„Das Selbstexperiment“ von Matthias Gnehm

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Leichte Verwirrung ist hier vorprogrammiert. Aber das kann kaum verwundern, denn der Protagonist aus Matthias Gnehms neuem Comic „Das Selbstexperiment“ ist selbst ziemlich verwirrt … Als der Wissenschaftler Frank Karrer nach dreimonatiger Forschungstätigkeit aus seiner Enklave kommt, weiß er zwar immer noch nicht genau, wie Bewusstsein entsteht. Dass er nun endlich seiner Freundin Diana einen Heiratsantrag machen sollte, ist ihm aber klar geworden. In der Straßenbahn trifft er eine Frau, die einen Comic ausdrucken möchte. Der Comic „Geist“ ist von Peter Röller, einem alten Freund von Frank. Welch Zufall! Karrer bietet der Frau an, den Ausdruck in seinem Labor zu erledigen. Auf dem Heimweg hat er die Gelegenheit, den Comic zu lesen, der – welch Zufall – die Entstehung von Bewusstsein untersucht. Danach ist er wie verändert. Kurz darauf geschieht ein Unfall: Peters Atelier explodiert, der Zeichner ist tot. Frank liegt scherverletzt daneben und auch seine Freundin Diana muss ins Krankenhaus eingeliefert werden. Kommissar Drechsler übernimmt den Fall und entwickelt schnell ein paranoides Interesse an der Geschichte.
Dass Matthias Gnehm seinen neuen Comic nicht farbig wie seinen regelrecht gemalten Erstling „Tod eines Bankiers“ gestaltet hat, ist bedauerlich. Seine ersten Farbskizzen sehen verführerisch aus. Bei einem über 300-seitigen Werk ist das allerdings alleine aus ökonomischer Sicht verständlich. Zumal schon die hoch komplexe Story den Leser komplett in Beschlag nimmt. Beim Verständnis des Comics im Comic, Peter Röllers „Geist“, kann man schon ins Trudeln geraten. Da helfen auch Kenntnisse von Lacans Theorie des Spiegelstadiums nur bedingt. Darum geht es wohl auch nicht, denn die Protagonisten weisen ebenso pathologische Züge auf wie die von ihnen ausgebreiteten Theorien – sei es nun Franks Forschung über die Eifersucht und das Bewusstsein oder die Verschwörungstheorie des Kommissars. Gnehm mischt nachvollziehbare Theorie mit fantastischen Elementen und reichert diese mit absurdem Humor an. „Das Selbstexperiment“ ist ein kluges und unterhaltendes Verwirrspiel, das nicht nur mit seinem ‚falschen’ Leinenumschlag von Peter Röllers Comic „Geist“ überrascht.
(Edition Moderne)

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 90