
Surreal und Expressiv – 30 Jahre nach dem Debüt wieder ein grandioses Werk
Ein ganz schön provokanter Titel, der auf dem Cover zudem mit dem Hinweis “This is an irony-free recording” unterstrichen wird. Es gibt auch etliche spannendere Lesarten als Ironie, die nicht zwingend Satzaussage und Meinung des Sprechenden 1:1 gleichsetzen. Der Sänger David Thomas verweist auf den Schriftsteller Jim Thompson, dessen desillusionistische Romane (z.B. „The Getaway“) für den Titel Pate standen. Trotzdem quillt die Platte über vor Liebesliedern. Soviel dazu.
Selten seit ihrem Debüt-Album „The Modern Dance“ von 1978 haben Pere Ubu, von denen inzwischen nur noch Thomas übrig ist, Punk-Attitüde, Avantgarde-Ansatz, Soundtüftelei und Emotionalität (in alle Richtungen!) so grandios miteinander verbunden. Der Rockanteil drängt die Stücke ungeduldig und ungestüm mit Captain Beefheartschem Freiheitsdrang nach vorne, ungewöhnliche Gitarrensoli zwischen Neil Young und MX-80 Sound inklusive. Nicht nur die ruhigeren Momente der Platte sind voller Gefühl, die ohne jegliche Schablonenhaftigkeit direkt ins Herz geht. Das durch alte Synthesizer, Theremin und andere magische Klangquellen und ungewöhnliche Aufnahmemethoden die Musik durchsetzende Geräusche, Gefiepse und Gebrumme verleiht der Musik – frei nach dem extraterristischen Sun Ra – etwas geheimnisvoll Außerirdisches – oder Überirdisches. Die oft surreal anmutenden Texte von Thomas und sein eigentümlich hoher, gepresster Gesang – wie Kermit mit Helium in der Lunge – tun ihr Übriges, diese Musik weit, ganz weit aus dem gros der Popmusik herauszuheben.
Sie werden gerne als der Missing Link zwischen The Velvet Underground und Punk angesehen und nicht selten, trotz einiger schwächerer Schaffensjahre nach der ersten Reunion in der Mitte der 80er Jahre, als „die größte Rock’n’Roll Band des Jahrhunderts, und vermutlich auch des nächsten“ (The Wire) bezeichnet. Alles Attribute, die sie mit ihrem neuen Werk eindrucksvoll bestätigen.
(Hearpen Rec. / Glitterhouse; VÖ: 15.9.2006)
Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 09/06

