Schon die Logline zu „Emilia Pérez“ ist ein Knaller: Ein Mann zerstört alles um sich herum, als Frau will er es wieder gut machen! In etwas länger geht das so: Der mexikanische Anführer eines Drogenkartells – Juan „Manitas“ Del Monte – lebt perfekt abgeschirmt von der Außenwelt, um sein so finanzkräftiges wie brutales Reich zu regieren. Die Geschäfte führt er von einem streng überwachten, monströsen Off-Road-LKW aus. Bis man zu ihm gelangt, wird man meilenweit mit verbundenen Augen durch die Prärie gefahren und mehrmals gefilzt. So ergeht es der jungen, erfolgreichen, aber schlecht bezahlten Anwältin Rita, die darauf spezialisiert ist, für ihre Kanzlei Verbrechern vor Gericht zum Sieg zu verhelfen. Inmitten ihrer moralischen Zweifel erreicht sie ein geheimnisvolles Jobangebot von Manitas, dem sie folgt. Nun sitzt sie also diesem Oberbösewicht gegenüber und erfährt von ihm, dass sie ihm helfen soll, unterzutauchen. Um dann wieder aufzutauchen – aber als Frau. Denn auch an Del Monte nagt das moralische Gewissen und außerdem das zermürbende Gefühl, als Frau im Körper eines Mannes gefangen zu sein. Rita soll sich darum kümmern, dass er eine Geschlechtsumwandlung machen kann, seine Familie abgesichert ist und seine Wiederkehr als Frau nicht auf den amoralischen Drogenboss zurückzuführen ist, der er dann nicht mehr sein wird. Stattdessen will er nun Gutes tun.
Jacques Audiard ist einer der profiliertesten Regisseure weltweit, und er weiß das Publikum immer wieder zu überraschen. Viele seiner bislang zehn Filme seit Mitte der 90er Jahre kreisen um Gewalt: „Ein Prophet“, „Der Geschmack von Rost und Knochen“, „Dämonen und Wunder“ oder „The Sisters Brothers“. Und dennoch könnten seine Filme kaum unterschiedlicher sein. Nun überrascht er sein an Überraschungen gewöhntes Publikum mit einem Musical über toxische Männlichkeit und den Versuch, daraus auszubrechen. Toxische Männlichkeit kennt man im Film zur Genüge, auch wenn nicht immer als solche markiert: im Kriegsfilm, im Actionfilm, im Western, im Slasher und Horrorfilm, im Krimi und Thriller. Eine blutige Galerie der männlichen Zerstörungswut, die meist ohne Brechung auskommt. Bei Audiards „Emilia Pérez“ kommt die Brechung alleine schon durch die Wahl des Genres in den Film und wird durch den schwindelerregenden Plot gestützt, der fragt, was sich durch eine Geschlechtsumwandlung alias ‚andere Perspektive‘ auf die Welt ändern könnte.
Audiard, der zunächst an Originalschauplätzen drehen wollte, hat schließlich ganze Straßenzüge für sein in Mexico angesiedeltes Musical-Drama in Frankreich nachbauen lassen. Doch das merkt man nicht einmal, wenn man es weiß. Die Superheldinnen-Darstellerin Zoë Saldaña darf hier als ausgebildete Tänzerin und Sängerin in ihrer Rolle als Anwältin glänzen, die Transschauspielerin Karla Sofía Gascón verkörpert Mann und Frau gleichermaßen beeindruckend. Zusammen mit Ariana Paz haben sie in Cannes den Darsteller:innen-Preis erhalten, Audiard den Preis der Jury.
Zuerst erschienen in choices 12/24

