Beirut: The Gulag Orkestar

Zack Condon als Ein-Mann-Orchester

Dieses Balkan-Orchester heißt mit bürgerlichem Namen Zack Condon, was ja auch gut klingt. Aber der 20jährige kommt weder aus Beirut noch aus dem Balkan, sondern aus New Mexico. Das Interesse an osteuropäischer Musik erklärt Condon mit der russischen Herkunft seiner Großeltern. Seine Transformation dieser Folklore in einen für Independent-Rock Hörer kompatiblen Sound macht aus „The Gulap Orkestar“ aber etwas ganz einzigartiges.

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Schwer melancholisch und Vodka getränkt singt sich Condon mit zitternder, getragener Stimme, die zuweilen an das weinerliche Organ von Thom Yorke von Radiohead erinnert, die Seele aus dem Leib. Eine schmachtende Violine, glänzende Bläsersätze, eine Quetschkommode – das sind die Instrumente, derer Condon sich bedient. Die Percussion-Elemente haben einige Freunde aus New York beigetragen, eine naiv pluckernde Beatbox findet aber auch ihren Platz. So Unterschiedliches wie Arabesken, russische Polka, trunkener Blaskapellensound und Westler-Hippness treffen hier auf eine ganz eigene Art und mit größter Emotionalität aufeinander, dass man das Wort Authentizität weder gegen noch für diese Musik ins Feld führen mag.

Mitte der 80er Jahre, in Zeiten der Post-New Wave, als kaum jemand genau wusste, wo es nun lang gehen sollte, haben etliche Independent-Bands ihre Nische in der Adaption von Folklore gefunden, ohne allzu sehr in Hippie-Glückseligkeit zu verfallen. Die Pogues mischten Irish-Folk mit Punk, Violent Femmes kombinierten College-Rock mit amerikanischer Folklore, The Band of Holy Joy bastelten in England an einer märchenhaften Fusion und Camper van Beethoven verschmolzen ihre Punkattitüde damals schon mit Country und Balkansounds. Dass die kulturelle Entwicklung gewissen zyklischen Bewegungen unterworfen ist, ist ja bekannt. Und dass wir uns gerade wieder am Ende eines New Wave-Revivals befinden ebenfalls. Warum sich also über einen texanischen Jungen, der als Ein-Mann-Balkan-Orchester musiziert, wundern. Das Ergebnis kann sich jedenfalls sehen lassen und ist weitaus mehr als ein Novelty-Gag.
(4AD / Beggars Group / Indigo; VÖ: 10.11.2006)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/06