„Das Neuss Testament“ von Rüdiger Daniel (Interview)

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Der Kabarettist Wolfgang Neuss begleitete bis zu seinem letzten Tag das Nachkriegsdeutschland humoristisch und mit scharfem Geist … Gleich nach dem Krieg beginnt Wolfgang Neuss eine Karriere als Kabarettist und macht sich schnell einen Namen als ‚Der Mann mit der Pauke‘. Seit 1950 ist er auch im Kino zu sehen: Er dreht in 17 Jahren 53 Filme. In den späten 60er Jahren sympathisiert er mit der APO, dann zieht er sich zurück und erlangt Kultstatus als kiffender ‚Indianer‘ mit scharfem Verstand. Als solchen hat ihn Regisseur Rüdiger Daniel drei Tage vor seinem Tod im Mai ’89 kennen gelernt. Das Interview floss in eine mittellange Doku, nun legt Daniel einen abendfüllenden Film über den radikalen Humoristen vor und lässt ihn selber reden, aber auch seine engsten Vertrauten zu Wort kommen. Der Witz und der Scharfsinn – das zeigen zahlreiche Film- und Tonausschnitte aus Neuss‘ Filmen und Kabarettprogrammen, hat die Jahre gut überstanden.

Sie hatten das Glück, noch kurz vor seinem Tod mit Wolfgang Neuss ein filmisches Interview führen zu können. Wie haben Sie ihn und die Situation erlebt?
Rüdiger Daniel: Ich wusste beim Dreh noch nicht, dass er so sterbenskrank an Unterleibskrebs litt. Wir mussten das Gespräch auch unterbrechen, weil er seine Schmerzen mit Haschisch stillte. Geistig war Wolfgang aber hellwach. Ich empfinde heute noch seine Augen als Spiegel seiner Seele, und er resümiert hier in Todesahnung über sein Leben.

Das Material dieser Begegnung floss Mitte der 90er Jahre in die 45minütige Fernseh-Doku „Narrkose“. Was unterscheidet das „Neuss-Testament“ von diesem ersten Neuss-Film?
Bei „Narrkose“ ging es um die Bühnen- und Filmfigur Neuss. Der Kinofilm „Das Neuss Testament“ erzählt von dem Menschen Neuss von der Geburt bis zum Tode, mit allen seinen radikalen Wandlungen. Das Besondere an diesem Selbstporträt ist, dass uns Wolfgang selbst als Sprecher seine Geschichte erzählt – dieser Film ist Neuss pur!

Sie haben viele Interviews mit Zeitzeugen gemacht. Dem Einfluss von Wolfgang Neuss auf gegenwärtige Künstler haben sie hingegen nicht nachgespürt. Ist Wolfgang Neuss im Jahr 2009 vergessen und bedeutungslos?
Den Einfluss von Neuss können Sie an seinen Erben ablesen. Alle sind damals zu ihm hin gepilgert: Hildebrandt, Hüsch, Richling, Lüdecke. Didi Jünemann spielt heute noch das Neusssche Bühnenprogramm „Wir Kellerkinder“. Neuss ist einfach der Großvater der deutschen Comedy und des Kabaretts. Und gucken Sie ins Internet: Neuss bleibt dort als Haschrebell und Guru lebendig.

In den 50er und 60er Jahren war Neuss ein regelrechter Star, der neben seinem Kabarett-Programm auch in zahlreichen Kinofilmen mitwirkte, dabei aber immer unbequem blieb. Sind seine Art und seine Umtriebigkeit mit zeitgenössischen Künstlern vergleichbar? War er ein früher Christoph Schlingensief, ein Harald Schmidt oder eher eine Charlotte Roche?
Alle sind auf ihre Art radikal und individuell. Sie sind Narren wie Wolfgang. Und so welche braucht jede Gesellschaft, denn eigentlich leben diese Künstler das, was wir uns nicht trauen. In der Adenauer-Ära brauchten Künstler sicherlich mehr Mut als heute bei Angie. Und insofern finde ich es ja so toll, dass der altersmilde Staatsmann von Weizsäcker in seinem Interview Wolfgang so hochjubelt. Wann sehen wir endlich Merkel mit Schlingensief?

„Das Neuss Testament“ könnte ohne weiteres als Komödie durchgehen. Ohne Ihre Regie-Leistung schmälern zu wollen: Wenn man in seinem Film O-Töne von Wolfgang Neuss einbringen kann, muss man sich um den Unterhaltungswert des Films keine Gedanken mehr machen, oder?
Keine Frage, Wolfgang sucht immer die Lacher. Humor war schließlich seine Kommunikationsform. Trotzdem ist der Film nicht immer fröhlich, sondern fordert die Zuschauer vor allem heraus, ihr eigenes Leben zu hinterfragen. Wolfgang würde sagen: „Durch jeden Kabarettisten muss auch Tristesse schwingen, frei nach dem Motto: ich lache Tränen, heule Heiterkeit.“
(Bundesstart:30.4.2009)

Zuerst erschienen in choices 5/09