über 30 Künstler auf unserem Label, die aus New York, San Francisco, Los Angeles, Baltimore, Maine, Chicago, Minneapolis, Cincinnati und Tokyo kommen. Wir respektieren alle unsere Künstler für ihre Individualität und ihr Talent.
De:Bug: Was war der Hauptgrund, Mush (bzw. Dirtyloop) zu gründen: Habt ihr eine Lücke in der Musikproduktion gesehen, die es zu füllen galt, war es Unzufriedenheit mit der Veröffentlichungspolitik anderer Label besonders im Hip Hop oder war der Anstoß eine bestimmte Platte, die ihr unbedingt rausbringen wolltet?

RC: Ende 1997 hatte ich ein kleines Studio und habe die ersten Produzenten für Mush (Boom Bip, DJ Osiris, Lulu Mushi) bei
Studiosessions kennengelernt. Eines Tages haben Lulu Mushi und ich darüber gesprochen, wie wir unsere Musik veröffentlichen könnten und entschieden uns, ein eigenes Label zu gründen. Mush wuchs dann schnell von einem Label, das 3 Veröffentlichungen und einen Vertrieb im ersten Jahr hatte, zu dem was es heute ist: Für 2001 sind über 30 Veröffentlichungen geplant. Und allein in den USA haben wird inzwischen 15 Vertriebe, die wiederum für den Export in die großen Musikmärkte der Welt sorgen.
De:Bug: Wie sieht eure Veröffentlichungspolitik aus und falls Du das verraten kannst ¬ was sind eure ökonomischen Strategien?
RC: Wir veröffentlichen Musik, die wir lieben, unabhängig vom Genre. Unsere Platten gibt es deshalb hauptsächlich in Läden, die sich auf verschiedene Genres spezialisiert haben. Unsere Strategie: Wir verkaufen an so viele Vertriebe wie möglich und versuchen Lizenzen außerhalb der USA zu verkaufen. Außerdem arbeiten wir daran, möglichst viele Artikel und Reviews über unsere Künstler zu bekommen (Tja, so schnell ist man Teil einer Marketingstrategie, Anm.d.A.). Dann lassen wir die Musik für sich sprechen!

De:Bug: Wie sieht euer Verhältnis zu DER Hip Hop-Community aus (um mal an diesem Mythos kräftig mitzustricken). Mush scheint ja ungewöhnlicher Weise auch eine deutliche Nähe zu Independent-Rock zu haben?
RC: Obwohl einige Mush-Releases qualitätvoller Abstract Hip Hop sind, sind wir nicht wirklich ein Hip Hop-Label. Unsere Bandbreite reicht vom besten Abstract Hip Hop, über Dancefloor Jazz und Independent Rock zu Latin angehauchten Grooves. Gerade haben wir sogar einen Drum’n’Bass-Act für eine Reihe von EP¹s gesignt. Doch auch wenn wir in den verschiedensten Genres veröffentlichen, achten wir darauf, dass man überall etwas findet, was den gesamten Mush-Katalog kohärent hält: Qualität in der Musik, bei den Vocals und im Artwork.

De:Bug: Wie sieht euer Verhältnis zu dem anderen boomenden Ausnahme-Label „Anticon“ aus? Ihr habt ja einige Gemeinsamkeiten, was die musikalische Offenheit, einige Künstler und die Außenseiterrolle im Hip-Hop betrifft.
RC: Wir sind riesige Fans von Abstract Hip Hop und Anticon ist die beste Abstract-Hip-Hop-Crew der USA. Wir arbeiten mit ihren
Künstlern, wenn es sinnvoll ist und sich die Möglichkeit ergibt. Bislang sind haben „Circle“ von „Boom Bip“ und „Dose One“
veröffentlicht. Dann sind da noch Releases der „So Called Artists“ (Sole, Alias, DJ Mayonnaise) im Programm. Jel und The Pedestrian sind für 2001 geplant. Dose One macht etwas A&R für Anticon- und Mush-Künstler. So hat er zum Beispiel Mush mit „Radioinactive“ aus LA, „Aesop Rock“ aus New York und „Labtekwon“ aus Baltimore zusammengebracht.
De:Bug: Wie sieht die Zukunft von Mush aus?
RC: Wie ich schon sagte, ziehen wir nach einem kalten Winter diesen Sommer von Chicago nach LA. Wir hatten unser Büro in beinahe jeder Metropole, jetzt wollen wir an einem Ort bleiben. Weil wir jetzt immer größer werden, wird das sonst zu anstrengend. Für die Leute wird es auch einfacher, uns zu finden. Und: es ist hübsch und warm hier.

Zuerst erschienen in De:Bug 08/01

Squarepusher: Go Plastic

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Squarepusher bringt auf seinem neunten(!?) Album die drei Hauptströme seiner Arbeit erneut ordentlich durcheinander, nachdem er zuletzt eine ruhigere Phase mit sehr experimentellen, dubbigen, ‚akustischen’ Tracks hatte. Schon der Vorgänger ‚Selection Sixteen’ hatte einen darauf vorbereitet, nun, auf dem neuen Album, verheddern sich die drei Ansätze Dub-Noise, Jazz-Avantgarde und Breakbeatmutationen auch innerhalb der einzelnen Stücke. Kraut und Rüben, sozusagen! Mit dieser weiteren Komplexitätssteigerung, für die er sich diesmal immerhin 11/2 Jahre Zeit genommen hat, ist eine Rückführbarkeit seiner eigenen auf andere Musik kaum noch möglich: der Squarepusher-Kosmos klingt autark wie nie, ist aber beileibe nicht autistisch: das hört man bei ‚My Red Hot Car’, seiner Version von 2Step. Hier hält er den Break- und Noisewahnsinn zwar deutlich im Zaum, doch trotz der Wiedererkennbarkeit des okkupierten Genres gelingt ihm das Aufsprengen langweiliger 2Step-Dogmen – mit einem ausgesprochen schönem Stück als Opener für eine ausgesprochen tolle Platte.  

(Warp, VÖ: 25.6.2001)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 7/01  

DJ Krush (Interview)

Global-Hip Hop!

DJ Krush weltweit auf der Suche nach neuen Sounds

Text: Christian Meyer

Kakusei, DJ Krush letztes reguläres Studioalbum von 1999 war im Rahmen von Hip Hop von selten gehörter Radikalität. Das monolithische, schwer zugängliche Instrumentalalbum zeigte bereits mit dem auf dem Cover abgebildeten eingeschneiten Turntable, dass hier für eine Annäherung viel Hörarbeit geleistet werden musste. Kühl und spröde präsentierte sich hier ein Entwurf, der wie der Höhepunkt und das gleichzeitige Ende von Hip Hop klang – danach war in dieser Richtung erst mal nichts mehr möglich (wir wissen natürlich, dass inzwischen andere Leute an ganz anderen Stellen großartig weitergearbeitet haben, aber das ist eine andere Geschichte…)! Krushs neues Album Zen will man als durchschnittlicher, auf Linearität bestehender Fortschrittsgläubiger dann trotzdem wieder als Nachfolger seines Meisterwerks Kakusei hören. Aber Kakusei hat schon den richtigen Eindruck hinterlassen: Zen ist lediglich chronologisch gesehen dessen Nachfolger! Kakusei war sehr abstrakt und fragil, insgesamt aber ein einheitlicher Wurf. Auf Zen hingegen findet man sehr unterschiedliche Musik: Deepe, aber auch aggressive Rap-Tracks, atmosphärischen ‚Trip Hop‘ (auch mit dem obligatorischen Frauengesang), Stücke, die man ‚Jazz-Hop‘ nennen könnte und einige in Bezug auf Rhythmus und Soundauswahl experimentellere Stücke, ähnlich wie auf Kakusei. Besonders wegen der Stücke, die man Trip- oder Jazz-Hop nennen könnte, klingt das neue Album, als hätte Krush ein Retrospektive mit allen Styles seiner Karriere zusammengestellt. Ganz im Gegensatz zu dem kompromisslosen Vorgänger von 1999, wo ein Sound dominierte. Ist Krush, mit knapp 40 Jahren ein absoluter Oldie im Hip Hop Geschäft, am Punkt einer Rückbesinnung angelangt? Will er einfach auf seine früheren Styles nicht verzichten, sich nicht häuten und sie weiter in seiner Musik integrieren? Oder war Kakusei einfach zu schwer und düster, um in diese Richtung konsequent weiter zu gehen?

Krush: Ich hatte nicht vor, ein retrospektiv klingendes Album zu machen. I wanted to make an album about moving forward, forward into the 21st Century. Das Wort ZEN
bedeutet Stück für Stück oder Schritt für Schritt. Ich wollte meine Musik Schritt für Schritt vorwärtsbringen. Aber Deine Frage macht mich nachdenklich: Jeder, der vorwärts kommen möchte, muss zurück blicken und aus seinen Erfahrungen lernen. Ich denke, ich habe auf meine musikalische Vergangenheit zurückgeblickt, um vorwärts in die Zukunft schreiten zu können. Es stimmt: auf der Platte sind sehr viele Elemente meiner Kreativität und meine Lebens. Sie blickt nach vorne, aber dass heißt auch, zurück zu schauen.

Wenn man sich mehr auf die experimentelleren Stücke des Albums konzentriert, dann findet man Tracks, die mit klassischen arabischen, asiatischen und afrikanischen Sounds arbeiten. In ‚Sonic Traveler’ werden sogar asiatisch klingende Sounds mit afrikanische Rhythmen kombiniert, was in so etwas wie, hmmm… eine freie Art Drum ‘n’ Bass mündet. Wird hier vielleicht an einer neuen Weltmusik gearbeitet, einer besseren als die, die man bislang zu hören bekam?

Krush: Ich habe nicht direkt vor, eine neue Weltmusik zu erfinden. Aber ich brauche mehr Klangfarben, um das, was in meinem Kopf ist, auszuführen. Wenn man das dann Weltmusik nennen kann, dann mache ich wohl Weltmusik. Aber ich möchte meine Musik einfach frisch, neu und spannend halten.

De:Bug: Weil Du häufig aus einer japanischen Tradition kommende Sounds verwendest, hat es den Anschein, dass Du von Japanischer Folklore beeinflusst bist. Ist Japanische Folksmusik wirklich präsent im Japanischen Alltag, oder ist das bei Dir nur ein Spiel mit Deiner Herkunft? Ich frage das, weil es in Deutschland eher ungewöhnlich ist, von Folksmusik musikalisch geprägt zu sein bzw. solche Elemente in die Musik einfließen zu lassen (allerdings ist japanische Folklore auch um einiges spannender als deutsche Folksmusik!)

Krush: Eine interessante Frage! Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass Japanische Folksmusik im Japanischen Alltag eine Rolle spielt. Es gibt da eher viel Pop- und Rockmusik, die ich allerdings nicht sonderlich interessant finde. Japanische Folklore ist in meinem Alltag nicht präsent, aber ich bin von ihr beeinflusst. Ich bin fasziniert vom Gebrauch des MA (ein japanischer Begriff, der eine Spannungsgeladene Stille voller Erwartung bezeichnet – sozusagen der Break, bevor es wieder ‚losdonnert’/Anm. CM) in
Japanischer Musik. Wie würdet ihr das übersetzen? Vielleicht: „a silent time, space with tension“. Das ist ein durchgehender Faden in Japanischer Folksmusik. Eine Unsichtbare Verbindung der Musik mit ihrer Umgebung.

De:Bug: Könntest du etwas über Deine Gäste auf der Platte sagen, warum Du sie ausgewählt hast und wie die Arbeit mit ihnen verlief?

Krush: Mit The Roots war es bereits meine vierte Kollaboration. Es war immer eine Freude, mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Für Company Flow gab es noch einen anderen Track, den ich zu EL-P geschickt habe. Er hat den des Albums ausgewählt, und auch alles andere habe ich ihnen überlassen. EL-P war sehr ernsthaft und immer pünktlich. Mit Mr.Len kommt man auch sehr gut zurecht. They’re such nice guys.
Von Zap Mamas Vocal Style war ich sofort beeindruckt. Ich wollte einen Track mit Frauenstimme machen, nicht reiner R&B, aber auch nicht im europäischen Style (er meint wohl im Trip Hop-Stil/Anm. CM). Als ich ihr Demo hörte, fand ich es perfekt. Ich schickte ihr den Track, und sie war sehr interessiert. Sie schickte es zurück mit einer Melodie und Texten, die perfekt zu meinem Image passten. Also bin ich nach LA gefahren um es aufzunehmen. Sie singt, als ob ihre Kehle ein Instrument ist. Ich war beeindruckt, das live zu erleben, es war eine magische Erfahrung!
Tunde Ayanyemi ist ein Nigerianischer Percussionist, mit dem ich mit RYU, unserem DJ-Projekt, zusammengearbeitet habe. Ich wollte, dass das Stück klingt, als würden wir beide in Schallgeschwindigkeit durch verschiedene Länder reisen. Sein trommeln klingt rauh, weil er nie auf eine theoretische Art Musik gehört hat, und nie Dancemusic gehört hat. Also habe ich versucht, ihn nach der Struktur des Tracks spielen zu lassen, aber es endete damit, dass er einfach improvisiert hat.
Sunja Lee ist eine Koreanerin, die fließend vier Sprachen spricht. Sie hat den Track in Koreanisch, Englisch und Französisch aufgenommen, und die Versionen sind alle vollkommen unterschiedlich. Ich habe mich dann für die Englische entschieden, weil das am besten zu der Struktur des Tracks passte.
Mit Kazufumi Kodama bin ich auf seiner Record-Release Party aufgetreten. Es war unglaublich, wir haben uns nur über den Sound verbunden gefühlt. Ich habe ihm am selben Abend noch ein Angebot für eine Zusammenarbeit gemacht.

De:Bug: Was wird es in der Zukunft geben, was sind Deine nächsten Projekte?

Krush: Ich habe gerade erst dieses Album beendet, da möchte ich noch nicht über neue Projekte sprechen. Als nächstes werde ich neben meiner Europatour (die Deutschlandtermine waren bereits Mitte Juni/Anm. CM) einen Remix für Herbie Hancock’s neues Album mit Vocals von Chaka Khan machen. Das wird großartig! Peace, Love and Arigato!

Zuerst erschienen in De:Bug 07/01

Oliver Husain & Michel Klökorn: Musikclips ffür Sensorama

Dokpop: Mit Sensorama-Videos den Alltag zum tanzen bringen

Oliver Husains und Michel Klökorns Arbeit als Videoclipregisseure ist wahrscheinlich den meisten durch ihr ausgezeichnetes Video zu ‚Star Escalator’ von Sensorama bekannt. Zuvor hatten sie bereits deren Track ‚Echtzeit’ verfilmt. Dass sie jetzt auch wieder ‚Where the white rabbits sleep’, die erste Singleauskopplung aus Sensoramas neuem Album ‚Projektor’, mit aufblasbaren Werbeobjekten verfilmen (bzw. Michel Klökorn diesmal zusammen mit Anna Berger) und auch die nächste Auskopplung bebildern werden, macht sie definitiv zu den Hofregisseuren der Frankfurter Musikproduzenten. Welche Parallelen man zwischen den einzelnen Clips ziehen kann, und was beim neuen Video doch anders war, verrieten sie im Interview mit De:Bug.

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Prefuse 73: Vocal Studies & uprock narratives

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Warp macht anscheinend Ernst mit Hip Hop. Nicht nur, dass sie ‚Circle’, die großartige LP von Dose One & Boom Bip lizensiert haben, jetzt veröffentlichen sie mit Prefuse 73 auch noch ein Hip Hop-Projekt von Scott Herren. Der Titel macht jedoch direkt deutlich, dass es sich hier – wie auch bei ‚Circle’ – um äußerst eigenwilligen Hip Hop handelt. Als Laptop-Nerd bricht er die Beats öfter, als es dem durchschnittlichen B-Boy lieb ist, denn das könnte beim coolen Kopfnicken üble Folgen haben. Auch die Raps werden zärtlich zerschnipselt, so dass man nur noch von Cut Up-Lyrics reden kann. Ähnlich wie bei den Rap-Tracks von Funkstörung (wenn auch nicht ganz so radikal), ist dies Hip Hop, der sein Publikum eher bei aufgeschlossenen Elektronik-Hörern denn bei dogmatischen Hip Hop-Fans finden wird. Gelungene Überraschung!

(Warp, VÖ: 11.6.2001)

 

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 6/01

Mathias Schaffhäuser / Ware Records

Eine Ware Geschichte

Das Kölner Technohouse Label Ware ist inzwischen bei der Katalognummer 20 angelangt, und immer noch ist es Labelgründer Mathias Schaffhäuser, der Ware im Alleingang führt.
Doch seit kurzem deutet einiges auf große Veränderungen und sogar Ambitionen Richtung Charts hin. Im Oktober 2000 ist Ware beim EFA-Vertrieb untergekommen, und – Zufall oder nicht – seitdem scheint die Produktivität gestiegen und eine Annäherung an den Mainstream stattzufinden. Sogleich sind auch verhaltene Bedenken zu hören, doch man sollte hier genauer hinhören und hinsehen. Dass die Veränderungen eher oberflächlicher Art sind, und sich eigentlich gar nicht so viel geändert hat, ist im medialen Tumult leider etwas untergegangen. De:Bug traf sich mit Mathias Schaffhäuser, um im Dialog das mediale Zerrbild ein wenig geradezubiegen.

De.Bug: Nach der Ware 15 von Caulfield scheint es einen Einschnitt zu geben. Seitdem drängt es Ware an die Oberfläche: mit Vollcover, Sticker auf dem Cover, Radio-Edit, kurz hintereinander Alben von Decomposed Subsonic (Blaue Löwen) und Dir (Love & Business). Bis dahin wurde bei Ware, von kleinen Ausflügen abgesehen, relativ stringent an abstraktem Minimal-Techno u. -House gearbeitet.

Mathias Schaffhäuser: Wie so oft ist das Zufall. Es war nicht groß geplant, dass die 16 (Laub & Schaffhäuser), eine ganz normale Maxi eigentlich, ein Vollcover bekommt. Die 19 und 21 werden auch wieder ganz normal sein, im schwarzen Lochcover. Damit will ich auch klar machen: es hat sich nichts geändert, es ist nur etwas dazugekommen.

De:Bug: Aber so einen Radio-Mix wie auf der Ware 18 mit den ‚Blaue Löwen’-Remixen von Decomposed Subsonic macht man natürlich nicht zufällig…

MS: Klar. Der wurde eigentlich von der Promotionagentur angestoßen, die das so gut fanden, dass sie damit Radiopromotion machen wollten. Dafür braucht man einen adäquaten Mix, damit die Leute bei dem langen Intro beispielsweise nicht gleich abschalten, weil sie denken, da ist eine Störung im Sender. Radio hat ganz eigene Gesetze. Und der Mix ist ja nicht mainstreamiger, sondern einfach kompakter. Dazu wird es noch ein Video geben. Was damit sonst noch passiert, ist noch nicht klar. Es ist auf jeden Fall nach wenigen Wochen bereits die best verkaufte Maxi auf Ware.

De:Bug: Bezeichnend ist schon, das auch Dein Album mit dem Icehouse-Cover ‚Hey little girl’ massiv popig anfängt. Dann folgt allerdings doch wieder das, was man von Dir kennt. Ein interessanter Schachzug!

MS: Man hat da die fertigen Stücke und schiebt sie hin und her, und probiert verschiedene Reihenfolgen aus. Ich habe aber dann schnell gemerkt, dass das Unsinn ist, das Stück woanders hinzustellen als an den Anfang. Das wirkt immer wie versteckt, als würde man dann doch nicht dazu stehen! Auch dramaturgisch macht es woanders keinen Sinn. Wenn es mittendrin ist, ist das ein zu großer Break, und es ans Ende zu stellen wäre zu schade. Bei einer LP achte ich ja darauf, das man das in einem guten Flow hören kann. Wenn man wirklich nicht auf das Stück steht, dann beginnt man einfach mit Stück 2 und alles ist gut. ‚Take me to your heart’, die andere Coverversion, fällt da nicht so raus, das ist trackiger.

De:Bug: Aber Dir ist bewusst, dass das auf bestimmt Leute sehr provokant wirkt?

MS: Natürlich, das Stück ist absolut polarisierend.

De:Bug: Genau wie die Covergestaltung der Alben!

MS: Ja, wobei das für mich keine 80er-Ästhetik ist, wie oft gesagt wurde. Ich denke da eher an die 70er, z.B. E.L.O. Im Kopf hatte ich: schwarze Fläche, goldenes Herz – komplett plakativ. Meine Grafikerin meinte dann: Wenn Du schon Herz-Schmerz-Kitsch machst, dann aber richtig. Das ist auch schön als Gegenpol zur inzwischen abgenutzten Minimalästhetik im optischen Bereich.

De:Bug: Also stattdessen uncoole Herz-Kettchen und Quietscheentchen (auf dem Cover der Decomposed Subsonic-CD).

MS: Für mich hat das auch was romantisches. Ich finde meine Musik ja auch zärtlich. Dass das immer nah am Kitsch liegt, ist halt so.

De:Bug: Wie ich schon in Bezug auf Dein Album sagte, gibt es ja hinter den vordergründigen Pop-Aspekten weiterhin und vor allem das, was man bisher von Ware kannte. Als ich eben noch mal das Decomposed Subsonic-Album gehört habe, ist mir wieder aufgefallen, wie experimentell es ist. Da kann er mir noch so oft sagen, dass er jetzt Popmusik machen würde.

MS: Ja, total. Die Platte ist meiner Meinung nach von vielen sehr falsch rezipiert worden. Auf der Platte sind 3 Stücke, die was offensichtliches haben. Der ganze Rest ist schräger Krempel – der natürlich trotzdem gut abgeht.

De:Bug: Ist es Programm, das es bei Ware immer diese sehr klaren Sounds gibt, immer sehr viel Luft zwischen den einzelnen Elementen ist…

MS: Das totale Programm gibt es bei mir ja nicht. Worauf es mir ankommt ist Abstraktion: dass es nicht allzu ableitbar ist, klanglich etc. Natürlich gibt es auch immer wieder Sachen, die ganz eindeutig ableitbar sind. Ich setze mich ja auch davon ab, zu behaupten, wir würden extrem experimentieren und Klangforschung betreiben. Das sollte man nicht so schnell in den Mund nehmen, denn Technohouse ist wirklich nicht mehr der letzte Schrei. Alles was da passiert sind nur noch Kleinstverschiebungen. Irrsinnig weit vorne ist die ganze Szene nicht mehr. Neben Abstraktion ist eine eigene Handschrift und Zeitrelevanz für das Label noch wichtig. Die Musik darf nicht konkret ableitbar sein von Vergangenheit. Mir ist es wichtig, dass ich höre: aha, 2001, dass ist Ausdruck eines heutigen Lebensgefühls! Wenn ich Demos aussortiere, komme ich dann natürlich oft auf Sachen zurück, die dem verwandt sind, was ich selber mache.

De:Bug: Die Verortung in der Gegenwart unterwanderst Du natürlich mit einem Icehouse-Cover.

MS: Klar, aber das ist ja auch kein festgeschriebenes Manifest, nach dem gehandelt wird. Das sind einfach die Dinge, die mir am wichtigsten sind. Und trotzdem macht man mal ein Stück, das toolhaft, also überhaupt nicht individuell ist, oder irgendeinen Retro-Aspekt hat. Wobei mir folgendes wichtig ist – das wird etwas verzerrt durch die ganze 80er Diskussion: es handelt sich bei den beiden Coverversionen auf Love & Business um Stücke aus den 80ern – die klingen aber nach Ware, nach dem, was ich in den letzten 2, 3 Jahren gemacht habe. Ich ärger mich fast etwas darüber, dass diese Diskussion auf mich übergegriffen hat, weil ich mich eigentlich nicht mit 80er-Retromusik in Verbindung bringe.

De.Bug: Es kommen schon immer wieder Verweise auf die Musikgeschichte vor, aber genauso auf die der 70er Jahre: King Crimson bei der Mellotronic-EP, Beatles bei Good Night vom neuen Album (eine remasterte Version des Math-U-hates Jazz-Tracks von der White-EP auf Frisbee).

MS: Es liegt eben in der Natur der Sache, wenn man mit Samples arbeitet, dass diese Arbeitsweise und damit auch die Musik auf etwas Bezug nimmt. Je nachdem wie erkennbar das Sample ist, kann man diesen Prozess eklektizistisch nennen oder nicht. Wenn ich ein Stück mit Streichquartett vertone, wird immer ein Bezug zu ernster Musik da sein, wenn ich ein Stück arrangiere mit einer bratzigen E-Gitarre, wird immer ein Bezug da sein zu irgendeinem Rock-Stil. Deshalb fand ich das etwas unglücklich, dass ich – auch selbstverschuldet – in diesen Diskurs geraten bin. Hätte ich ein anderes Cover genommen und die beiden Vocalstücke weggelassen, wäre die ganze Diskussion über dieses Album komplett anders, obwohl 8/10 der Platte gleich wären. Ich habe z.B. nirgendwo gelesen, dass da 3 langsame Stücke drauf sind, obwohl das in dem Kontext eher ungewöhnlich ist. Es ist genau dasselbe wie bei Hartmut (Wessling aka Decomposed Subsonic/ Anm. CM). Er macht ein Stück, das dieses popige Potenzial hat, und schon konzentriert sich die ganze Rezeption darauf. Auch bei ihm war von 80ern die Rede, und das ist bei ihm ja noch krasser daneben. Das hat ja gar nichts mit 80er-Sounds zu tun. Sowas von modern wie der klingt – da gibt es ja wirklich nur eine Hand voll Leute. Für meinen Geschmack ist Hartmut Weltspitze was Sound anbetrifft. Wenn Matthew Herbert ihn auf Platz zwei seiner Charts setzt, ist das schon ein Ding.

Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen –
die Ware-Zukunft mit Schaffhäuser-Kommentar:
Ware 19: Iven Schmidt – Dance Machine („profaner Minimaltechno, keine Popmusik(!), aber mit Clubhitcharakter“)
Ware 20: Mathias Schaffhäuser – Love & Business (CD u. 2x LP; bereits erschienen!)
Ware 21: Markus Güntner – / („Minimalhouse, geht in Richtung Luomo, mit einer 10minütigen spaceigen Hymne, sehr atmosphärisch“)
Warenkorb 3 (die dritte Labelcompilation als CD und Doppelvinyl)
Tourismo 6-Track Vinyl bzw. CD inkl. Ware6 („ein Projekt mit vorwiegend gebrochenen Beats, ästhetisch aber ähnlich wie meine anderen Sachen“)

Dose One / cLOUDDEAD

Postmodern Crooner

Adam Drucker aka Dose One, durch seine Verbindung zu den Labels Anticon und Mush zentrale Person im US-Amerikanischen Underground-Hip Hop, fasst nach unterschiedlichen Projekten (Deep Puddle Dynamics, Object Beings, Greenthink, Them und solo) mit seiner Band cLOUDDEAD seine persönliche und musikalische Entwicklung zusammen. Deren im letzten Jahr veröffentlichten sechs 10“es werden nun als CD und Triple-Album zusammengefasst und einer breiteren Masse zugänglich gemacht. Die wohl erste Hip Hop Platte mit Gerhard Richter in der Thankslist ist der genre-bending Höhepunkt und gleichzeitig der Abschluß eines äußerst kryptischen Subjektivismus. Abschluß, weil es von nun an um allgemeinverständliche „human music for human people“ gehen soll (Throbbing Gristle auf den Kopf gestellt).¬

Ich treffe Adam Drucker vor seinem Kölner Konzert im Rahmen der Big Dada/Ninja Tune- Party, bei der er sein Credo der human music anschauungsvoll demonstriert: das klassische Live-Hip Hop Animationsprogramm wird im Glauben an DAS Gute systematisch unterwandert. Statt monotoner Egomanie hört man die Aufforderung: „Now, I want everyone to say his own name… (euphorisches Stimmengewirr, dann:) wow, now we are friends!“. Daß diese gute Stimmung spätestens bei Adams Helge Schneider-Einlage am Klavier von einigen Leuten aus dem Publikum erheblich gestört wird, liegt wie meist an deren unflexibler Haltung. Wenn man fette Beats und coole Typen erwartet, stattdessen aber fragile Soundscapes und offenherzige Menschen erlebt, kann man schon nervös werden. Als ich meine erste, zugegebenerweise recht einfallslose Frage nach dem Anfang seiner und cLOUDDEADs Geschichte stelle, hatte ich das alles aber noch nicht erleben dürfen…

Adam: Eigentlich beginnt die Geschichte von cLOUDDEAD mit Greenthink. Why? und ich waren zusammen in einer Band (Apogee mit Mr.Dibbs/Anm.CM) und bemerkten schnell unsere Seelenverwandtschaft. Wir haben zuhause angefangen zu zweit aufzunehmen. Da fingen wir an Regeln zu brechen bzw. Regeln zu verlernen. Wir haben aufgehört zu reimen, haben angefangen, die Musik schmutzig und unfertig klingen zu lassen, haben einfach gemacht, was wir wollten… so entwickelte sich unser Style. Nosdum benutzte den gleichen schrottigen Sampler wie wir, den SP202. Er kam vorbei und half bei den Greenthink Stücken aus. Am Ende des Jahres haben wir entschieden, dass wir zusammen eine Platte machen müssen. Das war der Beginn von cLOUDDEAD. Mit cLOUDDEAD ist ein neuer Vibe entstanden. Es ist ein absolutes Vergnügen mit den beiden zu arbeiten. Wir tragen auch Kämpfe aus, aber auch das ist immer eine positive Erfahrung.

A sentimental Journey

De:Bug: Die 10“es sollen unter schweren privaten, emotionalen Bedingungen aufgenommen worden sein?
Adam: Von der ersten bis zur letzten 10“ war es ein auseinanderdriften und wieder zusammenkommen von uns dreien. Die erste Platte handelt vom Appartment A in Cincinnati, wo wir die Greenthink Sachen aufgenommen haben. Es war eine Zeit des Neuanfangs. Ich war mit meinem Wirtschaftsstudium fertig und wollte nach Kalifornien, die beiden anderen Studierten noch Kunst und blieben in Cincinnati. Die Platte handelt also davon, dieses Appartment zu verlassen, in dem wir uns alle kennen gelernt und selbst erfahren haben. Die zweite 10“ behandelt ein Konzert, das wir in der selben Woche gegeben haben. 200 Leute waren in diesem runtergekommenen Hip Hop Club, und wir haben den Laden komplett leergespielt. Wir haben zu Flying Saucer Attack gefreestyled, und sie haben uns gehasst. Diese Erfahrung spielte in unsere Überlegungen rein, wegzugehen und unsere Musik zu verändern. Wir haben ‚pleasure-music’ gemacht über die schlimme Zeit die wir hatten und die wir anderen beschert haben. Die dritte Platte habe ich gemacht als Why? für 2 Monate in Spanien war und ich in Kalifornien ein Star werden wollte. Die nächste hat Why? gemacht, als ich in Kalifornien war. Er fühlte sich mit Nosdum in der Kunsthochschule zurückgelassen und war wirklich suizidal, fühlte sich vollkommen leer. Die fünfte ist von Nosdum. Er hat diese Fähigkeit, nur durch Musik weinen, lachen, schreien oder wimmern auszudrücken. Er ist ein sehr emotionaler Produzent – mit dem allerschlechtesten Equipment! Eine gequälte Seele, um das Cliché einmal zu bemühen. Die letzte 10“ ist entstanden, als die beiden mich in Kalifornien besucht haben, wir also nach langer Zeit wieder zusammen waren und diese 6 kurzen, sehr offenen Stücke machen konnten. So schließt sich der Kreis von der ersten zur letzten Platte, dazwischen liegen viele emotionale Ereignisse. Und wir waren die ganze Zeit in Bewegung: jede Platte ist deshalb auch von Zeitnot bestimmt.

Worüber reden wir?

De:Bug: Würdest du die letzten Platten noch Hip Hop nennen, bzw. bist du überhaupt noch daran interessiert, es irgendwie zu benennen?
Adam: Das Kategorisieren können andere Leute übernehmen. Es gibt diese Menschen, die hören eine Minute Musik und sprechen dann über das Ganze. Genau so fühle ich, wenn ich sagen soll, was meine Musik ist. Warum darüber reden, wenn sie für mich spricht? Andererseits würde ich es immer Hip Hop nennen, weil das die Musik ist, die uns geprägt hat und uns inspiriert hat, Musik zu machen.

Über Musik…

De:Bug: Was sind Deine musikalischen Einflüsse jenseits von Hip Hop?
Adam: Im Hip Hop die ganze Linie experimenteller Musik (er nennt Freestyle Fellowship und vor allem De la Soul/ CM), außerhalb alles von den Beatles bis hin zu Pavement, Flying Saucer Attack, Pram, Broadcast oder Boards of Canada.

Es scheint sich da um ein gegenseitiges Interesse zu handeln. Gerade hat WARP Circle, sein Mush-Album mit Boom Bip, lizensiert, und es sind auch Kollaborationen mit Musikern aus diesem Umfeld angedacht)

Adam: Wir lassen in unserem Hip Hop-Appartment die Fenster offen und alles durchströmen. Wir entdecken z.B. Slint (musikalisch verwunderlich, was die emotionale Befindlichkeit angeht allerdings sehr naheliegend!/ CM), checken Tortoise aus. Überall dort sind großartige Ideen zu finden, die wir aufnehmen und auf unsere eigen Art wiedergeben können.
De:Bug: Deine Stimme klingt auf der Object Beings Single sehr nach Residents…
Adam: Die Residents sind großartig! Ich habe sie erst vor kurzem kennen gelernt, als jemand sagte: „Du kennst die Residents nicht? Du klingst genau wie sie!“ Dann habe ich sie mir angehört, und dachte: Wow! Da arbeitet man wirklich hart an etwas und merkt dann, dass so etwas schon mal jemand gemacht hat. Das ist wie alte Knochen ausgraben!
De:Bug: Aber ihr klingt ja nicht wirklich wie die Residents…
Adam: Nein, das stimmt. Und demnächst wollen wir auch eher was im Stevie Wonder-Style machen!

…und über Texte!

De:Bug: Deine Lyrics scheinen ein Stream of Consciousness zu sein. Wie entstehen die Texte?
Adam: Why? und ich schreiben sehr unterschiedlich – in unterschiedlichen Sprachen, aber mit dem selben Herzen. Ich bin manchmal etwas zu melodramatisch, er etwas zu albern. Dann passiert folgendes: ich mache eine abstrakte Strophe, er antwortet: „Das sehe ich nicht so“ und arbeitet neu mit den Worten. Umgekehrt dasselbe: wir sind sehr kritisch zueinander. Dazwischen setzen wir Zeilen aus unseren Lieblingsgedichten, aus dem Fernsehen oder Sätze, die wir auf der Strasse aufgreifen. Obwohl es sich für den Hörer nach Stream of Consciousness anhört, ist es extrem zusammengesetzt – eine Collage aus persönlichen, aber auch allgemeinen popkulturellen Erfahrungen. Denn wir wollen zwar persönliche Musik machen, sie muss aber nachempfunden, gefühlt und verarbeitet werden können. Das ist etwas, was wir gerade lernen: persönliche Musik zu machen, nicht nur für uns selbst, sondern für die Leute.
De:Bug: Genau das hast du aber in einem Interview eingeräumt: dass ihr häufig sehr unverständlich seit!
Adam: Ja, das stimmt. Aber die neue cLOUDDEAD Platte wird anders sein. Wir versuchen eine feel-good Platte zu machen, die man sich anhören kann, die aber einen riskanten Inhalt hat. Sie wird sehr zugänglich sein, denn wir behandeln ganz allgemeine Themen. Z.B. dass wir alle in Käfigen leben. Alle haben diesen cage-lifestyle: they stuck on gravity! Wir verschließen unsere Türen und Fenster. Die einzige Barriere zwischen dem Weltfrieden und unserer heutigen Welt sind Geheimnisse und Ängste. Es ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie brilliant wir sind und wie wenig davon wir umsetzen. Dabei könnte es passieren, genau jetzt!
De:Bug: Du glaubst trotz Bush an das Gute?
Adam: Das ist fürchterlich, genauso wie die Wahl fürchterlich war. Aber dieser faschistische Diktator wird den Leuten zeigen, was sie NICHT wollen. Und Gore wäre auch nicht viel besser gewesen, wir hatten eh keine Wahl.

Me, myself and you

De:Bug: Ansonsten wäre es reine Selbsttherapie!
Adam: Genau, aber wenn man das drei Alben lang macht, geht das nicht mehr. Bei vielen Künstlern heißt es nur IchIchIch, oder WirWirWir. Genau das war bisher bei cLOUDDEAD das Thema: Wie WIR als Künstler leben können. Art school is terrible, business school is worse, moving is ripping us apart, living in this appartment is ripping us apart… Was sollen wir tun, wie unsere Miete bezahlen, wie das Futter für meine Katze? Jetzt arbeiten wir mit Mush, erscheinen auf Big Dada. Anticon läuft auch gut. Jetzt können wir als Musiker und Künstler arbeiten, wir können also das Ich aus unseren Lyrics streichen. Das ist etwas neues, wir sind alle gespannt darauf, unsere Flügel auszubreiten.

We!

De:Bug: Wie ist das Verhältnis zu anderen Hip Hop Aktivisten.
Dose One: Sehr gut. In den letzten 4 Jahren hat sich im Bereich von Abstract Hip Hop (er nennt es left-field Hip Hop/ CM) musikalisch unglaublich viel getan: mit Mike Ladd, Company Flow, Saul Williams, Anti Pop, Project Blowed, Living Legends, Quannum, Ozone, und uns – Anticon. Der Erfolg von Anticon war nur möglich durch Company Flow und Co. Das war erfolgreicher Independent Hip Hop, der es uns erlaubte, im Zeitalter des Internet doppelt so erfolgreich zu sein. Wir machen alle diese Art Musik, respektieren uns gegenseitig und teilen uns die gleiche Fans. Es ist wichtig für uns, zusammenzuhalten, es ist wichtig die Arbeit der anderen zu würdigen, denn sonst sind wir alle allein. Deswegen haben wir alle untereinander Verbindungen, laufen uns bei den Labels und Konzerten über den Weg, oder im Internet. Die Verbindungen werden immer enger, und man gibt sich gegenseitig viel Unterstützung. Wir versuchen schließlich alle, ehrliche Musik zu machen, und das ist definitiv nicht einfach. Das geht nur, wann man sich gegenseitig hilft. In diesem Sinne ist die Bewegung nicht einfach Abstract Hip Hop: Wir sind die neue Energie im Hip Hop!“

VJ $ehvermögen

Bilder regeln das $ehvermögen

$ehvermögen rockt die Drum ‚n’ Bass-Crowd mit massiver Message

Text: Christian Meyer

Unterschiedliche Bilder wirken sich unterschiedlich auf die individuelle Entwicklung der visuellen Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit aus. Das kann man sich wunderbar zunutzen machen, denn wenn bestimmte Bilder bestimmte Lebensaspekte dominieren, dann dominieren neben der spezifischen Ästhetik auch deren Aussagen, klar! Nur leider sitzen meist die falschen Leute an den richtigen Stellen, so dass der Bilder-Mainstream in der Regel von öden bis bösen Menschen bestimmt wird. In der Popkultur hingegen kann das schon mal besser laufen: für die Schnittmenge Westdeutschland und Drum ‚n’ Bass-Party gibt es z.B. auch solche dominierenden Bilder. Das stellt man schnell fest, wenn man sich in Köln und Umgebung, aber auch in Koblenz oder Stuttgart auf Drum ’n’ Bass-Parties herumtreibt:man sieht dort meistens Visuals von $ehvermögen – doch die sind weder öde noch böse!

„VJ $ehvermögen“ weiterlesen

Beige (Interview)

Beige, nicht farblos!

Beige alias Oliver Braun hat nicht zuletzt in der De:Bug-Redaktion mit dem musikalischen Befreiungsschlag seiner ersten CD „I Don’t Either“ vor zwei Jahren für Aufregung gesorgt.

Oliver Braun geht es ganz und gar nicht um ideologische Grabenkämpfe (höchstens um idiologische im Sinne seiner Kollegen Mouse On Mars). Es ist z.B. nicht so – wie Andernorts zu lesen war –, dass es seiner Meinung nach zu Techno, den er ja von 95-97 selber auf Thomas P. Heckmanns Label Trope veröffentlicht hat, nichts mehr zu sagen gäbe. Gemeint war vielmehr, dass er zu Techno nichts mehr zu sagen hatte. Fast sein gesamtes Equipment landete daher beim Alteisenhändler, und er bastelte von da an nicht mehr am perfekten Sound des 4/4-Tracks, sondern machte einen harten Bruch und wechselte ins Fach der Fachlosen: von nun an sollten ihm unter anderem in der Form eines rüden Humors die Türen zu sämtlichen Rhythmen und Klängen offen stehen, und das bei viel geringerem technischem Aufwand!

Mit einem neuen Klangspektrum, das nun kaum noch auf Synthesizer fixiert, sondern viel samplebasierter war, landete er mit Hilfe von Stephan Bethke aka Pole nach einer langen Durststrecke des Klinkenputzens mit seinem Material endlich auf dem englischen Label Leaf. So war die Musik der CD I Don’t Either bei Erscheinen schon 3 Jahre alt und die ganzen Querelen um die Produktion und Veröffentlichung der CD bergen nicht die besten Erinnerungen an diese Zeit.

Ein Jahr der Musikabstinenz später arbeitet Oliver Braun als Programmierer für Web-Sites und kann deshalb viel entspannter, ohne finanzielle Abhängigkeit, an seiner Musik arbeiten. Das erste mal rein virtuell am Rechner zu arbeiten empfand er zudem als sehr befreiend und so dauerte es nicht allzu lang, bis die Arbeit an der neuen CD mit dem wunderschönen Titel „Ein Königreich für eine Handgranate“ abgeschlossen war. Die Platte klingt mit Mundharmonika, Blockflöte und Quietscheentchen ( letzteres auf der vorangegangenen ‚Non-Profit’-EP) deutlich akustischer, vor allem, weil keine Loops, sondern nur kleine Fragmente, zudem in der Regel nicht verfremdet, gesampelt werden. Was außerdem besonders auffällt, ist die vermehrte Verwendung der menschlichen Stimme.

Für die nächste Platte ist geplant, richtige Stücke mit Liedgesang zu machen. Doch „das Problem sind immer die Texte. Entweder Du machst es völlig dadaistisch und nur assoziative Geschichten, da weiß ich aber nicht, ob man das durchhält. Das ist bei mir die Hemmschwelle: nimmst Du jetzt richtig viel Gesang mit Strophe und Refrain, nur dann sollte man ja auch irgendwas zu sagen haben! Ich habe gemerkt, dass Stücke durch Stimme enorm gewinnen. Das ist immer noch so. Man denkt sich, man schafft’s auch ohne, aber es gibt immer Stücke, die sind schon ganz gut, aber dann merkst Du, da fehlt einfach das Leben!“

De:Bug:“Der Mensch wieder?“

Oliver: Der Mensch! Könnte auch ein Saxophon sein wie bei Blumfeld, aber muss nicht, zumindest nicht in der Art!“

Das hört sich an, als klänge Beige inzwischen sehr sanft und glatt. Das ist aber nun gar nicht der Fall: die Musik ist zwar nicht gewalttätig, wie es der CD-Titel suggeriert (der bezieht sich eher auf festgefahrene Strukturen im Musikbiz), es klingt aber doch alles sehr gepresst, und die Töne sitzen im Rhythmus wie in einem schiefen Rahmen. Und vor klanglichen wie rhythmischen Überraschungen ist man bei Beige sowieso nie gefeit.

Oliver: „Ich tue mich immer schwer damit, Position zu beziehen, dass steckt auch in der Musik. Es kommt nicht immer genau das, was man erwartet hätte, oder was besser funktionieren würde an der Stelle. Es gibt Augenblicke, da muss man dass einfach weg lassen. Die Musik ist so wie ein zickiges klappriges Gerüst, dass an irgendwelchen Gelenken noch zusammenhängt, und schwer am zappeln ist. Trotzdem versuche ich immer wieder zu einer Art Groove zurückzukommen, so dass da noch eine Struktur drin ist, die das Ganze in Schwung bringen kann.“

De:Bug: Wie überprüfst Du denn, ob das Ding auseinander fällt, oder gerade noch zusammenhält?“

Oliver: „Das ist ja das Drama von der selektiven Wahrnehmung: Du sitzt da und findest alles ganz toll, gehst mal kurz raus, holst einen Kaffee und kommst wieder und … es klingt nur noch schrecklich! Du hattest vorher einen Fixpunkt, mit dem hat es wunderbar funktioniert, und wenn Du den einmal aus den Augen verlierst, dann ist alles kaputt. Du kannst Dich eigentlich nur selber als Maßstab nehmen. Ich kann mir vorstellen, dass viele auch den Faden verlieren, aber ich finde das auch nicht so auseinandergeholzt, dass das endlos ins Abstrakte abgleiten würde. Da sind auch die Melodien ganz wichtig. Obwohl ich da gar nicht so viel Arbeit rein stecke, das ist dann wirklich jammen. Ich lasse den Rhythmus laufen – damit fängt ja alles an – dann spiele ich einfach…

De:Bug: „Die Melodien steuern gegen die Abstraktion…“

Oliver: „Ja, und sie halten ja nie wieder das Maul. Die daddeln ja immer los und werden nicht mehr still, die ganzen kleinen Teilchen. Aber ich habe auch das Gefühl, dass die auch einfach da sein müssen, weil ja auch relativ wenig Raumeffekte da sind, es ist ja alles sehr spröde. Bei der letzten CD habe ich alles unter 200 und alles über 10.000 Hz weggedreht (beim Mastering wurde dieses Klangkonzept dann wieder zerstört/Anm. CM), es gab im Grunde keine Höhen und keine richtigen Bässe, ich wollte das nur in den Mitten haben, und das können viele Leute nicht ertragen, die werden irre! Davon bin ich jetzt weg, aber deswegen waren damals auch schon tragende Elemente wie Melodien wichtig, die einem eine Ahnung von Spaß vermitteln können.“

De:Bug: “Warum hast Du dann erst die leckeren Basslines beschnitten?“

Oliver: „Das war Trotzigkeit, weil ich enorme Summen in Technik gesteckt habe um einen perfekten Sound zu kriegen. Den kriegst Du aber nicht, außer wenn Du unglaublich viel Arbeit in den Aufnahmeprozess steckst. Darum ging es mir aber nicht. Das ist mir einfach nicht gelungen, deshalb musste ich das zwangsläufig als Konzept weiterentwickeln: ‚Lasst mich in Ruhe mit Hifi!’ Ich fand in Clubs diese terrorisierenden Bässe und Höhen auch immer zu anstrengend…

Zuerst erschienen in De:Bug 03/01

The Bug – Pressure

Alle Jubeln, Richard D. sogar so sehr, dass er es in GB gleich über Rephlex vertreibt: das Dancehall Album von Kevin Martin.

The Bug.jpg

Der hat eine lange Reise hinter sich: vom arty Hardcore bei God (nicht den holländischen, sondern den englischen um die ‚Henry Cow’ Legende Tim Hodkinson) über Dub-Experimente zum Techno und inzwischen Hip Hop mit Techno Animal. Da hat fast immer eine große Liebe zu Noise eine Rolle gespielt. Das hält sich bei seinem ersten Ausflug zum Dancehall, ein bislang noch nicht von ihm ‚geschändetes’ Genre, ziemlich in Grenzen. Satt verzerrter Soundwände ist die Musik sehr auf rhythmische Elemente beschränkt, die dann aber wieder deutlich hörbar ‚hallo, hier sind wir’ sagen: scharfkantig und schön bassig wummernd. Und das ist gut, lässt es doch viel Raum für die zahlreichen MC’s zwischen Ragga, Rap und Rezitation. Mit dabei: der alte Sack Daddy Freddy, das unverzichtbare Reibeisen Toastie Taylor, Paul St. Hilaire und immer wieder ein gewisser Roger Robinson.
(Klein Rec., VÖ: 05.2003)

Carsten Jost (Interview)

Scharfer Wind oder kühle Brise ?

Carsten Jost (Projektname!) aka Dave (Privatperson!) balanciert mit seinem Album ‚You Dont Need A Weatherman To Know Which Way The Wind Blows’ zwischen düster-elegantem Clubsound und politisch-revolutionärem Anliegen. Ob Widerstand in Clubkultur ein Widerspruch ist, beantwortet er im O-Ton.

Interview: Christian Meyer

De:Bug: Ich würde Deine CD als sehr durchdacht, elegant, aber im Sound und
Aufbau der Tracks auch leicht gruselig klingend bezeichnen. Das hört sich nicht
unbedingt nach dem berüchtigten Hamburger Nieselregen (vgl. dial-Artikel in De:Bug 48), sondern viel eher nach dem Suspense von Hitchcock an! Mit Party-Fun hat das reichlich wenig zu tun. Ist das Dein Konzept, im Zusammenhang mit den Booklet-Fotografien von Anti-Globalismus-Randale auch musikalisch eine klare Anti-Hedonistische-Haltung einzunehmen?

Dave: Die Musik, die sich auf meinem Album befindet, ist in einem Zeitraum von drei
Jahren entstanden. In dieser Zeit ist sehr viel passiert mit mir, meiner Sicht
auf viele Dinge, die Wahrnehmung bestimmter politischer Ereignisse usw. Was
mich an Musik immer interessiert hat, ist die Fähigkeit, eine bestimmte Stimmung
zu erzeugen. Dabei interessieren mich besonders abseitige, Unruhe stiftende
und kämpferische Stimmungen. Gleichzeitig implizieren die Tracks meine ganz persönliche Reflexion einer bedrohlichen Welt mit global düstersten Auswirkungen, die uns täglich konfrontieren.

De:Bug: Passt denn die Musik Deiner Meinung nach zu den Ideen des Coverartworks? Man könnte ja kritisieren, die Musik sei viel zu elegant für die Themen der Fotografien (andererseits wäre der Horror der Bilder ja auch im Grusel des Sounds auszumachen und damit vielleicht Konzept?). Oder läuft das einfach
nebeneinander her? Ist es einfach eine weitere Ebene, ein Mittel, noch etwas
anderes zu kommunizieren als Club?

Dave: Zunächst sehe ich keinen Widerspruch zwischen Eleganz und Widerstand. Ich
habe mit dem Booklet versucht, für mich wichtige Eckpfeiler linker Widerstandsgeschichte und -gegenwart zu dokumentieren und sie dadurch in einen
Zusammenhang zu rücken, in der Inhalte, die über Musik oder Design hinaus gehen, nicht auf der Tagesordnung stehen. Ich hatte immer den Eindruck, dass besonders bei non-verbalen Musiken die Cover und Titel eine sehr wichtige und polarisierende
Rolle spielen. Wenn ich mir eine Techno-12″ oder ein Album kaufe, untersuche ich
sie jedes mal akribisch auf eventuelle Hinweise über die Intentionen und
Beweggründe des Künstlers, Musik zu machen und sich damit an die
Öffentlichkeit zu wenden… und natürlich auch, um mehr über den Künstler/die Künstlerin selbst herauszufinden. Was mich angeht, war ich gerade in der letzten Phase des Albums, in der ich auch Cover und Booklet entworfen habe, von einer
menge Wut auf die sich immer mehr verschärfenden globalen Verhältnisse bewegt.
Ich wollte dieses Gefühl der Ablehnung und des Bruchs mit der
Verwertungslogik des globalisierten Kapitalismus und der sogenannten „zivilisierten Welt“ und besonders die Möglichkeit und das Geschehen von praktischem Widerstand in der Vergangenheit und Gegenwart dokumentieren.
Obwohl oder gerade weil die Musik dieses Albums eher intuitiv als
konzeptionell entstanden ist finden sich diese Gefühle auch in ihr wieder.

De:Bug: Bei all den politischen Verweisen ist „Weathermen“ sicherlich auch als politische Anspielung auf die amerikanische Undergroundbewegung der späten 60er Jahre zu verstehen…

Dave: Ja genau! Ich habe im letzten Frühling „Woher der Wind weht“ von Ron
Jacobs über diese militante Gruppe gelesen und habe mich sehr gewundert, wie
aktuell ihre Analysen, besonders was Klassenkämpfe und Klassenidentität in
westlichen Metropolen angeht, immer noch sind. Den Titel ihres ersten Strategiepapieres „You don’t need a weatherman to know which way the wind blows“ verstehe ich in diesem Zusammenhang ähnlich wie das Konzept der Zapatisten: eine
Armee/Gruppe aufzubauen, deren Ziel ihre eigene Auflösung ist. Auf die Ansätze der
Zapatisten beziehen sich ja heute zum Beispiel auch Gruppen wie die Tute
Bianchi in Italien, die mit ihrem Konzept des zivilen Ungehorsams und ihren
spektakulären Aktionen gegen Abschiebeknäste aufgefallen sind und kürzlich beim
G8-Gipfel in Genua eine Menge erreicht haben.

Zuerst erschienen in De:Bug 10/02