„Broken Flowers“ von Jim Jarmusch

Don Johnston wird eines Morgens nicht nur von seiner Freundin verlassen, sondern erhält gleich darauf auch noch einen Brief, in dem ihm eine anonyme Verflossene mitteilt, dass ihn sein bis dato unbekannter Sohn sucht. Der depressive Don macht sich nun seinerseits auf die Suche nach der Mutter.

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Man kommt nicht daran vorbei: Zu ähnlich ist das Thema der neuen Filme von Wim Wenders und Jim Jarmusch, als dass man nicht ständig ins Vergleichen geriete. Die beiden älteren Männer haben Filme über ältere Männer gemacht: Männer, die nach einem rastlosen, exzentrischen Leben ernüchtert aufwachen, auf die Gegenwart blicken und nichts als Leere empfinden. Und wie das so ist, in so einer ausweglosen Situation: Plötzlich erfährt man, dass man mit einer alten Liebe (in beiden Filmen spielt Jessica Lange eine Ex-Geliebte) ein Kind in die Welt gesetzt hat. Hallo, Sinn des Lebens – da bist Du ja wieder!

Keiner der Regisseure ist so blöd, das Bild des einsamen Wolfes komplett ernst zu meinen. Hier ist natürlich viel Ironie im Spiel. Aber während Wenders den Helden aus „Don’t come knocking“ in seiner gebrochenen Tragik immer cool aussehen lässt und mit halb ernst gezeichneten, halb ironisch überzeichneten Klischees nicht geizt, gibt sich Jarmusch völlig der lakonischen Demontage hin. Don reitet nicht auf Pferden, wacht nicht versoffen mit Dreitagebart neben jungen Mädchen auf und wird auch nicht in Handschellen abgeführt. Don fährt einen langweiligen PKW, liegt traurig zusammengerollt auf seinem Sofa und guckt am Ende nur dumm aus der Wäsche, die ein wenig schmeichelhafter Jogginganzug ist.

Wo Wenders möglichst verrückte Bilder sucht, um die Dinge zu zeigen, die er nicht sagt, gelingt das Jarmusch mit beiläufigen Gesten, Blicken und kleinen Ereignissen am Rande. Wenders setzt auf Eindeutigkeit, Jarmusch hingegen entspannt ein offenes Spiel von Andeutungen. Und die entfalten ihre volle Wirkung erst, wenn der Film bereits lange zu Ende ist. Es ist einiges geschehen und viel kann sich daraus noch entwickeln. Was genau, das lässt der Film offen.

Eine kleine Fußnote: Jarmusch, der knapp 10 Jahre jünger ist als Wenders, hat sich Ende der 70er Jahre als Produktionsassistent bei Wenders verdingt, um seinen ersten Film „Permanent Vacation“ finanzieren zu können. Dafür muss man Wenders zumindest danken.
(Bundesstart: 8.9.05)

Zuerst erschienen in 09/05

„Das wandelnde Schloss“ von Hayao Miyazaki

Sprechende Wärme

Die junge Hutmacherin Sophie wird nach einer Begegnung mit dem smarten Zauberer Hauro von einer Hexe mit einem Fluch belegt: sie hat auf einmal den Körper einer 90 jährigen. Nun sucht sie Hauro, um den Fluch umzukehren.

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Die ins Elsass des 19. Jahrhunderts verlegte Handlung des neuen Animes von Hayao Miyazaki („Chihiros Reise ins Zauberland“; „Prinzessin Mononoke“) wirkt zu Beginn nicht zufällig wie eine Sequenz aus der bekannten Zeichentrick-Serie „Heidi“, denn auch die stammt von Miyazaki. Doch die Alpen-Idylle, die der Regisseur Ende der 70er Jahre aus finanziellen Gründen noch kitschig inszeniert hat, wird in seinem neuen Werk unterwandert von finsteren Glibbergeistern, bösen Hexen, selbstsüchtigen Zauberern und apokalyptischen Kriegslandschaften. Dass man in seinem neusten Märchen sowohl als Kind wie als Erwachsener viel zu lachen hat, liegt an den wirklich urkomischen Ideen sprechender Feuergeister, seniler alter Hexen und der mächtig resolut agierenden Sophie. Dass hier auch wieder viel Fantasie und menschliche Wärme im Spiel ist, macht den Film umso sehenswerter.
(Bundesstart: 25.8.2005)

Zuerst erschienen in choices 8/05

„Bin-Jip“ von Kim Ki-Duk

Tae-Suk bricht in leer stehende Wohnungen ein. Dort wohnt er für ein paar Tage, bis die Bewohner wieder kommen. Er stiehlt nichts, kümmert sich im Gegenteil um die Wohnungen. Eines Tages überrascht ihn die depressive Sun-Hwa. Von nun an ziehen sie gemeinsam durch leere Häuser.

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Seit Jahren scheinen sich alle Kritiker auf die Filme des koreanischen Regisseurs Kim Ki-Duk einigen zu können. Das zeigen nicht nur die regelmäßigen und zahlreichen Auszeichnungen auf den wichtigsten Filmfestivals, sondern auch die überschwänglichen Rezensionen zu seinen Filmen. Die hiesige Faszination (in Korea ist er weitaus weniger erfolgreich) mag mit der stilisierten Schönheit, aber auch mit der irritierenden Widersprüchlichkeit der Filme zusammen hängen.

Tae-Suk bricht in Häuser ein, aber er ist kein normaler Einbrecher. Er stiehlt nichts, und anders als in „Die fetten Jahre sind vorbei“ werden auch keine Stühle verrückt, um politische Signale zu setzen. Während der Abwesenheit der Bewohner übernimmt er deren Rolle und bewohnt Haus oder Apartment – er isst dort, er wäscht und er räumt auf. Und falls Zeit ist übernimmt er auch kleinere Reparaturen. Wenn die verreisten Bewohner nach einigen Tagen zurückkehren, entschwindet er wie ein guter Geist. Ein einsames Leben, da Tae-Suk immer dort ist, wo niemand ist. Bis er eines Tages in eine Villa einbricht, in der sich die depressive Sun-Hwa, ein ehemaliges Model, das von ihrem gewalttätigen Ehemann schikaniert wird, aufhält. Heimlich beobachtet sie ihn bei seinem Treiben, nähert sich dem offensichtlich sensiblen Fremden, der sich in ihrem Haus gemütlich einrichtet, langsam und vorsichtig an. Schließlich ziehen sie gemeinsam fort, um leere Häuser mit Leben zu füllen.

Kim Ki-Duk ist ein Regisseur der Bilder. Das zeigt sich in seinem neuen Film alleine dadurch, dass Worte sehr rar gesät sind, vor allem seine beiden Protagonisten wortlos durch das Geschehen gleiten. Bei vielen Regisseuren würde eine solch konsequente Wortverweigerung wahrscheinlich prätentiös und aufgesetzt wirken – der Koreaner hingegen gibt nicht nur Hinweise, die die Verletzungen hinter der Stummheit erahnen lassen, sondern rahmt die Stille in eine zaghafte Körperlichkeit ein, die Worte kaum vermissen lässt. Und passt außerdem den Ausdruck seines Films dem körperlichen Ausdruck des ungewöhnlichen Liebespaares mit einer ebenso zurückhaltenden wie genauen Beobachtung durch die Kamera an. Die Kamera ist die dritte Person in diesem Liebesreigen, der einen Traum einer vollkommenen, leichten Liebe träumt – der Welt enthobenen.

Ein Traum nur, der natürlich von der Wirklichkeit torpediert wird. Zunächst von der Vergangenheit, die noch schmerzvoll in den traurigen Blicken und den schüchternen Bewegungen der beiden hängt, natürlich auch in den Resten des Masochismus von Sun-Hwa und der Brutalität von Tae-Suk. All das macht die Annäherung der beiden zu einer schwierigen Angelegenheit, die sie vertrauensvoll mit kleinen Zeichen und Gesten meistern. Vor allem wird dieser Traum aber in der Gegenwart von außen, von der Welt attackiert. Denn die sanktioniert solche Versuche, außerhalb der Spielregeln das Glück zu finden. Und so geraten die beiden wieder in die Knechtschaft der Wirklichkeit, die hier in Form der Justiz und des Ehemanns Rache nimmt für die Respektlosigkeit und den Mut, nach dem Glück zu greifen.

Kim Ki-Duk befindet sich in guter Gesellschaft mit anderen asiatischen Regisseuren wie Takeshi Kitano, wenn er den Kontrast zwischen Zärtlichkeit und Brutalität stark betont, gleichzeitig aber an einer Ästhetisierung der Gewalt arbeitet. Dass er diese für europäische Augen eher widersprüchliche Darstellungsweise wie kaum ein anderer beherrscht, hat er in Filmen wie „Samaria“, vor allem aber mit „The Isle“ bis ins kaum erträgliche Extrem vorgeführt. Doch in den Ausbrüchen der Gewalt findet man immer Sehnsüchte als Ursache und Antrieb. Das klingt nach einer relativierenden Entschuldigung für alle Gewalt, ist aber begleitet von einer Verzweiflung, die genau diese Gewalt nicht verstehen kann. Man möchte ihr entfliehen, so wie Tae-Suk und Sun-Hwa ihr in geisterhafter Manier zu entschwinden suchen. „Bin-Jip“ spiegelt ein buddhistisches Streben nach vollkommener Harmonie mehr als jeder andere Film des Regisseurs.
(Bundesstart: 11.8.05)

Zuerst erschienen in choices 08/05

Lorenzo Mattotti: Briefe aus ferner Zeit

Das Album versammelt vier Kurzgeschichten, darunter zwei sehr knappe mit jeweils 2- und 4-Seiten. Die Geschichten kreisen um die Themen Liebe und Erinnerung, stets sehr symbolhaft und ausgeschmückt in allegorischen Bildern. Wartende auf dem Flughafen, reisende im Zug – das sind die Ausgangspunkte für Meditationen über die Liebe in der Ferne, trotz der Ferne, wegen der Ferne, auch mal ohne Nähe.

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Die Entstehung von Mattottis jüngstem Werk „Briefe aus ferner Zeit“ konnte man bereits Anfang des Jahres in einer Folge einer 7-teiligen Comic-Serie auf Arte mitverfolgen. Dort wurde Mattotti bei der Arbeit zu dem Album über die Schulter geschaut und die Ansicht, die meisten seiner Panels könnten auch als eigenständige Gemälde funktionieren, bestätigt: einige sind oder werden leicht umgearbeitet tatsächlich Gemälde, und da der Text häufig am Rand des Bildes angeordnet ist, unterscheiden sie sich auch kaum von Mattottis ausschließlich als Gemälde konzipierten Bildern.

Doch hat „Briefe aus ferner Zeit“ eine nähere Bindung an das Genre des klassischen Comics als man zunächst, bei aller Gemäldehaftigkeit der Bilder, meinen könnte. Viele Panels kommen ohne Sprechblasen aus, manche lassen sogar die Textbegleitung ganz missen, aber Sprechblasen sind nach wie vor ein wichtiger Bestandteil in Mattottis Arbeit. Und mit der Titelgeschichte widmet er sich nicht nur einem im Comic präsenten Genre, der Science Fiction, sondern fährt auch zitatenhaft Abenteuercomics eines gewissen Lucio Mazzotti (daraus darf man wohl eine Anspielung auf Mattotti lesen) auf. Allerdings wird dem Verweis dann wieder ein romantisches Gemälde aus dem 19. Jahrhundert entgegen gesetzt. Mattotti macht es sich mit seiner narrativen, an Francis Bacon aber auch Neue Sachlichkeit erinnernden Kreidemalerei eben immer zwischen beiden Stühlen gemütlich: Kunst und Comic gut durchmischt.
(Schreiber & Leser, 64 Seiten, Farbe, Hardcover, 19,95€)

Zuerst erschienen in Strapazin # 79, 6/05

Hanco Kolk: Club Paradise

Der niederländische Comic-Künstler und Illustrator Hanco Kolk ist vor allem durch seine franco-belgischen Funnies bekannt. Und in der ersten Hälfte der 90er Jahre wurde er bereits mit zahlreichen Preisen überhäuft. Doch von all dem weiß man als deutschsprachiger Comicfan – des Niederländischen nicht mächtig – wenig. Auf Deutsch sind von ihm bislang nämlich nur die ersten beiden Alben seiner Mini-Serie „Meccano“ erschienen. Und die zeigen ein ganz anderes Bild des Zeichners: kunstvolle Abstraktionen mit abgründigen Untertönen erwarten hier den Leser.

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Diesem Stil entspricht auch Kolks neues Werk, das auf Englisch erscheinende Album „Club Paradise“. War es bei „Meccano“ vor allem der Zeichenstil, der Aufmerksamkeit erregte, ist es bei „Club Paradise“ das Konzept. Die Story spielt sich nur auf den rechten Seiten des Heftes ab: Ein Zeichner – offensichtlich Kolk selbst – reist in die USA, um neue Erwerbsmöglichkeiten aufzutun. Schlechtes Timing, wie er selbst bemerkt, denn es ist Mitte Oktober 2001, und die Stadt liegt noch im Terror-Trauma. Da ist mit gezeichneten Gags nicht gut Geld verdienen. Also hängt er in Cafés und Bars rum, beobachtet die Leute, macht Skizzen, landet schließlich in einem Strip-Club, macht auch dort Skizzen, recherchiert unter den Tänzerinnen für eine Story und kommt so schließlich zu dem vorliegenden Album.
Kolk erzählt – wie gesagt: nur auf den rechten Seiten –die Geschichte in lakonischen und selbstironischen Texten und Bildern ohne Rahmung. Mal sind zwei bis drei kleinere Zeichnungen locker auf einer Seite angeordnet, mal nur eine einzige. Die Comic-Strip artigen Figuren sind stark stilisiert und in nur wenigen, stark konturierenden Strichen angedeutet. Dahinter liegen jeweils größere, sich teilweise über die gesamte Seite erstreckende farbige Skizzen in raschen, groben Strichen, die als die Skizzen des Protagonisten zu deuten sind. Dadurch erfährt die Erzählung eine atmosphärische Ergänzung, die die Geschichte aus der Comic-Strip-Ästhetik heraushebt. Dass auf der jeweils linken Seite des Albums zudem eine große Zeichnung von je einer der Tänzerinnen des Titel gebenden Clubs zu sehen ist (Picasso überdeutlich als großes Vorbild), ergänzt die kurzweilige Geschichte um eine Katalog ähnliche Bildersammlung.
(Oog en Blik Editions, Farbe u. S/W, Softcover, 56 Seiten, 19,95 €)

Zuerst erschienen in Strapazin # 79, 6/05

„Nobody Knows“ von Hirokazu Kore-Eda

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Das Leben – ein Kinderspiel?

Keiko lebt mit ihren vier Kindern in Tokio in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Die Kinder haben allesamt verschiedene Väter, und auch jetzt noch führt ihre Mutter ein unstetes Leben. So bleibt sie auch mal einen Monat weg, während sich der älteste Sohn um die Geschwister kümmert. Dann kommt Keiko gar nicht mehr nach Hause …

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Mathias Schaffhäuser II

DISSONANZ UND REIBUNG

Mathias Schaffhäuser ist nach wie vor gut beschäftigt: er kümmert sich immer noch im Alleingang um sein Label Ware, das gerade unprätentiös mit einer simplen Maxi das 50. Release feierte. Daneben fand er aber auch Zeit, sein drittes Soloalbum zu veröffentlichen – zählt man die Maxi-Compilation auf Blaou („from 4 to 6 am), das Turismo-Album und das Remix-Album („Re:“) dazu – dann ist es bereits der sechste Longplayer. Und die sind dem Rock-sozialisierten Produzenten nach wie vor wichtig!

„Ich war als Kind und Jugendlicher absoluter Doppelalbum Fan. Das Klappcover habe ich für „Love & Business“ gemacht und habe es mir jetzt auch wieder gegönnt, weil die Grafik so toll war. Auf dem kleinen CD-Format wäre das sehr schade gewesen. Und ein Album ist für mich wirklich wichtig, weil da die ganze Bandbreite und Abwechslung dargestellt werden kann, die ich mag. Bei einer Maxi kann man bei 2-3 Stücken nicht von einem Bogen sprechen. Ein Album ist aber ein ganz eigener Entwurf, wo ich die Eigenart, die ich habe, darstellen kann“.

Die Eigenart von Schaffhäuser zeigt sich unter anderem in dezenten Verweisen auf die Musikgeschichte. Das gab’s schon in Bezug auf King Crimson oder die Beatles, auf dem neuen Album gibt es ein Zitat von Frank Zappa und eine Hommage an Steely Dan.

„Ich höre so was selber kaum noch, aber das ist einfach im Kopf und ich würde immer sagen, ich bin nach wie vor Fan und relativ gut informiert im Rock- und Popbereich. Aber die Selektion ist inzwischen größer – im Elektronikbereich finde ich mehr Sachen, die mich berühren“.

Eine andere Eigenart von Schaffhäuser ist neben einer von Dub-Reggae inspirierten bassigen Wärme die Vorliebe für geräuschige Elemente. Das neue Album zeichnet sich mit seiner Verschrobenheit daher vor allem durch die so entstandenen Dissonanzen und Reibungen aus.

„Nach all den ruhigen Minimal-Jahren muss mal klar gemacht werden, für was ich eben auch stehe. Denn ich habe eigentlich immer auch harte Tracks gemacht, mit Knarzigkeit und so. Aber das ist immer untergegangen, weil ich immer in dieses Kölner Minimal- und dann dieses Pophouse-Ding wegen „Hey Little Girl“ eingeordnet worden bin.“
Stattdessen hegt er immer noch ein großes Interesse für die nervöse „Linie King Crimson, Henry Cow, Art Bears, Massacre, Material“. Nur Art-Rockigen Perfektionismus darf man deshalb nicht von ihm erwarten.

„Ich selber war nie der Virtuose, und genauso bin ich heute nicht der Computer-Nerd, der alles ganz sauber produziert. Ich bin kein Studiofuchs. In erster Linie bin ich wohl faul, und habe deshalb nicht so viele Skills. Aber irgendwie ist es auch ein bewusstes Vermeiden von allzu viel Technik-Know-How. Ich habe mich immer mehr für das kreative, schnelle, spontane, improvisierte und zufällige interessiert.“

Zuerst erschienen in De:Bug 05/05

Max Andersson & Lars Sjunnesson: Bosnian Flat Dog

Das Cover macht schon mal deutlich: es ist kein gewöhnlicher Comic, den uns die beiden schwedischen Comiczeichner Max Andersson und Lars Sjunnesson hier auftischen: ein grobpixeliges Foto eines verwesten Kopfes mit einem Augapfel und Militärmütze lädt den Leser auf eine surrealistische Reise ins Bosnien der Kriegswirren ein. Andersson und Sjunnesson werden auf einem Comic-Kongress von einem alten slowenischen Studienkollegen kontaktiert, der ihnen seine brisanten Kriegstagebücher zum Verkauf anbietet. Im Folgenden irren unsere Helden durch das zerbröselte ehemalige Jugoslawien und begegnen der verwesten Leiche Titos, unterirdischen Eisfabriken, militanten Srebrenicafrauen, Tito-Zombies und den titelgebenden, mutierten Hunden.

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Wer sich da an Chester Browns ersten großen Comic-Roman, „Ed the happy Clown“, erinnert fühlt, liegt nicht falsch: auch die Geschichte um die beiden schwedischen Zeichner im ehemaligen Jugoslawien ist voller absurder Wendungen, oft von solider Geschmacklosigkeit und hangelt sich alptraumhaft von einem wilden Szenario in das nächste, noch wildere. Politische Zusammenhänge werden hier bewusst fahrlässig in eine stürmische Odyssee überführt, die den tatsächlichen Alptraum und die Logik des Krieges sicherlich adäquater Umsetzen als es eine ‚realistische’ Darstellung könnte, die einen objektiven, verstehenden Standpunkt behauptet, wo es keinen gibt.

Andersson und Sjunnesson fungieren gleichermaßen als Autoren und Zeichner und verlassen dabei die herkömmliche Arbeitsaufteilung so sehr, „dass sie selber nicht mehr wissen, wer was gemacht hat“, wie der Klappentext verrät. Das führt zu sprunghaften Orts- und Ereigniswechseln und wohl auch zu den extrem vielteiligen und durch viele Schraffuren extrem düsteren Zeichnungen. Eine visuelle Unübersichtlichkeit, mit der die nicht minder verwirrenden Geschehnisse treffend dargestellt werden.

Der Band mit der vierteiligen Geschichte „Bosnien Flat Dog“, einem One-Pager, der die Autoren direkt zu Wort kommen lässt und einem nicht minder absurden, aber auch scharfsichtigen Glossar wird ergänzt durch die Kurzgeschichten „Onkel Skledar – Der Kotzfilm“ und „Traktor-Girl und das Haustier“. Eine Geschichte, die den großen Humanismus hinter all der Perversion der beiden Schweden durchscheinen lässt.
(Reprodukt, 86 Seiten; S/W, Softcover, 17 Euro)

Zuerst erschienen in Strapazin # 78, 03/05

„Persepolis – Jugendjahre“ von Marjane Satrapi

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Mit dem ersten Teil von „Persepolis“, auf der Frankfurter Buchmesse als Comic des Jahres ausgezeichnet, hatte die gebürtige Iranerin von ihrer Kindheit im Iran berichtet. Nicht minder beeindruckend sind ihre Erinnerungen an die Jugend. In „Jugendjahre“ erzählt sie von ihrem Exil in Österreich und der Rückkehr in den Iran. Der Comic lebt von dem Kontrast zwischen zeichnerischer Naivität und erzählerischer Genauigkeit und gewährt Einblicke in eine zerrissene, heimatlose Seele.
(Edition Moderne)

„Die Reise ins Glück“ von Wenzel Storch (Interview)

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Die Reise ins Kino

Nach 10 Jahren kommt Wenzel Storchs dritter Spielfilm „Die Reise ins Glück“ endlich ins Kino. choices sprach mit dem Regisseur über das Filmemachen und die deutsche Filmlandschaft.

Woher nimmst Du die Energie und Zuversicht, ein Projekt wie „Die Reise ins Glück“ über zehn Jahre lang mit nur spärlichen finanziellen Mitteln durchzuhalten …

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The Sound of Kulturamt-Förderung

Mit dem Referat für Popularmusik und dem bundesweit einzigartigen Projekt Music Export Cologne werden Kölner Musiker systematisch gefördert. Probleme mit der Stadt gibt es trotzdem hin und wieder.

In der Kölner Kulturpolitik ging es im vergangenen Jahr hoch her. Eine Hiobsbotschaft jagte die nächste, jede zweite Entscheidung wurde wieder revidiert: ein Chaos voller politischer Peinlichkeiten. Seit dem Frühling 2003 klafft das sogenannte ‚Kulturloch’ repräsentativ für die fehlgeleitete Kulturpolitik gut sichtbar inmitten der Kölner Innenstadt. Dort sollte eigentlich ein Museumskomplex entstehen, aber durch die Misswirtschaft der städtischen Kulturpolitik musste das Projekt eingefroren werden. Auf Musik-Ebene hatten die Verantwortlichen nicht minder haarsträubende Aktionen zu bieten: Ebenfalls im Frühling 2003 wurde eine Streichung des Referats für Popularmusik vorgeschlagen. Daraufhin schlug der Stadt eine Welle der Empörung entgegen: Musiker, Veranstalter und die Presse formulierten ihr Entsetzen angesichts der drohenden Streichung einer Institution des Kulturamts, die in der letzten Dekade nachweißlich viel für die Musikszene und damit auch die Stadt geleistet hat. Als dann im Sommer die Nachricht vom Weggang der Popkomm (die hatte Anfang der 90er Jahre das Referat für Popkultur – damals noch Rockbüro, von Düsseldorf nach Köln geholt) kam, trat man den Rückzug an: im Jahr der Bekanntmachung der Bewerbung Kölns zur Kulturhauptstadt 2010 konnte man sich einen derartigen Wegbruch einer ganzen Kulturschiene dann doch nicht leisten.

Wenn man sich die Geschichte des Referats für Popularkultur genauer ansieht, ist es kaum verständlich, dass man überhaupt an eine Streichung gedacht hat. Seit 1989 fördert Manfred Post Musiker und Veranstaltungen – von der Organisation von Proberäumen über die Vermittlung von Auftrittsmöglichkeiten bis zur Produktion von Kölner CD-Samplern („The Sound of Cologne“; „Underground Explosion“) – die Köln tatsächlich weltweit einen guten Ruf als Musikstadt eingebracht hat. Das ist vor allem im Bereich der elektronischen Musik zu spüren. Hört man sich bei den dienstältesten Protagonisten der Kölner Elektronik-Szene um, dann ergibt sich ein klares Bild der Arbeit des Referats für Populärkultur.

Zwar gibt es mit dem Kompakt-Umfeld eine ganze ‚Familie’, die sehr betont, ohne städtische Subventionen ganz autark zu wirtschaften – wie Wolfgang Voigt im Gespräch mitteilt. Und auch einem populären Produzenten wie Jörg Burger aka The Modernist fällt, auf Kooperationen angesprochen, nicht viel ein (obwohl natürlich indirekt Verbindungen bestehen, wenn The Modernist z.B. beim „Electrobunker“ auftritt, der ja vom Kulturamt gefördert wird). Doch weitere Gespräche zeigen, dass dies Ausnahmen sind. So findet Matthias Schaffhäuser, Technoproduzent und Betreiber des Labels ‚Ware’, nur gute Worte für die Zusammenarbeit mit Manfred Post:
„Es gab in den letzten Jahren etliche Kooperationen mit dem Kulturamt der Stadt Köln, genauer gesagt mit dem Referat für Popularmusik und dessen Leiter Manfred Post. Es ging dabei von der Unterstützung von Party-Projekten oder Auslandsreisen wie z.B. zur Sonar-Messe bis hin zu der Zusammenarbeit in Sachen CD-Compilation „Sound Of Cologne“, die Bernhard Lösener von The Kitbuilder und ich zusammen gestellt haben. Also eine Kooperation in beide Richtungen, die immer sehr positiv, angenehm und fair verlaufen ist. Das Engagement von Herrn Post kann dabei gar nicht hoch genug gelobt werden, da er immer in erster Linie die Musik im Auge hat bei seinen Aktionen und ein nicht-abgesprochenes Ausnützen gemeinsamer Aktivitäten nie stattgefunden hat!“
Alex Paulick von dem in Köln lebenden, exil-britischen Elektronik-Pop-Duo Coloma kann ebenfalls auf eine lange und erfolgreiche Zusammenarbeit zurückblicken. „Dadurch, dass es ganze Konzertreihen organisiert oder
Proberäume vermittelt, hat das Amt vielen Musikern ein Forum geschaffen.
In den letzten 8 Jahren haben wir selbst auf verschiedenen Events gespielt, die vom
Kulturamt mit unterstützt worden sind. Das war vor allem in unserer
Anfangszeit ziemlich hilfreich.“ Doch gibt es von städtischer Seite zuweilen auch Gegenwind zu spüren: „Das Ordnungsamt übernimmt dagegen oft die Rolle die Spielverderbers. Ich will zwar auch Ordnung, ¬nur bloß nicht zu viel davon! Als wir vor Jahren nach Köln kamen, war Straßenmusik unsere erste Einkommensquelle. Das Ordnungsamt hat damals nicht nur einmal versucht, uns außer Gefecht zu setzen.“

Probleme mit dem Ordnungsamt kennt man natürlich auch und vor allem im Zusammenhang mit Parties. Hans Nieswandt, DJ und ehemaliges Mitglied der Formation „Whirlpool Prod.“: „In gewisser Weise (gibt es solche Probleme) natürlich ständig, weil Köln eben so klein, eng und eingefahren ist, was die Austragungsorte des Nachtlebens angeht… Köln ist einfach vergleichsweise recht arm an Freiräumen.“ Neben dem rühmlichen Engagement von Manfred Post kann man in Köln also durchaus auch von anderen Erfahrungen berichten. Nieswandt: „Mir ist im Lauf der Jahre einfach immer wieder eine gewisse Widersprüchlichkeit aufgefallen: einerseits schmückt sich Köln ja nun wirklich gerne mit dem Attribut, eine elektronische Hauptstadt zu sein, in der schon zu Zeiten der Römer mit antiken Analogsequenzern gefrickelt wurde, dann kam Stockhausen, dann Can und dann direkt schon Mike Ink. und Jörg Burger oder so. Andererseits spiegelt sich das nicht in einem nennenswerten Nachtleben. Ich kenne sehr viele Kölnbesucher, die enttäuscht sind und den weithallenden Ruf der Stadt nicht mit dem in Übereinkunft bringen können, was sie dann tatsächlich dort erleben. Köln ist eigentlich eher eine tagsüber-Stadt. Und das Zusammenspiel von Kulturamt und Ordnungsamt erinnert in dem Zusammenhang an Konstellationen wie Umwelt- oder Gesundheitsministerium versus Finanzminister.“

Doch trotz der Interventionen des Ordnungsamtes und der meist haarsträubenden Kulturpolitik der Regierenden zeigt sich ein überwiegend positives Bild. Dr. W von Air Liquide, der mit dem Club Camouflage auch Clubbetreiber und Partyveranstalter ist, ist rundum zufrieden: „Mit fast allen Veranstaltungen arbeiten wir sehr eng mit dem Referat für Popularmusik, zusammen. Wir veranstalten ja auch gemeinsam das Kölner Elektronik-Festival „Battery Park“, welches in diesem Jahr zum siebten mal stattfinden wird. Ich kenne kaum ein anderes Kulturamt einer anderen deutschen Stadt, dass sich so für die elektronische Musikkultur in der Heimatstadt einsetzt! Das Kulturamt ist auch äußerst engagiert in der Planung und Realisation des Zentrums für elektronische Musik, Köln, ein Projekt, das in absehbarer Zeit für großes Aufsehen sorgen wird.

Doch zuvor wird mit dem Festival „c/o pop“ noch an einem Ersatz für die Popkomm gebastelt. Seit knapp einem Jahr steht mit dem Projekt „Music Export Cologne“ (MEC) dem Referat für Popularmusik ein geeignetes Instrument für derartige Projekte mit internationalem Wirkungsradius zur Verfügung. Das Festival mit Schwerpunkt auf elektronischer Musik, dass sich an das Sonar-Festival in Barcelona anlehnt und erstmals vom 6. bis zum 22. August 2004 stattfinden soll, wurde von MEC mitinitiiert. Und damit dürften alle zufrieden sein – da kann nicht einmal das Ordnungsamt die Stimmung trüben!

(unveröffentlicht)

Joel Andreas: Süchtig nach Krieg. Warum die USA nicht aufhören können, Krieg zu führen.

Es mutet an wie die Comic-Version eines Films von Michael Moore: Joel Andreas Sachcomic „Süchtig nach Krieg“ ist eine profunde Sammlung an Zahlen und Fakten zum US-amerikanischen Imperialismus seit der Gründung der Staatenunion, die an ironischen Spitzen nicht spart. Doch wo man einem Film wie „Super Size Me“ durchaus das Michael Moore Syndrom unterstellen kann, muss man bei Andreas Sachcomic vom Vorwurf des Epigonentums Abstand nehmen, da der Band bereits 1992 erstmals anlässlich des ersten Irak-Krieges erschienen ist. Zehn Jahre später wurde das Album anlässlich des Afghanistan-Krieges aktualisiert. Nach dem zweiten Irakkrieg fügte Andreas im Frühling 2004 nochmals eine Ergänzung hinzu. Auf dieser letzten Fassung basiert die erste deutsche Übersetzung.
„Süchtig nach Krieg“ ist weniger als ästhetisches Kunstwerk von Interesse, denn es handelt sich hier überwiegend um bebilderte Texte, die allerdings in Panels gegliedert sind. Die Zeichnungen sind schlicht und erinnern an Cartoons in Schulbüchern. Damit ist der didaktische Anspruch offensichtlich und das Album steht deutlich mehr in der Tradition von illustrierten Büchern oder politischen Cartoons denn von neuzeitlicher Comic-Kunst. Man will wohl über diese leicht zu konsumierende Form eine große Zahl an Lesern, vor allem Schülern erreichen – ein durchaus akzeptables Ziel.

Die Fülle an Informationen ist dennoch erschlagend: Andreas liefert zu Beginn einen fundierten Abriss der kolonialistischen Bestrebungen der USA bis in die heutige Zeit, bevor er in einzelnen Kapiteln die Verwicklungen von Politik, Militär, Wirtschaft und Medien beschreibt und die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Sozialpolitik der USA. Damit macht er schnell klar, weshalb der Untertitel „Warum die USA nicht aufhören können, Krieg zu führen“ lauten muss. Nicht können statt nicht wollen! Denn die beschriebenen Strukturen lassen längst keine freie Entscheidung mehr zu: zwischen eigenem Selbstbild und kapitalistischer Notwendigkeit könnte auch ein moderater Präsident nur in Nuancen anders handeln. Das ist keine schöne Erkenntnis, zeigt aber klar und schonungslos die strukturellen Zusammenhänge der US-Politik. Vorwürfe bzgl. eines etwas einseitigen Anti-Amerikanismus bedient der Comic sicherlich. Der Verlag Zweitausendeins ist ja bekannt dafür und die Gefahr, schnell auch beim Anti-Zionismus zu landen ist groß – es ist kein Zufall, dass gerade Zweitausendeins auch Joe Saccos großartige Comic-Reportage „Palästina“ veröffentlicht hat. Nichts desto Trotz sind dies Wahrheiten, die benannt werden sollten. Die Gefahr, sich dabei auch falsche Freunde zu machen, gibt es immer. Die das fürchten, können dem ja Comics über palästinensische Terrorakte oder die Deutsche Machtpolitik entgegensetzen. Die eigene Meinung muss man sich immer aus verschiedenen Quellen zusammenbasteln.
(Zweitausendeins. 76 Seiten, S/W, Softcover, 7,50Euro)

Zuerst erschienen in Strapazin Nr. 77, 04/04

„Die fetten Jahre sind vorbei“ von Hans Weingartner (Review & Interview)

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„Die fetten Jahre sind vorbei“ oder „Sie haben zu viel Geld“ lauten die Botschaften, die die beiden linken Aktivisten Jan und Peter bei ihren nächtlichen Streifzügen durch Villen hinterlassen. Geklaut wird jedoch nichts, sie stellen nur die Einrichtung auf den Kopf. Als Jan bei einem Streifzug mit Peters Freundin Jule auf den Besitzer trifft, gerät ihre Aktion außer Kontrolle. Zu dritt entführen sie ihn…

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Joann Sfar – Die Katze des Rabbiners / Joann Sfar – Professor Bell

Zwei neue Serien von Joann Sfar auf Deutsch

Es gibt zwei entscheidende Unterschiede zwischen französischen und deutschen Comiczeichnern: erstens verkaufen die Franzosen wesentlich mehr Hefte (Sfars „Die Katze des Rabbiners“ wurde in Frankreich rund 250.000 verkauft); zweitens machen die Franzosen wesentlich mehr Hefte. Wirft man einen Blick auf die Bibliografien von Joann Sfar oder Kollege Trondheim, dann müssen die wohl rund um die Uhr und ausschließlich wie die Blöden zeichnen. Joann Sfar kann mit seinen 33 Jahren rund 90 Hefte, an denen er beteiligt war, vorweisen, die wenigsten davon – wie beispielsweise Sfars und Trondheims gemeinsames Großprojekt „Donjon“ – erscheinen auf Deutsch. Der ambitionierte Avant-Verlag hat sich jüngst daran gemacht, zwei weitere Serien von Sfar auf Deutsch zugänglich zu machen: „Die Katze des Rabbiners“ und „Professor Bell“ sind beides Reihen, die Sfar komplett alleine bestreitet.

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„Die Katze des Rabbiners“ erzählt aus der Sicht der Titelgebenden, sprechenden(!) Katze vom Leben eines Rabbiners und seiner Tochter im Algerien der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Dort prallt französischer Kolonialismus auf den Islam auf eine kleine jüdische Gemeinde. Sfar, der selber einen jüdischen Hintergrund hat, nutzt die märchenhafte Erzählweise, um humorvoll philosophisch-theologische Fragestellungen aufzuwerfen, aber auch Kolonialismuskritik anklingen zu lassen. Die Katze, frech und arrogant, kommentiert das Geschehen sehr respektlos und übernimmt den Part des alles hinterfragenden Skeptikers. Wenn die Katze im ersten Band mit den Rabbinern diskutiert, warum sie als jüdische Katze ein Recht auf ihre Bar- Mizwa hat, lernt man nicht nur einiges über das Judentum, sondern befindet sich mitten in einem urkomischen Religionsstreit. Und wenn im zweiten Band Juden und Islamisten streiten, dann bietet auch das reichlich Stoff für humoristische Einlagen. Und vor allem: niemand muss dabei sterben. Eine leicht ironische Haltung des Autors zu religiösen Fragen schimmert hier durch. Die Bilder sind farbenfroh, aber äußerst unruhig, Farblich vergleichbar mit dem plakativen, knallbunten Donjon-Stil, ist der wilde Strich verhuscht und nervös, und die Konturen wirken ähnlich verzerrt wie bei dem von ihm gezeichneten Zweiteiler „Petrus Grumbart“. Das entspricht der umtriebigen Art der erzählenden Katze, der Detailreichtum der Zeichnungen hat darunter allerdings überhaupt nicht zu leiden: Sfar hat ganz offensichtlich Spaß an dem vielfältigen, orientalischen Szenario.

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Das gilt in gleicher Weise für das britische Fin-de-Siècle-Ambiente bei „Professor Bell“. Die düstere Serie um den Lehrer von Sir Arthur Conan Doyle, der Pate für die Figur des Sherlock Holmes gestanden haben soll, zeigt den Professor etwas abgründiger und leicht depressiv und ist entsprechend in gedeckten Farben gehalten. Die Mischung aus Fien-de-Siècle, Kriminalfall und übersinnlichen Ereignissen erinnert nicht nur thematisch an Tardis „Adele“-Serie. Sfar hat wie jener offensichtlichen Spaß an überdrehtem, surrealem Humor und ist nie um eine haarsträubende Wendung verlegen: melancholische Geister, sprechende Geschwüre und lebende Tote sind da noch die kleineren Überraschungen. Das narrative Freigeistertum und die offensichtliche Freude an Splatter-Effekten bei „Professor Bell“ erinnert mal wieder an den „Donjon“, und man wundert sich wirklich, dass Sfar und seine Kollegen mit dem lockeren Umgang von Wahrscheinlichkeit und ihrem schnoddrig wirkenden, aber sicherlich arbeitsintensiven Zeichnungen beim Publikum ankommen und dafür auch noch, wie Sfar jüngst in Erlangen, ausgezeichnet werden. Es gibt eben nichts spannenderes, als die gelungene Überraschung auf der nächsten Heftseite…

(Die Katze des Rabbiners 1. Die Bar-Mizwa; 2. Malka, der Herr der Löwen. Je 48 Seiten, Farbe, Hardcover, Avant-Verlag, 14,95 € Professor Bell: 1. Der Mexikaner mit den zwei Köpfen. 46 Seiten, Farbe, Softcover, Avant-Verlag, 14,95 €)

Zuerst erschienen in Strapazin # 77, 12/04

„Bad Santa“ von Terry Zwigoff

Der trunksüchtige Tresorknacker Willie T. Stokes ist Kaufhaus-Weihnachtsmann, sein kleinwüchsiger Kollege Marcus mimt den Kobold. Doch das alles ist nur Tarnung für ihre nächtlichen Raubzüge. Als ein kleiner, dicker Junge, der sich partout nicht davon abbringen lassen will, an den Weihnachtsmann zu glauben, auftaucht, wird’s kompliziert…

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Eine solche „Klamotte“ war von Terry Zwigoff nicht gerade zu erwarten. Der mehrfach ausgezeichnete Regisseur machte bislang mit ganz anderen Filmen von sich reden: 1994 überraschte er Kritik und Publikum mit dem großartigen Dokumentarfilm „Crumb“ über Robert Crumb, die Ikone des US-amerikanischen Underground-Comics – der Film war seiner Zeit der dritterfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten. Auch sein nächster Film, der Spielfilm „Ghost World“, hatte mit Comics zu tun, handelte es sich doch um die gelungene Adaption von Daniel Clowes gleichnamigen Comic um das Leben zweier Mädchen in den öden Suburbs der USA. Clowes wird auch Co-Autor seines nächsten Films „Art School Confidential“ sein.

Bad Santa, sein aktueller, von den Coen-Brüdern produzierter Film, hat mit Comics nicht am Hut, es sei denn man charakterisiert die dort gezeigten Übertreibungen als ‚comichaft’. Billy Bob Thornton weiß als trunksüchtiger, fluchender und nicht zuletzt krimineller Weihnachtsmann zu überraschen. Spaß an der Übertreibung wird er beim Dreh gehabt haben: wenn er nicht versoffen in Bars rumhängt, sieht man den von ihm verkörperten Willie Stokes entweder fluchend mit kleinen Rotzlöffeln auf dem Schoß oder hintenüberkippend in seiner eigenen Kotze versinkend. Die zunächst verbalen, dann zunehmend körperlicher werdenden Gefechte zwischen Thornton und seinem kleinwüchsigen Partner Tony Cox sind herrlich derbe. Wenn sich dann noch der 8jährige Brett Kelly als der unbeirrt an den Weihnachtsmann glaubende Thurman zu diesem ungleichen Paar gesellt, ist das an Absurdität kaum zu überbieten. Es ist etwas gemein, aber Kelly kassiert als kleiner, dicker, rothaariger Junge alleine schon mit seinem Aussehen reichlich Lacher. Wenn er dann noch in unnachahmlicher Beharrlichkeit wider alle Bösartigkeiten des Gegenübers mit treudummem, bewegungslosem Gesichtsausdruck Stokes anstarrt, ist das an Komik kaum zu überbieten. Trotz aller Exzentrik gibt es aber auch bei Zwigoff eine Art Happy-End – es ist ja schließlich ein Weihnachtsfilm.
(Bundesstart: 18.11.04)

Zuerst erschienen in choices 11/04