In den späten 50er Jahren sucht ein Junge zwischen zerrütteten Familienverhältnissen und strenger Schuldisziplin sein Heil in der Musik. Sein Name ist John Lennon … Am 9. Oktober wäre John Lennon 70 Jahre alt geworden, am 8. Dezember jährt sich sein Todestag zum 30. Mal. Es ist das Lennon-Jahr, und die Maschinen der Kulturindustrie sind längst heiß gelaufen: Aufwändige CD-Boxen kommen in die Läden, auf You Tube hat Yoko Ono eine umfangreiche und prominent besetzte Gedenkaktion initiiert. Da kommt Sam Taylor-Woods Biopic gerade recht. Und doch scheint „Nowhere Boy“ kein kühl kalkuliertes Werk zu sein, sondern eine Herzensangelegenheit.
Blick auf den Nährboden
John lebt seit seiner Kindheit bei seiner Tante Mimi und seinem Onkel George. Mimi ist reserviert, zu George hat John ein herzliches Verhältnis. Als George stirbt, ist John untröstlich. Von da an sucht er verstärkt den Kontakt zu seiner leiblichen Mutter Julia, die inzwischen mit ihrer neuen Familie lebt. In der Schule eckt der Spaßmacher derweil mit seinem aggressiven, autoritätsfeindlichen Ton an, seine Noten sind schlecht. Als ihm seine Mutter das Banjospiel beibringt und ihn außerdem für den gerade aufkommenden Rock’n’Roll begeistert, scheint er seine Passion gefunden zu haben und außerdem ein Ventil für seine innere Zerrissenheit. Denn die Orientierung zwischen seiner leiblichen und seiner Ziehmutter fällt ihm immer schwerer. Lennon gründet 1956 mit Schulfreunden seine erste Band The Quarrymen. Dann trifft er Paul, kurz darauf George. Der Wunsch, Musiker zu werden, nimmt Gestalt an. Zugleich schreibt er sich an der Kunsthochschule ein, wo er Stuart Sutcliffe, den ersten Bassisten der Beatles, trifft. Gerade als sich das Verhältnis der beiden Schwestern Mimi und Julia bessert und er offener mit der Situation umgehen könnte, trifft die Familie ein Schicksalsschlag.
Sam Taylor-Wood, die in den frühen 90er Jahren eine steile Karriere als Künstlerin in den Bereichen Fotografie und Videokunst gemacht hat, hat bereits 1993 ein Doppelporträt mit ihrem damaligen Lebenspartner Henry Bond angefertigt, dass ein Pastiche des berühmten letzten Fotos mit John Lennon und Yoko Ono von Annie Leibowitz ist. Verweise auf Popkultur tauchen in ihrem Werk öfter auf. Ihr 2009 in Cannes aufgeführter Kurzfilm „Love you more“ ist spielerisch um die titelgebende Single der Punk-Band Buzzcocks aufgebaut. Ihre Filme fügen sich zudem gut in ihr künstlerisches Oeuvre, weil sie darin immer wieder Bezüge zum Kino hergestellt hat. Ästhetisch sind sie allerdings überraschend schlicht. Sowohl die Kameraarbeit als auch die Erzählstruktur sind sehr konventionell. Von einer Künstlerin, die als Spielfilmregisseurin debütiert, könnte man andere Bilder erwarten. Das Besondere an „Nowhere Boy“ ist jedoch der Blickwinkel: „Nowhere Boy“ erzählt nicht von dem allseits bekannten kometenhaften Aufstieg der Band ab 1962. Er wählt auch nicht den Rahmen von „Backbeat“ (1994) von Ian Softley, der die wilden Hamburger Tage vor ihrem Durchbruch bebildert. „Nowhere Boy“ endet, wenn alles anfängt. Aber gerade das, der Blick auf den Nährboden, ist das Spannende an dem Film.
Auch wenn er damit für echte Kenner der Beatles-Biografie sicherlich nichts Neues zeigt, der gewöhnliche Kinogänger wird daraus sicher die eine oder andere Erkenntnis gewinnen. Was „Nowhere Boy“ daneben auszeichnet, ist die emotionale Aufladung, ohne dass die großen Geschütze eines Melodrams aufgefahren würden.
Emotional zerrissen und aggressiv
Die große Leistung des Films liegt darin, dass er sowohl die Atmosphäre der Zeit als auch den jugendlichen Lennon plastisch und anschaulich werden lässt. Das liegt mitnichten an der Physiologie des Darstellers. Wie Lennon aus seiner persönlichen Verletzung durch die Familienverhältnisse und im Fahrwasser der ersten großen Jugendbewegung der Nachkriegszeit – des Rock’n’Roll – gegen sein Umfeld aufbegehrt, kann man hier ganz nah nacherleben. Lennon versucht, seine Seelenpein zu mildern, mal mit dem Musizieren, mal mit „zivilem Ungehorsam“ ganz im Sinne des Rock’n’Roll: Lennon als Sprücheklopfer, Draufgänger und Rowdy. Einige Szenen des revoltierenden Schülers Lennon erinnern tatsächlich an die Schüler in Taylor-Woods Kurzfilm „Love you more“ – ein Punkpärchen gut zwanzig Jahre später. Auch dort gelingt der Regisseurin ein intimer Einblick in jugendkulturelle Umwälzungen innerhalb einer rigiden, muffigen Gesellschaft.
Nein, die Beatles waren nicht die ersten Punks. Aber in „Nowhere Boy“ sieht man nicht die braven Jungs, die ab 1962 ihren kometenhaften Aufstieg weltweit mit Fernsehauftritten in Anzügen feierten. Er zeigt emotional zerrissene Teenager, die Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre betont aggressiv, aber auch cool in komplett schwarzer Ledermontur auftreten.
Das nonkonforme Verhalten ihres Protagonisten scheint die Regisseurin sichtlich fasziniert zu haben. Wenn sie es nicht zuvor schon war – spätestens durch ihr Langfilmdebüt ist auch sie nun eine Nonkonformistin, denn der Film hatte ganz private Folgen für sie: Seit dem Sommer hat sie ein gemeinsames Kind mit dem halb so alten Lennondarsteller Aaron Johnson.
(Bundesstart: 8.12.2010)
Zuerst erschienen in choices 12.10.


