Sechzehn Spielfilme hat Pedro Almodóvar, der neben Luis Buñuel wohl bekannteste spanische Regisseur, seit 1980 gemacht. Tatsächlich verbinden Almodóvar und Buñuel, der Meister des surrealistischen Kinos, einige Gemeinsamkeiten … Beiden ist eine blasphemische Kritik an der Kirche ebenso gemein wie ein Interesse an sexuellen Obsessionen. Beide widmen sich häufig Frauenschicksalen in einer von Männern dominierten Gesellschaft. Der antibürgerliche Gestus ihrer Filme zeigt sich in Provokationen, deren humoristischer Charakter wiederum ihre Menschlichkeit verrät. Beide Regisseure erfuhren eine strenge religiöse Erziehung, beide waren mit dem Franco-Regime konfrontiert. Freilich sind die biografischen Hintergründe nicht ganz vergleichbar: Als Buñuel 1977, fast 50 Jahre nach seinem Debüt, seinen letzten Film gedreht hatte, arbeitete Almodovar noch bei einem Telefonanbieter und machte gerade erste Versuche als Regisseur im Kurzformat. Erst 1980, sechs Jahre nach den ersten Kurzfilmen, sollte er sein Kinodebüt „Pepi, Luci, Bom und die anderen Mädchen vom Haufen“ vorlegen, Da hatte sich Buñuel als Filmemacher schon längst zurückgezogen.
1977, dass war auch das Jahr, in dem der von der katholischen Kirche stark gestützte Franquismus sein Ende fand. Der Diktator Franco war bereits 1975 gestorben. Was dann in der spanischen Gesellschaft folgte war ein gleitender Übergang zur Demokratie, eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fehlte jedoch. Stattdessen entwickelte sich eine hedonistische Gegenbewegung zu den düsteren Jahren davor. Exemplarisch dafür ist der überkandidelte Hedonismus der Movida madrileña, einer Madrider Bewegung der Subkultur, der auch Almodóvar angehörte. Man merkt dessen wilden, mit den unterschiedlichsten Themen vollgestopften und kaum um Stringenz bemühten frühen Filmen mit späteren Weltstars wie Antonio Banderas ihre Funktion eines Befreiungsschlags deutlich an. Trotzdem relativieren sich die Attacken gegen die Gesellschaft in Filmen wie „Labyrinth der Leidenschaften“ (1982) oder „Das Kloster zum heiligen Wahnsinn“ (1983) im Genre der Burleske. Die frühen trashigen Filme attackieren zwar ebenso wie die vergleichbaren ersten Werke von John Waters mit Camp-Elementen die bürgerliche Spießigkeit. Mit ihrer überdrehten Art und dem Slapstick sind sie aber trotz drogensüchtiger Nonnen, Fäkalhumor und absurder Gewalt allesamt weniger abgründig und schockierend als die ein knappes Jahrzehnt zuvor in New York gedrehten Filme von Waters. Almodóvar perfektioniert im Folgenden sein Handwerk. Heute, mit einem Zeitabstand von knapp 20 Jahren, ist die Überwältigung aus Kitsch, Klamauk und Melodrama in den weniger rauen Filmen der späten 80er und frühe 90er Jahre aber fast schwerer zu ertragen als in den ersten spröden Trashfilmen.
Die Satire, die Nähe zur homosexuellen Subkultur und den Camp hat sich Almodóvar ebenso wie das Hauptthema der Leidenschaft über die Jahre erhalten. Doch die Virtuosität, mit denen er sie angeht, wie er die Story verschachtelt und sein typisches Merkmal des Films im Film immer mehr perfektioniert, lässt seine Filme seit den 90er Jahren zunehmend reifer erscheinen. Auch sind die jüngeren Filme seit „Live / Flesh“ von 1997 ernsthafter. Die Gesellschaftskritik scheint sich nach dem überschäumenden Befreiungsschlag der Anfangstage nun zielgerichteter zu äußern. Wie in „La Mala Education“ von 2004, einer sehr persönlichen Abrechnung mit seiner strengen religiösen Erziehung. Das entspricht der verzögerten Aufarbeitung der Vergangenheit im ganzen Land, die erst mit der Jahrtausendwende langsam einsetzte.
Universum veröffentlicht Zeitgleich die Editionen „Pasión (Leidenschaft)“, „Amor (Liebe)“ und „Deseo (Begierde)“ mit je vier beziehungsweise fünf Filmen. Eine recht willkürliche Einteilung, da die drei Begriffe sicherlich auf alle Filme Almodóvars gleichermaßen zutreffen. „Die große Edition“ vereint alle 14 Filme der drei Editionen. Zu den Filmen ab 1988 gibt es reichlich Bonusmaterial. Die fünf bislang nicht als DVD erhältlichen Filme der früheren 80er Jahre erscheinen auch einzeln. „Pepi, Luci, Bom und die anderen Mädchen vom Haufen“, Almodóvars Debüt von 1980 und „Matador“ von 1986 fehlen aus rechtlichen Gründen leider in dieser Sammlung.
Zuerst erschienen in Filmdienst 25/2008


