„Borat“ von Larry Charles & Sascha Baron Cohen

Der kasachische Journalist Borat Sagdiyev reist in die USA, um Kultur und Volk näher kennen zu lernen und die Erfahrungen nutzbringend für das eigene Volk zu verwerten. Der Abgesandte Kasachstans ist – das merkt man schnell – ein höchst charmanter und liebenswerter Rassist und Sexist…
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(Bundesstart: 2.11.06)

Zuerst erschienen in choices 11/06

„Montag kommen die Fenster“ von Ulrich Köhler (Interview)

Nach seinem Erstling „Bungalow“ erzählt Ulrich Köhler auch in seinem neuen Film wieder von Gefühlen der Entfremdung in der Mittelschicht. Nina verlässt sprachlos das Eigenheim und bleibt auch im Rest des Films sprachlos. Ohne ausgesprochenen Grund und ohne erkennbares Ziel flüchtet sie. Im Ferienhaus der Eltern trifft sie auf ihren Bruder, und flüchtet auch dort wieder. In einem klotzigen Großhotel schleicht sie somnanbulistisch durch die Gänge, trifft auf einen abgehalfterten Tennisstar (gespielt von der Tennislegende Ilie Năstase) und landet schließlich wieder bei ihrer Familie. Eine Lösung gibt es nicht. Ernüchternd und in ebenso nüchternen, wenn auch wohl gestalteten Bildern folgt Köhler seiner Protagonistin. Die innere Leere der Protagonistin überträgt er mit seiner Distanziertheit auf die Zuschauer.

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INTERVIEW MIT ULRICH KÖHLER:
Es ist einige Zeit vergangen seit „Bungalow“. Warum dauerte es bis zum zweiten Kinofilm so lange? …

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„Sehnsucht“ von Valeska Grisebach (Interview)

Markus und Ella sind seit ihrer Kindheit ein Paar. In ihrer dörflichen Umgebung genügen sich die beiden. Als Markus bei einer Dienstreise eine andere Frau kennen lernt, gerät sein Leben aus den Fugen.

Was für ein Filmtitel! „Ein Liebesfilm“ heißt es noch, nicht minder Eindeutig, im Untertitel. So schlicht die Worte, so groß ihre Bedeutung. Das trifft auch auf den Film zu, der mit Laiendarstellern – ein Begriff, den die Regisseurin nicht sonderlich mag – in einem kleinen Dorf gedreht wurde. Die Geschichte von dem Schlosser und der Haushaltshilfe ist eine der eindringlichsten, die man seit langer Zeit im Kino sehen konnte. „Sehnsucht“ ist wieder einer jener neuen deutschen Filme, der den Figuren so nahe kommt, dass man sich als Zuschauer fast als Störenfried in deren Intimsphäre fühlt. Hier entsteht eine Tiefe der Gefühle, von der Regisseure von Hochglanz-Melodramen nur träumen können. Und das Ende dieses wunderbaren Films ist schier unglaublich.

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INTERVIEW MIT VALESKA GRIESEBACK:
Inwiefern unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit Laien von der mit professionellen Schauspielern?

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Das digitale Kino – Was wird sich ändern?

Digital ist fast überall – auch beim Film. Nur der klassische Kinobetrieb läuft fast immer noch wie vor hundert Jahren mittels fotochemischen Films und eines herkömmlichen Projektors ab. Doch das digitale Kino kommt und das Gerangel um die besten Plätze ist im vollen Gang…
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Zuerst erschienen in Filmstart 7/06

„Kippenberger – Der Film“ von Jörg Kobel

Alleine der Titel könnte schon vom Künstler selbst stammen. Martin Kippenberger hatte durchaus etwas übrig für billigen Humor und tief fliegende Witze – mit dem Filmtitel an eine Ebene anzudocken, die man vielleicht bei „Otto – Der Film“ erwartet, passt durchaus ins Programm des Künstlers. „Krieg böse“ lautet der Titel eines Bildes aus dem Jahre 1983, 1990 kalauert er schmerzhaft: „Was ist der Unterschied zwischen Casanova und Jesus: Der Gesichtsausdruck beim Nageln“. Gerne also auch geschmacklos, oft um die Ecke, beißend sozialkritisch. Das wilde Leben dazu führte er Atemlos. „Dieses Leben kann nicht die Ausrede für das nächste sein“. So gab er in diesem alles, bis er 1997 nichts mehr geben konnte und am Raubbau seines Körpers zugrunde ging.

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Der Film von Jörg Kobel versucht an Hand einiger Kommentare von Freunden und Bewunderern ein Bild von Kippenbergers Leben zu erstellen. Interviews mit seiner Galeristin Gisela Capitain, dem Direktor des Museum Ludwig, Kasper König (an Weiberfastnacht in Köln im Sträflingskostüm interviewt – das hätte auch Kippenberger gefallen), dem Popkulturkritiker Diedrich Diederichsen oder dem Kippenberger-Fan Christoph Schlingensief neben seiner letzten Lebensgefährtin, seinem besten Freund oder seinen beiden Schwestern lassen einen zwar wilden, provokanten und bissigen Menschen erkennen, ebenso aber auch eine sensible und empfindsame Person, die sicherlich besser austeilen konnte, als sie fähig war, Kritik einzustecken.

Die Interview-Beiträge sind nicht immer auf den Punkt gebracht, scheinen oft spontan, ohne große Vorbereitung entstanden zu sein. Das entspricht einerseits vielleicht der hastigen Produktivität Kippenbergers, lässt aber hier und da auch etwas Stringenz vermissen. Die Bedeutung für die Kunstwelt, dieselbe vor allem aus ihrer betulichen Selbstbezogenheit zu zerren, schimmert – vor allem durch Diederichsens ‚Kompaktseminar’ – trotzdem durch.
(Bundesstart: 15.6.2006)

Zuerst erschienen in Filmstart 06/06

New Hollywood – Next Generation

Das übermächtige Hollywood-System der großen Studios ist dick und träge. Erfolgsrezepte werden hier gerne besonders lange tot geritten. Kein Wunder also, dass nun wieder kleineren Filmen, die Anderes wagen, mehr Erfolg zuteil wird.
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Zuerst erschienen in Filmstart 04/06

„Aus der Ferne“ von Thomas Arslan

„Eine Reise durch die Türkei“ lautet schlicht der Untertitel von Thomas Arslans neuem Film, und genau so schlicht ist der Film selbst. Es ist ein ruhiger Film, und er ist sehr offen angelegt.
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(Bundesstart: ??.??.2006)

Zuerst erschienen in choices 04/06

Melvins – Salad of a thousand Delights (DVD)

Ein Konzert mit kleiner, aber wüster Clubatmosphäre: permanent tummeln sich Leute auf der Bühne, stagediven, wenn sie es schaffen, bevor sie vom Bassisten erwischt werden.

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Oder umgekehrt: direkt beim ersten Stück landet Joe Preston im Publikum, seinen Bass findet er erst am Ende des Stücks wieder. So war das 1991 in Olympia, südlich von Seattle. Die Melvins spielen ihren superben Stopp-and-Go-Doom-Hardcore-Metal abgeklärt, der Film ist in diesem Rahmen zwar relativ aufwändig mit mehreren Kameras gemacht, insgesamt aber doch eine sehr punkige Angelegenheit. Als Bonus gibt es noch ulkige Frühstaufnahmen von 1983 – da war sogar King Buzzo noch jung!
(MVD)

Bob Gruen/Nadya Beck: New York Dolls – All Dolled up (DVD)

Anfang der 70er Jahre drang durch sie der New Yorker Underground kurz an die Oberfläche: musikalisch durch harte Bands wie MC5 begünstigt, drogenmäßig am Puls der Zeit, also auf Heroin, im Transvestiten-Style von den ‚Superstars’ aus Warhols Factory, aber auch eingekleidet von Malcolm McLaren, der hier schon mal seine Hakenkreuz-Provokationen für die Sex Pistols, für die die Dolls sicherlich auch musikalisch bedeutsam waren, ausprobieren konnte, bespielten sie in der ersten Hälfte der 70er die Clubs der Großstädte.

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Bob Gruen und Nadya Beck haben sie damals drei Jahre lang begleitet und Gefilmt – auf der Bühne, Backstage, in Hotels und beim Abhängen – und nun eine Impression daraus geformt. Kommentare gibt es während der Slide-Show als Bonus.
(MVD)

„Capote“ von Bennett Miller

Der Autor Truman Capote schafft mit seinem Tatsachenroman „Kaltblütig“ zwar nicht ein komplett neues Genre. Dem großartigen Werk, das er unbedingt schreiben wollte, ist er nach sechs Jahren Arbeit aber sehr nahe gekommen. Doch er zahlt einen hohen Preis dafür.

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Bennett Miller wählt ein interessantes Themenfenster: Der Film ist nicht die Verfilmung des Lebens von Truman Capote, wie der Titel nahe legen könnte. Und er ist auch nicht eine weitere Verfilmung von Capotes Roman „Kaltblütig“, obwohl der Inhalt des Films fast identisch mit dem des Romans ist. Aber nur fast, denn eine Figur des Films taucht im Buch überhaupt nicht auf – die Hauptfigur. Bennett Miller tritt mit Hilfe seines Drehbuchautors Dan Futterman und gestützt auf Gerlad Clarkes Biografie „Capote“ einen Schritt vom Roman zurück, und plötzlich kommt der Autor ins Blickfeld.

Der exzentrische Autor Truman Capote (sehr beeindruckend Philip Seymour Hoffman) beginnt nach seinem Erfolg „Frühstück bei Tiffany“ Recherchen zu einem Mordfall im Mittelwesten – eine vierköpfige Farmerfamilie war nach einem Raubüberfall tot aufgefunden worden – und reist Ende ’59, noch vor der Festnahme der beiden Täter, an den Ort des Verbrechens. Schnell ist Capote von dem Thema gebannt, und als er nach der Festnahme der Täter vor allem Perry Smith näher kommt und in dessen sensibler Einsamkeit eine Wesensverwandtschaft erkennt, vielleicht auch Liebe für ihn empfindet, kann er nicht mehr loslassen: Es soll sein bis dahin ambitioniertestes Projekt werden, bei dem er Journalismus und Literatur auf unnachahmliche Weise miteinander verbindet.

Richard Brooks gleichnamiger Film von 1967 erzählt eindrucksvoll den Roman nach. Mitchells Film erzählt Capotes Arbeit an dem Roman nach und somit automatisch auch die Ereignisse des Falls. Was hier hinzukommt, ist allerdings nicht nur eine Figur, sondern die spannende Entstehungsgeschichte dieses legendären Romans, der den Tatsachenroman zwischen Beatniks und New Journalism perfektionierte. Und es ist vor allem die schonungslos erzählte Geschichte eines einsamen, arroganten Narzissten (man lese nur „Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie“, sein 250 Seiten langes Gespräch mit Lawrence Grobel). Vor allem den moralischen Zwiespalt, Nutznießer der Hinrichtung zu sein – erst dann kann er sein Buch beenden – schildert der Film. Capote hat dies nie verwunden, auch wenn er weiterhin seine Rolle als Superstar in der Öffentlichkeit genoss.
(Bundesstart: 2.3.06)

Zuerst erschienen in choices 03/06

„Brokeback Mountain“ von Ang Lee

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„Go West, Young Man !“. 1865 ermunterte der New Yorker Zeitungsverlegers Horace Greeley seine Landsleute mit diesem Ausspruch, im Westen ihr Glück zu suchen. Wyoming war lange Zeit Zentrum des ‚Wilden Westens’, das legendäre Fort Laramie ein wichtiges Nadelöhr zum Westen. Hundert Jahre später kann man das karge Leben in der Prärie am Rande der nördlichen Rocky Mountains kaum glücklich nennen. Das Land ist arm, es gibt kaum Arbeit – für das ausgediente Modell ‚Cowboy’ schon gar nicht.

So sind der Rancher Ennis del Mar und der Rodeoreiter Jack Twist bereits froh, ihr ‚Glück’ in einem einsamen Job als Schafhüter in den Bergen zu finden. Unter widrigen Bedingungen hausen sie mehrere Monate zusammen in einem Zelt – Ennis schützt in den Nächten die Herde vor Raubtieren, Rick kümmert sich vor allem um die Verpflegung. Langsam kommen sich die beiden wortkargen Männer näher – auch körperlich. Als Ennis wegen eines plötzlichen Wintereinbruchs eines Nachts nicht zur Herde kann und die Temperaturen ungemütlich werden, übermannt es die beiden. Viel Platz für derartige Gefühle zwischen zwei Männern gibt es in dieser Welt aber nicht. Vor allem für den introvertierten Ennis sind die Ereignisse in den Bergen zunächst nur ein Ausrutscher, die darin liegenden Möglichkeiten, ein anderes Leben zu leben, sieht er eher als eine Gefahr denn eine Perspektive. Auf weitere Annäherungsversuche von Jack reagiert er mit brüsker Zurückweisung.

„Go West, Young Man“ ist auch der Titel eines Dokumentarfilms von 2003, in dem den Orten und Geschichten der Western-Filme nachgespürt wird. Dabei macht der Film Halt in Wyoming und stößt auf die Schriftstellerin Annie Proulx, die sich auf ungewöhnliche Art am Mythos des Westerns abarbeitet. Die Kurzgeschichte „Brokeback Mountain“ der Purlitzer-Preisträgerin ist die Vorlage für Ang Lees ungewöhnlichen Cowboy-Film. Die unwirtliche, windige Prärielandschaft, die in dem Dokumentarfilm zu sehen ist, prägt nicht nur die Eingangssequenz von „Brokeback Mountain“: ein sandiger Platz, der Wind treibt den Staub vor sich her – es ist kalt. Vor einem schäbigen Container, der als Büro dient, treffen sich Ennis und Jack zum ersten Mal, als sie sich um den Job bewerben, der sie in die Rocky Mountains führt. Dann wähnt man sich fast in einem klassischen Western: beeindruckende Totalen der Gebirgslandschaft und das wortkarge Gebaren der Männer prägen den Film. Doch dann biegt der Film wieder ab und wird ein psychologisches Langzeitportrait einer kaum ausgelebten schwulen Liebesbeziehung und eine erbarmungslose Sozialstudie ihrer kleinbürgerlichen Umgebung.
Nachdem ihre gemeinsame Zeit ein Ende gefunden hat, flüchtet sich Ennis in ein trostloses, bürgerliches Leben mit Frau und Kindern und auch Jack reiht sich ein in die Rolle des Familienvaters. Ihre heimlichen Sehnsüchte leben sie nur alle paar Monate, oft seltener, bei gemeinsamen Angeltouren aus. Rick glaubt zunehmend an die Möglichkeit, in einer Beziehung mit Ennis sein Leben voller Kompromisse und Lügen hinter sich lassen zu können, Ennis jedoch kann nicht einmal sich selbst die Wahrheit über seine Gefühle eingestehen. Das Doppelleben nagt an den Protagonisten – wirkliche Wärme und Nähe überlebt in dieser Umgebung nicht.
(Bundesstart: 9.3.2006)

Zuerst erschienen in Filmstart 03/06

Nick Cave and the Bad Seeds: The Road to God knows where / Live at the Paradiso (DVD)

Hier werden zwei VHS-Veröffentlichungen auf DVD zusammengefasst. Uli M. Schueppels Konzertfilm „The Road to God knows where“ begleitet die Band Anfang ’89 auf ihrer US-Tour.

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Impressionen vom Backstage-Bereich, von Hotelaufenthalten, Busfahrten, Interviews und Fototerminen zeigen einen reservierten, manchmal vom Rummel auch deutlich genervten Cave. Die zweite DVD enthält ein Konzert „Live at the Paradiso“ von 1992. Die Qualität hält sich in Grenzen und der Film ist ein wenig überambitioniert geschnitten, dank der tollen Setliste (u.a. Mercy Seat, Tupelo, From her to Eternity) ist’s aber trotzdem ein Vergnügen. Bonus: Der Kurzfilm „The Song“ zeigt die Band im Studio, „City of Refuge“ sind weitere Tourimpressionen.
(Mute)

Bauhaus: Shadow of light / Archive (DVD)

Die britische Band Bauhaus könnte man zur dritten Generation der New Wave zählen. Diejenige Generation, die eigentlich erst Alben veröffentlichte, als die Welle schon abflaute. So waren sie denn auch signifikant für den Übergang zum Post-Punk und machten Wave-Rock mit Glam-Anleihen und düster-elegischen Momenten.

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Dass sie in Sachen Style und Theatralik auch ‚Mitschuld’ an Gothic u.ä. sind, zeigt die DVD, die zwei VHS-Veröffentlichungen der 80er Jahre zusammenfasst: „Shadow of Light“ mischt die Videos der Band mit einem Auftritt von 1982, „Archive“ ist ein Film von Christopher Collins mit einer etwas ungelenken Rahmenhandlung. Das historische Material ist trotzdem nicht nur für absolute Fans spannend – und die Musik klingt beim Wiederhören überraschend frisch.
(Beggars Banquet)