Andreas Dresen („Halbe Treppe“) überrascht den Zuschauer zur kalten Jahreszeit mit einem ausgesprochen warmherzigen Sommerfilm …
Der Titel gibt es sprachlich schon vor: Dieser Sommer vor dem Balkon ist salopp und spontan entstanden. Ein leichtes Werk, das wohl auch beim Dreh viel Spaß machte?
Es gibt ja Filme, um die muss man jahrelang kämpfen, und manchmal ist es so, dann muss man das sofort und direkt machen. So war das bei „Sommer vorm Balkon“. Ich habe beim Abschlusstest von „Willenbrock“ ein 30seitiges Manuskript von Wolfgang Kohlhaase bekommen, und ich fand das sehr schön. Da war so eine spontane Herzlichkeit, mit der mitten aus dem Alltag der Großstadt und in drei Generationen von der Einsamkeit erzählt wurde – und das mit einem leichten Ton und Humor, der mir sofort nahe war. Um diese Leichtigkeit und das Ungehobelte in den Film zu übersetzen und keinen glatt gebügelten Film zu machen, haben wir das dann ganz schnell gemacht.
Ist das schnelle Arbeiten ohne großen Apparat nicht generell vorteilhaft und denkbar, oder passte es nur unter diesen Bedingungen zu diesem einen Film?
Es passt für bestimmte Filme und für bestimmte nicht. Für „Willenbrock“ wäre das tödlich gewesen. Der Film hat nicht diesen semi-dokumentarischen Touch wie „Sommer vorm Balkon“, brauchte mehr Bedenkzeit und hatte auch mehr Schwere. Wir haben immer gesagt: „Willenbrock“ ist ein blauer und „Sommer vorm Balkon“ ein roter Film – von der inneren Temperatur her.
Der Film ist eine Gratwanderung zwischen Komödie und sozialem Realismus. Wie verhindert man, dass das Lachen mit und über die Figuren zu einer Diffamierung wird?
Das hat viel mit Intuition zu tun und mit eigener sozialer Kenntnis. Mir ist es immer wichtig, wenn man in irgendeiner Form soziale Realität auf die Leinwand bringt, dass das nicht der erste Ansatz ist, sondern dass man mit seinem Interesse von seinen Figuren, den beiden Frauen, dem Sohn oder den alten Leuten, ausgeht. So entsteht dann ein soziales Spektrum, das man erzählt, und dann muss man sich kundig machen und fragen: Was geht da ab in der Altenpflege oder wie sieht so ein Alkoholentzug aus. Ich gehe dann gerne zu den Leuten, spreche mit ihnen und gucke mir das an, und darüber kriegt man dann ein Gefühl dafür. Wenn man es dann noch schafft, die Leute in die Dreharbeiten einzubeziehen, dann ist das schon eine Gewährleistung, dass das, was da stattfindet, stimmt. Die Ärztin in der Suchtambulanz ist eben eine reale Ärztin, die da gearbeitet hat. Das einzig falsche in der Szene ist die Schauspielerin. Das darf man dann auch nicht vollkommen inszenieren. Ich hoffe, dass man dadurch ein Gefühl von Wahrheit hat – nicht unbedingt von Authentizität, die gibt es sowieso nicht in Anwesenheit einer Kamera …
Als Regisseur mit Arbeiterklasse-Themen steht man intellektuell meist über seinen Figuren. Wie stellen Sie den Blick auf gleicher Augenhöhe her, um nicht überheblich zu sein?
Man muss eben eine Anteilnahme für die Figuren entwickeln, mit ihnen gehen und nicht gegen sie – bei aller Distanz die man an manchen Stellen natürlich hat. Die laufen nicht als strahlende Helden durch die Welt, die bauen auch einen Haufen Scheiße. Das sind brüchige Leute, aber ich muss sie ernst nehmen und ich mag sie auch: Deswegen erzähle ich von ihnen.
INTERVIEW: CHRISTIAN MEYER
(Bundesstart: 5.1.2006)


