„American Splendor “ von Shari Springer Berman & Robert Pulcini

Harvey Pekar ist Angestellter in der Verwaltung eines Krankenhauses in Cleveland. Der nerdige Platten- und Comicsammler, zweifach geschieden, beginnt 1976 mit Hilfe von Robert Crumb seine Alltagserlebnisse in Comicform zu veröffentlichen – und erfindet damit erfolgreich ein neues Genre.

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Comics werden häufig immer noch mit Superhelden und Knollennasen gleichgesetzt, und das Kino leistet bei diesem Missverständnis einen nicht unerheblichen Beitrag. Comicverfilmungen finden derzeit zahlreich den Weg in unsere Kinos: Hellboy, Spiderman, Daredevil, The Punisher – um nur einige zu nennen. Den meisten von ihnen ist jedoch gemein, dass es sich dabei um mittelmäßige Verfilmungen von mittelmäßigen Comics handelt. Doch es gibt Ausnahmen: mit Hulk von Ang Lee entstand eine ambitionierte Verfilmung eines mittelmäßigen Comics, mit „The Extraordinary Gentlemen“ allerdings auch eine äußerst ärgerliche Adaption der tollen Comic-Vorlage des meisterlichen Alan Moore, unwesentlich gelungener ist die Filmversion seines Jahrhundertwerks „From Hell“. Ganz selten nur entsteht aus einer guten Vorlage ein guter Film. „Ghostworld“ war einer dieser seltenen Glücksfälle, „American Splendor“ ist ein weiterer.

Dabei lässt sich zunächst nicht einmal klar sagen, ob „American Splendor“ überhaupt eine Adaption des gleichnamigen, autobiographischen Comics ist, oder „nur“ ein Dokumentarfilm über dessen Autor. Genau diesem Wirrwarr ist die erzählerische Komplexität des Films geschuldet. Denn gleich auf vier verschiedenen Ebenen wird das Leben des leicht neurotischen Misanthropen Harvey Pekar nachgezeichnet: Tatsächlich gezeichnet in gefilmten Ausschnitten aus den Comics und für den Film animierten Zeichnungen, die teilweise in Spielfilmszenen integriert sind; des Weiteren mittels dokumentarischen Materials (z.B. aus den legendären Auftritten Pekars bei der David Letterman Show in den 80er Jahren); außerdem in Interview-Einschüben, die mit Pekar im Studio gefilmt wurden; schließlich und hauptsächlich mit Spielfilmszenen, die klassisch mit Schauspielern (als Pekar Paul Giamatti/ „Truman Show“) inszeniert sind und kongenial die deprimierende Schlichtheit von Pekars Angestellten-Dasein in der Industriestadt Cleveland darstellen. Die verschiedenen Ansätze überschneiden sich und sind kunstvoll und virtuos ineinander verwoben.

Die anspruchsvolle und komplexe Machart des Films trägt der Tatsache Rechnung, das „American Splendor“ seinerzeit richtungweisend für die Comicgeschichte war und 1987 mit dem American Book Award ausgezeichnet wurde. 1976 traf Pekar den Star der Underground-Comix, Robert Crumb, den er einige Jahre zuvor durch ihre gemeinsame Sammelleidenschaft von Comics und alten 78er Platten auf dem Flohmarkt kennen gelernt hatte. Er zeigte Crumb seine Skizzen. Der war sofort begeistert von dem neuartigen Konzept, einen autobiografischen Comic über Alltagserlebnisse zu machen – das gab es in dieser Konsequenz noch nicht. Er bot sich an, die Stories für den zeichnerisch untalentierten Pekar umzusetzen. Fortan erschien ungefähr einmal im Jahr eine Ausgabe des Heftes, das schnell zum Publikumsliebling auch jenseits der Undergroundcomic-Szene avancierte.

Die wohl erste autobiografische Comic-Serie (Crumb selber verwendete zuvor nur ansatzweise autobiografische Elemente, später allerdings massiv) wurde bis in die 90er Jahre von Pekar selbst, dann von Dark Horse verlegt und von wechselnden Zeichnern illustriert: neben Crumb, der bereits Mitte der 90er Jahre mit der Kino-Doku „Crumb“ gewürdigt wurde, unter anderem von Joe Sacco (der später u.a. mit „Palästina“ das Genre des autobiographischen Reportage-Comics begründete), Drew Friedman, Jim Woodring und Dean Haspiel. Letzterer zeichnet auch für die Animationen im Film verantwortlich. Neben einigen Sammlungen im Buchformat erschien ebenfalls das Comicprojekt „Our Cancer Year“, an dem er zusammen mit seiner Frau Joyce Brabner (in den Spielszenen Hope Davis/ „About Schmidt“) anlässlich seiner Krebserkrankung arbeitete.

Leider gibt es bislang keine einzige deutsche Übersetzung von „American Splendor“, aber vielleicht wird der Film das ändern. Natürlich gibt es inzwischen in den USA, nach all dem Wirbel um den Film in Cannes und auf dem Sundance-Festival, einen neuen Comic von Pekar: „Our Movie Year“, wieder gezeichnet von Dean Haspiel.
(Bundesstart: 17.9.04)

Zuerst erschienen in choices 09/04

Nachtrag: Am 29.6.2005 ist die reich mit Bonusmaterial ausgestattete DVD zum Film bei Sunfilm Entertainment erschienen.

„Die Geschichte von Marie und Julien“ von Jacques Rivette

Wandernde Schatten, hinkende Zeit

Julien, ein zurückgezogen lebender Uhrmacher, erpresst die Stoffhändlerin Madame X. Als er die geheimnisvolle Marie kennen lernt, verändert sich sein Leben, aber nicht seine erpresserische Ader. Nun erpressen Marie und Julien gemeinsam Madame X. Die jedoch scheint Maries Geheimnis zu kennen.

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Mit 75 Jahren macht Jacques Rivette, der Sonderling unter den Sonderlingen, der Solitär unter den Regisseuren der Nouvelle Vague, seinen 25. langen Spielfilm. ‚Lang’ musste man bei ihm immer schon besonders wörtlich nehmen: im Vergleich zu dem 210minütigen Film „Die schöne Querulantin“, Rivettes letzter Film mit Emmanuelle Beart, nimmt sich deren aktuelle Zusammenarbeit „Die Geschichte von Marie und Julien“ zwar recht kurz aus, doch 150 Minuten sind auch noch eine lange Zeit im Kinosaal. Erst recht, wenn das, was man gemeinhin als die Handlung bezeichnet, relativ einfach in zwei Sätzen rekapituliert werden kann.

Relativ einfach? Das wäre es vielleicht, wenn man es bei den Filmen von Jacques Rivette mit narrativen Kunstwerken zu tun hätte. Das ist aber nicht im klassischen Sinn der Fall. Stattdessen sieht man lediglich, wie sich 3-4 Personen in wechselnden Zweierkonstellationen beäugen, beschnuppern und abschätzen, erzählt in vier Kapiteln, die die Perspektive und den Schwerpunkt variieren („Julien“; Julien und Marie“; „Marie und Julien“, Marie“): Julien trifft Marie, sie zieht bei ihm ein, sie leben miteinander. Julien trifft Madame X, sie verhandeln miteinander, trennen sich wieder. Madame X trifft ihre Schwester, sie verzeihen einander, trennen sich wieder. Marie trifft diese Schwester, sie reden miteinander, trennen sich wieder. Dazwischen und währenddessen: Maries Erscheinung und Verhalten ist geheimnisvoll, Julien versucht das zu verstehen. Und wir, im Kinosaal, versuchen das auch.

Rivette hatte immer schon eine Neigung zum Geheimnisvollen, Mystischen, ohne deshalb in die entsprechenden Genres zu gleiten. Denn er bedient sich nicht dieser Elemente, um dramatische Effekte zu erzielen, uns zu erschrecken. Was wir sehen, sieht nämlich sehr nach Alltag aus. Nein, diese Elemente schleichen sich in seine Filme, weil er dort dem Leben, und das ist geheimnisvoll, mit einer großen Intensität nachspürt. Diese Intensität hat auch mit der Länge der Filme zu tun, mit der (Aus-)Dauer und der Ruhe, aber nicht nur. Entscheidend für diese Intensität ist vor allem Rivettes Arbeitsweise: Er hat seit seinen ersten Filmen der Improvisation großen Raum eingeräumt. Das führt dazu, dass er die Momente des Zufalls stark in seine Filme integriert. Der Zufall, das Ungeplante, ist lebendig, während das geplante Kunstwerk (und so auch Genres) eine eher statische Konstruktion ist. Rivette nimmt sich als konstruierenden Künstler, als intendierenden Autor, sehr zurück. Er kommt damit von der Produzentenseite einem Kunstverständnis entgegen, das die Rezeption als eine das Kunstwerk erst konstituierende Praxis aufwertet und die Produktion lediglich als vage Vorgabe für diese Leistung sieht: Rezeptionsästhetik kontra Werkästhetik! All die Details – durch die Schauspieler, die Kamera oder das Licht bedingte Nuancen der Geschichte – sind also nicht zwingend Absichten des Regisseurs, die durch ihn in der Geschichte eine bestimmte Bedeutung erhalten. Aber sie sind da! Und sie haben eine Bedeutung, sogar viele Bedeutungen! Die kann jeder Zuschauer für sich finden – 150 Minuten und länger hat er Zeit dafür, vage geleitet von einigen (mystischen) Ereignissen, stimmungsvoll kreisenden Schattenwürfen und asynchronem Uhrenticken. Auf dass man ein wenig die rationale Perspektive verliert, in einer Geschichte um Leben und Tod, die letztendlich nur auf das eine, alles Irdische überwindende Gefühl abzielt: die Liebe.

Die „Geschichte von Marie und Julien“ umgibt übrigens auch im wirklichen Leben ein Geheimnis. Die Geschichte von „Marie und Julien“ hat Rivette bereits in den 70er Jahren drehen wollen. Nach dem zweiten Drehtag verschwand er aus bislang ungeklärten Gründen für längere Zeit. Nun hat er, nachdem alte Aufzeichnungen wieder aufgetaucht sind, den Film endlich gedreht. Nein – natürlich einen ganz anderen.
(Bundesstart: 26.8.2004)

Zuerst erschienen in choices 08/04

„Turnaround“ von Celine Keller

Man könnte ganz kurz glauben, in einen Propagandafilm für das Glück der braven Kleinfamilie geraten zu sein. Aber wirklich nur ganz kurz! Denn die kleine Familie, die am Happy End von Céline Kellers 44Minütigem Comic-Film “Turnaround” steht, ist alles andere als normal. Und spießig schon gar nicht: Die allein erziehende Mutter Lana ist glücklich mit ihrer neuen Freundin liiert; Leon, der eigentlich Lanas bei einem wissenschaftlichen Experiment zum Kind verjüngter Ehemann ist und den sie nun als ihren Sohn ausgibt, ist eine kindliche Liebesbeziehung mit seinem nun ebenfalls verjüngten Psychotherapeuten eingegangen. Konzipiert wurde die fantastische Story von Céline Keller und dem Produzentenduo Graw Böckler, die „Turnaround“ als DVD auf ihrem Label „Raum für Projektionen“ veröffentlichen. Gezeichnet, getextet und animiert hat Keller ihren Debut-Film in nur einem knappen halben Jahr.

Mit dem munteren turnaround der Identitäten stehen so ziemlich alle gesellschaftlichen Determinationen, vom Alter über das Geschlecht bis zur Sexualität, aber auch der persönliche Lebensentwurf zur Disposition. „Turnaround“ spielt vor, wie es auch – und vielleicht besser – sein könnte. So verwirrend die Geschichte zunächst ist, so klar ist ihre ästhetische Umsetzung: Kellers Zeichnungen sind geprägt von klaren Linien und starken schwarz/weiss-Kontrasten, mitunter arbeitet sie auch mit verfremdetem Foto- und Filmmaterial. Farbe tritt nur gelegentlich auf und setzt dann deutliche Akzente. Die Art, wie die Comic-Künstlerin ihre Bilder auf die Zeitachse des Films überträgt, machen „Turnaround“ auch zu einer formalen Besonderheit: Animation im herkömmlichen Sinne, d.h. sich bewegende Figuren, sieht man zwar auch. Geprägt ist der Film allerdings von den als unbewegliche Einheit im Bild umhergeschobenen Elementen – Personen, Objekte, Hintergründe. Auch die Dialoge werden nicht wie im herkömmlichen Zeichentrickfilm gesprochen, sondern verbleiben in der Comicform der Sprechblase. Einziger Ton des Films ist die zwischen 60er-Jahre Easy Listening und House mäandernde Musik von Holger Fath-Tati. Als Bonus gibt es auf dieser außergewöhnlichen DVD, die ein großes Publikum zwischen Comic-, Kunst- und Schwulen-/Lesben-Szene verdient hätte, ein Musikvideo zum Titelsong (Gesungen von Keller) und einen Behind-the-Scenes-Bericht.

Céline Keller: „Turnaround“; DVD-R. Zu beziehen über Graw Böckler: grawboeckler@gmx.de; Tel./Fax +49 221 124100; www.raumfuerprojektionen.de
Comics von Céline Keller über CELINEK@gmx.de

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 76, 03/04

Seth: Eigentlich ist das Leben schön / Clyde Fans

Gleich zwei Comic-Romane des Kanadischen Zeichners Seth hat jetzt die Wuppertaler Edition 52 veröffentlicht. „It’s a good life if you don’t weaken“, vom Comics Journal als einer der 100 besten Comics des 20.Jhd. auserwählt, erschien bereits 1996 bei Drawn and Quarterly, nachdem die Geschichte zuvor in Seths Heftreihe „Palookaville“ seit Anfang der 90er Jahren veröffentlicht wurde. Der Titel der deutschen Ausgabe, „Eigentlich ist das Leben schön“, hängt ein wenig schief, da der fatalistische Tonfall etwas verloren geht. Der beherrscht jedoch die Gesamte Story um den Zeichner Seth, der sich auf die Suche nach dem vergessenen Cartoonisten Kalo macht. Seth erzählt damit gleich zwei Geschichten: Die (autobiographische) Geschichte des Zeichners Seth auf der Suche nach Kalo mit all den persönlichen Erlebnissen des Protagonisten, und die grob recherchierte Lebensgeschichte von Kalo. Die beiden Lebensentwürfe von Seth und Kalo – weniger freiwillige denn den Umständen geschuldete – kollidieren immer wieder. Während Kalo anscheinend nur ein kurzer Erfolg mit seinen Zeichnungen beschieden war und er später recht glücklich eine Familie gründete und ins Immobiliengeschäft einstieg, ist der Idealist Seth mehr oder weniger erfolgreich als Zeichner tätig, kämpft aber mit allgemeinen Beziehungsproblemen und Depressionen. Als Gesprächspartner tritt sein Freund Chet auf (unübersehbar der Kollege und Freund Chester Brown) mit dem er seine fatalistische Weltsicht diskutiert.

„Clyde Fans“ ist Seths aktuellste Story. Auch die Geschichte um zwei Brüder, die im Ventilatorengeschäft tätig sind, ist durchtränkt von Melancholie und Depression. Im ersten Teil blickt der alte Abraham, durch die geisterhaften und heruntergekommenen Räume des Betriebs streifend, auf die Geschichte des Firmenunternehmens und das Leben seines sensiblen Bruders Simon zurück. Im zweiten Teil erleben wir Simons verzweifelten Versuch, 1957 als Vertreter von Clyde Fans Fuß zu fassen, doch seine Depressionen und Ängste werden übermächtig.

Die Tatsache, das Seth im schönen, nur leicht expressionistisch angehauchten klassischen Ligne Claire-Stil arbeitet, transportiert bereits viel von der Thematik der Stories: in beiden Geschichten hadern die Hauptfiguren mit der Gegenwart, den Entwicklungen des modernen Lebens. Was in Clyde Fans noch nachvollziehbar die Haltung eines alten Mannes ist, ist in „Eigentlich ist das Leben schön“ die nostalgische Sehnsucht eines jungen Misanthropen, der droht, den Kontakt zur Welt zu verlieren. Hierin findet man eine Nähe zu Chris Wares ebenfalls autobiographisch inspiriertem „Jimmy Corrigan“. Beide wiederum – man vergleiche nur einmal die statischen Panels in den atmosphärischen Szeneüberleitungen– scheinen stark beeinflusst von den beklemmenden Bildern eines Edward Hopper, dessen Protagonisten ebenfalls von Angst und Depression in Angesicht einer kalten modernistischen Gesellschaft geprägt sind. Bei Seth wird die kühle Stimmung unterstrichen von den Blautönen in den zweifarbigen Zeichnungen.
Der Kulturpessimismus und Zynismus, der vor allem hinter „Eigentlich…“ bzw. dem Protagonisten Seth steckt, könnte auf Dauer etwas ermüdend sein. Doch zum einen merkt man, dass sich Seth in dieser Rolle selbst nicht wohl fühlt, zum anderen ist aber die Konsequenz, sich und die Welt derart Freudlos darzustellen, auch sehr faszinierend. „Clyde Fans“ beruhigt dann den etwas verzweifelten Leser wieder: hier ist das Gefühl der Nostalgie zwar noch etwas ausgeprägter, dafür scheint der Autor inzwischen ein wenig Liebe für seine Figuren entwickeln zu können. So geht einem das Schicksal von Simon wesentlich näher als das von Seth, der in den Diskussionen mit Chet und seinem Umgang mit Partnerinnen regelmäßig der Unsympath ist. Simons Absturz in die Depression im zweiten Teil von Clyde Fans ist hingegen regelrecht erschüttend und erreicht eine emotionale Tiefe, wie man sie von Ware kennt. Das (vorläufige?) Ende deutet Simons Glück im einfachen Leben als Postkartensammler an. Allerdings: auch dies eine hoffnungslos nostalgische Vorstellung.
(Eigentlich ist das Leben schön: 176 Seiten Softcover, Edition 52, 20 Euro
Clyde Fans: 160 Seiten, Softcover, 2-farbig, Edition 52, 20 Euro)

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 76, 3/04

„Zatoichi – Der blinde Samurai“ von Takeshi Kitano

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Takeshi Kitano findet zurück zu alter Meisterschaft

Der blinde Samurai Zatoichi verdingt sich als Masseur. In einem kleinen Bergdorf trifft er auf die Ginzo-Gang, die gerade den Samurai Hattori als Leibwächter engagiert hat. Als das Unrechtsregime der Gang immer skrupelloser wird, greift der blinde Samurai ein und gibt zu erkennen, dass er ein ungewöhnlich guter Kämpfer ist …

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Robert Crumb im Museum Ludwig, Köln

„Herr Crumb, warum tun sie sich das eigentlich an?“. So oder ähnlich hätte die abschließende Frage bei der Podiumsdiskussion im Museum Ludwig lauten können. Am Dienstagabend fand sich nach der Eröffnung seiner Ausstellung am 27. Juni der Comic-Künstler Robert Crumb ein zweites mal in Köln ein, um sich den Fragen des Kurators Alfred M. Fischer, des Direktors Kasper König und des Publikums zu stellen. Eingeleitet wurde der Abend durch einen Filmbeitrag von Arte, der anlässlich der Ausstellung produziert wurde. Dort nahm man mit der Bemerkung, Crumb hätte es „längst zur Museumsreife gebracht“, das Scheitern des Gesprächs vorweg.
Die Institution Museum lässt sich nicht gerne ihre Hegemonialmacht in Sachen „Kunstwerk“ streitig machen. So merkte man den beiden Gastgebern ihre gönnerhafte Haltung an, Crumb ‚entdeckt’ und in ihren Tempel aufgenommen zu haben. Vergleiche mit Pieter Breughel, August Sanders und Philip Guston mussten herhalten, um Crumb Museumsreif zu machen, anderen, von Crumb geschätzten Produkten der Massenkultur wurde die Wertigkeit abgesprochen, denn die Kriterien für Qualität stellt immer noch der Kunstkenner auf – basta! Bei der Verteidigung der Macht über den Kunstdiskurs mittels Ausschließung wurde König richtig lebhaft.

Ganz im Gegensatz zu seinen beiden Gesprächspartnern, die vor allem die bereits auf der Vernissage zum Besten gegebenen Anekdoten zur Entstehung der Ausstellung kolportierten, war Crumb die ganzen 90 Minuten über sehr lebhaft und rettete den Abend mit seiner kecken Art und der frühen Motivation des Publikums, Fragen zu stellen. Denn nachdem er sich, dem eigentlichen Thema zuwendend, bei Fischer erkundigte, ob der mehr die Zeichnungen oder die Texte bei Comics beachte, und ihn somit nebenbei darauf hinwies, dass der Comic eine narrative Kunstform ist, war klar, dass von dieser Seite nicht mehr viel zu erwarten war – für Fischer sind es nur Zeichnungen. Das Publikum hingegen fragte im Folgenden interessiert nach den Reaktionen auf seine oft rassistischen und sexistischen Provokationen, nach seinen kreativen Schüben durch Drogen, nach seinen verlegerischen Problemen und seiner Stellung in und seine Sicht auf die gegenwärtige Comicszene.

Wer im Rahmen dieser Institution auf eine akademische Annäherung an Crumb gehofft hatte, wie man sie von einem Museum erwarten kann, wurde enttäuscht. Fragen zu Arbeitstechniken, Zeichenstil, Erzählweise oder Ideenfindung hätten von den Gastgebern kommen müssen. Die schienen aber mit dem Genre, in dem ihr Gast zu arbeiten Pflegt, nicht vertraut zu sein und konnten anscheinend auch nicht ihr Handwerkszeug auf den Comic übertragen. Auf die Idee, als weiteren Gast einen Comicexperten einzuladen, ist man jedoch nicht gekommen. So musste man sich wirklich fragen, warum Crumb sich das antut. Der jedoch war bester Laune, sehr ironisch und völlig frei vom Comic-üblichen Rechtfertigungszwang gegenüber der so genannten Hohen Kunst. Wie genau er es anstelle, witzige Comics zu machen, war eine der Fragen aus dem Publikum. Witzig sein sei gar nicht sein Ziel, antwortete Crumb. „Ich will zuallererst unterhalten“. Damit hat er auch diesen Abend gerettet.
Christian Meyer

„Robert Crumb im Museum Ludwig, Köln: 28.5. – 12.9.2004.
Katalog: Robert Crumb: „Yeah, but is it art?“. Drawings and Comics. Museum Ludwig, Köln/ Verlag der Buchhandlung Walther König, 2004

Zuerst erschienen in taz- NRW

Ed Brubaker & Jason Lutes: Herbstfall

Jason Lutes arbeitet für gewöhnlich alleine, hat sich aber mit dem zeichnen dieses Intermezzos, das in den USA bereits 2001 erschienen ist, eine kurze Abwechslung gegönnt. Denn seit Jahren beschäftigt er sich schon mit dem akribisch recherchierten, ca. 600 Seiten umfassenden Historiencomic „Berlin“. Ein Projekt, das ihn voraussichtlich auch noch die nächsten Jahre in Beschlag nehmen wird.

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Ed Brubaker, der Autor von „Herbstfall“, ist vor allem aus dem Superhelden- und Krimi-Kontext bekannt. Er nähert sich thematisch an den stets an individueller Psychologisierung der Personen interessierten Lutes an: „Herbstfall“ ist ein Psychothriller um einen jungen, desorientierten Slacker, der in einen zehn Jahre zurückliegenden Mordfall verwickelt wird. Brubaker stellt auf spannende Art eine stimmungsvollen Kontrast zwischen den verwirrenden Ereignissen im Mordfall und dem etwas orientierungslosen Kirk her. Denn der wurde gerade von seiner Freundin verlassen, arbeitet angeödet in einer Tankstelle und muss mit seinem langweiligen, aber neugierigen WG-Bewohner zurechtkommen. Im klassischen Thriller-Modus rutscht der unbescholtene Kirk aus seinem ziellosen Leben, hinein in die beängstigende Welt des Verbrechens.
Schnell lernt der Leser die psychologischen Befindlichkeiten der Protagonisten kennen, ohne dass deren geheimnisvolle Aura verloren geht. Das ist gleichermaßen Brubakers wie Lutes Verdienst: Sie lassen einen mit dubiosen, die Story einleitenden Bildern regelrecht in die Geschichte stürzen, bis man sich wie Kirk, hastend in ihr verfängt. Die Story wird einerseits von den sich überschlagenden Ereignissen, andererseits von Lutes’ typischen, kleinen Panels schnell vorangetrieben. Mit seinem der ligne claire verwandtem, aber in Sachen Detailreichtum auf die Spitze getriebenem Stil, vermag er in wenigen Bildern auf eine Art klaustrophobische Gefühlswelten heraufzubeschwören, wie man es bereits von seinem Comicroman „Narren“ kennt.
Die Qualität dieser kleinen Geschichte wird allerdings dadurch etwas geschmälert, dass man gegen Ende deutlich das 48-Seiten Korsett spürt, in die sich die Autoren wohl fügen mussten. Das Ende erscheint wie im Zeitraffer und unsanft fällt man so schnell aus der Geschichte, wie man in sie hineingestürzt ist. So erscheint „Herbstfall“ zumindest im Falle Lutes mehr wie eine kleine Fingerübung eines Künstlers, der in größer angelegten Projekten seine Fähigkeiten besser zum Ausdruck bringen kann.

(Reprodukt, 48 Seiten, S/W, Softcover, 10 €)

Zuerst erschienen in Strapazin # 75, 06/04

„Persepolis – Eine Kindkeit im Iran“ von Marjane Satrapi

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Der arabische Lebensraum ist für gewöhnlich kaum Thema in Comics. Daher ist „Persepolis – Eine Kindheit im Iran“ von Marjane Satrapi an sich schon ein Ereignis. Satrapi schildert in naiv anmutenden, kontrastreichen Zeichnungen ihre Kindheit im Iran – von der Unterdrückung durch den Schah bis zur Unterdrückung während der islamischen Revolution unter Khomeini und dem Iran-Irak-Krieg. Gar nicht bitter, sondern mit viel Humor bringt uns Satrapi die verzweifelte Lage der iranischen Bevölkerung nahe, die neben Repression und Tod aber immer auch Wege zum kleinen Glück – Feiern, Alkohol, Popmusik und sogar Poster von Iron Maiden – findet. Keine gewöhnliche Kindheit, in einem Land, dass aber nicht nur Fanatiker kennt. Ein zweiter Band „Jugendjahre“ ist in Planung.
(Edition Moderne)

„Böse Zellen“ von Barbara Albert

Manu stürzt mit dem Flugzeug ab. Sie ist die einzige Überlebende des Unglücks. Sechs Jahre später verunglückt sie mit dem Auto. Sie ist die einzige Tote des Unfalls. Ihr soziales Umfeld lebt natürlich weiter. Zusammen, alleine – aber irgendwie anders als zuvor.

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„Böse Zellen“ ist eine Aneinanderreihung von locker montierten Szenen. Es Episoden zu nennen wäre zu hoch gegriffen. Es sind kurze Ereignisse: zwei Menschen treffen aufeinander, es wird geredet, geschlagen, gevögelt, gegessen, geschlafen, geweint. Oder: zwei Menschen treffen nicht aufeinander, ein Mensch bleibt alleine: es wird geschlafen, gegessen, geweint, vor sich hin gestarrt. Mit diesem ruhigen Reigen entfaltet sich eine Kartographie der verschiedenen Personen, die durch Manu direkt oder indirekt miteinander in Kontakt stehen. Die Kamera beobachtet ganz sachlich und nüchtern – fast vorsätzlich kühl, so kommt es einem vor – das Geschehen. Den Film durchweht ein kalter Luftzug, denn Wärme will sich trotz des offensichtlichen Wunsches aller Protagonisten zwischen den Menschen dauerhaft nicht einstellen. Warum das nicht? Weil, wenn das geschehen würde, ein Wunder in dieser Welt geschehen wäre. Glück und Liebe sind so kostbar wie sie selten sind – kleine Wunder. Oft greifbar nah, aber selten zu erreichen, geschweige denn lange zu halten.

In dieser Welt ist sogar die Liebe, geprägt von Abhängigkeitsverhältnissen, kälter als der Tod. Der Tod hingegen scheint ganz warm zu sein. Manchmal suggeriert die Kamera, wenn sie die hilflosen Wesen aus der Vogelperspektive in ihren kleinen Wohn-Zellen, die dann eher nach Gefängniszellen aussehen, etwas sensibler beobachtet, einen mitfühlenden Blick der Freundin, Mutter oder Ehefrau Manu. Gegen Ende, wenn Manus Freundin Andrea im Schneesturm sterben möchte, scheint die tote Manu sie anzuhauchen, ihr wieder Leben einzuhauchen und sie zu wecken. Diese Fantasie ist eine der wenigen tröstlichen des Films. Ansonsten wirft er einen mit unerbittlicher härte auf die Tatsache zurück, dass ein stabiles Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Glück durch nichts garantiert werden kann und dass alle Versuche der Kompensation – durch Kaufrausch, Sex oder Glauben – das nicht überspielen können. Es bleiben einem nur ein paar ganz kurze schöne Momente, kleine Wunder, wenn man sie denn bemerkt.
(Bundesstart: 1.4.04)

Zuerst erschienen in choices 04/04

„Blessing Bell“ von Sabu

Eine Fabrik: die Arbeiter stehen vor verschlossenen Türen. Der ebenfalls entlassene Igarashi startet einen schweigsamen Marsch durch die Stadt und begegnet dabei den unterschiedlichsten Menschen und gerät in die ungewöhnlichsten Situationen.
Ruhiges, kaleidoskopisches Gesellschaftsportrait

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Eigentlich kennt man Sabu – neben seiner Tätigkeit als Schauspieler für u.a. Takashi Miike – vor allem als Regisseur quirliger und stilistisch wechselhafter Yakuza-Filme. Mit seinem irrwitzigen Debut „D.A.N.G.A.N. Runner“ (´96) oder „Unlucky Monkey“ (´98) empfahl er sich als Meister der überraschenden wie kunstvollen Abschweifung. Sein neuer Film „Blessing Bell“ ist eine einzige, große Abschweifung. Insofern sind die Handlungs- und Stilbrüche hier wesentlich dezenter als in seinen früheren Filmen. Sabu selbst sagt, dass dieser Film vollkommen anders ist, als alles, was er bislang gemacht hat.

Igarashi streift, nachdem ihm gekündigt wurde, ziellos durch die Straßen der Stadt. Seine Wegstrecke ist der rote Faden, an dem die kleinen Geschichten des Films aufgezogen sind. Daher macht eine Nacherzählung des Plots wenig Sinn: „Blessing Bell“ erscheint mehr wie ein Episodenfilm, denn wie ein abendfüllender Spielfilm. Igarashi, engelsgleich, beeinflusst mit seiner stummen, passiven Präsenz Schicksale und führt Menschen zueinander (in einer solchen Nebenrolle ist als Hommage an Sabus großes Vorbild der Regisseur Seijun Suzuki zu sehen). Daneben ist die Ästhetik des Films das einzig verbindende Element zwischen den Szenen: Kameramann Masao Nakabori ist ein Meister des kunstvollen Bildausschnitts. Er lässt die häufig zu Stills eingefrorenen, langen Einstellungen zu einem Genuss werden. Man kann sich an den Bildern, die nicht selten wie eine Mischung der Inszenierten Fotografie eines Jeff Wall und dem überhöhtem Doku-Stil eines Andreas Gursky aussehen, kaum satt sehen. Und die Ruhe, die die Bilder ausstrahlen, lassen dem Zuschauer Zeit für kleine Meditationen zum Gesehenen.
Wenn schließlich der Manierismus des schweigenden Igarashi (gespielt von Susumu Terajima mit Buster Keaton’schem ‚stone face’) gegen Ende des Films droht, zu penetrant zu werden, zieht Sabu die Notbremse beziehungsweise legt im wörtlichen Sinn den Rückwärtsgang ein und endet dann mit einer befreienden, so geschwätzigen wie albernen Überraschung. Alleine für diese Szene muss man den Film lieben.
(Bundesstart: 11.3.04)

Zuerst erschienen in choices 03/04

Can DVD

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Die wegweisendste, einflussreichste und legendärste Kölner Rockband der Geschichte? Nein – der Name beginnt natürlich nicht mit „B“ wie Bap, Bläck Föös oder Brings! Man muss einen Buchstaben im Alphabet weiterrücken um bei „C“ wie Can zu landen …

„Can DVD“ weiterlesen

KunstFilmBiennale 2003, Köln

Kunst im Kino

Nach einem erfolgreichen „Vorspiel“ Ende letzten Jahres fand vom 26.Oktober bis zum 2. November in Köln die erste reguläre KunstFilmBiennale mit internationalem Wettbewerb statt. Die Schnittstelle zwischen Bildender Kunst und Film in Form von Künstlerfilm, Kunst im Film und Film über Kunst war Thema des einwöchigen Film-Festivals, auf dem rund 180 Filme gezeigt wurden.

„KunstFilmBiennale 2003, Köln“ weiterlesen

Filmverleih „Rapid Eye Movies“

Mit Gewalt gegen die Großen

Gerade ist „Dolls“, der neue, bildgewaltige Film von Takeshi Kitano, in den deutschen Kinos angelaufen. Kitano, den japanischen Tausendsassa, kennt man inzwischen auch hierzulande. Seine Spielfilme sind außergewöhnliche Gratwanderungen zwischen exzessiven Gewaltausbrüchen und außerordentlich sensiblen Bildkompositionen. Dass seine Filme spätestens seit „Sonatine“ (1993, zeitverzögert in den deutschen Kinos) eine große Fangemeinde gewonnen haben, ist unter anderem dem kleinen Kölner Filmverleih Rapid Eye Movies (R.E.M.) zu verdanken. Der Verleih wurde vor sieben Jahren von Antoinette Köster, Stephan Holl und Sigrid Limprecht, die zugleich Geschäftsführerin der Bonner Kinemathek ist, gegründet. Gestartet hat man mit dem Anime „Ghost in the Shell“ und damit gleich ein ganzes Genre ins hiesige Bewusstsein gerückt. Denn von Anfang an wollte man „filmisches Neuland betreten“, wie Stephan Holl berichtet. Seitdem hat Rapid Eye Movies pro Jahr fünf bis zehn Filme in die deutschen Kinos gebracht, darunter solch außergewöhnliche und schockierende Arthouse-Filme wie Takashi Miikes feministischen Splatterfilm „Audition“ oder den nicht minder drastischen Liebesfilm „The Isle“ von dem Koreaner Ki-Duk Kim. Derartige Filme, die sowohl thematisch als auch ästhetisch die Grenzen des gewöhnlichen Kinobetriebs sprengen, sind durchaus repräsentativ für das Programm von R.E.M., wo man „immer auf der Suche nach dem, was einen fordert und weiterbringt“ ist, so Holl. Aber es gibt durchaus auch leichtere Kost – vor Genre- und Trashfilmen schreckt man bei R.E.M. nicht zurück. Solange die Filme einen eigenen Ansatz erkennen lassen bzw. dem jeweiligen Genre etwas neues einhauchen, darf „auch mal ein Partymovie“ im Programm auftauchen. Das gilt vor allem für den Video- und DVD-Bereich, der zur Zeit mit Hilfe neuer Vertriebspartner ausgebaut wird. Dort wird demnächst auch der Bollywood-Film „Sometimes Happy, Sometimes Sad“ erscheinen. Das indische Epos mit vielen Tanz-, Gesang- und vor allem Heulszenen war dank R.E.M. im Frühling dieses Jahres der erste in Deutschland adäquat gezeigte Film seiner Art. Das ein vierstündiges „Musical“ aus Indien hier trotzdem nicht zu den Kassenschlagern zählt, verwundert aber niemanden. Finanzierbar sind solche Liebhaber-Eskapaden nur durch sekundäre finanzielle Unterstützung. Neben der Filmstiftung NRW, ohne die sich der Verleih nach eigenen Angaben nicht hätte etablieren können, trägt sich das Unternehmen mit Hilfe von Fernsehlizenzen. Vor allem der WDR ist da ein verlässlicher Partner: die Finanzierung von „Dolls“ war nur mit einer gleichzeitigen Zusage des Kölner Senders, die Fernsehrechte zu erwerben, möglich. So ist neben dem Kinoverleih und dem Video/DVD-Markt das Fernsehen das dritte Standbein von R.E.M., das hoffen lässt, dass dieser kleine, spezialisierte Verleih den großen aber meist profillosen Filmverleihen auch auf Dauer Paroli bieten kann.
Christian Meyer

Zuerst erschienen: Zeitung der Kunstfilmbiennenale Köln 2003

Squarepusher

Sonic Destroyer!

Bevor das Interview beginnt, fällt im Raum der Name Alan McGee. Kennt der nach einigen Stunden Dumme-Journalisten-Fragen-Beantworten deutlich abgeschlaffte Tom Jenkinson aka Squarepusher nicht! Als ich erläutere, dass er das Label Creation gegründet hat, lautet sein desinteressierter Kommentar: „Kenn ich auch nicht, aber was für ein blöder Name. Hätte er besser Destroy genannt“.

Dabei macht sich Squarepusher nach wie vor häufig die doppelte Arbeit: erst kreieren, dann negieren, oder – etwas positiver ausgedrückt: erst zusammensetzten, dann wieder auseinandernehmen! Auf Squarepushers neuer Platte ‚Go plastic’ kommt diese Tugend wieder voll zum tragen, nachdem er zuvor mit Maximum Priest und Budakhan Mindphone fast schon seriöse Avantgardeziele verfolgt hat. Auf die Bemerkung, er würde sich im Moment wieder mehr seinem frühen Wahnwitz nähern, und überhaupt sei seine Entwicklung alles andere als die einer linearen Evolution, kontert er mit einem Modell dreier Tracktypen, die ständigen Verfeinerungen unterworfen werden: „Es gibt die ruhigeren Stücken ohne Beats (Leute, die das Ambient nennen, sollten ihm nicht zu nahe kommen…), die eher im Drum ‚n’ Bass-Kontext angesiedelten Stücken und die freieren, Fusion-Jazz inspirierten Sachen. Die drei Typen vermischen sich natürlich auch“. Denn alle drei Stränge bewegen sich auch gerne in Kreisen, entwickeln sich also nicht nach herkömmlichen Fortschritts-Schemata, und – das kann man sich leicht ausmalen – verheddern sich auch ineinander. Das führt zu D’n’B- Ambient (aua!), Fusion-D’n’B, Ambient-Fusion (noch mal aua!) und ähnlichem Unfug, der zu Hören dem Wagemutigen großen Spaß bereiten kann.
Neben dem wieder angehobenem Irrwitzfaktor scheint auch der Anteil ‚herkömmlicher’ Instrumente (Bass und Schlagzeug) wieder abgenommen zu haben.
Bei dem Thema entwickelt Herr Jenkinson allerdings einen ähnlichen Ekel, wie bei der Genreeinordnung seiner Tracks, aber da muss er jetzt trotz seines desolaten Zustands durch. „Die Unterscheidung von Computern und Instrumenten, äh, wenn ich von Instrumenten rede meine ich…(spielt den muckermäßig hochgeschnallten Luft-Bass), interessiert mich nicht“.
Ich stimme ihm schnell zu, um nicht vollkommen als Trottel dazustehen… Aber schließlich hat er dieses Fusion-Virtuositätsausstellungsspiel selber bereits mit den Bass-gniedel-daddel-Soli seines ersten Albums „Feed Me Weird Things“ losgetreten. „Hm, ja, stimmt“. Na also! Die Anteile herkömmlicher Instrumente sind jedoch gar nicht zurückgegangen, nur macht eine nachträgliche Klangbearbeitung auf der einen, und das Sampeln herkömmlicher Instrumente auf der anderen Seite eine Unterscheidung immer schwieriger und natürlich auch überflüssiger. Das Werk beantwortet die Fragen mal wieder wesentlich besser als der Autor. Und auch dessen Laune ist deutlich besser. Findet er eigentlich, dass seine Musik humorvoll ist? „Ja, schon…“.
Wirklich neu ist hingegen sein Versuch, 2Step ein wenig Charakter einzuhauchen. „Eines Tages kam ein Freund von mir, der viel 2Step hört, in mein Studio und er fand meine neuen Sachen mal wieder sehr strange. Da habe ich gesagt: ‚Ich mach Dir mal einen 2Step Track in meinem Stil’“ . Hat er gemacht, und als der Freund ihn gehört hat, hat er ihm anscheinend sogar gefallen, auch wenn er ihn etwas ungewöhnlich fand. Nur, es ist zu befürchten, dass der beim Tanzen zu „My Red Hot Car“ seinen Champagner verschütten wird.

Zuerst erschienen in De:Bug 11/03

Schlammpeitziger II

Schlamm(ge)schichten

Drei Jahre hat sich der Schlammpeitziger aka Jo Zimmermann Zeit genommen, um sein neues Album fertig zustellen. Aber nicht drei Jahre lang! Nach einem Remix für Depeche Mode und seiner Best of CD für das Britische Label Domino war zunächst eine Neupositionierung gefragt. Das Album selbst wurde in nur einem halben Jahr eingespielt. Was ist neu, was ist anders?

In der Tat hat sich einiges geändert, auch wenn einem das nicht so direkt ins Auge und Ohr springt. Die Produktionsbedingungen, die seit langem in der fast hermetischen Schlammpeitziger-Welt überschaubar waren, sind etwas durcheinander geraten: er hat zum ersten mal stringent an einem Album gearbeitet, und nicht über zwei Jahre Stücke angesammelt. Nach nur einem halben Jahr waren 9 Tracks fertig! „Es sollten eigentlich 10 Stücke werden, aber nach dem neunten war ich einfach leer! Da konnten die Geräte auch mal wieder schweigen.“ Auch hier, beim Instrumentarium, hat sich einiges geändert: Wo zuvor der Casio tonangebend war, regiert jetzt ein Roland SP 808 mit seiner Vielfalt an Möglichkeiten. „Man kann da Sachen exakt platzieren, wie im Minicomputer. Das ist eine ganz andere Arbeitsweise: da kann man Dinge nebeneinander und übereinander stellen, so dass die vom Timing auch genau hineinpassen. Ich habe auch viel mit Resamples gearbeitet. Die vier digitalen Spuren habe ich dann oft nachher wieder auf 8 analoge gebracht und noch mal Melodien dazu gespielt. Außerdem habe ich eine dickere Drummaschine benutzt, weil ich auf die Casio-‚Holzdrums’ wirklich keine Lust mehr hatte – es sollte mehr nach vorne gehen.“

Und nach oben, unten, rechts und links! Nachdem die kleinen Attraktionen, für Depeche Mode remixen zu dürfen (der Matmos- oder Mark Bell-Effekt hat sich aber nicht eingestellt, weil der Remix „zu eigen, zu verschroben“ war) und sein Best-of… Album „Collected simplesongs Of My Temporary Past“ auf Domino veröffentlichen zu können das Telefon NICHT haben heiß klingeln lassen, hatte Jo Zeit, sich über eine Neupositionierung Gedanken zu machen. „Ich wollte eine Grätsche machen zwischen Elektronik, Pop und Experiment. Ich habe die drei Jahre viel Musik gehört, und was letztendlich für mich hängen geblieben ist, wo ich am meisten dachte, da könnte es für mich hingehen, war zwischen Capitol K, Vert und Stevie Wonder. Ich dachte, dass das auch für mich eine gute Fortsetzung wäre für elektronische Popmusik im weitesten Sinne. Ich hatte keine Lust, dass das alles glatter wird, oder mainstreamiger. Ich wollte, dass das verschroben und komisch bleibt., zwischen Geräusch, Melodie und Pop.“ Niedlich-Sound adé! Stattdessen rappelt es auf dem neuen Album „Everything Without All Inclusive“ ordentlich und man kann bei der Vielschichtigkeit der Tracks durchaus von einem komplex geschichteten Wall of Sound sprechen.

Aus den vielen Schichten schälen sich dann immer wieder Geschichten – vage narrative Strukturen heraus. Konkreter wird es, wenn gesampelte Geräusche wie das Summen eines Bienenschwarms oder die Geräusche eines Ruderbootes zu hören sind. „Eine Geschichte ergibt sich erst während der Arbeit mit den Bruchstücken, bevor man die Versatzstücke zusammenfügt und es ein Ganzes ergibt. Das wurde jetzt schon öfters lyrisch genannt, worauf dann die Frage nach Gesang folgte. Auf Gesang hatte ich aber keine Lust. Ich wollte noch mal eine Platte machen, bei der ich einen Schritt anders wohin gehen und trotzdem instrumental bleiben kann. Ich dachte, dass es auf jeden Fall noch eine Erzählform in elektronischer Musik gibt, die ohne Stimme auskommt! Außerdem hätte ich total anders arbeiten müssen, wenn da noch eine Stimme hätte reinpassen sollen. Die Musik ist viel zu dicht und gar nicht so angelegt! Das ist aber witzig, das jetzt gesagt wird, die Platte klingt lyrisch, denn dann hat sich das mit der Stimme ja eh erst mal erledigt!“

Geblieben sind bei all den Veränderungen und Auflockerungen des hermetischen Schlammpeitziger-Universums die langen Titel aus neuen Wortschöpfungen. Nur beim Album Titel wurde er etwas pragmatischer: „Diesmal war es mir wichtig, etwas zu sagen, was nicht in diesem geschlossenen Schlammpeitziger-System ist. Der Titel „Everything Without All Inclusive“ richtet sich gegen ‚all inklusive’, fordert Eigenheit und Einzigartigkeit. Auch in der Elektronik wird alles so auf EINEM Teppich breitgetreten, und da ist es wichtig, dass es auch verschrobene und andersartige Sachen gibt innerhalb dieser ganzen Parameter.“
(Sonig, VÖ: 3.11.03).

Zuerst erschienen in De:Bug 11/03