Johnny Marco ist ein Hollywood-Star der Zweiten Liga. Seine Filme haben kaum Anspruch, aber der Schönling ist gut im Geschäft. Zwischen Party, Affäre und einem Leben im Hotel driftet er ziellos durch den Alltag. Bis seine Tochter bei ihm aufkreuzt … Johnny lebt in dem legendären Hotel Chateau Mormont in Los Angeles, fährt einen Ferrari, hat viele Affären, reichlich Geld und einen gewissen Bekanntheitsgrad als gutaussehender Darsteller in publikumsträchtigen Filmen ohne Tiefgang. Anscheinend geht auch ihm selbst der Tiefgang etwas ab. Doch wir erleben Johnny nicht nur auf Parties, am Pool und auf Premieren. Wir sehen ihn auch in stillen Momenten – mit leerem Blick und einer Ahnung davon, dass da mehr sein könnte und sein Leben schöner aussieht als es ist.
Oft ist die Sache klar: Die einen Filmemacher machen spannende Sachen, die anderen ziemlich konventionellen Kram. Die einen sind ideologisch fragwürdig, die anderen voll korrekt. Die einen machen immer Dasselbe, die anderen erfinden sich ständig neu. Und manchmal ist die Sache überhaupt nicht klar, wie im Falle Sofia Coppola.
Das ging bereits mit ihrem irritierenden Debüt „The Virgin Suicides“ los. Hoch ästhetisch und dabei zugleich klischeehaft und irritierend. Es folgte „Lost in Translation“, auf den sich alle einigen konnten, obwohl Bill Murray wie ein Kolonialherr munter rassistische Witze reißt. Szenen, die einen faden Beigeschmack haben. Dann ein ganzer Film mit Beigeschmack: „Marie Antoinette“ macht den Versuch, die naive bis zynische französische Königin aus ihrer Situation heraus zu verstehen. Zu allem Überfluss kleidet Coppola ihr Drama in ein poppiges Gewand, das alle sozialen Fragen entsorgt und bei Paris Hilton und Co. landet. Und nun – nach „Lost in Translation“ – wieder Luxusleben im Hotel. „Somewhere“ ist wie jeder vorherige Film über ästhetische Kritik erhaben. Die Kameraarbeit ist exquisit, die ruhige Inszenierung bedacht und detailliert. Die Darsteller, allen voran Stephen Dorff („Public Enemies“) als Johnny und Elle Fanning („Babel“) als Cleo, überzeugen mit ihrem zurückhaltenden Zusammenspiel. Der Soundtrack ist wie immer geschmackssicher und fügt sich hervorragend in den Film ein. Aber interessiert einen dieser Johnny überhaupt?
Man merkt Coppolas Filmen an, dass sie diese Leute und deren Leben, die sie zeigt, auch mag, dass es vielleicht auch ihr Leben ist. Sonst wären ihre Filme vielleicht nur eine banale Polemik. So sind sie in jedem Augenblick beseelt von einem melancholischen Blick auf ein Leben, dass die Tochter des Regie-Stars Francis Ford Coppola nur zu gut kennt. Man möchte Coppolas Gabe zur genauen Beobachtung stundenlang zusehen, sich an den kleinsten Details erfreuen, auch wenn das Grundthema nicht sonderlich originell ist und einen die Luxusprobleme der Protagonisten eventuell gar nicht interessieren. Vielleicht ist neben der handwerklichen Klasse die Subtilität und das Unentschiedene die herausragende Qualität ihrer Filme. Kritik und Sentimentalität halten sich stets die Waage, bleiben latenter Grundton und werden nie laut.
(Bundesstart: 11.11.2010)
Zuerst erschienen in choices 11.10


