Paul Hornschemeier: „Die drei Paradoxien“

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Die Erwartungen an den Nachfolger waren immens hoch. Es ist ein harter Stand, wenn man mit seinem Albumdebüt gleich ein solch großartiges Werk wie „Komm zurück, Mutter“ vorgelegt hat … Gleichermaßen komplex, tief emotional und in einem prägnanten grafischen Stil erzählt. Hornschemeier Debüt erinnerte aber auch in mehrfacher Hinsicht an „Jimmy Corrigan – The smartest Kid on Earth“ des großen Chris Ware. So ähneln sich der melancholische Grundton, der kindliche und zum Tagträumen neigende Protagonist und die im Mittelpunkt stehende Vater-Sohn Geschichte. Auch der Zeichenstil mit seiner klaren Linie und den gedeckten, gleichmäßigen Farbflächen erinnert an Chris Wares „Jimmy Corrigan“. Hornschemeier nennt den grafischen Stil in einem Interview mit dem Rolling Stone “Midwestern openness“. Vielleicht liegt die Ähnlichkeit ja tatsächlich an der Umgebung der Zeichner. Beide leben und arbeiten in Chicago. Und es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten. Sie haben beide mit eigenen, selbstverlegten Heftreihen angefangen: Ware mit der „ACME Novelty Library“, Hornschemeier mit „Sequential“ und „Forlorn Funnies“. Da Chris Ware zu erst da war: Ist Hornschemeier nur ein guter Epigone?
Man muss sofort erwidern, dass Hornschemeiers Geschichten trotz der vermeintlichen Nähe absolut originär sind – sowohl die tragische Vater-Sohn Geschichte seines Debüts als auch die (autobiografischen) Erinnerungen in „Die drei Paradoxien“, eine raffinierte Comic-im-Comic Montage: Paul ist zu Besuch bei seinen Eltern. Während er an seinem neuen Comic „Paul“ arbeitet, lässt er Szenen aus seiner Vergangenheit Revue passieren. Die Handlungsstränge weisen sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft. Sie sind jeweils unterschiedlich gestaltet und spielen teils mit der Aura alter Comicheftchen, teils mit der Ästhetik von Skizzenbüchern. Hornschemeier philosophiert in seinem neuen Album über Erinnerung, Selbstwahrnehmung und Veränderung. Das zeigt sich besonders deutlich an Pauls von kreativen Hemmungen durchzogener Arbeit an seinem neuen Comic „Paul“: Ständig korrigiert er die Entwicklungen, radiert aus, verändert und verwirft wieder. Ähnlich unsicher bleibt „Die drei Paradoxien“ in seiner Gesamtheit, was aber kein Makel ist, sondern lediglich das Thema adäquat reflektiert.
(Carlsen)