Auf einer Pilgerreise nach Lourdes macht die gelähmte Christine wunderliche Erlebnisse … Bei der katholischen Kirche denkt man zurzeit weniger an Heilung als an Zerstörung. Kindesmissbrauch ist in Jessica Hausners („Hotel“) Film indes kein Thema, auch wenn ihr Film wenig Wärme und Geborgenheit ausstrahlt. Hausner wählt als Hauptfigur die gelähmte Christine, die die Pilgerreise nach Lourdes eher wegen der menschlichen Kontakte und kulturellen Interessen macht – an eine Wunderheilung glaubt sie nicht. Der nüchterne Film liefert einen ebenso stilisierten wie genauen Blick auf die Ereignisse im Pilgerort: Dort geht es meist bürokratisch zu, und Neid spielt eine ebenso große Rolle wie Hoffnung. Die Regisseurin nutzt dieses oft auch komische Panorama für eine kluge, wenn auch stellenweise plakative Meditation über die Sinnsuche.
INTERVIEW MIT JESSICA HAUSNER:
Frau Hausner, würden Sie zustimmen, dass die Haltung des Films gegenüber den Geschehnissen und den Protagonisten überwiegend kühl und distanziert ist?
Jessica Hausner: Das sind sehr subjektive Einschätzungen, was jemand als kühl empfindet oder als distanziert. Meine Absicht lag darin, den Geschehnissen als Beobachter zu folgen, der nicht versucht, eine einseitige Interpretation in das Gezeigte hineinzulegen, sondern im Gegenteil Raum für die Widersprüchlichkeiten zulässt. Mich hat die Ambivalenz eines Wunders interessiert. Was für den einen ein Glück ist, mag für den anderen ungerecht sein. Es handelt sich also vielleicht um eine nachdenkliche Distanz zum Geschehen, die etwas Raum lässt für Fragestellungen, die aber sehr wohl mit Empathie für die Protagonisten erfüllt ist.
Es gibt allzu menschliche Reaktionen von Neid und Egoismus, die sie neben sehr kurze Augenblicke von Wärme und Fürsorge stellen. Ist Letzteres in der Kirche mindestens so rar wie anderswo?
Jeder möchte ‚geheilt‘ werden. Im übertragenen Sinn: Das Streben nach Erfüllung und Glück im Leben ist jedem einzelnen Menschen bekannt. Es wäre naiv zu behaupten, dass irgendjemand gerne darauf verzichten würde. Das erzählt mein Film. Nicht mehr und nicht weniger.
Die organisatorischen und bürokratischen Prozesse der Pilgerreise wirken oft unfreiwillig komisch in dem religiösen Umfeld. Sie betonen diesen Kontrast im Film durch Dialog und Bild, was zu einem spöttischen Tonfall führt …
Der Film sucht einen unsentimentalen Tonfall, um den Kontrast zwischen einem ersehnten Beschützer namens Gott und der vielschichtigen, teils banalen, teils wundersamen Realität zu erzählen. Die erfahrbare Realität hält für jeden Menschen etwas anderes bereit. Für manche ist es Gott, für andere der Zufall, der die Geschicke lenkt. Für mich geht es darum, dass die Wirklichkeit ein Sammelsurium an allem Möglichen und jede Weltanschauung ein menschlicher Versuch ist, den an sich bedeutungsarmen Dingen Bedeutung und Sinn abzuringen.
Überrascht Sie die überwiegend positive Reaktion auf den Film von Seiten der katholischen Kirche?
Für mich steht sie im Zusammenhang mit der positiven Reaktion der Atheisten! Nur dann funktioniert dieser Film, wenn er unterschiedliche Lager gleichermaßen überzeugt. Es ging mir genau darum, diesen Film auf einer allgemeineren Ebene lesbar zu machen, die quasi über der Parteilichkeit irgendwelcher weltanschaulicher Lager steht. Der Film ist als Parabel zu lesen für den allgemeinmenschlichen Wunsch nach einem erfüllten, sinnvollen Leben im Gegensatz zu einem ungerechten, willkürlichen und manchmal grausamen Schicksal.
Es gibt sehr weise Sätze im Film – während der Beichte, nach dem Wunder. Würden Sie diese Sätze eher religiös oder philosophisch nennen?
Eher: ein guter Dialog.
(Bundesstart: 1.4.2010)
Zuerst erschienen in choices 04.2010


