„Fun Home“ von Alison Bechdel

fun-home.jpg 

Wenn eine Graphic Novel wie „Fun Home“ bei einem klassischen Buchverlag wie Kiepenheuer & Witsch erscheint, dann ist alleine schon das eine kleine Sensation …
Denn hierzulande werden Comics und so genannte Graphic-Novels, also Comicromane, immer noch stiefmütterlich behandelt. Allerdings sind einzelne Werke durch den Erfolg von Marjane Satrapis „Persepolis“, der Comicvorlage wie jetzt auch der Verfilmung, immer wieder wohlwollend ins Feuilleton aufgenommen worden.

Wenn sich nun also sogar ein klassischer, großer Buchverlag wie Kiepenheuer & Witsch für Graphic-Novels interessiert und eine Veröffentlichung wagt, dann ist das sicherlich ein gutes Zeichen. Obwohl „Fun Home“ von Alison Bechdel ein eher geringes verlegerisches Risiko darstellen dürfte: Die Originalausgabe wurde 2006 vom Time Magazin zum besten Buch(!) des Jahres gekürt. Und in der Tat könnte die autobiografische Geschichte um die dysfunktionale Familie der Autorin auch hier ein größeres Publikum erreichen.

Alison Bechdel erzählt von ihrem Leben als Kind und Teenager in der US-amerikanischen Provinz. Sie wächst in den 70er Jahren in einer Scheinidylle auf. Die Eltern haben es sich in einem restaurierten neogotischen Haus, das die Nachbarskinder hochachtungsvoll Villa nennen, perfekt eingerichtet. In den achtzehn Jahren, die die Eltern dort mit ihren drei Kindern leben, wird aus einem verfallenen Haus ein eklektizistischer Prachtbau, dessen überkandidelte Perfektion die sich dahinter verbergenden Risse allerdings schon erahnen lässt. Als der Vater stirbt, ist das Drama offenbar: Seine nicht ausgelebte Homosexualität hat der Vater Zeit seines Lebens mit einer oberflächigen Stilisierung seines Lebens kompensiert. Für Gefühle ist da kein Platz mehr. Die Leid tragenden sind seine Frau und seine Kinder. Besonders Alison, die inzwischen selbst ihr Coming Out hatte, hätte sich einen Vater gewünscht, mit dem sie hätte reden können. Als er von einem Auto überfahren wird, weiß sie gerade seit zwei Wochen von seiner Homosexualität.

Viele Jahre später hat sich Bechdel in die Vergangenheit gestürzt, um ihre Familiengeschichte in einem Comic zu erzählen. Bechdel ist in Szenekreisen längst eine Ikone – bereits seit 25 Jahren arbeitet sie regelmäßig an neuen Folgen ihrer erfolgreichen Comicserie „Dykes to watch out for“, die in über 50 Zeitschriften veröffentlicht wird. „Fun Home“ ist ihre erste längere Arbeit. Um so erstaunlicher ist es, mit welcher Perfektion sie locker, aber bestechend präzise in elliptischer Erzählweise die Familiengeschichte umkreist. Die klaren Zeichnungen sind von spielerischen Analogien durchzogen, die Figuren und ihre Entwicklungen werden ständig mit den Klassikern der Literaturgeschichte, die der Vater und seine Tochter – eine der wenigen Gemeinsamkeiten – verschlingen, kurzgeschlossen: Proust und Joyce sind als Zeugen immer zur Stelle.
Bild und Text verschmelzen bei Alison Bechdel zu einem spannenden und dichten, Zeitebenen und Symbole ineinander verzahnenden kunstvollen Gefüge. Wer immer noch nicht glaubt, dass ein Comic große Erzählkunst liefern kann, wird mit „Fun Home“ eines besseren belehrt.

(Alison Bechdel: Fun Home., 240 Seiten, zweifarbig, gebunden, Kiepenheuer & Witsch, EUR 19,95)