Graphic Novel „Martin Scorsese“ von Amazing Ameziane

Amazing Ameziane hat bereits Comic-Biografien über Quentin Tarantino, Francis Ford Coppola, Sergio Leone und Steven Spielberg (erscheint in 2026 auf deutsch) realisiert. Seine Scorsese-Biografie stammt aus dem Jahr 2021 und deutet Scorseses bislang letzten Film „Killers of the Flower Moon“ nur an. Dafür erzählt der Band detailliert von den vorangegangenen 80 Jahren des Regiemeisters. Er fängt sogar bei dessen Großeltern an, weil die italienische Herkunft für den Regisseur und seine Filme immer von großer Bedeutung war, ebenso wie die direkt damit verbundene Geschichte der Mafia.

Schon sehr früh hat den kleinen, schwachen, an Asthma leidenden Jungen aus Little Italy in New York die Liebe zum Kino gepackt. Im dunklen Kinosaal musste er nicht mit den Gleichaltrigen um die Wette rennen, was ihm mit seiner Atmung schwer zu schaffen machte, sondern konnte sich im Kinosessel ganz der Faszination aus Licht und Dunkelheit hingeben. Die Kirche war ihm ebenfalls sehr früh aus ähnlichen Gründen nah, und er wollte kurzzeitig sogar Kleriker werden, denn auch Pfarrer rennen nicht. Aber obwohl er Ministrant war – das Rennen bei der Berufswahl hat schließlich der Film gemacht. Dass auch Kirche und Religion weiterhin eine Rolle für ihn gespielt haben, merkt man seinen Filmen an. Laut Ameziane, dessen Biografie allerdings deutlich fiktionalisiert angelegt ist, hat der damalige Pfarrer des kleinen Marty ihm nach „Taxi Driver“ die beste Analyse seiner Arbeit geliefert: „Zu viele Karfreitage, zu wenig Ostersonntage“. Das stimmt wohl: Gewalt nimmt eine deutlich größere Rolle in Scorseses Werk ein als Erlösung.

Vier Jahre hat es nach dem Studium bis zum ersten Kinofilm „Who’s That Knocking at My Door“ (1967) gedauert. Schwer vom Karfreitag inspiriert ist bereits die Schlussszene im nächsten Film, der soliden Roger Corman-Produktion „Boxcar Bertha“ („Die Faust der Rebellen“) von 1972, wo ein Gewerkschaftler an einen Güterwaggon gekreuzigt wird. „Das ist keine große Sache. Du überziehst nicht das Budget, vertraust dem Team, und alle 15 Drehbuchseiten ist Barbara nackt zu sehen“, lässt Ameziane B-Movie Veteran Corman zu Scorsese sagen. Den letzten Satz hat Scorsese glücklicherweise nicht verinnerlicht, alles Andere hat ihm sicherlich geholfen, seine späteren, deutlich autorenhafteren Projekte zu realisieren. Ameziane zeichnet Scorseses steinigen Weg über Dokumentarfilme, Auftragsproduktionen und seinen ersten größeren Achtungserfolg „Mean Streets“ („Hexenkessel“, 1973), mit dem er sein Aufwachsen in Little Italy unter Mafiosi verarbeitet und mit seinem Stammschauspieler Robert de Niro zusammen findet, genau nach. Vor allem die Freundschaft und Unterstützung der älteren New Hollywood-Kollegen George Lucas, Steven Spielberg, Brian de Palma und vor allem Francis Ford Coppola steht im Zentrum dieser Zeit, die hier als ein Generationswechsel vom Team Hitchcock, Hawks, Ford, Lang und Welles benannt wird: „Die Welt gehörte uns. Sie wusste es nur noch nicht“. Nach dem bereits ein Jahr darauf realisierten Drama „Alice lebt hier nicht mehr“ („Alice Doesn’t Live Here Anymore“), mit dem es immerhin einen Oscar für Ellen Burstyn als beste Hauptdarstellerin gab, ist zwei Jahre darauf „Taxi Driver“ Scorseses künstlerischer Druchbruch.

Die folgenden Aufs und Abs – beruflich weniger künstlerisch als kommerziell – und auch Privat mit seinen vielen Ehen und seinen Drogenproblemen, die ihn Anfang der 1980er Jahre fast umbringen, begleitet Amazing Ameziane ebenso detailliert wie frei Leben („Mein Leben ist eine Pause zwischen zwei Filmen“) und Werk der Regie-Ikone, dessen Hauptproblem es gemäß den Worten, die Ameziane Scorsese in den Mund legt, war, „dass ich nicht wusste, ob ich ein Hollywood, oder ein europäischer Regisseur sein wollte“.

Oder wie es Leonardo DiCapria, neben Robert de Niro Stammschauspieler bei Scorseses, sagt: „Marty ist ein kleiner Kerl aus New York. Er macht Indie-Filme, die eben 100 Millionen Dollar kosten“. Ameziane schreibt selber, dass es sich bei seinem ‚Biopic‘ um eine Graphic Novel handelt, die sich auf reale Ereignisse und Personen bezieht, aber dennoch ein Werk der Fiktion ist. Die Bonmots können also aus Interviews stammen, müssen aber nicht. Doch auch wenn die Biografie nicht autorisiert ist – die grundlegenden Fakten dürften stimmen. So wird man auch immer wieder an vielleicht halb vergessenen Details wie Scorseses Regiearbeit für das 18-minütige Video zu Michael Jacksons „Bad“ im Jahr 1982 oder diverse frühe Dokumentarfilmprojekte erinnert. In die illustrativ abwechslungsreich gestaltete Graphic Novel sind auch viele Produktionsdetails zu den Filmen eingeflochten: seine Auseinandersetzungen mit Weinstein und anderen Produzenten, die laut George Lucas letzte große analoge Materialschlacht des Kinos in „Gangs of New York“ (2002) und ästhetische Konzepte des Regisseurs wie die Montage der Provokation, die er mit seiner langjährigen Editorin Thelma Schoonmaker favorisiert, eingeflochten. Auch über die Arbeit mit Schauspieler*innen erfährt man viel, während die Kameraarbeit und vor allem die langjährige Zusammenarbeit mit Michael Ballhaus unerwähnt bleibt. Die fast 400 Seiten werden dem Werk des Regisseurs auf allen Ebenen gerecht wird., Auch wenn der mit seinen 83 Jahren anscheinend noch lange nicht fertig ist: Auf der Internet Movie Data Base-Webseite sind ganze acht zukünftige Projekte unter Martin Scorseses Regie gelistet.

Christian Meyer-Pröpstl

Zuerst erschienen am 9.1.2026 auf Filmdienst.de