Peaches – Fatherfucker

Erstmal volle Punktzahl für’s Image: Peaches mit angeklebtem Bart auf dem Cover des wohlüberlegt betitelten zweiten Albums „Fatherfucker“:

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Sexploitation und Gender-Verwirrung sind weiter ihre Themen. In einem der drei Bonus-Videos dann noch ein musikalisches Statement: „Queen of the Electro-Crap“ nennt sie sich da und läuft rum wie die 43. Version einer M.I.A. Obwohl: rein musikalisch betrachtet könnte sie natürlich auf dem Electro-Clash-Sampler landen: ihr Minimal-Electro-Booty-Style ist ab und an von Rockgitarren durchkreuzt. Das meiste hier ist aber staubtrockener Ghetto-Bass, Techno-Bass oder wie man das Zeug zur Zeit nennt. Cool wie Scheiße, dieser Crap, und das weiß inzwischen sogar good old Iggy Pop, der mit ihr bei „Kick It“ im Duett singt. (Als Doppel-CD mit 3 Bonustracks, darunter das tolle, bisher nur live gehörte „Sex(I’m a)“).
(XL-Rec./Beggars Group, VÖ: 15.9.2003)

Zuerst erschienen in De:Bug 10/03

Cavemen Speak – Wooden Cast

Es ist erstaunlich, was für eine Bandbreite das Duo Cavemen Speak da auf 11 Tracks demonstriert: zwischen hübsch verträumten Stücken mit perlenden Pianoakkorden, düster-verrauschtem Minimalismus, eingeflochtenen tricky Breakbeats in Drum ‚n’ Bass-Tempo, Electronica-Anleihen, Jazz-elementen und fernöstlichen Sounds findet man hier so ziemlich alles in bester Qualität, was man vom Leftfield-HipHop der letzten Jahre kennt. Und mehr! Schöne Überraschung!
(Shadowanimals, VÖ: 9/03)

Fanny Pack – So Stylistic

Salt ‚n’ Pepper oder die unbekannteren aber ziemlich irren und guten L’Trimm sind die deutlichen Referenzen von Fanny Pack. Also Female Rap der späten 80er: aufgekratzt freche Raps plus minimalistische Beats aus der Roland-808. In der Version der zwei musizierenden Jungs und der drei Girls (Jessibel, Belinda und Cat heißen die) paart sich das zudem mit fettem Booty-Style. Das klingt zwar erst einmal sehr ausgedacht – und ist es wohl auch – doch die Mischung funktioniert vorzüglich. Wenn man „Push it“ mochte und gegen Partymusik mit einer Extraportion Bass nichts einzuwenden hat, ist das genau das richtige. Und bitte nicht vom 80’s-Trash-Cover mit original Fat Boys Schriftzug abschrecken lassen.
(Tommy Boy, VÖ: 09/03)

Schorsch Kamerun zu „Golden Lemons“

Rockerdialog: Wen interessiert das noch?

Nach gut 20 Dienstjahren gibt es die Goldenen Zitronen erstmals im Kino zu sehen. Ihre US-Tour als Vorgruppe des schizophrenen und autistischen Musikers Wesley Willis bildet den Rahmen für den Tourfilm ‚Golden Lemons’. Regisseur Jörg Siepmann begleitete die Band knapp zwei Wochen durch die Provinzstädte des Westen der USA und liefert ein Portrait der Band unter diesen ungewöhnlichen Bedingungen. Ganz glücklich sind die mit dem Film jedoch nicht. Gründungsmitglied Schorsch Kamerun erläutert warum.

De:Bug: Eindeutige, sichere Zustände interessieren Euch anscheinend nicht. Als deutlich links positionierte politische Punkband tourt Ihr durch die eher konservativen Provinzstädte des US-Amerikanischen Westens. War das eine bewusste Entscheidung für einen Konfrontationskurs?
Schorsch Kamerun: Es waren schon klar Subkultur- orientierte Umgebungen in denen wir dort aufgetreten sind. Insofern empfanden wir die unmittelbaren Auftrittsorte nicht unbedingt „konservativer“ als ein Kulturzentrum wie „die Fabrik“ in Hamburg- Altona. Konfrontationen durch unser Auftreten allein waren so vorab erstmal nicht angelegt. Es gab eher ein erstauntes Empfinden über unsere klareren politischen Statements (beispielsweise über den aktuellen Präsidenten), aber niemals eine verärgerte Reaktion.
De:Bug: Könnt ihr einschätzen, wie man Euch dort als Band wahrgenommen hat? Habt Ihr ein detaillierteres Feedback von den Leuten bekommen? Wart Ihr die verrückten Deutschen, die coolen Deutschen, oder war Irritation eher vorherrschend? Wie hat die Musik gewirkt? Der Film gibt darüber nicht so recht Aufschluss…
SK: Das scheint mir eines der Probleme des Films zu sein. Er interessiert sich nicht weiter für die direkten Reaktionen die wir beim Publikum auslösten. Das heißt er ignoriert weitestgehend die kommunikativen Erlebnisse zwischen den Leuten vor Ort und uns- nach, aber auch während der Auftritte. Es gab viele spannende Gespräche mit den unterschiedlichsten Leuten, breit gefächert über Themen aus meist subkulturellen und politischen Bereichen, die der Film komplett auslässt.
Unser musikalisches Auftreten schien mir in seinem „realen Moment“ am überraschendsten zu wirken für das Publikum. Ich glaube wir sind als europäische Band weit weniger vordergründig eine „Show“ als vergleichbare Acts, wie vielleicht Jon Spencer o.Ä.
De:Bug: Wie habt Ihr den Spagat zwischen den Polen ausgehalten, als Vorgruppe des schizophrenen Musikers Wesley Willis einerseits Teil eines lobenswerten ‚Projektes’ zu sein (vgl. Phänomen ‚Station 17’), andererseits Euch aber auch immer wieder wie in einer unangenehmen Freakshow vorzukommen, wo man nicht mehr weiß, wer hier mit und wer über Willis lacht?
SK: Man muss schon ziemlich genau hin schauen bei dem Phänomen Wesley Willis. Er ist ziemlich komplex. Er ändert auch des Öfteren seine Positionen. In seinem Grundwesen ist er aber mit Sicherheit ein durchaus friedliebend ausgerichteter Zeitgenosse. Die Konzert bestimmenden „Fun- orientierten“ Reaktionen der Leute, vornehmlich bei den rüpelhaftesten Passagen seiner Vorstellungen (inklusive seiner Kopfnussrituale), sind für mich aber auch nicht immer voll zu verstehen. Es gilt zu bedenken das er meist in einer eigentlich recht eindeutigen Hardcore- Szene stattfindet.
De:Bug: Eine inhaltliche Auseinandersetzung war mit WW bzw. seinem Manager wohl nicht zu führen bzw. wäre wohl auch fehl am Platz gewesen. Im Film kommt mehrmals und an exponierter Stelle der Bin Laden Song vor, so dass man fragen muss, wie Ihr Euch dazu verhalten habt? Da klingt ja EIGENTLICH ein unangenehmer Patriotismus mit. Wie geht man damit um, wenn das von einem Menschen wie WW kommt?
SK: In dem man ihn ganz direkt fragt, was genau er mit diesem Lied sagen will. Es gibt aber kein klares Bild einer Antwort. Ich selbst habe ihn exakt diesen Song schon sehr unterschiedlich interpretieren hören. Textlich bleibt die reduzierte Ebene von: der Böse hat das Schlimme angerichtet und darum ist er ein Arschloch und deshalb man sollte Dieses und Jenes mit ihm anstellen. Anderseits denkt Wesley im Genaueren, allein schon durch seine Prägung (er war Zeuge schwerer Gewaltverbrechen), ein ganz feines Nachdenken über Gewaltausübung. Im besten Fall nehme ich solche brachialen Texte deshalb als (wie auch immer zu bewertenden) „Style“ wahr.
De:Bug: Der Film zeigt Euch sehr offen in Bezug auf Eure Konflikte untereinander und Eure inneren Konflikte. Wie empfindet Ihr diese Offenheit, wenn Ihr den Film seht?
SK: Das wäre im Grunde Okay mit uns. Wir finden nur, dass der Film an diesen Stellen sehr populistisch wiedergibt, wenn es um die Interna der Band geht. Außerdem ist das wirklich unverständlich schwach klischiert wenn man Bilder ausstellt, wo sich Gitarrist und Sänger über zu laute Verstärker streiten. Das gibt es zwar, aber wen interessiert das noch?
De:Bug: Ihr seid mit dem Bild, dass der Film von Euch zeichnet, nicht sonderlich zufrieden. Was gefällt Euch nicht an Eurer Darstellung im Film, was wäre Euch in einem Film wichtiger gewesen?
SK: Wir haben diese Tournee zu sagen wir 50% anders empfunden als der Film das wieder gibt. Er lässt völlig aus wie sich unsere Band in der besonderen Situation präsentiert hat in der wir uns befanden in den USA. Es gab unendlich viele Kontakte, Gespräche, Diskussionen, aber auch diverse persönliche Erlebnisse mit Leuten vor Ort. Das fehlt extrem für eine halbwegs adäquate Wiedergabe. Stattdessen sieht man Massen ästhetisierte Szenen von melancholischen Musikreisenden die traurig aus dem Tourbus sinnieren. Der Film sollte in dieser Form zumindest nicht so heißen wie die Band. Unser Problem ist nun, das wir den Film handwerklich als nicht ungelungen empfinden. Nur ignoriert er zu großen Teilen unsere Anliegen im Allgemeinen und noch mal mehr im Speziellen die dieser USA- Reise.
(Bundesstart von Golden Lemons: 28.8.2003)

Zuerst erschienen in De:Bug 09/2003

Danger Mouse & Jemini – Ghetto Pop Life

Jetzt gibt’s von Lex Records auch mal richtigen HipHop. Na, den gab`s auch schon auf ein paar Maxis, aber nach den drei Teilen des Lexoleums und der LP von Boom Bip war man doch eher HipHop orientierte Electronica von ihnen gewohnt.

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Danger Mouse & Jemini hingegen ist astreiner NY-Underground. MC Jemini hat viel zu erzählen (meist Blödsinn…), reitet schnell auf den Beats ohne ins Hecheln zu kommen, bleibt immer geschmeidig und rund im flow (klingt wie Sadat X auf Speed!). Danger Mouse bastelt dazu extrem abwechslungsreiche Musik, die ganz und gar nicht nach einem 24jährige Jungspund klingt. Absolut musikgeschichtsbewandert kreiert er ausgesprochen eigenständige neue Soundverbindungen, von hart rockend bis romantisch einlullend, vom Gitarrenloop über Pianokaskaden zur eingearbeiteten Operette. Verschnaufpausen gönnen die beiden einem jedenfalls nicht. Gut so!
(Lex, VÖ: 14.07.2003)

Zuerst erschienen in De:Bug 06.03

„Der Sohn“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne

Olivier arbeitet als Meister in einer Schreinerei für schwer erziehbare Jugendliche. Von seiner Frau lebt er getrennt, der gemeinsame Sohn wurde vor 5 Jahren bei einem Raubmord erwürgt. Dann komm Francis neu in die Werkstatt: er ist der Mörder von Oliviers Sohn!

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Der Plot von „Der Sohn“ klingt schwer nach Krimi. Tatsächlich sieht der Zuschauer aber eine merkwürdige Melange aus Suspense á la Hitchcock und einer schlichten Fernsehreportage. Das auseinander zu bröseln ist gar nicht so einfach: das simple Setting der Schreinerei und der Wohnung Oliviers, versetzt mit einigen Außenaufnahmen, liefert wahrlich keinen geeigneten Hintergrund für Psychospiele. Olivier, ein zunächst so unglaublich gewöhnlicher, fast langweiliger Mensch, auch nicht. Entscheidend ist hier wieder ein mal nicht das ‚was’, sondern das ‚wie’! Olivier Gourmet stattet die Figur Oliviers mit einer inneren Unruhe und einer äußeren Hast aus, die ihn zunehmend zum sichtbar Getriebenen macht. Verstehen kann man das erst mal nicht. Genau darum verunsichert es einen. Wenn man dann die Hintergründe erfährt, ängstigt es einen. Olivier Gourmet spielt vollkommen grandios – weniger als das Superlativ ist da nicht drin!
Die klaustrophobische, extrem aufdringliche Nähe der Kamera, die den Figuren regelrecht zu Leibe rückt, steigert diese (An-)Spannung ins unermessliche. Die Kamera beobachtet akribisch genau. Trotzdem bleibt fast alles im Offenen. Dies Paradox ist eine große, wohltuende Kunst! Was warum passiert bzw. warum die Personen handeln, wie sie handeln, könnte man wahrscheinlich auch kaum erklären, selbst wenn man wollte. Doch gerade dadurch, dass nur gezeigt wird, eröffnet der Film eine immens große Projektionsfläche für den Zuschauer. Die kann und soll er füllen. Und nicht nur er, denn selbst die Regisseure, die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne („Rosetta“) – lange Jahre waren sie Dokumentarfilmer – sind sich des Spektrums ihres Films anscheinend nicht ganz bewusst. Nach 11/2 Jahren Arbeit stellen sie in den Arbeitsnotizen fest:“ Der Film heißt „Der Sohn“. Er könnte auch heißen „Der Vater““.
(Bundesstart: 12.6.2003)

Meanest Man Contest (Interview)

Gefühlsachterbahn

Meanest Man Contest machen es dem zwangsneurotischen Archivar auch nicht leichter. Als gäbe es nicht schon genügend Verwirrung stiftende Scott Herrens auf dieser Welt, müssen sich auch MMC gekonnt zwischen die Stühle Electronica und HipHop setzen.

Auf ihrem eigenen Label Weapon-Shaped veröffentlichen sie krudes Anticon-Zeug und Artverwandtes in bester visueller Verpackung. Für ihr Debutalbum ‚Merit’ geht das Duo Meanest Man Contest allerdings zu Plug Research, dem Connaisseur-Label für Elektronik-Listener aller Art. Und natürlich sieht das Album-Cover überhaupt nicht nach HipHop, sondern nach gutem Kunst-Comic aus.

De:Bug Ähnlich wie zur Zeit auch bei einigen anderen HipHop-Produzenten, hat Eure Musik eine narrative Struktur, die mehr ist als das gewöhnliche ‘1-sampleloop-plus-1-catchy-Refrain’-Ding. Das erinnert an Electronica-HipHop-Produzenten wie Scott Herren (Prefuse 73). Kommt ihr wie er aus dieser Ecke, oder seid ihr eher B-Boys, die sich elektronischer Musik nähern?

Quarterbar: Wir haben definitiv mit einem Interesse an HipHop angefangen und uns dann hin zur elektronischen Musik bewegt. Das war aber keine bewusste Entscheidung. Wir versuchen, über solche Dinge nicht zu viel nachzudenken und einfach die Musik zu machen, die wir lieben. Aber wir mögen natürlich Sachen wie Push Button Objects oder Boards Of Canada.

De:Bug: Bei Euch gibt es ja auch den für Abstract-HipHop üblichen Schwerpunkt auf Instrumentals. Geht es Euch also mehr um die Erweiterung des musikalischen Ausdrucks im HipHop als um Rap-Skills und Lyrics?

Eriksolo: Wir wollen einfach nicht auf eine Formel reduziert sein. Einiges von dem, was wir demnächst veröffentlichen, wird mehr Vocal-orientiert sein als ‚Merit’. Für dieses Album haben wir aber eine instrumentale Herangehensweise beschlossen.

De:Bug: Ihr habt viele Jazz-Elemente in Eurer Musik. Die sind aber weniger die übliche Imitation (wie häufig beim Sampling durch die Verwendung von Klischees) als eine Neuerfindung von Jazz, wie man es auch von Plug Research-Labelmates wie Daedelus oder Low Res kennt. Könnt ihr dem zustimmen und Euer Verhältnis zu Jazz erläutern?

QB: Danke, das ist ein großes Kompliment! Wir sind beide große Jazz-Fans schätzen alle Möglichkeiten, die der Jazz bietet. Wir haben eine Menge Jazz-Samples verwendet – das wird wohl zu diesem Jazz-Feeling auf ‚Merit’ führen. Wir versuchen dabei tatsächlich neues zu erschaffen statt nur zu wiederholen, wie es viele Jazz-Musiker tun. Plug Research hat viele kreative Leute, die ebenfalls versuchen, etwas neues zu machen. Es ist gut, ein Teil davon zu sein. Einen MMC-Song zu machen ist dennoch keine spontane oder freie Angelegenheit. Fast alle Stücke sind mit dem MPC2000 aus Platten-Samples zusammengebaut. Es gibt einige wenige Stücke, wo ich Gitarre drüber spiele, mich selber an Gitarre oder Synthie gesampelt habe – das meiste sind aber gesampelte Platten. Ich mag die Tatsache, dass Du nur durchs sampeln einen so reichen Sound erlangen kannst. Jede Platte ist mit anderen Instrumenten, Verstärkern, Mikros und in unterschiedlichen Räumen aufgenommen, unterschiedlich gemastert. Je mehr Quellen Du verwendest, desto mehr kannst Du daraus Gewinn ziehen.

De:Bug: Á propos Gitarre: In Eurer Musik ist oft auch ein melancholischer folky Touch mit freundlicher, warmer Stimmung zu finden. Das steht oft im Kontrast zu düsteren, elektronischen Klängen. Wechselt Ihr gerne innerhalb der Stücke so extrem zwischen den Stimmungen? Warum wählt Ihr eine solche Achterbahnfahrt der Gefühle?

QB: Ich denke, dass Dinge mehr Beachtung finden, wenn man sie in Kontrast zueinander stellt, das bewirkt einen stärkeren Effekt. Der Grund dafür, warum die Beats so wechselhaft sind, liegt in meiner Arbeitsweise. Ich mache ziemlich viele Beats und wähle später die besten aus. Manchmal kann ich mich zwischen zweien nicht entscheiden – dann nehme ich eben beide oder verschmelze sie.

De:Bug: Wie seid Ihr als HipHop-Produzenten eigentlich zu Plug Research gekommen?

E: Wir haben Material zu einem Label in LA geschickt. Der Typ hat das Allen von Plug Research vorgespielt, dem es sofort gefiel. Keine gute Story, wirklich! Wir sollten uns mal eine spannendere Version ausdenken!

Zuerst erschienen in De:Bug 6/03

Michael Husmann: Rama

Da bestellt man ahnungslos bei dem kleinen Schweizer Comic-Verlag Arrache Coeur ein Rezensionsexemplar ihrer neuesten Veröffentlichung – und was bekommt man? Nicht weniger als eine kleine Revolution des Mediums! Genau das ist Michael Husmanns Adaption der Indischen Sage Rama. Huismann fast zunächst auf zwei Seiten den Plot der Legende in einer Kurzerzählung zusammen, um uns im Folgenden mit seiner quietschbunten, in der Gegenwart angesiedelten Comicversion sprachlos zu machen.

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Alleine die Verknappung der Story mittels Untertiteln hat es in sich: „…brachte eine seiner drei Frauen ein Pferdeopfer dar…“ wird zu „Pferd: Wieher!; Revolver: Peng!; Pferd: +++“ und „… versuchte, sie durch betörende Reden zu gewinnen“ wird zu „Hallo… Ich will Sex mit Dir!“ Die Bilder sprechen eine genau so deutliche Sprache: in indisch-knallbunt lümmeln sich die Protagonisten wie Medienhipster in schicken Interieurs, müssen sich allerdings nicht mit Mac & Co. sondern mit allerhand Dämonen rumschlagen. Panels im klassischen Sinn gibt es auf den Seiten nicht, Sprechblasen schon gar nicht! Stattdessen gilt es auch für den Comic erfahrenen Leser erst ein mal die Handlungsabfolge zu erforschen, und die Auslassungen sind sogar für ein auf dem Prinzip der Auslassung (zwischen den Panels) basierendes Medium wie den Comic etwas zuviel des guten. Und so ist das Lesen der Sage nicht nur ein Differenzentdeckungsspaß, sondern zum Verständnis der Handlung ziemlich unerlässlich. Ein dreifaches Hoch auf diesen das Leseverhalten irritierenden Medienzwitter!

„City Of God“ von Fernando Meirelles

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Lateinamerikanisches Kino ist wieder schwer im kommen – sowohl mit kleinen Filmen („Ein Glückstag“, „Historias Minimas“, „Japón“) als auch im ambitionierten Mainstream („Die Versuchung des Padre Amaro“). City of God gehört sicherlich in die zweite Kategorie, das Adjektiv vor Mainstream sollte man hier aber ganz groß schreiben!

„„City Of God“ von Fernando Meirelles“ weiterlesen

Plaque 01 – Magazin für Wort und Bild

All die Hoffnungen, die in den 80er Jahren geschürt wurden, dass Comic Kultur endlich aus dem Spezialistenkreis heraus in die allgemeine kulturelle Wahrnehmung als etwas anderes als gezeichnete Enten eingehen könnte, nämlich als komplexes, anspruchsvolles künstlerisches Medium, mussten trotz der theoretischen Bemühungen Scott McClouds in den 90er Jahren wieder tief begraben werden. Stattdessen allerorten Mangas, die die Superhelden im Mainstream abgelöst haben. Im deutschsprachigen Raum erhält seither lediglich das tapfere Magazin Strapazin ein wenig die Hoffnung, der sogenannte Erwachsenen-Comic könne endlich die ihm gebührende breitere Popularität erlangen. Doch jetzt kommt Verstärkung in Form der jährlich erscheinenden Anthologie „Plaque“ aus dem Avant-Verlag, dem Berliner ‚Fachmann’ für italienische Comicavantgarde. Da verwundert es nicht, dass der Schwerpunkt der ersten Ausgabe mit Beiträgen von und zu Andrea Bruno, Steffano Ricci, den Altmeistern Lorenzo Mattotti und Igort sowie anderen gleich auf italienischen Künstlern zwischen klarer Sachlichkeit, wilder Expressivität und Materialexperiment liegt.

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Das schöne und einzigartige 300 Seiten starke Magazin im Buchformat widmet sich verschiedenen Autoren und Zeichnern mit aufschlussreichen, intelligent geführten Interviews und teils exklusiven Arbeiten der Künstler. Außerhalb des Italien-Spezials finden sich neben den Comic-Rahmen sprengenden Zeichnungen, Graphiken und Collagen von unbekannteren Künstlern wie Jens Harder oder Marc Gröszer auch Beiträge von und zu solch nationalen Größen wie Atak und sogar einem Superstar wie Alan Moore, dessen klugen Worten im Interview man gerne folgt und der mit „Ich komme immer wieder zurück“, einer klar reflektierten Kurzgeschichte zum riskanten inzestuösen Autor-Werk-Verhältnis, noch ein mal eine Fußnote zu seinem Jahrhundert-Werk „From Hell“ abliefert – auf dass dessen Verfilmung in ewige Vergessenheit gerate!
(Herausgeber: Johann Ulrich u. Kai Pfeiffer, avant-verlag)

Zuerst erschienen in De.Bug 05/03

„After Life“ von KORE-EDA Hirokazu

Ein kleines Grüppchen wird in einem Gebäude empfangen und zu ihrem schönsten Erlebnis befragt. Die Personen sind gerade gestorben und sollen den Moment ihres Lebens aussuchen, den sie als einzige Erinnerung mit ins Jenseits nehmen.

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Man merkt schon wenige Minuten nach beginn des Films, wie wörtlich man den Titel des zweiten Spielfilms von KORE-EDA Hirokazu nehmen muss: Alle Figuren des Films sind bereits tot! Die einen – in Beamtentätigkeit zwischen Leben und Tod beschäftigt – schon etwas länger, andere – für eine Woche in den bürokratischen Prozess des Übertritts ins Jenseits involviert – noch ganz frisch. Die Beamten mit Beraterfunktion helfen den Neuankömmlingen, sich innerhalb einer Woche in intensiven Gesprächen und in schwereren Fällen auch mittels Videoaufnahmen des jeweiligen Lebens für die wichtigste oder schönste Erinnerung zu entscheiden. Einige tun sich damit sehr leicht, andere können sich nicht erinnern, wieder andere können sich nicht entscheiden und ein Neuankömmling will sich nicht entscheiden.
Mit dieser sehr witzig klingenden Konstellation bietet uns KORE-EDA allerdings keine leichte Komödie, sondern ihm gelingt eine erstaunlich umfassende Reflexion über das Leben, die Erinnerung und die darin enthaltenen Verschiebungen zur Wirklichkeit (mit all den damit verbundenen Funktionen, die das Erinnern erfüllen kann). Das Geschehen in dem Amtsgebäude und dem umliegenden Garten zeigt KORE-EDA in ruhigen Bildern und einem diese Grundstimmung weitertragenden, fast zärtlichen Bemühen der Berater um die Neugestorbenen. Die ‚Sitzungen’ haben einen therapeutischen Charakter und führen dazu, dass sich die Menschen mit dem hinter ihnen liegenden Leben auf unterschiedlichste Art auseinandersetzen.
Am Ende der Woche sollen sich alle entscheiden, die gewählten Erinnerungen werden dann detailgenau Verfilmt und im eigenen Kinosaal vorgeführt – schließlich werden die Toten ins Jenseits entlassen. Mit dem Aspekt der abschließenden Verfilmung der Erinnerung der Gestorbenen liefert KORE-EDA schließlich auch noch eine Reflexion über das Kino, das ja immer auch Leben nachstellt – erfindet oder erinnert.
(Bundesstart: 10.4.03)

Zuerst erschienen in choices 04/03

Lewis Trondheim: Mein Freund der Rechner / Nicht ohne meine Konsole
Lewis Trondheim & M. Larcenet: Die Kosmonauten der Zukunft 1 & 2

Lewis Trondheim, Comicautor, Zeichner und Freund der absurden Wendung, hat in nur wenigen Jahren als Einzelhefte und in diversen Serien, alleine oder im Duo mit anderen Zeichnern bereits über 30 Alben veröffentlicht. Dass bei diesem mörderischen Arbeitstempo die Qualität auch mal schwankt, verwundert nicht. Das kann man auch bei seinen nur locker verbundenen Geschichten rund um Computer und Videospiele, feststellen.

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Mit 1-4 Seitigen Kurzgeschichten greift Trondheim in „Mein Freund der Rechner“ die reichlich vorhandenen Absurditäten der digitalen Lebensaspekte auf – die Pointen zünden allerdings nicht immer! In der letzten Geschichte lernen sich dann die Protagonisten des zweiten Bandes „Nicht ohne meine Konsole“ kennen. Dort kreist die Story der beiden Videospiel-Kritiker um die Themen Medien und Konsum, und stößt des öfteren humorvoll an philosophische Grundfragen. Auch hier zündet nicht jede Pointe (trotz fortlaufender Story im Heft ist jede Seite kunstvoll wie ein einzelner Comicstrip mit Pointe arrangiert), aber wie Trondheim z.B. auf einer Seite eine komplette Fernsehkritik ausbreitet um sie dann in nur einer Sprechblase ganz im Sinne von Bourdieus These von der Absorbtion/Affirmation der Kritik durch das Medium platt zu walzen, ist schon eindrucksvoll. So etwas bekommt man in einem Funny-Comic sonst nur noch bei Fil (beide Carlsen).

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Seine Serie „Die Kosmonauten der Zukunft“ (Zeichnungen von Manu Larcenet) ist ein Science Fiction um zwei naseweise 11Jährige, die sich plötzlich in ihrer eigenen Fantasiewelt wiederfinden. Ab der Mitte des ersten Bandes wird’s richtig skurril, wobei die absurd erscheinende Logik – sowohl die der Story als auch die der Rotzlöffel – zunehmend für metaphysische Begeisterung sorgt. Im zweiten Band bricht der Wahnsinn komplett aus (beide Ehapa).

Zuerst erschienen in De:Bug 05/03

Yslaire: Der XX.Himmel

Der Comiczeichner Yslaire (‚Sambre’) startet mit der zweibändigen Geschichte ‚Der XX.Himmel’ den Versuch, den Comic ins Computerzeitalter zu katapultieren. Nicht mit am Computer gezeichneten Bildern, nicht durch die Publikation im Internet, sondern mit einer spezifischen Erzählweise: die Geschichte wird weitgehend an Hand von E-Mails, die anonym (von @nonymous) an die Protagonistin Eva Stern (evastern@yslaire.de), eine steinalte, jüdische Psychoanalytikerin, gesendet werden, erzählt.

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@nonymous schickt ihr Bilder und Filme, die zwar ihr eigenes Leben betreffen, insgesamt aber auch ein Bild der düsteren Seite des 20.Jahrhunderts liefern. Die Panels sind in einem klassischen, malerischen Stil gehalten (vergleichbar mit Bilal), Yslaire hat dadurch aber seine eigene Erzähltechnik nicht immer ganz im Griff: das malerische kollidiert mit dem neuen Kommunikationsmedium – die Software mit der Hardware. Trotzdem ein schöner, poetischer Comic eines französischen Altmeisters.
(2 Bände, Carlsen, 2001/2)

Jürgen Teipel: Verschwende Deine Jugend (Buch)
V/A: Verschwende Deine Jugend (CD)

Warum sich ‚New Wave’ nicht mit ‚Neue Deutsche Welle’ übersetzen lässt.

Ende letzten Jahres erschien im Suhrkamp Verlag das großartige Buch VERSCHWENDE DEINE JUGEND. Damit lieferte Jürgen Teipel anhand unzähliger O-Töne ehemaliger Protagonisten der deutschen New Wave zwischen 1976 und 1983 ein umfangreiches Zeitkolorit vom Auf- bis zum Zusammenbruch der Szene. Die Zitate aus den einzelnen hierfür geführten Interviews sind kommentarlos, aber in höchst raffinierte Weise aneinandergereiht – der Autor nennt es Doku-Roman, das Prinzip ist übernommen von dem ebenso gelungenen Pendant und Vorbild „Please kill me“ von Legs McNeil und Gilian McCain (auf Deutsch erschienen bei Hannibal).

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Im Zusammenhang mit diesem Buch erscheint nun bei dem damals stark involvierten Düsseldorfer Plattenlabel Ata Tak eine ebenso einmalige Doppel-CD, die analog zum Buch die bedeutendsten Musikstücke dieser Zeit zusammenfasst. Über die Auswahl muss man erst gar nicht streiten: denn erstens ist sie wirklich sehr repräsentativ für das musikalische Geschehen dieser Zeit (die Düsseldorflastigkeit findet man bereits im Buch, sie ist aber auch historisch legitim), und zweitens orientiert sie sich ja an den im Buch entscheidenden Stücken, ist also eine Gesamtauswahl vieler der Beteiligten Musiker: angefangen vom Düsseldorfer Ur-Punk bei MALE, MITTAGSPAUSE und S.Y.P.H., über die avantgardistischeren, mehr aus Kunstkontexten entstandenen Ansätze bei PALAIS SCHAUMBURG, der TÖDLICHEN DORIS, den Einstürzenden Neubauten oder FSK bis zum Abgesang auf die ‚Happy New Wave’ von XAO SEFFCHEQUE und den neue Tendenzen anstoßenden, elektronischen Tanzmusiken von DAF, den KRUPPS und LIAISONS DANGEREUSES (nur: wo bleiben die GEISTERFAHRER?). Buch und CD gemeinsam konsumiert, ergibt das einen äußerst gelungenen Einblick in eine bis dahin eher dürftig dokumentierte musikalische Deutschstunde. Und wer sich jetzt fragt, warum Nena und Markus unerwähnt bleiben, der muss nachsitzen und 100 mal ‚New Wave’ an die Tafel schreiben!
Erschienen bei Suhrkamp (Buch) bzw. Universal (CD; VÖ: 22.4.2002).

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 4/02

Alan Moore & Eddie Campbell: From Hell

Die literarische Vorlage des zur Zeit in den Kinos laufenden Films From Hell mit Johnny Depp ist der gleichnamige Comic von Alan Moore und Eddie Campbell, der aus diesem Anlass jetzt auch in einer einbändigen, deutschen Gesamtauflage vorliegt. Moore (Watchmen, V wie Vendetta) hat dieses Mammutwerk zusammen mit dem Australischen Zeichner Campbell in den Jahren ´89 bis ´98 verfasst, und wenn man den ca. 600 Seiten umfassenden Wälzer erst einmal durchgearbeitet hat, wundert man sich überhaupt nicht mehr über den langen Zeitraum der Entstehung. Moore nimmt die Ereignisse um die bis dato ungelösten Whitechapel-Morde (bekannt geworden unter dem fiktiven Namen Jack the Rippers) als Aufhänger, um an ihnen den Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert zu veranschaulichen – technisch, mental, kriminal – nicht ohne die halbe Weltgeschichte zwischen Mythen-, Architektur- und Sozialgeschichte auch noch abzuhaken. Und dies tut er mit einem Rechercheaufwand, den nur ein Besessener betreiben kann. Im Rahmen der eigentlichen Mordserie stützt er sich auf zahlreiche bisherige Veröffentlichungen zum Fall, recherchiert aber auch selber und bastelt sich so seine eigene Theorie zusammen, wobei er alle Quellen, eigenen Schlüsse und fiktiven Einschübe um der Dramaturgie Willen in einem detaillierten, schriftlichen Kommentar (alleine das sind 60 Seiten) erläutert.

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Campbell arbeitet auf den ersten Blick intuitiver: In seinen fahrigen s/w-Zeichnungen ist das Londoner Nebel- und Regenwetter stets präsent – allerdings auch in den Innenräumen! Daher ist es wohl kaum überinterpretiert, wenn man in den rastlos hingekritzelten Zeichnungen einerseits die Unruhe und Ungeduld der Protagonisten widergespiegelt sieht, andererseits in ihren Ungenauigkeiten und häufig nur schemenhaften Andeutungen die vage Sachlage des Kriminalfalls reflektiert findet. Und letztendlich basiert natürlich auch die visuelle Darstellung der Architektur, der Mode und der restlichen Requisiten auf detaillierter Recherche.
Und als wäre das alles noch nicht genug, bietet dieses Comic-Monstrum im zweiten Anhang auch noch einen 24 Seitigen Bonuscomic, der sich auf der Metaebene der Entstehung des Buchs widmet. From Hell ist sofort in meine persönliche Top Ten der besten Comics aller Zeiten eingestiegen. Der Film (muss man es noch extra sagen?) ist natürlich nur eine traurige Verstümmelung der Vorlage.
(Speed Comics)

Zuerst erschienen in De:Bug 05/02

St. Thomas: „I’m Coming Home“

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Mal was neues: Country-Folk aus Norwegen! Der Novelty-Gag an sich würde natürlich als Grund für eine Rezension nicht reichen. Aber trotz aller Absurdität dieser Kombination verbirgt sich hinter ‚I’m Coming Home’ ein ernst zu nehmendes Album mit amerikanischer Folklore aus der Sicht von St. Thomas’ offensichtlichen Vorbildern wie Neil Young oder Palace Brothers. Vor allem gesanglich nähert er sich diesen beiden Helden bedrohlich nahe, fast bis zur Selbstaufgabe: Wir hören also eine leicht nasale, zarte und zerbrechliche Stimme, die auch von der vorwiegend akustischen und sparsam eingesetzten instrumentalen Begleitung kaum gestützt wird. Was aber vor allem auffällt, ist das wirklich gute Songwriting, durch das einige regelrechte Ohrwürmer entstanden sind. Dass so etwas in Norwegen in den Top Ten landet spricht zwar für das Land, kann aber kaum der musikalischen Einschätzung dienen. Aber man freut sich ja immer, wenn sympathische Minderheitenmusik ohne laute Gesten auch einmal Erfolg hat.
(City Slang/Labels/Virgin, )

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 4/02

Selten gehörte Musik in Köln

Ein antiautoritäres Lustspiel

Oswald Wiener präsentierte Mitte Januar im Kölner Volkstheater Millowitsch ‚Selten gehörter Musik’ und versuchte mit jungen Musikern, sein Projekt aus den 70er Jahren in die Jetztzeit zu katapultieren. Das gelang ihm allerdings nur ansatzweise.

Die Welten, die in Köln am Abend des 14.1. aufeinander prallten, könnten kaum verschiedener sein. ‚Selten gehörte Musik’ wurde für diesen Abend im Millowitsch-Theater angekündigt, und die Namen, die hinter diesem Projekt standen, konnten das Kölner Lustspieltheater mühelos mit einem vorwiegend jungen Publikum füllen.
‚Selten Gehörte Musik’ war in den siebziger Jahren ein aus der neodadaistischen Wiener Gruppe hervorgegangenes musikalisches Trio. Oswald Wiener (Dozent für Poetik und Ästhetik an der Düsseldorfer Kunstakademie), Gerhard Rühm und Dieter Roth haben sich in dieser Zeit für einige Konzerte und Schallplattenaufnahmen („3. Berliner Dichter-Workshop“,’73) zusammengefunden, um „…eine Ästhetik des Scheiterns auszuprobieren, das heißt eine Ästhetik des Nichtkönnens, des Möchtens, des Wollens. Und dies ist eine schmerzhafte Ästhetik, es ist eine Ästhetik der Peinlichkeiten, der Blamage, des Verzichts…“(Wiener). Durch das bewusste aufs Spiel setzen des Gelingens der Aufführung sollen die Ausdrucksmöglichkeiten der Musik erweitert werden. So nimmt man gezielt ein Instrument in die Hand, das man nicht beherrscht (falls man überhaupt eines beherrscht…), denn Kunst kommt nach Wiener nicht von können, sondern von wollen (deshalb nennt er es auch Wunst).
Nach langer Zeit hatte man nun erneut die seltene Gelegenheit, ‚Selten gehörte Musik’ zu erleben – allerdings in ganz anderer Besetzung. Auf der Bühne, in der Kulisse eines biederen, neoklassizistischen Wohnzimmers des gehobenen Bürgertums (die Kulisse der aktuellen Aufführung des Theaters), saßen nicht weniger als 13 Personen mit Glockenspiel, Gitarren, Schlagzeug, Samplern, Tuba, Saxophon, allerlei Flöten uvm. Die Liste der Beteiligten schien wild zusammengewürfelt zu sein: Mehrere Generationen avantgardistischer Aktivisten, von der ‚Wiener Family (Adam, Ingrid und Oswald Wiener) und Valie Export (Experimentalfilmerin aus dem Umfeld des Wiener Aktionismus) über Wolfgang Müller (ehem. Die Tödliche Doris) zu Marcus Schmickler, Thomas Brinkmann (der einst Schüler von Wiener war), Jan Werner von Mouse On Mars und der Medientheoretiker Nils Röller standen neben anderen auf der Bühne. Ein Generationskonflikt entstand daraus allerdings nicht. Groß war anscheinend der Respekt, den die jüngeren Teilnehmer dem Initiator Oswald Wiener entgegenbrachten.
Das Konzert wurde durch ein in dadaistischer Fantasiesprache gehaltenes Gespräch zwischen Wiener und Walter Fähndrich eingeleitet, an dem sich nach und nach alle Protagonisten beteiligten – verbal, musikalisch oder mit kleinen Handlungen. Das barg während des gut einstündigen Konzertes einige sowohl musikalische (in den besten Momenten energetisch wie ein gutes Free Jazz Konzert) als auch literarische oder gar komödiantische Höhepunkte.
Allerdings blieb das alles in allem recht brav. Die Akteure diffamierten sich zwar regelmäßig gegenseitig mit ‚peinlich,peinlich’ und ‚Blamage’ Zurufen und Fähndrich versuchte zwischendurch per Handy die Polizei wegen Ruhestörung zu rufen, doch blieb der Versuch reine Showeinlage. Ein kurzer Schlagabtausch mit Überraschungseiern zwischen Bühne und Saal verebbte schnell wieder und das biedere Ambiente auf der Bühne blieb komplett verschont. Musikalisch sehr inspirierend klangen jedoch Stefan Schmidts Traktierung der Gitarre mit einer Bohrmaschine und Jan Werners rhythmische Rückkopplungen. Überhaupt: wirkten die Einlagen der älteren Aktivisten zuweilen etwas antiquiert, so erdeten die jüngeren Teilnehmer das Unternehmen immer wieder ästhetisch im Hier und Jetzt. Damit barg das antiautoritäre Ereignis doch noch einige subtile Reibereien.
Christian Meyer

„Das Weisse Rauschen“ von Hans Weingartner

Die Wirklichkeit des Wahns

Hans Weingartners Film ‚Das Weisse Rauschen’ beschreibt realistisch den Kampf eines Schizophrenen mit seiner Krankheit.

Das weisse Rauschen entsteht, wenn alle Information gleichwertig präsent ist, eine Selektion nicht stattfindet. Don DeLillo nannte schon 1984 einen Roman über eine private Apokalypse ‚White Noise’, jetzt verwendet Hans Weingartner diesen Begriff für seinen ersten abendfüllenden Film. Auch bei ihm geht es um den Zusammenbruch eines Menschen. Lukas (gespielt von Daniel Brühl) zieht zu Beginn des Studiums von der Provinz zu seiner Schwester Kati (Anabelle Lachatte) in die Großstadt. Durch das neue soziale Umfeld verunsichert, erkrankt er an einer vererbten Schizophrenie. Erste Überreaktionen steigern sich zu drastischen emotionalen Ausfällen und führen bei ihm schließlich zu einer ausgeprägten Paranoia mit Wahnvorstellungen: Lukas hört Stimmen – beschimpfende, befehlende, Verschwörungen suggerierende – die gleichermaßen auf ihn wie auf den Zuschauer ungeordnet und sich überlagernd einstürzen.

Hans Weingartner widmet sich mit Weisses Rauschen, seinem Abschlussfilm für die Kunsthochschule für Medien in Köln, einem häufig im Kino behandelten Thema. Dort sind psychisch Kranke jedoch in der Regel entweder Genie, Gewaltverbrecher oder einfach Gaglieferant. Weingartner interessieren solche plakativen Zuordnungen nicht. Weder thematisch noch ästhetisch lässt er sich auf die Klischees des ‚großen’ Kinos ein. Stattdessen erzählt er vom Ausbruch dieser ungewöhnlichen, leider aber gar nicht seltenen Krankheit in einem schlichten, dokumentarischen Stil. Der Film wurde ohne aufwändige Beleuchtung oder Tontechnik mit drei Handkameras auf DV (Digital Video) gedreht. Dadurch konnte man mit einem kleinen Stab von nur 7 Personen und ohne ein ausformuliertes Drehbuch viel Improvisieren und auf unerwartete Entwicklungen spontan reagieren. Zudem wurde in der Zeit der 6 wöchigen Dreharbeiten hauptsächlich in Weingartens eigener Wohnung gedreht, so dass allmählich Arbeit und Freizeit, Drehort und Wohnort, Film und Realität förmlich miteinander verschmolzen.

Die Ähnlichkeit zu den Produktionsprinzipien von Dogma-Filmen ist kein Zufall – Weingarten ist bekennender Dogma-Fan! Und das Manifest des Dänischen Regisseurs Lars von Trier (‚Idioten’!) offenbart auch bei Weingartens Film seine künstlerischen Qualitäten. Alleine die schlichte Entstehung der Aufnahmen bewirkt beim Zuschauer eine eindringliche Präsenz der Protagonisten und ihrer Konflikte. Daher kann Weingartner auf ‚handelsübliche’ Effekte bei der Darstellung von Psychose oder Drogenrausch (was hier einer der auslösenden Momente der Psychose von Lukas ist) wie Zeitlupe, Unschärfe oder den Einsatz von Farbfiltern verzichten und lässt stattdessen den Blick der Kamera durch größere Nähe und weniger Stabilität der Bilder noch aufdringlicher, fragender und gleichzeitig unsicherer werden. So erhalten die Szenen der psychotischen Schübe entsprechend der im Inneren des Protagonisten wütenden Paranoia etwas bedrohliches und klaustrophobisches. Genau wie Lukas Abgrenzungsvermögen nicht mehr funktioniert, die äußeren Reize auf ihn einstürzen, kann sich der Zuschauer von dem wirbeln der Bilder und Töne nicht mehr distanzieren.

Man merkt dem Film in jeder Sekunde an, dass der Regisseur sein Thema kennt. Und wirklich: Weingartner hat vor seinem Studium an der Kölner Medienhochschule Gehirnforschung studiert und sich und den Hauptdarsteller in langen Gesprächen mit einem von der Krankheit Betroffenen auf die Arbeit vorbereitet. Der Film meidet daher jede Beschönigung: Auch als die Diagnose vorliegt, reagiert Lukas’ Umfeld (nachvollziehbar) hilflos auf dessen ‚Verrücktheiten’. Schizophrenie ist eben kein cooler Trip einer künstlerisch veranlagten Person – auch wenn Lucas’ veränderte Wahrnehmung zu faszinierenden Handlungen (z. B. bei der Zimmergestaltung) führt und in großangelegten Verschwörungstheorien immer auch ein kreatives Potential liegt. Bunte Trickeffekte würden das Thema jedoch verfehlen.
Bundesstart: 31.1.2002

Zuerst erschienen in: Süddeutsche Zeitung, NRW-Ausgabe

Workshop: Es liebt Dich und Deine Körperlichkeit ein Ausgeflippter

Falsches langsam ausschließen

Zuweilen entstehen Workshop-Platten in alten Landhäusern mit bis zu 15 Musikern. Für das neue Album ‚Es Liebt Dich Und Deine Körperlichkeit Ein Ausgeflippter’ haben sich nur Kai Althoff und Stephan Abry, der eigentliche Kern des Workshops, zusammengefunden und ihre Ideen erst kollidieren, dann fusionieren lassen.

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Mit ihrer neuen Platte entziehen sich Workshop wieder geschickt einer Schublade – indem sie gleich ganz viele anbieten: Folk, elektronische Musik und Art-‚Rock’ zum Beispiel. Aus der Schublade ihres Labels Ladomat sind sie jetzt allerdings komplett herausgefallen, um bei Sonig, ihrem neuen Label, auch nicht recht ins Programm zu passen.
Kai Althoff: Stephan wollte sehr gerne, dass die Platte folkig wird und akustische Gitarre spielen, was er am Anfang gar nicht mehr so gut konnte, wie er dachte. Das tat aber nichts zur Sache, denn wir wollten das eh teilweise sampeln und nicht 1:1 alles einspielen.
Da die beiden räumlich weit voneinander getrennt leben (Kai in Köln, Stephan in Hamburg), wurden die mitgebrachten Ideen erst beim Aufeinandertreffen für die Aufnahmen miteinander abgestimmt und modifiziert.
K.A.: Da wir uns wirklich sehr lange kennen, ist es aber so, dass man dabei nicht viel reden muss. Wir haben das teilweise auch innerhalb von Sekunden, ohne etwas zu reden, entschieden, das dies nicht geht, und dass das geht. Langes Diskutieren gab es nicht. Es gab kurze Momente, in denen einer für den anderen einen Kompromiss gemacht hat. Wenn Stephan wollte, dass da ein Mellotron drauf ist, dann habe ich gesagt: nee, das will ich eigentlich nicht, aber dann darf ich dafür woanders mal was sagen. Aber das waren wirklich kleine Sachen.

Nach einer langzeitigen räumlichen Trennung ist man natürlich verstärkt unterschiedlichen Einflüssen ausgeliefert, trägt also zunehmend unterschiedliche Ideen ins Studio. So kommt es dann, dass zwei Ideen etwas skurril aufeinander prallen: hier die Akustik-Gitarre, da die Drummaschine…
K.A.: Sicherlich will man gerne unterbringen, welche Musik man gerade hört. Wir freuen uns aber auch darüber, dass in der Konsequenz, weil der Andere was anderes will, wir uns das gegenseitig wieder kaputtmachen. Nur so kann etwas passieren, was interessant ist. Im Kern, von den Emotionen her, ist das immer die gleiche Sache, die sich eben in der Form immer sehr verändern kann. Deswegen würde ich nicht sagen, dass wir aufeinander geprallt sind. Wir waren uns schon einig. Ich hätte es nur nicht gerne gehabt, wenn da die ganze Zeit ein richtiges Schlagzeug zu hören gewesen wäre. Das hätte mich nicht interessiert. Mir gefällt ja gerade, dass das sehr stumpfe Snare-Getrommel einhergeht mit etwas, was doch eher ergreifend ist
Und mit Computern und Samples kann man ja auch wunderbar das Handwerkliche unterwandern…
K.A.: Virtuosität in der Musik interessiert uns sicherlich nicht. Mich interessiert der Punkt der Euphorie, an dem man merkt, etwas könnte gut werden, und es atemlos fertig stellt. Jedes Stück musste ja in zwei Tagen fertig werden. Wenn man merkte, dass man zu lang dran rum bastelte, war auch klar: dass würde so nichts werden. Mir gefällt der Gedanke sehr gut, deswegen Computer anzuwenden, weil es schnell gehen muss, weil man sonst schon wieder alles verloren hat. Auch wenn es nicht die besten Sounds sind. Wenn das Gefühl bei der Platte stimmt, wird man sich nicht daran aufhalten – auch nicht daran, wie z.B. die Gitarre gespielt ist – das ist wirklich nicht wichtig.

Wichtig sind hingegen die Texte, die sich in eigentümlicher Sprache zart und zärtlich am Schönen weiden und dessen Vergänglichkeit reiben, und sämtlich von Kai Althoff stammen. Vorher bereits fertig geschrieben, hat er sie frei über die Stücke gesungen, und meistens hat es auch direkt gepasst.
K.A.:Teilweise habe ich dann etwas improvisiert, um zu gucken, ob man diesen Satz als Refrain benutzen kann oder nicht. Wobei: Wiederholen ist eh immer richtig und gut – wenn es wichtig ist.

Zuerst erschienen in De:Bug 1/02