
Herbert verbreitet politisch-korrekt gute Laune
„Ehrlich gesagt bin ich von mir selbst etwas angepisst. Ich wollte eine fröhliche Pop-Platte machen, aber ich habe es nicht getan. Das geht einfach nicht, wenn Dick Cheney an der Macht ist.“ Der US-Amerikanische Vize-Präsident hätte es fast geschafft, aber irgendwie ist es dann doch die fröhliche Pop-Platte geworden. Mitgeholfen haben ein Kammerorchester und diverse Hörner, einige Vokalisten, darunter wie immer Matthew Herberts Lebensgefährtin Dani Siciliano, aber auch ein Anrufbeantworter, Meteoriten, Benzinpumpen und ein Tornado-Bomber.
Letztere sind signifikant dafür, dass Herbert nicht nur erneut das Sampling fremder Musik ablehnt und alle Sounds entweder spielt bzw. spielen lässt, oder aber Umweltgeräusche sampelt. Sie verweisen auch auf den hinter dem Klang lauernden Subtext dieser Platte, die abermals von einem Grundthema beherrscht wird. War es bei dem etwas schwerverdaulichen Vorgänger „Plat du Jour“ das Thema Nahrungsmittel, so ist diesmal das Öl an der Reihe. Beides politisch aufgeladene Themen, an Hand derer man Fragen zu Globalisierung und Verteilungskämpfen stellen kann.
Musikalisch lässt Matthew Herbert auf „Scale“ einige seiner Projektabteilungen näher zusammenrücken. Sein ‚Pseudonym’ Herbert stand immer für House, und den findet man alleine schon in den Beats. Aber auch Jazz- und Big Band-Elemente, wie man sie von Matthew Herberts Big Band kennt, finden Einlass in die Musik. Und nicht zuletzt die rhythmischen Finessen von frühen Projekten wie Radio Boy und Wishmountain sorgen für Spannungsreiche Momente. Die Annäherung an Popmusik ist auf „Scale“ jedoch in seiner bislang deutlichsten Form vollzogen, ohne dass man Herbert damit Radiokompatibilität vorwerfen müsste. Auf besseren Sendern würden allerdings sowohl die balladeskeren Momente als auch die Housetracks ihren Platz finden. Denn kopfgebürtig oder grüblerisch klingt die Musik bei allem gedanklichen Unterbau keineswegs. Ehrlich gesagt, sind wir von der neuen Platte von Matthew Herbert mal wieder alles andere als angepisst.
(Accidential / !K7, VÖ: 26.5.06)
zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 06/06

