Interview mit Ulrich Köhler zu „Gavagai“ und Kurzkritik

Der Beginn Ihres neuen Spielfilms »Gavagai« zeigt die chaotischen Dreharbeiten einer weißen Regisseurin im Senegal, die »Medea« adaptiert. Sie selber haben vor 15 Jahren Ihren Film »Schlafkrankheit« in Kamerun gedreht. Gibt es da autobiografische Parallelen?

Ulrich Köhler: Ja, ich war nicht glücklich über den Dreh von »Schlafkrankheit«. Der Kontakt mit den Menschen vor Ort hatte mir bei der Recherche sehr viel Freude gemacht, aber bei den Dreharbeiten hing ich trotz des kleinen europäischen Teams komplett in einer europäischen Bubble fest.

Als Regisseur steht man sowieso in der Hierarchie ganz oben. Und dann noch in ­einem Land mit einer kolonialen Geschichte …

Sind Sie besonders sensibilisiert für diese Themen, weil Sie als Kind von Entwicklungshelfern erst in Afrika und dann in der hessischen Provinz aufgewachsen sind?

Auf jeden Fall! Ich hatte mit meinem Bruder eine sehr glückliche Kindheit in Zaire, heute Demokratische Republik Kongo. Wir haben perfekt Kikongo gesprochen, dann aber in Deutschland alles vergessen, oder besser: verdrängt, um nicht anders zu sein als die anderen Jugendlichen. Ich habe mich lange nicht getraut, einen Film in Afrika zu drehen, obwohl ich ja ­einen Bezug habe und mich der Kontinent trotz aller Verdrängung nicht losgelassen hat. Ich konnte »Schlafkrankheit« nur machen, weil ich ganz klar eine eurozentrische Perspektive einnehme und von Expats erzähle, mir also nicht anmaße, für die Menschen vor Ort zu sprechen.

„Manchmal machen misslungene Werke mehr sichtbar als Filme, die sich nach allen Seiten absichernUlrich Köhler“

Dass man als weißer Regisseur in Afrika in einer angreifbaren Position ist, spiegelt eine Szene in »Gavagai«, in der die weiße Regisseurin auf einer Pressekonferenz der Berlinale mit Vorwürfen konfrontiert wird. Ist man als weißer Mensch heillos verstrickt in die koloniale Geschichte? Kann man dem nicht entrinnen?

Ich konnte dem mit »Schlafkrankheit« nicht entrinnen und die Regisseurin in »Gavagai« noch weniger, weil sie in einem gewagten Kunstgriff eine historische Umkehrung macht, die politisch sehr problematisch ist: In der »Medea«-Verfilmung im Film liegt die Macht in Dakar und die geflüchtete Medea ist eine weiße Europäerin. Damit ignoriert die Regisseurin historische Machtverhältnisse und muss sich vorwerfen lassen, die kolo­niale Schuld zu relativeren. Aber trotzdem ist ihr Kunstgriff interessant, auch emotional. Manchmal machen misslungene Werke mehr sichtbar als Filme, die sich nach allen Seiten absichern. Mit Hilfe des Film-im-Film-Konstrukts in »Gavagai« lasse ich die Regisseurin also etwas tun, was ich mir selbst nie erlauben würde. Das schützt mich natürlich nicht davor, dieselben Fragen beantworten zu müssen, die die Journalisten ihr in »Gavagai« stellen.

Im zweiten Teil des Films in Deutschland kehren sich die Verhältnisse um. Ein rassistischer Vorfall in Berlin basiert abermals auf Ihren eigenen Erlebnissen.

Der Racial-Profiling-Vorfall eines pol­nischen Security-Mitarbeiters in einem Berliner Hotel gegenüber meinem »Schlafkrankheit«-Darsteller Jean-Christophe Folly (auch Hauptdarsteller in »Gavagai«, Anm. d. Autors) hat genau so bei der Berlinale-Premiere von »Schlafkrankheit« stattgefunden. Ich habe mich gefragt, ob in meinem Eifer, das Unrecht, das Jean-Christophe erfahren hatte, wiedergutmachen zu wollen, nicht auch eine Form von »Bias« gegenüber dem pol­ni­schen Mitarbeiter eine Rolle ge­spielt hat — zusätzlich zu dem ohnehin bestehenden Machtgefälle zwischen einem Regisseur der Berlinale und einem Hotel­mitarbeiter.

Der Film mutet einem an Komplexität, Ambivalenzen und Spiegelungen einiges zu …

Ich habe »Ga­va­gai« nicht am Reißbrett entworfen, er ist eher in ­einem lustvollen Schreibprozess entstanden. Nachdem ich die Grundkonstellation gewählt hatte, hat sich der Rest relativ organisch ergeben. Mich hat interessiert, wie wir ständig in Fettnäpfchen treten, auch der schwarze Schauspieler aus Paris und der polnische Türsteher in Deutschland, der selber mit bewussten oder unbewussten Vorurteilen aus der deutschen Bevölkerung zu kämpfen hat. Ich glaube, dass wir häufig ganz unfreiwillig in so etwas hineinstolpern. Wir kommen alle immer wieder an Punkte, wo wir übergriffig sind, den anderen nicht ­sehen oder gar verletzen, obwohl wir es eigentlich gut meinen.

Interview: Christian Meyer-Pröpstl

Zuerst erschienen in Stadt Revue 5.26

Kurzkritik zu „Gavagai“

Eine französische Regisseurin dreht im Senegal eine Medea-Adaption, die das Verhältnis von Schwarzen und Weissen umkehrt. Die Dreharbeiten verlaufen chaotisch. Als bei der Premiere in Berlin die Hauptdarsteller Maja (Maren Eggert) und Nourou (Jean-Christophe Folly) wieder aufeinandertreffen, ereignet sich ein rassistischer Vorfall gegen Nourou. Maja will ihn verteidigen … Ulrich Koehler (»In my Room«) verarbeitet in seinem neuen Film Erfahrungen aus seiner Arbeit an »Schlafkrankheit« von 2011, den er in Kamerun gedreht hat. Auch der Vorfall in Berlin ist autobiografisch. Der Film erforscht nicht ohne Humor und mit großer Freude am Filmzitat Medea«, »Touki Bouki«, »Wanda«) Machtgefälle im Rassismus und Klassismus aus unterschiedlichen Perspektiven.

Christian Meyer-Pröpstl

Zuerst erschienen in Stadt Revue 5.26.