David Thomas war in der Stadt, und dieses Mal nicht wieder zusammen mit den Two Pale Boys, sondern mit seiner legendären Band Pere Ubu …
Aber eigentlich ist es fast egal, welchen Namen David Thomas, der beleibte Sänger mit der hohen Stimme, gerade wählt – letztendlich geht es immer nur um Nuancen auf der Palette seiner Musik. Auch Pere Ubu könnte man inzwischen für ’nur‘ ein weiteres Projekt von Thomas halten, nachdem er der Letzte der Urbesetzung ist. Tatsächlich existiert die aktuelle Besetzung abgesehen vom Schlagzeuger aber auch schon seit über zehn Jahren. Und es heißt eindeutig: „all songs written by Pere Ubu“, nicht David Thomas. Doch natürlich ist Thomas‘ Einfluss prägend, nicht nur wegen seines exzentrischen Gesangs. Uninformiert dachte ich, an Synthesizer und Theremin stände Ur-Ubu Allen Ravenstine, denn Robert Wheeler weiß dessen einmalige Soundbeigaben bestens fortzuführen. Seinem Theremin-Spiel sieht man gerne zu. Aber David Thomas nimmt auf der Bühne eigentlich den gesamten Raum ein. Das kann man bildlich wie wörtlich verstehen.
Die großartige Prä-New Wave-, oder wie Thomas sagt Avant-Garage-Band hatte seit ihrer Gründung 1975 bis zum ersten Split fünf Alben aufgenommen. Die Auszeit von 1982 bs 1986 füllte man mit diversen Seitenprojekten, die oft aber auch nur Pere Ubu-Alben unter anderem Namen einspielten. Ende der 80er Jahre gab es eine kurze, etwas kommerziellere Phase mit schwächeren Alben. Seit Mitte der 90er arbeitet man wieder kontinuierlich in der Avant-Garage – das letzte Album mit dem etwas verstörenden Titel „Why I hate Women“ ist ein im besten Sinne störrisches Rockalbum. Denn während Thomas‘ Soloprojekte – zuletzt David Thomas and the two Pale Boys (mit Ubu-Gitarrist Keith Moliné) eher ruhig und atmosphärisch sind, auch improvisierter und avantgardistischer, liegt bei Pere Ubu trotz aller Sperrigkeit der Schwerpunkt eindeutig auf Rock mit klassischen Songstrukturen.
Thomas gibt beim Konzert wie immer den frechen Misepeter, staucht seine Mitmusiker zusammen und gefällt sich in coolen Posen als saufender Exzentriker. Aber heute spielt der inzwischen über 50jährige nur den Muffel und ist glücklicherweise bestens aufgelegt. Der Weinbrand fließt, seine Stimme quengelt, der Bass dröhnt, das Theremin singt. Pere Ubu spielen fast nur neues Material, den Evergreen „The Modern Dance“ gibt es aber auch zu hören. Der Sound ist mitunter etwas konturenlos, aber dennoch mitreißend. Und da nicht nur Thomas und seine Mitstreiter, sondern auch das Publikum bestens gelaunt scheint und die geschichtsträchtige Gestalt auf der Bühne zu würdigen weiß – dass hier einer steht, der seit über 30 Jahren einzigartige Musik macht, macht der Abend mächtig Spaß.



