Seth: Eigentlich ist das Leben schön / Clyde Fans

Gleich zwei Comic-Romane des Kanadischen Zeichners Seth hat jetzt die Wuppertaler Edition 52 veröffentlicht. „It’s a good life if you don’t weaken“, vom Comics Journal als einer der 100 besten Comics des 20.Jhd. auserwählt, erschien bereits 1996 bei Drawn and Quarterly, nachdem die Geschichte zuvor in Seths Heftreihe „Palookaville“ seit Anfang der 90er Jahren veröffentlicht wurde. Der Titel der deutschen Ausgabe, „Eigentlich ist das Leben schön“, hängt ein wenig schief, da der fatalistische Tonfall etwas verloren geht. Der beherrscht jedoch die Gesamte Story um den Zeichner Seth, der sich auf die Suche nach dem vergessenen Cartoonisten Kalo macht. Seth erzählt damit gleich zwei Geschichten: Die (autobiographische) Geschichte des Zeichners Seth auf der Suche nach Kalo mit all den persönlichen Erlebnissen des Protagonisten, und die grob recherchierte Lebensgeschichte von Kalo. Die beiden Lebensentwürfe von Seth und Kalo – weniger freiwillige denn den Umständen geschuldete – kollidieren immer wieder. Während Kalo anscheinend nur ein kurzer Erfolg mit seinen Zeichnungen beschieden war und er später recht glücklich eine Familie gründete und ins Immobiliengeschäft einstieg, ist der Idealist Seth mehr oder weniger erfolgreich als Zeichner tätig, kämpft aber mit allgemeinen Beziehungsproblemen und Depressionen. Als Gesprächspartner tritt sein Freund Chet auf (unübersehbar der Kollege und Freund Chester Brown) mit dem er seine fatalistische Weltsicht diskutiert.

„Clyde Fans“ ist Seths aktuellste Story. Auch die Geschichte um zwei Brüder, die im Ventilatorengeschäft tätig sind, ist durchtränkt von Melancholie und Depression. Im ersten Teil blickt der alte Abraham, durch die geisterhaften und heruntergekommenen Räume des Betriebs streifend, auf die Geschichte des Firmenunternehmens und das Leben seines sensiblen Bruders Simon zurück. Im zweiten Teil erleben wir Simons verzweifelten Versuch, 1957 als Vertreter von Clyde Fans Fuß zu fassen, doch seine Depressionen und Ängste werden übermächtig.

Die Tatsache, das Seth im schönen, nur leicht expressionistisch angehauchten klassischen Ligne Claire-Stil arbeitet, transportiert bereits viel von der Thematik der Stories: in beiden Geschichten hadern die Hauptfiguren mit der Gegenwart, den Entwicklungen des modernen Lebens. Was in Clyde Fans noch nachvollziehbar die Haltung eines alten Mannes ist, ist in „Eigentlich ist das Leben schön“ die nostalgische Sehnsucht eines jungen Misanthropen, der droht, den Kontakt zur Welt zu verlieren. Hierin findet man eine Nähe zu Chris Wares ebenfalls autobiographisch inspiriertem „Jimmy Corrigan“. Beide wiederum – man vergleiche nur einmal die statischen Panels in den atmosphärischen Szeneüberleitungen– scheinen stark beeinflusst von den beklemmenden Bildern eines Edward Hopper, dessen Protagonisten ebenfalls von Angst und Depression in Angesicht einer kalten modernistischen Gesellschaft geprägt sind. Bei Seth wird die kühle Stimmung unterstrichen von den Blautönen in den zweifarbigen Zeichnungen.
Der Kulturpessimismus und Zynismus, der vor allem hinter „Eigentlich…“ bzw. dem Protagonisten Seth steckt, könnte auf Dauer etwas ermüdend sein. Doch zum einen merkt man, dass sich Seth in dieser Rolle selbst nicht wohl fühlt, zum anderen ist aber die Konsequenz, sich und die Welt derart Freudlos darzustellen, auch sehr faszinierend. „Clyde Fans“ beruhigt dann den etwas verzweifelten Leser wieder: hier ist das Gefühl der Nostalgie zwar noch etwas ausgeprägter, dafür scheint der Autor inzwischen ein wenig Liebe für seine Figuren entwickeln zu können. So geht einem das Schicksal von Simon wesentlich näher als das von Seth, der in den Diskussionen mit Chet und seinem Umgang mit Partnerinnen regelmäßig der Unsympath ist. Simons Absturz in die Depression im zweiten Teil von Clyde Fans ist hingegen regelrecht erschüttend und erreicht eine emotionale Tiefe, wie man sie von Ware kennt. Das (vorläufige?) Ende deutet Simons Glück im einfachen Leben als Postkartensammler an. Allerdings: auch dies eine hoffnungslos nostalgische Vorstellung.
(Eigentlich ist das Leben schön: 176 Seiten Softcover, Edition 52, 20 Euro
Clyde Fans: 160 Seiten, Softcover, 2-farbig, Edition 52, 20 Euro)

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 76, 3/04

„Zatoichi – Der blinde Samurai“ von Takeshi Kitano

zatoichi.jpg 

Takeshi Kitano findet zurück zu alter Meisterschaft

Der blinde Samurai Zatoichi verdingt sich als Masseur. In einem kleinen Bergdorf trifft er auf die Ginzo-Gang, die gerade den Samurai Hattori als Leibwächter engagiert hat. Als das Unrechtsregime der Gang immer skrupelloser wird, greift der blinde Samurai ein und gibt zu erkennen, dass er ein ungewöhnlich guter Kämpfer ist …

„„Zatoichi – Der blinde Samurai“ von Takeshi Kitano“ weiterlesen

Robert Crumb im Museum Ludwig, Köln

„Herr Crumb, warum tun sie sich das eigentlich an?“. So oder ähnlich hätte die abschließende Frage bei der Podiumsdiskussion im Museum Ludwig lauten können. Am Dienstagabend fand sich nach der Eröffnung seiner Ausstellung am 27. Juni der Comic-Künstler Robert Crumb ein zweites mal in Köln ein, um sich den Fragen des Kurators Alfred M. Fischer, des Direktors Kasper König und des Publikums zu stellen. Eingeleitet wurde der Abend durch einen Filmbeitrag von Arte, der anlässlich der Ausstellung produziert wurde. Dort nahm man mit der Bemerkung, Crumb hätte es „längst zur Museumsreife gebracht“, das Scheitern des Gesprächs vorweg.
Die Institution Museum lässt sich nicht gerne ihre Hegemonialmacht in Sachen „Kunstwerk“ streitig machen. So merkte man den beiden Gastgebern ihre gönnerhafte Haltung an, Crumb ‚entdeckt’ und in ihren Tempel aufgenommen zu haben. Vergleiche mit Pieter Breughel, August Sanders und Philip Guston mussten herhalten, um Crumb Museumsreif zu machen, anderen, von Crumb geschätzten Produkten der Massenkultur wurde die Wertigkeit abgesprochen, denn die Kriterien für Qualität stellt immer noch der Kunstkenner auf – basta! Bei der Verteidigung der Macht über den Kunstdiskurs mittels Ausschließung wurde König richtig lebhaft.

Ganz im Gegensatz zu seinen beiden Gesprächspartnern, die vor allem die bereits auf der Vernissage zum Besten gegebenen Anekdoten zur Entstehung der Ausstellung kolportierten, war Crumb die ganzen 90 Minuten über sehr lebhaft und rettete den Abend mit seiner kecken Art und der frühen Motivation des Publikums, Fragen zu stellen. Denn nachdem er sich, dem eigentlichen Thema zuwendend, bei Fischer erkundigte, ob der mehr die Zeichnungen oder die Texte bei Comics beachte, und ihn somit nebenbei darauf hinwies, dass der Comic eine narrative Kunstform ist, war klar, dass von dieser Seite nicht mehr viel zu erwarten war – für Fischer sind es nur Zeichnungen. Das Publikum hingegen fragte im Folgenden interessiert nach den Reaktionen auf seine oft rassistischen und sexistischen Provokationen, nach seinen kreativen Schüben durch Drogen, nach seinen verlegerischen Problemen und seiner Stellung in und seine Sicht auf die gegenwärtige Comicszene.

Wer im Rahmen dieser Institution auf eine akademische Annäherung an Crumb gehofft hatte, wie man sie von einem Museum erwarten kann, wurde enttäuscht. Fragen zu Arbeitstechniken, Zeichenstil, Erzählweise oder Ideenfindung hätten von den Gastgebern kommen müssen. Die schienen aber mit dem Genre, in dem ihr Gast zu arbeiten Pflegt, nicht vertraut zu sein und konnten anscheinend auch nicht ihr Handwerkszeug auf den Comic übertragen. Auf die Idee, als weiteren Gast einen Comicexperten einzuladen, ist man jedoch nicht gekommen. So musste man sich wirklich fragen, warum Crumb sich das antut. Der jedoch war bester Laune, sehr ironisch und völlig frei vom Comic-üblichen Rechtfertigungszwang gegenüber der so genannten Hohen Kunst. Wie genau er es anstelle, witzige Comics zu machen, war eine der Fragen aus dem Publikum. Witzig sein sei gar nicht sein Ziel, antwortete Crumb. „Ich will zuallererst unterhalten“. Damit hat er auch diesen Abend gerettet.
Christian Meyer

„Robert Crumb im Museum Ludwig, Köln: 28.5. – 12.9.2004.
Katalog: Robert Crumb: „Yeah, but is it art?“. Drawings and Comics. Museum Ludwig, Köln/ Verlag der Buchhandlung Walther König, 2004

Zuerst erschienen in taz- NRW

Ed Brubaker & Jason Lutes: Herbstfall

Jason Lutes arbeitet für gewöhnlich alleine, hat sich aber mit dem zeichnen dieses Intermezzos, das in den USA bereits 2001 erschienen ist, eine kurze Abwechslung gegönnt. Denn seit Jahren beschäftigt er sich schon mit dem akribisch recherchierten, ca. 600 Seiten umfassenden Historiencomic „Berlin“. Ein Projekt, das ihn voraussichtlich auch noch die nächsten Jahre in Beschlag nehmen wird.

Herbstfall.jpg

Ed Brubaker, der Autor von „Herbstfall“, ist vor allem aus dem Superhelden- und Krimi-Kontext bekannt. Er nähert sich thematisch an den stets an individueller Psychologisierung der Personen interessierten Lutes an: „Herbstfall“ ist ein Psychothriller um einen jungen, desorientierten Slacker, der in einen zehn Jahre zurückliegenden Mordfall verwickelt wird. Brubaker stellt auf spannende Art eine stimmungsvollen Kontrast zwischen den verwirrenden Ereignissen im Mordfall und dem etwas orientierungslosen Kirk her. Denn der wurde gerade von seiner Freundin verlassen, arbeitet angeödet in einer Tankstelle und muss mit seinem langweiligen, aber neugierigen WG-Bewohner zurechtkommen. Im klassischen Thriller-Modus rutscht der unbescholtene Kirk aus seinem ziellosen Leben, hinein in die beängstigende Welt des Verbrechens.
Schnell lernt der Leser die psychologischen Befindlichkeiten der Protagonisten kennen, ohne dass deren geheimnisvolle Aura verloren geht. Das ist gleichermaßen Brubakers wie Lutes Verdienst: Sie lassen einen mit dubiosen, die Story einleitenden Bildern regelrecht in die Geschichte stürzen, bis man sich wie Kirk, hastend in ihr verfängt. Die Story wird einerseits von den sich überschlagenden Ereignissen, andererseits von Lutes’ typischen, kleinen Panels schnell vorangetrieben. Mit seinem der ligne claire verwandtem, aber in Sachen Detailreichtum auf die Spitze getriebenem Stil, vermag er in wenigen Bildern auf eine Art klaustrophobische Gefühlswelten heraufzubeschwören, wie man es bereits von seinem Comicroman „Narren“ kennt.
Die Qualität dieser kleinen Geschichte wird allerdings dadurch etwas geschmälert, dass man gegen Ende deutlich das 48-Seiten Korsett spürt, in die sich die Autoren wohl fügen mussten. Das Ende erscheint wie im Zeitraffer und unsanft fällt man so schnell aus der Geschichte, wie man in sie hineingestürzt ist. So erscheint „Herbstfall“ zumindest im Falle Lutes mehr wie eine kleine Fingerübung eines Künstlers, der in größer angelegten Projekten seine Fähigkeiten besser zum Ausdruck bringen kann.

(Reprodukt, 48 Seiten, S/W, Softcover, 10 €)

Zuerst erschienen in Strapazin # 75, 06/04

„Persepolis – Eine Kindkeit im Iran“ von Marjane Satrapi

persepolis-1.jpg 

Der arabische Lebensraum ist für gewöhnlich kaum Thema in Comics. Daher ist „Persepolis – Eine Kindheit im Iran“ von Marjane Satrapi an sich schon ein Ereignis. Satrapi schildert in naiv anmutenden, kontrastreichen Zeichnungen ihre Kindheit im Iran – von der Unterdrückung durch den Schah bis zur Unterdrückung während der islamischen Revolution unter Khomeini und dem Iran-Irak-Krieg. Gar nicht bitter, sondern mit viel Humor bringt uns Satrapi die verzweifelte Lage der iranischen Bevölkerung nahe, die neben Repression und Tod aber immer auch Wege zum kleinen Glück – Feiern, Alkohol, Popmusik und sogar Poster von Iron Maiden – findet. Keine gewöhnliche Kindheit, in einem Land, dass aber nicht nur Fanatiker kennt. Ein zweiter Band „Jugendjahre“ ist in Planung.
(Edition Moderne)

„Böse Zellen“ von Barbara Albert

Manu stürzt mit dem Flugzeug ab. Sie ist die einzige Überlebende des Unglücks. Sechs Jahre später verunglückt sie mit dem Auto. Sie ist die einzige Tote des Unfalls. Ihr soziales Umfeld lebt natürlich weiter. Zusammen, alleine – aber irgendwie anders als zuvor.

Böse Zellen.jpg

„Böse Zellen“ ist eine Aneinanderreihung von locker montierten Szenen. Es Episoden zu nennen wäre zu hoch gegriffen. Es sind kurze Ereignisse: zwei Menschen treffen aufeinander, es wird geredet, geschlagen, gevögelt, gegessen, geschlafen, geweint. Oder: zwei Menschen treffen nicht aufeinander, ein Mensch bleibt alleine: es wird geschlafen, gegessen, geweint, vor sich hin gestarrt. Mit diesem ruhigen Reigen entfaltet sich eine Kartographie der verschiedenen Personen, die durch Manu direkt oder indirekt miteinander in Kontakt stehen. Die Kamera beobachtet ganz sachlich und nüchtern – fast vorsätzlich kühl, so kommt es einem vor – das Geschehen. Den Film durchweht ein kalter Luftzug, denn Wärme will sich trotz des offensichtlichen Wunsches aller Protagonisten zwischen den Menschen dauerhaft nicht einstellen. Warum das nicht? Weil, wenn das geschehen würde, ein Wunder in dieser Welt geschehen wäre. Glück und Liebe sind so kostbar wie sie selten sind – kleine Wunder. Oft greifbar nah, aber selten zu erreichen, geschweige denn lange zu halten.

In dieser Welt ist sogar die Liebe, geprägt von Abhängigkeitsverhältnissen, kälter als der Tod. Der Tod hingegen scheint ganz warm zu sein. Manchmal suggeriert die Kamera, wenn sie die hilflosen Wesen aus der Vogelperspektive in ihren kleinen Wohn-Zellen, die dann eher nach Gefängniszellen aussehen, etwas sensibler beobachtet, einen mitfühlenden Blick der Freundin, Mutter oder Ehefrau Manu. Gegen Ende, wenn Manus Freundin Andrea im Schneesturm sterben möchte, scheint die tote Manu sie anzuhauchen, ihr wieder Leben einzuhauchen und sie zu wecken. Diese Fantasie ist eine der wenigen tröstlichen des Films. Ansonsten wirft er einen mit unerbittlicher härte auf die Tatsache zurück, dass ein stabiles Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Glück durch nichts garantiert werden kann und dass alle Versuche der Kompensation – durch Kaufrausch, Sex oder Glauben – das nicht überspielen können. Es bleiben einem nur ein paar ganz kurze schöne Momente, kleine Wunder, wenn man sie denn bemerkt.
(Bundesstart: 1.4.04)

Zuerst erschienen in choices 04/04

„Blessing Bell“ von Sabu

Eine Fabrik: die Arbeiter stehen vor verschlossenen Türen. Der ebenfalls entlassene Igarashi startet einen schweigsamen Marsch durch die Stadt und begegnet dabei den unterschiedlichsten Menschen und gerät in die ungewöhnlichsten Situationen.
Ruhiges, kaleidoskopisches Gesellschaftsportrait

Blessing Bell.jpg

Eigentlich kennt man Sabu – neben seiner Tätigkeit als Schauspieler für u.a. Takashi Miike – vor allem als Regisseur quirliger und stilistisch wechselhafter Yakuza-Filme. Mit seinem irrwitzigen Debut „D.A.N.G.A.N. Runner“ (´96) oder „Unlucky Monkey“ (´98) empfahl er sich als Meister der überraschenden wie kunstvollen Abschweifung. Sein neuer Film „Blessing Bell“ ist eine einzige, große Abschweifung. Insofern sind die Handlungs- und Stilbrüche hier wesentlich dezenter als in seinen früheren Filmen. Sabu selbst sagt, dass dieser Film vollkommen anders ist, als alles, was er bislang gemacht hat.

Igarashi streift, nachdem ihm gekündigt wurde, ziellos durch die Straßen der Stadt. Seine Wegstrecke ist der rote Faden, an dem die kleinen Geschichten des Films aufgezogen sind. Daher macht eine Nacherzählung des Plots wenig Sinn: „Blessing Bell“ erscheint mehr wie ein Episodenfilm, denn wie ein abendfüllender Spielfilm. Igarashi, engelsgleich, beeinflusst mit seiner stummen, passiven Präsenz Schicksale und führt Menschen zueinander (in einer solchen Nebenrolle ist als Hommage an Sabus großes Vorbild der Regisseur Seijun Suzuki zu sehen). Daneben ist die Ästhetik des Films das einzig verbindende Element zwischen den Szenen: Kameramann Masao Nakabori ist ein Meister des kunstvollen Bildausschnitts. Er lässt die häufig zu Stills eingefrorenen, langen Einstellungen zu einem Genuss werden. Man kann sich an den Bildern, die nicht selten wie eine Mischung der Inszenierten Fotografie eines Jeff Wall und dem überhöhtem Doku-Stil eines Andreas Gursky aussehen, kaum satt sehen. Und die Ruhe, die die Bilder ausstrahlen, lassen dem Zuschauer Zeit für kleine Meditationen zum Gesehenen.
Wenn schließlich der Manierismus des schweigenden Igarashi (gespielt von Susumu Terajima mit Buster Keaton’schem ‚stone face’) gegen Ende des Films droht, zu penetrant zu werden, zieht Sabu die Notbremse beziehungsweise legt im wörtlichen Sinn den Rückwärtsgang ein und endet dann mit einer befreienden, so geschwätzigen wie albernen Überraschung. Alleine für diese Szene muss man den Film lieben.
(Bundesstart: 11.3.04)

Zuerst erschienen in choices 03/04

Can DVD

can-dvd.jpg
Die wegweisendste, einflussreichste und legendärste Kölner Rockband der Geschichte? Nein – der Name beginnt natürlich nicht mit „B“ wie Bap, Bläck Föös oder Brings! Man muss einen Buchstaben im Alphabet weiterrücken um bei „C“ wie Can zu landen …

„Can DVD“ weiterlesen

KunstFilmBiennale 2003, Köln

Kunst im Kino

Nach einem erfolgreichen „Vorspiel“ Ende letzten Jahres fand vom 26.Oktober bis zum 2. November in Köln die erste reguläre KunstFilmBiennale mit internationalem Wettbewerb statt. Die Schnittstelle zwischen Bildender Kunst und Film in Form von Künstlerfilm, Kunst im Film und Film über Kunst war Thema des einwöchigen Film-Festivals, auf dem rund 180 Filme gezeigt wurden.

„KunstFilmBiennale 2003, Köln“ weiterlesen

Filmverleih „Rapid Eye Movies“

Mit Gewalt gegen die Großen

Gerade ist „Dolls“, der neue, bildgewaltige Film von Takeshi Kitano, in den deutschen Kinos angelaufen. Kitano, den japanischen Tausendsassa, kennt man inzwischen auch hierzulande. Seine Spielfilme sind außergewöhnliche Gratwanderungen zwischen exzessiven Gewaltausbrüchen und außerordentlich sensiblen Bildkompositionen. Dass seine Filme spätestens seit „Sonatine“ (1993, zeitverzögert in den deutschen Kinos) eine große Fangemeinde gewonnen haben, ist unter anderem dem kleinen Kölner Filmverleih Rapid Eye Movies (R.E.M.) zu verdanken. Der Verleih wurde vor sieben Jahren von Antoinette Köster, Stephan Holl und Sigrid Limprecht, die zugleich Geschäftsführerin der Bonner Kinemathek ist, gegründet. Gestartet hat man mit dem Anime „Ghost in the Shell“ und damit gleich ein ganzes Genre ins hiesige Bewusstsein gerückt. Denn von Anfang an wollte man „filmisches Neuland betreten“, wie Stephan Holl berichtet. Seitdem hat Rapid Eye Movies pro Jahr fünf bis zehn Filme in die deutschen Kinos gebracht, darunter solch außergewöhnliche und schockierende Arthouse-Filme wie Takashi Miikes feministischen Splatterfilm „Audition“ oder den nicht minder drastischen Liebesfilm „The Isle“ von dem Koreaner Ki-Duk Kim. Derartige Filme, die sowohl thematisch als auch ästhetisch die Grenzen des gewöhnlichen Kinobetriebs sprengen, sind durchaus repräsentativ für das Programm von R.E.M., wo man „immer auf der Suche nach dem, was einen fordert und weiterbringt“ ist, so Holl. Aber es gibt durchaus auch leichtere Kost – vor Genre- und Trashfilmen schreckt man bei R.E.M. nicht zurück. Solange die Filme einen eigenen Ansatz erkennen lassen bzw. dem jeweiligen Genre etwas neues einhauchen, darf „auch mal ein Partymovie“ im Programm auftauchen. Das gilt vor allem für den Video- und DVD-Bereich, der zur Zeit mit Hilfe neuer Vertriebspartner ausgebaut wird. Dort wird demnächst auch der Bollywood-Film „Sometimes Happy, Sometimes Sad“ erscheinen. Das indische Epos mit vielen Tanz-, Gesang- und vor allem Heulszenen war dank R.E.M. im Frühling dieses Jahres der erste in Deutschland adäquat gezeigte Film seiner Art. Das ein vierstündiges „Musical“ aus Indien hier trotzdem nicht zu den Kassenschlagern zählt, verwundert aber niemanden. Finanzierbar sind solche Liebhaber-Eskapaden nur durch sekundäre finanzielle Unterstützung. Neben der Filmstiftung NRW, ohne die sich der Verleih nach eigenen Angaben nicht hätte etablieren können, trägt sich das Unternehmen mit Hilfe von Fernsehlizenzen. Vor allem der WDR ist da ein verlässlicher Partner: die Finanzierung von „Dolls“ war nur mit einer gleichzeitigen Zusage des Kölner Senders, die Fernsehrechte zu erwerben, möglich. So ist neben dem Kinoverleih und dem Video/DVD-Markt das Fernsehen das dritte Standbein von R.E.M., das hoffen lässt, dass dieser kleine, spezialisierte Verleih den großen aber meist profillosen Filmverleihen auch auf Dauer Paroli bieten kann.
Christian Meyer

Zuerst erschienen: Zeitung der Kunstfilmbiennenale Köln 2003

Squarepusher

Sonic Destroyer!

Bevor das Interview beginnt, fällt im Raum der Name Alan McGee. Kennt der nach einigen Stunden Dumme-Journalisten-Fragen-Beantworten deutlich abgeschlaffte Tom Jenkinson aka Squarepusher nicht! Als ich erläutere, dass er das Label Creation gegründet hat, lautet sein desinteressierter Kommentar: „Kenn ich auch nicht, aber was für ein blöder Name. Hätte er besser Destroy genannt“.

Dabei macht sich Squarepusher nach wie vor häufig die doppelte Arbeit: erst kreieren, dann negieren, oder – etwas positiver ausgedrückt: erst zusammensetzten, dann wieder auseinandernehmen! Auf Squarepushers neuer Platte ‚Go plastic’ kommt diese Tugend wieder voll zum tragen, nachdem er zuvor mit Maximum Priest und Budakhan Mindphone fast schon seriöse Avantgardeziele verfolgt hat. Auf die Bemerkung, er würde sich im Moment wieder mehr seinem frühen Wahnwitz nähern, und überhaupt sei seine Entwicklung alles andere als die einer linearen Evolution, kontert er mit einem Modell dreier Tracktypen, die ständigen Verfeinerungen unterworfen werden: „Es gibt die ruhigeren Stücken ohne Beats (Leute, die das Ambient nennen, sollten ihm nicht zu nahe kommen…), die eher im Drum ‚n’ Bass-Kontext angesiedelten Stücken und die freieren, Fusion-Jazz inspirierten Sachen. Die drei Typen vermischen sich natürlich auch“. Denn alle drei Stränge bewegen sich auch gerne in Kreisen, entwickeln sich also nicht nach herkömmlichen Fortschritts-Schemata, und – das kann man sich leicht ausmalen – verheddern sich auch ineinander. Das führt zu D’n’B- Ambient (aua!), Fusion-D’n’B, Ambient-Fusion (noch mal aua!) und ähnlichem Unfug, der zu Hören dem Wagemutigen großen Spaß bereiten kann.
Neben dem wieder angehobenem Irrwitzfaktor scheint auch der Anteil ‚herkömmlicher’ Instrumente (Bass und Schlagzeug) wieder abgenommen zu haben.
Bei dem Thema entwickelt Herr Jenkinson allerdings einen ähnlichen Ekel, wie bei der Genreeinordnung seiner Tracks, aber da muss er jetzt trotz seines desolaten Zustands durch. „Die Unterscheidung von Computern und Instrumenten, äh, wenn ich von Instrumenten rede meine ich…(spielt den muckermäßig hochgeschnallten Luft-Bass), interessiert mich nicht“.
Ich stimme ihm schnell zu, um nicht vollkommen als Trottel dazustehen… Aber schließlich hat er dieses Fusion-Virtuositätsausstellungsspiel selber bereits mit den Bass-gniedel-daddel-Soli seines ersten Albums „Feed Me Weird Things“ losgetreten. „Hm, ja, stimmt“. Na also! Die Anteile herkömmlicher Instrumente sind jedoch gar nicht zurückgegangen, nur macht eine nachträgliche Klangbearbeitung auf der einen, und das Sampeln herkömmlicher Instrumente auf der anderen Seite eine Unterscheidung immer schwieriger und natürlich auch überflüssiger. Das Werk beantwortet die Fragen mal wieder wesentlich besser als der Autor. Und auch dessen Laune ist deutlich besser. Findet er eigentlich, dass seine Musik humorvoll ist? „Ja, schon…“.
Wirklich neu ist hingegen sein Versuch, 2Step ein wenig Charakter einzuhauchen. „Eines Tages kam ein Freund von mir, der viel 2Step hört, in mein Studio und er fand meine neuen Sachen mal wieder sehr strange. Da habe ich gesagt: ‚Ich mach Dir mal einen 2Step Track in meinem Stil’“ . Hat er gemacht, und als der Freund ihn gehört hat, hat er ihm anscheinend sogar gefallen, auch wenn er ihn etwas ungewöhnlich fand. Nur, es ist zu befürchten, dass der beim Tanzen zu „My Red Hot Car“ seinen Champagner verschütten wird.

Zuerst erschienen in De:Bug 11/03

Schlammpeitziger II

Schlamm(ge)schichten

Drei Jahre hat sich der Schlammpeitziger aka Jo Zimmermann Zeit genommen, um sein neues Album fertig zustellen. Aber nicht drei Jahre lang! Nach einem Remix für Depeche Mode und seiner Best of CD für das Britische Label Domino war zunächst eine Neupositionierung gefragt. Das Album selbst wurde in nur einem halben Jahr eingespielt. Was ist neu, was ist anders?

In der Tat hat sich einiges geändert, auch wenn einem das nicht so direkt ins Auge und Ohr springt. Die Produktionsbedingungen, die seit langem in der fast hermetischen Schlammpeitziger-Welt überschaubar waren, sind etwas durcheinander geraten: er hat zum ersten mal stringent an einem Album gearbeitet, und nicht über zwei Jahre Stücke angesammelt. Nach nur einem halben Jahr waren 9 Tracks fertig! „Es sollten eigentlich 10 Stücke werden, aber nach dem neunten war ich einfach leer! Da konnten die Geräte auch mal wieder schweigen.“ Auch hier, beim Instrumentarium, hat sich einiges geändert: Wo zuvor der Casio tonangebend war, regiert jetzt ein Roland SP 808 mit seiner Vielfalt an Möglichkeiten. „Man kann da Sachen exakt platzieren, wie im Minicomputer. Das ist eine ganz andere Arbeitsweise: da kann man Dinge nebeneinander und übereinander stellen, so dass die vom Timing auch genau hineinpassen. Ich habe auch viel mit Resamples gearbeitet. Die vier digitalen Spuren habe ich dann oft nachher wieder auf 8 analoge gebracht und noch mal Melodien dazu gespielt. Außerdem habe ich eine dickere Drummaschine benutzt, weil ich auf die Casio-‚Holzdrums’ wirklich keine Lust mehr hatte – es sollte mehr nach vorne gehen.“

Und nach oben, unten, rechts und links! Nachdem die kleinen Attraktionen, für Depeche Mode remixen zu dürfen (der Matmos- oder Mark Bell-Effekt hat sich aber nicht eingestellt, weil der Remix „zu eigen, zu verschroben“ war) und sein Best-of… Album „Collected simplesongs Of My Temporary Past“ auf Domino veröffentlichen zu können das Telefon NICHT haben heiß klingeln lassen, hatte Jo Zeit, sich über eine Neupositionierung Gedanken zu machen. „Ich wollte eine Grätsche machen zwischen Elektronik, Pop und Experiment. Ich habe die drei Jahre viel Musik gehört, und was letztendlich für mich hängen geblieben ist, wo ich am meisten dachte, da könnte es für mich hingehen, war zwischen Capitol K, Vert und Stevie Wonder. Ich dachte, dass das auch für mich eine gute Fortsetzung wäre für elektronische Popmusik im weitesten Sinne. Ich hatte keine Lust, dass das alles glatter wird, oder mainstreamiger. Ich wollte, dass das verschroben und komisch bleibt., zwischen Geräusch, Melodie und Pop.“ Niedlich-Sound adé! Stattdessen rappelt es auf dem neuen Album „Everything Without All Inclusive“ ordentlich und man kann bei der Vielschichtigkeit der Tracks durchaus von einem komplex geschichteten Wall of Sound sprechen.

Aus den vielen Schichten schälen sich dann immer wieder Geschichten – vage narrative Strukturen heraus. Konkreter wird es, wenn gesampelte Geräusche wie das Summen eines Bienenschwarms oder die Geräusche eines Ruderbootes zu hören sind. „Eine Geschichte ergibt sich erst während der Arbeit mit den Bruchstücken, bevor man die Versatzstücke zusammenfügt und es ein Ganzes ergibt. Das wurde jetzt schon öfters lyrisch genannt, worauf dann die Frage nach Gesang folgte. Auf Gesang hatte ich aber keine Lust. Ich wollte noch mal eine Platte machen, bei der ich einen Schritt anders wohin gehen und trotzdem instrumental bleiben kann. Ich dachte, dass es auf jeden Fall noch eine Erzählform in elektronischer Musik gibt, die ohne Stimme auskommt! Außerdem hätte ich total anders arbeiten müssen, wenn da noch eine Stimme hätte reinpassen sollen. Die Musik ist viel zu dicht und gar nicht so angelegt! Das ist aber witzig, das jetzt gesagt wird, die Platte klingt lyrisch, denn dann hat sich das mit der Stimme ja eh erst mal erledigt!“

Geblieben sind bei all den Veränderungen und Auflockerungen des hermetischen Schlammpeitziger-Universums die langen Titel aus neuen Wortschöpfungen. Nur beim Album Titel wurde er etwas pragmatischer: „Diesmal war es mir wichtig, etwas zu sagen, was nicht in diesem geschlossenen Schlammpeitziger-System ist. Der Titel „Everything Without All Inclusive“ richtet sich gegen ‚all inklusive’, fordert Eigenheit und Einzigartigkeit. Auch in der Elektronik wird alles so auf EINEM Teppich breitgetreten, und da ist es wichtig, dass es auch verschrobene und andersartige Sachen gibt innerhalb dieser ganzen Parameter.“
(Sonig, VÖ: 3.11.03).

Zuerst erschienen in De:Bug 11/03

Peaches – Fatherfucker

Erstmal volle Punktzahl für’s Image: Peaches mit angeklebtem Bart auf dem Cover des wohlüberlegt betitelten zweiten Albums „Fatherfucker“:

Peaches.jpg

Sexploitation und Gender-Verwirrung sind weiter ihre Themen. In einem der drei Bonus-Videos dann noch ein musikalisches Statement: „Queen of the Electro-Crap“ nennt sie sich da und läuft rum wie die 43. Version einer M.I.A. Obwohl: rein musikalisch betrachtet könnte sie natürlich auf dem Electro-Clash-Sampler landen: ihr Minimal-Electro-Booty-Style ist ab und an von Rockgitarren durchkreuzt. Das meiste hier ist aber staubtrockener Ghetto-Bass, Techno-Bass oder wie man das Zeug zur Zeit nennt. Cool wie Scheiße, dieser Crap, und das weiß inzwischen sogar good old Iggy Pop, der mit ihr bei „Kick It“ im Duett singt. (Als Doppel-CD mit 3 Bonustracks, darunter das tolle, bisher nur live gehörte „Sex(I’m a)“).
(XL-Rec./Beggars Group, VÖ: 15.9.2003)

Zuerst erschienen in De:Bug 10/03

Cavemen Speak – Wooden Cast

Es ist erstaunlich, was für eine Bandbreite das Duo Cavemen Speak da auf 11 Tracks demonstriert: zwischen hübsch verträumten Stücken mit perlenden Pianoakkorden, düster-verrauschtem Minimalismus, eingeflochtenen tricky Breakbeats in Drum ‚n’ Bass-Tempo, Electronica-Anleihen, Jazz-elementen und fernöstlichen Sounds findet man hier so ziemlich alles in bester Qualität, was man vom Leftfield-HipHop der letzten Jahre kennt. Und mehr! Schöne Überraschung!
(Shadowanimals, VÖ: 9/03)

Fanny Pack – So Stylistic

Salt ‚n’ Pepper oder die unbekannteren aber ziemlich irren und guten L’Trimm sind die deutlichen Referenzen von Fanny Pack. Also Female Rap der späten 80er: aufgekratzt freche Raps plus minimalistische Beats aus der Roland-808. In der Version der zwei musizierenden Jungs und der drei Girls (Jessibel, Belinda und Cat heißen die) paart sich das zudem mit fettem Booty-Style. Das klingt zwar erst einmal sehr ausgedacht – und ist es wohl auch – doch die Mischung funktioniert vorzüglich. Wenn man „Push it“ mochte und gegen Partymusik mit einer Extraportion Bass nichts einzuwenden hat, ist das genau das richtige. Und bitte nicht vom 80’s-Trash-Cover mit original Fat Boys Schriftzug abschrecken lassen.
(Tommy Boy, VÖ: 09/03)

Schorsch Kamerun zu „Golden Lemons“

Rockerdialog: Wen interessiert das noch?

Nach gut 20 Dienstjahren gibt es die Goldenen Zitronen erstmals im Kino zu sehen. Ihre US-Tour als Vorgruppe des schizophrenen und autistischen Musikers Wesley Willis bildet den Rahmen für den Tourfilm ‚Golden Lemons’. Regisseur Jörg Siepmann begleitete die Band knapp zwei Wochen durch die Provinzstädte des Westen der USA und liefert ein Portrait der Band unter diesen ungewöhnlichen Bedingungen. Ganz glücklich sind die mit dem Film jedoch nicht. Gründungsmitglied Schorsch Kamerun erläutert warum.

De:Bug: Eindeutige, sichere Zustände interessieren Euch anscheinend nicht. Als deutlich links positionierte politische Punkband tourt Ihr durch die eher konservativen Provinzstädte des US-Amerikanischen Westens. War das eine bewusste Entscheidung für einen Konfrontationskurs?
Schorsch Kamerun: Es waren schon klar Subkultur- orientierte Umgebungen in denen wir dort aufgetreten sind. Insofern empfanden wir die unmittelbaren Auftrittsorte nicht unbedingt „konservativer“ als ein Kulturzentrum wie „die Fabrik“ in Hamburg- Altona. Konfrontationen durch unser Auftreten allein waren so vorab erstmal nicht angelegt. Es gab eher ein erstauntes Empfinden über unsere klareren politischen Statements (beispielsweise über den aktuellen Präsidenten), aber niemals eine verärgerte Reaktion.
De:Bug: Könnt ihr einschätzen, wie man Euch dort als Band wahrgenommen hat? Habt Ihr ein detaillierteres Feedback von den Leuten bekommen? Wart Ihr die verrückten Deutschen, die coolen Deutschen, oder war Irritation eher vorherrschend? Wie hat die Musik gewirkt? Der Film gibt darüber nicht so recht Aufschluss…
SK: Das scheint mir eines der Probleme des Films zu sein. Er interessiert sich nicht weiter für die direkten Reaktionen die wir beim Publikum auslösten. Das heißt er ignoriert weitestgehend die kommunikativen Erlebnisse zwischen den Leuten vor Ort und uns- nach, aber auch während der Auftritte. Es gab viele spannende Gespräche mit den unterschiedlichsten Leuten, breit gefächert über Themen aus meist subkulturellen und politischen Bereichen, die der Film komplett auslässt.
Unser musikalisches Auftreten schien mir in seinem „realen Moment“ am überraschendsten zu wirken für das Publikum. Ich glaube wir sind als europäische Band weit weniger vordergründig eine „Show“ als vergleichbare Acts, wie vielleicht Jon Spencer o.Ä.
De:Bug: Wie habt Ihr den Spagat zwischen den Polen ausgehalten, als Vorgruppe des schizophrenen Musikers Wesley Willis einerseits Teil eines lobenswerten ‚Projektes’ zu sein (vgl. Phänomen ‚Station 17’), andererseits Euch aber auch immer wieder wie in einer unangenehmen Freakshow vorzukommen, wo man nicht mehr weiß, wer hier mit und wer über Willis lacht?
SK: Man muss schon ziemlich genau hin schauen bei dem Phänomen Wesley Willis. Er ist ziemlich komplex. Er ändert auch des Öfteren seine Positionen. In seinem Grundwesen ist er aber mit Sicherheit ein durchaus friedliebend ausgerichteter Zeitgenosse. Die Konzert bestimmenden „Fun- orientierten“ Reaktionen der Leute, vornehmlich bei den rüpelhaftesten Passagen seiner Vorstellungen (inklusive seiner Kopfnussrituale), sind für mich aber auch nicht immer voll zu verstehen. Es gilt zu bedenken das er meist in einer eigentlich recht eindeutigen Hardcore- Szene stattfindet.
De:Bug: Eine inhaltliche Auseinandersetzung war mit WW bzw. seinem Manager wohl nicht zu führen bzw. wäre wohl auch fehl am Platz gewesen. Im Film kommt mehrmals und an exponierter Stelle der Bin Laden Song vor, so dass man fragen muss, wie Ihr Euch dazu verhalten habt? Da klingt ja EIGENTLICH ein unangenehmer Patriotismus mit. Wie geht man damit um, wenn das von einem Menschen wie WW kommt?
SK: In dem man ihn ganz direkt fragt, was genau er mit diesem Lied sagen will. Es gibt aber kein klares Bild einer Antwort. Ich selbst habe ihn exakt diesen Song schon sehr unterschiedlich interpretieren hören. Textlich bleibt die reduzierte Ebene von: der Böse hat das Schlimme angerichtet und darum ist er ein Arschloch und deshalb man sollte Dieses und Jenes mit ihm anstellen. Anderseits denkt Wesley im Genaueren, allein schon durch seine Prägung (er war Zeuge schwerer Gewaltverbrechen), ein ganz feines Nachdenken über Gewaltausübung. Im besten Fall nehme ich solche brachialen Texte deshalb als (wie auch immer zu bewertenden) „Style“ wahr.
De:Bug: Der Film zeigt Euch sehr offen in Bezug auf Eure Konflikte untereinander und Eure inneren Konflikte. Wie empfindet Ihr diese Offenheit, wenn Ihr den Film seht?
SK: Das wäre im Grunde Okay mit uns. Wir finden nur, dass der Film an diesen Stellen sehr populistisch wiedergibt, wenn es um die Interna der Band geht. Außerdem ist das wirklich unverständlich schwach klischiert wenn man Bilder ausstellt, wo sich Gitarrist und Sänger über zu laute Verstärker streiten. Das gibt es zwar, aber wen interessiert das noch?
De:Bug: Ihr seid mit dem Bild, dass der Film von Euch zeichnet, nicht sonderlich zufrieden. Was gefällt Euch nicht an Eurer Darstellung im Film, was wäre Euch in einem Film wichtiger gewesen?
SK: Wir haben diese Tournee zu sagen wir 50% anders empfunden als der Film das wieder gibt. Er lässt völlig aus wie sich unsere Band in der besonderen Situation präsentiert hat in der wir uns befanden in den USA. Es gab unendlich viele Kontakte, Gespräche, Diskussionen, aber auch diverse persönliche Erlebnisse mit Leuten vor Ort. Das fehlt extrem für eine halbwegs adäquate Wiedergabe. Stattdessen sieht man Massen ästhetisierte Szenen von melancholischen Musikreisenden die traurig aus dem Tourbus sinnieren. Der Film sollte in dieser Form zumindest nicht so heißen wie die Band. Unser Problem ist nun, das wir den Film handwerklich als nicht ungelungen empfinden. Nur ignoriert er zu großen Teilen unsere Anliegen im Allgemeinen und noch mal mehr im Speziellen die dieser USA- Reise.
(Bundesstart von Golden Lemons: 28.8.2003)

Zuerst erschienen in De:Bug 09/2003