Niobe: White Hats

Mit Niobes Platten weht immer ein Hauch Nostalgie ins Haus. Allerdings sind ihre Platten frei von allen problematischen Aspekten der Nostalgie. Yvonne Cornelius, wie sich die Künstlerin im richtigen Leben nennt, will nicht eine alte, vermeintlich bessere Zeit heraufbeschwören, indem sie historisches nachstellt. Ihren Stücken haftet stattdessen immer etwas Zerrissenes an.

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So wie auf dem Cover durch eine Collage mit ausgerissenen Motiven eine ungewöhnliche Spannung entsteht, so entsteht unter ähnlichen Bedingungen ein ganz eigentümliches changieren zwischen gestern und heute in ihren Songs. Verstaubte Platten von alten (Blues)-Sängerinnen sind das Gestern, elektronische Produktionsweisen und dekonstruktive Momente sind das Heute. „White Hats“, mit zahlreichen Gästen wie Wechsel Garland, liefert eine ungemein reiche Verbindung von beidem.
(Tomlab / Hausmusik, VÖ: 23.6.06)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 07/06

TV on the Radio: Return to Cookie Mountain

“Hoppla, jetzt kommen wir!” Soundwände türmt das inzwischen zum Quintett erweiterte Trio aus Brooklyn auf, dass einem fast hören und sehen vergeht. Aber hinhören sollte man auf jeden Fall, denn der Sound der Band, die gerne in einen Topf mit all den jungen Rock-Bands geschmissen wird, ist äußerst vielschichtig.

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Ein wenig erinnert ihre Experimentierfreude an die Liars. Doch wo jene sich gerade zunehmend von der Rockmusik verabschieden, nähern sie TV on the Radio mit ihrem neuen Album den rockigen Sounds enthusiastisch an. Das klingt dann stellenweise tatsächlich nach unbefangenem Glam-Rock (ach ja: David Bowie ist hier als Gast zu hören). Und wenn man stutzt, dass man zwischendurch auch The Sisters of Mercy rauszuhören glaubt, dann passt auch das, war doch der Post-Punk von Bands wie Bauhaus, Virgin Prunes oder eben den Sisters of Mercy stark vom Glam Rock beeinflusst.
(4 AD, VÖ: 30.6.06)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 07/06

The Nova Dream Sequence: Interpretations – A King Britt Project

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King Britts Hommage an die Erfinder von Techno

Für so einen wie King Britt gibt es im Deutschen schöne Ausdrücke: Tausendsassa etwa, oder noch illustrativer: Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Die Gassen des King Britt reichen von der HipHop-Road über die House-Street zur Techno-Alley. Letzteres ist sein jüngstes, eher untypisches Operationsgebiet.

Der aus Philadelphia stammende DJ und Produzent steht eigentlich vor allem für einen Sound zwischen HipHop, House, Soul und Funk. Angefangen hat er in den frühen 90er Jahren, als er zusammen mit seinem Freund Josh Wink Platten veröffentlichte und 1993 als E-Culture mit „Tribal Confusion“ sogar einen weltweiten Hit hatte. Für die inzwischen legendäre, jazzige HipHop-Formation Digable Planets war er außerdem zwei Jahre lang als Live-DJ unterwegs. Zuletzt erschien vor drei Jahren sein viel gefeiertes HipHop-Album „Adventures in Lo-Fi“. Und nun also Techno.

„The Nova Dream Sequence (Interpretations)“ riecht ein wenig – wie so gerne bei King Britt – nach Konzeptalbum. Alleine die Titel machen das schon klar: Dream 1 bis 15 findet man hier. Aber keine Angst. Es ist kein Ambient-Trance-Walgesänge-Trip, auf dem Britt hier wandelt. Vielmehr regiert ein knackiger 4/4-Beat, und auch die an- und abschellenden Sounds haben einige Kanten aufzuweisen. „Dream“ heißen die Stücke, weil sie angeblich Vertonungen und Interpretationen von Britts Träumen sind. Und auch musikalisch weisen sie durch ihren wogenden Aufbau trotz aller Stringenz und Schärfe eine verträumte, warme Qualität auf. Musikalisch rekuriert King Britt, der neben seiner Liebe für Soul, Funk und HipHop auch eine lange gehegte Vorliebe für elektronische Musik – von Kraftwerk zu Techno – hat, eindeutig auf Detroit und den dort entstandenen, stoisch maschinellen Maschinensound und Black Music vereinenden Techno. Derrick May, erklärtermaßen ein großes Vorbild für den Mann aus Philadelphia, darf dann auch gleich die Platte auf dem Frontcover mit seinen lobenden Worten schmücken. Und der Münchner Michael Reinboth darf sich freuen, das Werk auf seinem Compost Label veröffentlichen zu dürfen.
(Compost, VÖ: 30.6.06)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 07/06

Four Tet: DJ Kicks

Querfeldein-Mixe sind zwar auch nicht mehr so einzigartig, aber oft genug unterhaltsamer als Label- oder Genre-Sampler, und in der Ausführung eines Kieran Hebden aka Four Tet tatsächlich etwas ganz besonderes.

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Alleine die Mixtechnik ist jenseits des guten Handwerks, denn neben gemixten Übergängen finden sich hier häufig kleine eingespielte Synthie-Miniaturen von Hebden, dievon Individualismus (ganz zu schweigen von dem großartigen, exklusiv angefertigten Four Tet-Track „Pockets“) zeugen. Für die Auswahl gilt das sowieso: der großartige David Behrman leitet beinahe akademisch ein, während im Folgenden Cut-up-House, Free-Jazz, Soul, HipHop und vieles mehr sich die Hände reicht. Mit u.a. Curtis Mayfield, Akufen, Gong, Cabaret Voltaire, Autechre, Group Home, Animal Collective, So Solid Crew, Madvillain.
(!K7 / Rough Trade, VÖ: 23.6.06)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 06/06

Can komplett

Mit fünf weiteren CD-Veröffentlichungen ist die Reissue-Reihe der Kölner Band abgeschlossen

Die nicht nur in Köln, sondern weltweit legendäre Band Can hat zwischen 1968 und 1974 fünf großartige Alben und zwei Compilations veröffentlicht. Mit dem dritten Schwung der Remastered-Veröffentlichungen sind mit „Flow Motion“ (’76), „Saw Delight“ (’77), „Can“ (’79) und „Rite Time“ (’89) die letzten vier Alben der Band an die Reihe.

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Ganz klar kommen die Platten nicht an die früheren Meisterwerke heran. Doch ist es nicht nur interessant, wie Can zeitgenössische Entwicklungen wie Reggae, Disco und elektronische Popmusik in ihre Musik einflochten, sondern die eigentümlichen Soundlandschaften der Band sind auch hier immer noch faszinierend. Als kleine Perle erscheint außerdem das erst 1981 erschienene Album „Delay“ mit Material, das ursprünglich für das erste Can-Album geplant war. Und das ist wahrlich – ohne wenn und aber – ein großartiges Meisterwerk (Spoon/ 23.6.06).

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 06/06

Herbert: Scale

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Herbert verbreitet politisch-korrekt gute Laune

„Ehrlich gesagt bin ich von mir selbst etwas angepisst. Ich wollte eine fröhliche Pop-Platte machen, aber ich habe es nicht getan. Das geht einfach nicht, wenn Dick Cheney an der Macht ist.“ Der US-Amerikanische Vize-Präsident hätte es fast geschafft, aber irgendwie ist es dann doch die fröhliche Pop-Platte geworden. Mitgeholfen haben ein Kammerorchester und diverse Hörner, einige Vokalisten, darunter wie immer Matthew Herberts Lebensgefährtin Dani Siciliano, aber auch ein Anrufbeantworter, Meteoriten, Benzinpumpen und ein Tornado-Bomber.

Letztere sind signifikant dafür, dass Herbert nicht nur erneut das Sampling fremder Musik ablehnt und alle Sounds entweder spielt bzw. spielen lässt, oder aber Umweltgeräusche sampelt. Sie verweisen auch auf den hinter dem Klang lauernden Subtext dieser Platte, die abermals von einem Grundthema beherrscht wird. War es bei dem etwas schwerverdaulichen Vorgänger „Plat du Jour“ das Thema Nahrungsmittel, so ist diesmal das Öl an der Reihe. Beides politisch aufgeladene Themen, an Hand derer man Fragen zu Globalisierung und Verteilungskämpfen stellen kann.

Musikalisch lässt Matthew Herbert auf „Scale“ einige seiner Projektabteilungen näher zusammenrücken. Sein ‚Pseudonym’ Herbert stand immer für House, und den findet man alleine schon in den Beats. Aber auch Jazz- und Big Band-Elemente, wie man sie von Matthew Herberts Big Band kennt, finden Einlass in die Musik. Und nicht zuletzt die rhythmischen Finessen von frühen Projekten wie Radio Boy und Wishmountain sorgen für Spannungsreiche Momente. Die Annäherung an Popmusik ist auf „Scale“ jedoch in seiner bislang deutlichsten Form vollzogen, ohne dass man Herbert damit Radiokompatibilität vorwerfen müsste. Auf besseren Sendern würden allerdings sowohl die balladeskeren Momente als auch die Housetracks ihren Platz finden. Denn kopfgebürtig oder grüblerisch klingt die Musik bei allem gedanklichen Unterbau keineswegs. Ehrlich gesagt, sind wir von der neuen Platte von Matthew Herbert mal wieder alles andere als angepisst.
(Accidential / !K7, VÖ: 26.5.06)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 06/06

Lithops: Queries

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Jan St. Werner kennt man vor allem von Mouse on Mars. Neben seinem Projekt Microstoria (zusammen mit Markus Popp von Oval) veröffentlicht er außerdem solo als Lithops. „Queries“ versammelt bislang unveröffentlichtes Material aus den Jahren 1995 bis 1999 und drei vergriffene Vinyl-Veröffentlichungen aus dieser Zeit. Die kleinteiligen Stücke sind mal frei und ohne Beat organisiert, mal rhythmisch sehr komplex strukturiert und auch mal richtiggehend ravig. Und Humor kann man diesen Queries bei aller Sperrigkeit sicherlich auch nicht absprechen.
(Sonig / Rough Trade, VÖ: 2.6.06)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 06/06

The Who – Under Review (DVD)

Sicherlich war der legendäre Auftritt von The Who in der Smothers Brothers TV-Show mit „My Generation“ eine Inspiration für die Punkbewegung.

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Nicht nur Pete Townshends musikalische Gitarrenattacken waren beeindruckend, auch die Tatsache, dass die raue Mod-Band ihre Instrumente stilsicher zerlegte, war imposant. Die DVD verfolgt die Band von der Frühzeit um 1964 bis 1968, kurz bevor sie mit einer Rockoper wie „Tommy“ überkandidelt wurden. Archivmaterial und Kommentare von Zeitzeugen und Musikkritikern komplettieren das Bild.
(Chrome Dreams)

Captain Beefheart – Under Review (DVD)

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Captain Beefheart und seine Magic Band waren eines jener seltenen musikalischen Ereignisse in der Geschichte der Popmusik, das zwar in seinen Einzelteilen auf Vorheriges zurückzuführen ist, in seiner Gesamtheit aber absolut einzigartig war: Beefhearts unnachahmliche Blues-Stimme, der hohe Abstraktionsgrad ihrer freien, von improvisierter Musik beeinflussten Rockmusik, aber auch Beefhearts Ego-Trips sind das Thema dieser gelungenen Doku, die auch Beefhearts künstlerische Tiefpunkte in der Mitte der 70er Jahre nicht verschweigt. Wie alle DVDs der Reihe erscheint auch diese nur in englischer Sprache.
(Sexy Intellectual)

Scott Walker: The Drift

Höchstens alle zehn Jahre macht Scott Walker eine Platte, seit er Mitte der 60er Jahre mit der ‚Boy Group’ The Walker Brothers ein existentialistischer Teenie Star wurde und danach Ende der 60er schnell hintereinander fünf Soloalben veröffentlichte.

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„The sun ain’t gonna shine any more“, der Titel einer der Nummer 1-Hits der Walker Brothers, trifft die Stimmung des neuen Albums des 63Jährigen am ehesten. Neue Musik, Industrialsounds, Elektronik und ein theatralisch hoher Gesang vermischen sich zu einem ergreifenden Horrortrip, der sich mühelos einreiht zwischen Furcht einflößenden Platten wie Tim Buckleys „Lorca“; Nicos „Marble Index“, Goblins Soundtracks für Dario Argento oder SPKs „Leichenschrei“. Ein harter Brocken, der die Mühe lohnt.
(4AD, VÖ: 5.5.06)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 05/05

Barbara Morgenstern: The Grass is always greener

Elektro-Pop Uff! Das ist erst mal harter Tobak, den Barbara Morgenstern uns mit dem Opener anbietet. Schlager, möchte man abwehrend ausrufen, was vor allem an dem glatten Gesang liegt. Gibt man der Platte aber eine Chance, dann merkt man schnell, dass die erste Einschätzung der Musik so gar nicht gerecht werden will.

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Schon der zweite Track „The Operator“ schielt mit schwungvollem Elektro-Pop auf die Tanzfläche. Über diesen Umweg findet man dann auch zu dem Rest der Platte, der vor allem zwischen balladesken Momenten und langen Instrumentalpassagen pendelt. Vor allem letztere zeigen Morgensterns Künste, mit viel Piano (oder dem wunderbar warmen Sound ihrer Orgel), ungewöhnlichen Harmoniefolgen und ein wenig Electronica-Geknister gefühlvolle, intelligente Musik zu kreieren – auch wenn man manchmal zurückschreckt vor der Direktheit und dem sorglosen Umgang mit vermeintlich Peinlichem.
(Monika / Indigo, VÖ: 21.4.06)

Ziggy Kinder: Akrobatik

Mit seiner ersten Maxi „Mikro Tanz“ hat der Kölner Ziggy Kinder Ende 2004 direkt für Furore gesorgt, war die gelungene Mischung von Verschrobenheit, Pop und Rockertum doch sehr überzeugend.

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Nach zwei weiteren Maxis für Ware kommt nun schon das erste Album, und sein Rezept geht nach wie vor auf. Ebenso fluffig wie knarzig, smart wie schiebend, hakend wie rollend, bewältigt Ziggy Kinder das Langformat mit offensichtlicher Freude und hat wieder einige potentielle Hits auf der Liste. Für CD-Käufer sind noch mal 3 Stücke (u.a. der grandiose „Glücksbotenstoff“ und der charmante „Probanden Tanz“ von „Mikro Tanz“) der bisherigen Maxis enthalten.
(Ware/Kompakt, VÖ: 2.5.06)

Phantom Ghost: Three

Electro-Pop Das dritte Album des Seitenprojekts von Dirk von Lowtzow (Tocotronic) und Thies Mynther (Stella, Superpunk u.a.) ist ruhiger denn je. Tanzmusik, auch gedämpft-kontemplative, findet man auf „Three“ weniger.

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Ruhige Arrangements mit viel Klavier, ein wenig Akustikgitarre und äußerst zurückhaltende Rhythmik kennzeichnen die neun neuen Stücke. Über all dem liegt sehr präsent Lowtzows Gesang, der ruhiger und melodischer ist als bei Tocotronic. „Relax it’s only a ghost“! Der Titel des zweiten, wunderschönen Stücks schwebt über diesem entspannten Album. Kein Spukgeist treibt hier sein Unwesen, sondern ein poetisch wuselndes Phantom, das zarte Lieder singt und auch mal von Hexen erzählt: Im letzten Track wird Willow besungen, die süße Hexe aus der ober-referentiellen Fantasyserie „Buffy“.
(Lado/SPV, VÖ: 28.4.06)

V/A: Dirty Diamonds 3

Zum dritten und Gerüchten zu Folge letzten Mal hat das D*I*R*T*Y Soundsystem aus Paris eine Zusammenstellung vorgelegt, die sich jeglicher Kategorisierung entzieht.

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Vage Kriterien für die Auswahl sind wie auch schon bei den beiden vorherigen Compilations eine konzentrierte Eleganz und ein morbider, dekadenter Unterton. Diese Verbindung transportieren auch die nachgestellten, klassischen Gemälde auf den Covern. Dieses Mal sind es gar zwei CDs geworden, auf denen wie immer Unbekanntes und überraschend Bekanntes, Rock, Elektronik, Disco, E-Musik u.a. von 1962 bis 2005 in einer ungewöhnlichen Verbindung zu ganz eigenen Effekten führt. Mit dabei: Animal Collective, Robert Wyatt, Mazzy Star, Cristian Vogel, Kevin Ayers, Brooks, Flash and the Pan, Soft Cell, Nico, Ennio Morricone, Supermax u.a.
(Diamond Traxx/Discograph, VÖ: 14.4.06)

Melvins – Salad of a thousand Delights (DVD)

Ein Konzert mit kleiner, aber wüster Clubatmosphäre: permanent tummeln sich Leute auf der Bühne, stagediven, wenn sie es schaffen, bevor sie vom Bassisten erwischt werden.

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Oder umgekehrt: direkt beim ersten Stück landet Joe Preston im Publikum, seinen Bass findet er erst am Ende des Stücks wieder. So war das 1991 in Olympia, südlich von Seattle. Die Melvins spielen ihren superben Stopp-and-Go-Doom-Hardcore-Metal abgeklärt, der Film ist in diesem Rahmen zwar relativ aufwändig mit mehreren Kameras gemacht, insgesamt aber doch eine sehr punkige Angelegenheit. Als Bonus gibt es noch ulkige Frühstaufnahmen von 1983 – da war sogar King Buzzo noch jung!
(MVD)

Jürgen Bonz u.a. (Hg.): Pop Journalismus

Nachdem Jürgen Bonz zuletzt den Reader “Popkulturtheorie” im Ventil-Verlag herausgegeben hatte, wo ein akademischer, ethnografisch orientierter Blick auf die Popkultur vorgestellt wurde, erscheint nun – von ihm zusammen mit Michael Büscher und Johannes Springer Herausgegeben – ein vielseitiger Band zum Thema „Pop Journalismus“, also vor allem der nicht-akademischen Beschreibung von Popmusik.

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In verschiedenen Texten wird das Schreiben in Spex, Intro und Visions verglichen, die Autorenrolle befragt oder die ökonomischen Hintergründe des Popjournalisten beleuchtet. Außerdem gibt es interessante Interviews mit anspruchsvollen Popmusik-Vermittlern wie Diedrich Diederichsen, Helmut Salzinger, Klaus Fiehe und Pinky Rose.
(Ventil, 206 Seiten, 12,90 Euro)

Bob Gruen/Nadya Beck: New York Dolls – All Dolled up (DVD)

Anfang der 70er Jahre drang durch sie der New Yorker Underground kurz an die Oberfläche: musikalisch durch harte Bands wie MC5 begünstigt, drogenmäßig am Puls der Zeit, also auf Heroin, im Transvestiten-Style von den ‚Superstars’ aus Warhols Factory, aber auch eingekleidet von Malcolm McLaren, der hier schon mal seine Hakenkreuz-Provokationen für die Sex Pistols, für die die Dolls sicherlich auch musikalisch bedeutsam waren, ausprobieren konnte, bespielten sie in der ersten Hälfte der 70er die Clubs der Großstädte.

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Bob Gruen und Nadya Beck haben sie damals drei Jahre lang begleitet und Gefilmt – auf der Bühne, Backstage, in Hotels und beim Abhängen – und nun eine Impression daraus geformt. Kommentare gibt es während der Slide-Show als Bonus.
(MVD)

The Velvet Underground: Velvet Redux – Live MCMXCIII (DVD)

„John Cale und Lou Reed im selben Raum zu sehen, ohne dass sie sich gegenseitig zerrissen, war einfach wunderbar“, erinnert sich Ronnie Cutrone in dem Buch „Please Kill Me“ zur Geschichte des Punk.

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Cutrone war zu Zeiten von Velvet Undergrounds erstem Album Assistent von Andy Warhol, der die berühmte „Bananen“-Platte 1966 produzierte. Damals wenig beachtet, wurde die Band zu einer der Haupteinflüsse für Punk und New Wave. 1993 fand man sich trotz der Spannungen zwischen Cale und Reed für einige Auftritte in Europa zusammen. Die DVD gibt die Konzerte im Pariser Olympia wieder (leider ohne jeglichen Bonus) und zeigt eine in Würde gealterte Band: Maureen Tucker trommelt stoisch, Sterling Morrison bleibt mit Bass im Hintergrund, Reed hält seinen Rockismus im Zaum und Cale sorgt mit Geige und Piano für experimentelle Momente.
(WSM/Rhino, 24.2.06)

NMFarner: Das Gesicht

Es wird ihnen selber klar sein, dass man sofort Hamburger Schule ausruft, sobald NMFarner erklingen. Berlin-Schweizer Schule müsste es gemäß des Personals richtig heißen, denn für dieses Trio haben sich die Berliner Mascha Qrella (Mina, Contriva) und Norman Nietzsche (Mina) sowie der Züricher Chriegl alias Christian Farner (Schlagzeuger bei Knarf Rellöm und außerdem erfolgreich als Comiczeichner und Illustrator für Plattencover, Konzertplakate, Bücher und Anderes tätig) zusammengefunden. So ergibt sich auch der kryptische Bandname: M(ascha)N(orman)Farner!

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Musikalisch denkt man direkt an etliche Bands vom Anfang der 90er Jahre der inzwischen geschlossenen Hamburger Schule: die frühen Blumfeld klingen deutlich an, an die Kolossale Jugend muss man ebenso denken, gesanglich vielleicht auch an Cpt. Kirk &, deren erstes Album „Stand rotes Madrid“, 1986 so etwas wie der Blueprint für die Hamburger Schule, genau wie „Das Gesicht“ mit einem deutsch-englischem Textgemisch überraschte. Die neue Platte ist trotzdem differenzierter als das NMFarner-Debüt „Die Stadt“ angelegt, das unerbittlich knallte. Auf „Das Gesicht“ gönnt man sich mehr Feinheiten, ohne an Rocker-Qualität einzubüßen. Da ist vor allem der ungestüme Bass, der häufig weit im Vordergrund die Stücke antreibt. Überhaupt scheinen die drei Spaß daran zu haben, die üblichen Verhältnisse, die Relationen auszuhebeln: mal wüten sie, dann senkt sich der Lautstärke- wie der Energiepegel ganz plötzlich, der Bass verschwindet wieder im Hintergrund, dafür kommt die Gitarre nach vorne. Ergebnis dieser wackeligen Verhältnisse ist eine manchmal unfertig wirkende, aber im besten Sinne unperfekte Rohheit, die auch nach mehrmaligem Hören Verwunderung zulässt. Und dann tauchen auch noch überall kleine Melodiehappen auf, die einen nicht in Ruhe lassen wollen – sogar Hitpotential können sie mit ihrem rauen Sound entfalten.
(Labels / EMI, VÖ: 17.2.2006)

Liars: Drum’s Not Dead

Die Liars abermals mit einer ganz eigenen archaischen Klangwelt

Dass die Mieten in Berlin niedriger sind als in Köln, ist allgemein bekannt. Dass sie auch niedriger als in New York sind, kann man sich denken. Die Liars sind zwar nicht deshalb von New York nach Berlin übergesiedelt, die Kostenersparnis war aber sicherlich ein willkommener Nebeneffekt. Und da überschüssiges Geld ausgegeben werden will, hat man dem aktuellen, dritten Album eine DVD beigelegt, auf der das komplette Album drei Mal ‚verfilmt’ wurde – das sind über 140 Minuten Bildmaterial. Da hat sich sogar die Plattenfirma zweimal überlegt, ob sie mitspielen will, zumal auch die Musik nicht gerade einen Kassenschlager erwarten lässt. Nun kommt das Album etwas verzögert endlich in die Läden und wird die mit dem zweiten Album verprellten Fans wahrscheinlich wieder an den Rand ihrer Toleranzgrenze treiben.

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Ihr Erstling „They Threw Us All In A Trench And Stuck A Monument On Top“ war noch ein Kracher im Zeichen der kantigen Gang of Four, als dieser Bezugspunkt noch nicht so abgedroschen war. Der Nachfolger „They Were Wrong, So We Drowned“ wartete dann mit düsteren Soundscapes auf und erinnerte an die späten Wire. Die Rockfraktion war irritiert. Dass das Trio nicht gewillt ist, die Enttäuschung mit dem neuen Album wieder gut zu machen, zeigt sich schnell: Das Konzeptalbum „Drum’s Not Dead“ spielt mit den Gegensätzen von Anspannung und Entspannung. Dabei spielen einerseits zwei Schlagzeuge, andererseits allerlei atmosphärische Sounds eine Rolle. Archaisch klingen sowohl die ruhigen wie die energetischen Momente der Platte, die Stimmen, die oft tribalistisch (vielleicht indianisch?) klingen, unterstützen diesen Eindruck. Neben Wire mag man daher auch an die experimentelle New Wave-Band This Heat denken. Aber bei all ihren Bezügen (im letzten Stück – einem ‚richtigen’ Song – lassen sie gar an Velvet Underground denken) sind sie nie auf ihre Einflüsse reduzierbar. Anders als viele der Bands, die sich derzeit auf die New Wave beziehen, emanzipieren sich die Liars von ihren Vorbildern komplett und kreieren eine ganz eigene Klangwelt.
(Mute/EMI; VÖ: 17.2.06)