Es ist ganz klar, dass sich ein Episodenfilm, der sich „Deutschland 09“ nennt und im Untertitel zudem erklärt, „13 kurze Filme zur Lage der Nation“ zu versammeln, an dem letzten Episodenfilm zur Lage der Nation messen lassen muss: „Deutschland im Herbst“ … Zugleich sind die Voraussetzungen aber doch sehr unterschiedlich. „Deutschland im Herbst“ entstand 1977 relativ spontan unter dem Eindruck des Deutschen Herbstes, also den RAF-Attentaten, der Rasterfahndung, der Entführung der „Landshut“ nach Mogadischu und den Selbstmorden in Stammheim. Regie führten Fassbinder, Kluge, Schlöndorff, Reitz, Heinrich Böll, Wolf Biermann und andere Kulturschaffende wirkten ebenfalls mit. So entstand ein sehr unhomogenes Gesamtbild, das die subjektiven Betrachtungswinkel der Beteiligten eindringlich spiegelte. Was kann also ein Film wollen, der sich im Jahr 2008, als der Film entstand, auf dieses historische Werk bezieht? Linken Terrorismus gibt es nicht mehr, an Schäubles wiederkehrende Versuche, die Grundrechte einzuschränken hat man sich irgendwie gewöhnt. Umweltschutz ist seit dem Zusammenbruch des Finanzsystems kein Thema mehr. Die 13 bekannten Regisseure gehen ganz unterschiedlich mit dem Fehlen eines alles überragenden Themas um und umkreisen ganz subjektivihr Bild von Deutschland: Wolfgang Becker ergeht sich in einer mitunter etwas albernen Satire über den ökonomischen Zusammenbruch des Landes und zeigt Deutschland als sterbenden Patienten. Dominik Graf widmet sich sehr intelligent in einem Essay der Frage, wie sich die strukturelle Lage eines Landes an ihrer Architektur ablesen lässt. Sylke Enders lotet die sogenannte Einkommensschere aus. Hans Steinbichler hat doch noch einen Überwachungsstaat in guter alter Deutscher Herbst-Manier ausgemacht. Isabelle Stever hingegen exerziert faszinierend Demokratie exemplarisch in einer Grundschule durch. Dany Levys surreale Geschichte malt komödiantisch ein depressives Deutschland und einen neuen Faschismus auf die Leinwand. Hans Steinbichler persifliert mit Josef Bierwirkungsvoll den konservativen Kulturpessimismus. Romuald Karmakar meint, Deutschland im Hirn eines debilen iranischen Besitzers einer Stripbar zu finden. Tom Tykwer findet Deutschland gar überall, nur nicht in Deutschland. Nicolette Krebitz rekuriert in einem fiktiven Treffen von Susan Sontag und Ulrike Meinhof doch noch auf die 70er Jahre und ihre Utopien. Christoph Hochhäusler erzählt in seinem experimentellen Kurzfilm einen Science Fiction und Angela Schanelec flüchtet sich in ihrem gelungenen Prolog ins Abstrakte. Dreizehn Filme, dreizehn Perspektiven. Sowohl thematisch als auch ästhetisch könnten die Beiträge kaum unterschiedlicher sein. Deutschland 09, das kann sehr viel sein. Zumindest aber ist es ein reiches Filmland.
(Bundesstart: 26.3.2009)
Zuerst erschienen in choices 04/09



