Habe mir meine Gedanken angestossen auf der Straße: „Erleben Sie mehr mit digitalem Fernsehen“. Stand so oder so ähnlich auf einem Werbeplakat am Straßenrand. Bildungsbürgerlich verblendet dachte ich reflexhaft: Was für eine Unverschämtheit, Fernsehen als Erleben zu bezeichnen …
Nämlich ähnlich unverschämt, wie der Werbeslogan „Die Freiheit nehm ich mir“ einen hehren Begriff für eine schnöde Kreditkarte entwertet hat. Heißt nicht ‚echtes‘ Erleben, mit Menschen in Kontakt zu treten, eigene Emotionen zu haben, körperlich oder auf irgend eine andere Art zu (inter)agieren? Aber nichts davon ist haltbar, wenn man nur kurz darüber nachdenkt. Man kann einiges erleben, ohne dass weit und breit eine Menschenseele umherirrt. Wenn ich was sehe, habe ich Emotionen, ob es im Wald ist oder ’nur‘ ein Bild eines Waldes – und Empathie funktioniert genau so im ‚wirklichen‘ Leben wie im Spielfilm, sonst könnte man fast sämtliche Filme sofort in die Tonne treten – und Fotos und Gemälde gleich mit. Und mit Interaktion kommt man auch nicht weit, denn wie interagiert man denn, wenn man wie ein Caspar-David Friedrich In-die-Weite-Gucker dasteht und die Natur erlebt? Gar nicht! Melancholisch fühlt man trotzdem. Und im Gegenzug interagiert man sehr wohl bei Videospielen – bei Online-Spielen und Second Life sogar mit anderen Menschen – inklusive Gefühle, zittern und schwitzen. So weit, so offensichtlich. Aber kann man die verschiedenen Arten des Erlebens nicht doch voneinander unterscheiden? In primäres und sekundäres Erleben? Ohne das dafür zu missbrauchen, das sekundäre Erleben niedriger zu bewerten. Es ist offensichtlich, dass es etwas anderes ist, im Film, Buch oder Game einer Schlägerei beizuwohnen als auf der Strasse. Und es ist offensichtlich, dass beides trotzdem eine Art des Erlebens ist. Aber wie kann man das psychologisch oder philosophisch voneinander abgrenzen? Gerade mühte sich Moritz Reichelt auf Telepolis intensivst und auf allen möglichen Ebenen mit einer Rechtfertigung von Second Life ab, die Differenzen zwischen (Er)Leben 1 und (Er)Leben zwei bleiben aber auch da völlig außen vor.
Ich kann mich leider nur noch vernebelt an mein Philosophiestudium erinnern … Was sagen denn die Virilios, Flussers und McLuhans (oder Platons und Hegels) dazu?


Ja, man erlebt so Einiges, wenn man mit offenen Augen – mit oder ohne bildungsbürgerliche Scheuklappen – durch die Straßen läuft. Die entscheidende Frage lautet aber, ob man mit digitalem Fernshene MEHR erleben kann, oder genauer: ob man überhaupt MEHR oder WENIGER erleben kann, zumal Erleben vor allem mit Partiziperen (an inneren und äußeren Welten) zusammenhängen dürfte und man vielleicht aktiv oder passiv, intensiv oder oberflächlich aber nicht mehr oder weniger teilnhemen bzw. teilhaben kann. Ich fürchte, die Unterscheidung in primäres und sekundäres Erleben hilft da nicht weiter, es sei denn, Du spielst damit auf die primären und sekundären sensorischen Areale des Cortex an, die die „Rohbestandteile“ der Wahrnehmung vorverarbeiten und die gewonnenen Informationen zu den assoziativen Arealen geleiten, wo sie auf Inhalte des kognitiven und emotionalen Gedächtnisses treffen … (Das hat Gerhard Roth gesagt). Und hier kommen wir möglicherweise zum Kern der Angelegenheit: Ist das kognitive und emotionale Gedächtsnis eines Menschen eine traurige leere Wüste, hilft auch das digitale Fernsehen nicht weiter, denn das Erleben oder das Erlebnis des Wahrgenommenen bleibt oberflächlich und eindimensional. Anders herum kann das Erlebnisbewusstsein immens stimuliert werden, wenn das Wahrgenommene auf fruchtbaren Boden fällt, selbst wenn es sich „nur“ um eine Caspar-David-Friedrich-In-die-Weite-Guckerei handelt. Aber was rede ich da, man kann diese Erkenntnis auch in die ebenso einfache wie altbekannte Weisheit kleiden: Fernsehen – ob digital oder nicht – macht Kluge klüger und Dumme dümmer. Hm – stimmt vielleicht auch alles nicht, habe nämlich heute außer der anregenden Tiefkultur-Lektüre irgendwie wenig erlebt …
Ja, Herr Börsch, das stimmt wohl alles (auch wenn ich den Herrn Roth nicht kennen und ihm auch nicht ganz folgen kann). Allerdings trifft es nur teilweise meinen Punkt, der weniger auf den biologischen Aspekt abzielte. Am ehesten noch die vorgeschlagene Differenzierung zwischen aktiv und passiv Erleben. Das ist ja ein qualitativer Unterschied, den man irgendwie festhalten können müsste. Vielleicht ist ein nicht zu vernachlässigender Aspekt, wie meine Freundin am Küchentisch anmerkte, das Vorstellungsvermögen, also die Tatsache, dass man bei Bildern, Filmen, Games etc. Abstraktionsleistungen erbringen muss, das Erlebte also nicht 1:1 auf einen niederprasselt, sondern erst umgeformt werden muss.
Ach, auch Quatsch, das passiert ja auch mit allen anderen Eindrücken, sonst gäb’s ja keine Subjektivität … hm, weiß jetzt auch nicht mehr weiter …