Comics, vom deutschen Kulturbetrieb lange belächelt, werden zunehmend als ernsthafte Literatur akzeptiert. Längere Comic-Romane mit komplexen Themen und spannenden Geschichten, sogenannte Graphic-Novels, haben sich in den letzten Jahren ein neues Publikum erobert. Auch in Deutschland ist ein gesteigertes Interesse zu beobachten … Zahlreiche Comics werden in den Feuilletons besprochen. Vermehrt sind Comicbücher im Buchhandel und nicht nur in speziellen Comicläden zu finden. Der Erfolg nährt die ewige Hoffnung auf französische Verhältnisse. In Frankreich sind Comics längst als grafische Literatur für Erwachsene anerkannt und erreichen ein Zehnfaches der deutschen Auflagen.
Der neuen Popularität mag in der Szene aber noch niemand so richtig trauen. In den 80er Jahren schien schon einmal der Durchbruch des Comics für Erwachsene nahe. Vor allem die humoristischen Comics mit ‚Knollennase’ waren auf dem Durchmarsch: Gerhard Seyfried, Rötger Feldmann alias Brösel, Walter Moers und Ralf König hatten große Erfolge. Zu einer grundsätzlichen Akzeptanz von Comics führte das trotzdem nicht. „Humor ist fast Voraussetzung, um hierzulande mit Comics wirklich Erfolg zu haben“, bedauert Ralf König die Lage. Er ist vielleicht der erfolgreichste deutsche Comiczeichner – auch im Ausland: Seine Comics wurden nicht nur zahlreich verfilmt („Der bewegte Mann“, „Kondom des Grauens“), sondern auch in mehrere Sprachen übersetzt.
Ralf König ist unsere erste Station auf einer kleinen Reise durch die Republik. Wir wollen herausfinden, wie es in der deutschen Comicszene aussieht. Drei Gesprächspartner aus drei Künstlergenerationen und drei Städten sollen uns einen Ein- und Überblick liefern.
NUR IN DER HUMORABTEILUNG
Ralph König, Jahrgang 1960, lebt und arbeitet in Köln. Bereits Anfang der 80er Jahre veröffentlichte er seine ersten Comichefte. Bis heute spielen die meisten seiner Geschichten in der Schwulenszene, König hat also mit zwei Vorurteilen zugleich zu kämpfen: denen gegenüber Schwulen und denen gegenüber Comics. „Wenn überhaupt, verändert sich die Akzeptanz nur sehr langsam. Comics werden in Deutschland kaum wahrgenommen … Das Medium Comic leidet meiner Meinung nach unter dem Image, nur infantil zu sein … Ein neues Buch von mir steht in der Buchhandlung selten unter den Neuerscheinungen am Eingang, sondern gleich hinten in der Humorabteilung. Und ich hab noch enormes Glück. Mit meinem Thema und meiner Art zu erzählen hab ich ein treues Lesepublikum, schwul oder nicht, so dass ich seit 27 Jahren davon leben kann“. Dabei sind Königs Arbeiten alles Andere als bloße Witzzeichnungen. Das vordergründig Alberne seiner Bücher hat immer gesellschaftspolitische Relevanz. Zum Karikaturenstreit vor drei Jahren hat er sich zu Wort gemeldet, mit seinem aktuellen Comic „Prototyp“ übt er Religionskritik und er zielt immer auf Geschlechterklischees. Im Ausland zählt man viele seiner Arbeiten ganz klar zu den Graphic Novels, hierzulande fällt sein Name in dem Zusammenhang kaum. Das liegt vielleicht wirklich an den cartoonhaften Zeichnungen. Die ‚Knollennasen’ sind nach wie vor sein Erkennungsmerkmal. „Mir waren Story und Dialog immer wichtiger als die Zeichnungen, die sind nur Mittel zum Zweck. Diese Nasen mache ich seit 28 Jahren. Das geht schnell und einfach und ich kann mich ganz auf die Geschichte konzentrieren. Ich bedaure es ein bisschen, dass ich nicht eine zweite Art zu zeichnen gelernt habe, eine realistischere vielleicht. Denn manchmal möchte ich gerne auch was Ernstes erzählen… Aber mit ‚ernsthaften’ Zeichnungen wäre der Stand noch schwerer. Ich verehre ja „Die Sache mit Sorge“ von Isabel Kreitz. Was für Zeichnungen! Aber wird es gebührend wahrgenommen?“
LÄNGST NICHT MEHR NUR HOBBY
An Aufmerksamkeit scheint es Isabel Kreitz indes nicht zu mangeln. Gerade kommt sie von einem Literaturfestival in New York, wo sie Deutschland vertreten hat. Von Köln führt uns die Reise durch die deutsche Comiclandschaft nach Hamburg, neben Berlin ganz klar das Comiczentrum der Nation. Dort gibt es eine aktive Szene rund um die Comicmagazine „Orang“ und „Spring“. Letzteres ist ein ausschließlich von Frauen gemachtes Comicmagazin junger Künstlerinnen.
Als Isabel Kreitz, Jahrgang 1967, in den frühen 90er Jahren anfing, Comics zu machen, war sie fast die einzige Frau in der von Männern dominierten Comicszene. Zudem war der Boom der 80er Jahre gerade vorbei. „Mir war ziemlich klar, dass mit Comics kein Blumentopf mehr zu holen ist. Es war eine Art Hobby neben der Illustration. Da ich nie erwartet habe, mit der Arbeit Geld zu verdienen, hatte ich allerdings auch eine Menge Freiheiten. Man konnte machen, was man wollte, irgendwie kamen die Druckkosten immer zusammen“. Ein Hobby ist das Zeichnen schon lange nicht mehr. Im Sommer hat sie beim Comicsalon Erlangen, der bedeutendsten deutschen Comic Messe, den „Max-und-Moritz“-Preis erhalten, auf der Frankfurter Buchmesse den „Sondermann“. Wie fühlt sich ein solcher Preisregen an? „Gut fühlt sich das an! Besonders der „Sondermann“ hat mich sehr gefreut, denn so ein Publikumspreis zeigt doch, dass der Comic tatsächlich gern gelesen wird. Das ist das schönste Kompliment, das ich mir vorstellen kann. Das erleichtert das Arbeiten ganz ungemein“, sagt Isabel Kreitz. Ihre Projekte sind inzwischen aufwändiger. Nach ihrer Adaption von Uwe Timms gleichnamigem Roman „Die Entdeckung der Currywurst“ und Erich Kästners „Der 35. Mai“ widmet sie sich mit der 250 Seiten starken Graphic-Novel „Die Sache mit Sorge“ einem Spionagefall aus dem Zweiten Weltkrieg. „Das aus dieser Geschichte so ein Backstein geworden ist, liegt an meiner Vorliebe für die filmische Erzählweise, die einfach mehr Platz braucht.“ Im Gegensatz zu vielen der jüngeren ZeichnerInnen arbeitet Isabel Kreitz nicht autobiografisch. „Kein Autor kann Geschichten schreiben, die nicht auf eigenen Erfahrungen beruhen, aber ich halte meine Jugenderinnerungen für restlos uninteressant, daher würde ich nicht auf die Idee kommen, autobiografisch zu erzählen…“
KEIN KURZLEBIGER TREND
In Berlin findet sich einer dieser jüngeren Comiczeichner. Er ist Jahrgang ’76 und nennt sich Mawil – ein Kosename wie aus Teenagerzeiten. Tatsächlich erzählt Mawil im Gegensatz zu Isabel Kreitz gerne aus seinen Jugenderinnerungen. „Am Anfang zögerte ich, so offen mit Privatem zu arbeiten, aber ich habe schnell gemerkt, dass man sich bei seinen eigenen Geschichten logischerweise viel besser in die Charaktere und Emotionen einfühlen kann.“ Sein erstes längeres Comicalbum „Wir können ja Freunde bleiben“ entstand 2002 als Diplomarbeit und wurde wie einige andere Alben bereits in mehrere Sprachen übersetzt. „Ich hoffe, dass meine Comics irgendwie den Alltag meiner Generation wiedergeben und dass das im europäischen Ausland auch ankommt, weil die Leute dort ähnlich drauf sind.“ Mawil erzählt charmant und witzig von seinen Liebesnöten und Alltagsproblemen. Mit den Geschichten erreicht er seine Generation und ist fast schon so etwas wie ein Popstar unter den Comiczeichnern.
Noch spielt sich das alles im kleinen Rahmen ab, aber Mawil hofft, dass das gegenwärtige Interesse am Comic nicht nur ein kurzlebiger Trend ist. Auch Isabel Kreitz ist zuversichtlich: „Man ist seit den 80er Jahren auf der Suche nach neuen Formaten. Nach den Comic-Alben kamen die Heftchen und Magazine, und nun ist es die Graphic Novel. Ich bin voller Hoffnung, dass diese Form die passende für den deutschen Comicmarkt ist und sich weiter durchsetzen wird.“ Das künstlerische Potential ist da, mehr als jemals zuvor. Das scheint bei den vielen potentiellen Lesern nur noch nicht angekommen zu sein. Urgestein Ralf König: „Vielleicht spricht es sich langsam herum, dass es anspruchsvolle Comics für Erwachsene gibt, dicke Wälzer, mit denen man es sich gut zwei Stunden auf dem Sofa bequem machen kann.“
Der Artikel erschien in ähnlicher Form zuerst als Titelgeschichte der Zeitschrift „Deutsch perfekt“, Ausgabe 2/09.







