Television Personalities: My Dark Places

Seit 1977 gibt es die Band um Daniel Treacy, und obwohl ihr ein größerer Bekanntheitsgrad stets verwehrt blieb (sie hatten 1978 mit „Part Time Punks“ mal einen veritablen kleinen Indie-Hit), genießen sie Legendenstatus.

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In den 90er Jahren wurde es ruhig um die Band, was auch auf die Drogenprobleme von Treacy zurückzuführen ist. Nun erscheint seit elf Jahren das erste neue Album. Und das klingt frisch, als hätte Treacy ein zweites Leben begonnen. In rauem Lo-Fi-Sound und mit seiner charmant-kindlichen Säuferstimme singt er seine Außenseiterballaden, mal spartanisch instrumentiert, mal angefüllt mit 60er-Jahre-Psychedelik oder elektronischen Sounds, auf jeden Fall aber immer auf höchst unkonventionelle Art arrangiert.
(Domino/Rough Trade, VÖ: 24.2.2006)

Johnny Cash: At Folsom Prison / At San Quentin

Das ist nicht nur ein Versuch, über den Johnny Cash Film “Walk the Line” noch einmal ein bisschen mit zu verdienen ( das auch, klar!), sondern eine sinnvolle Zusammenfassung der beiden Knast-Konzerte, die Cash 1968 und 1969 aufnahm, und die für ihn nach Jahren des gemäßigten Erfolgs wieder Aufwind brachten.

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Neben unzähligen seiner Hits wie I walk the Line, Ring of Fire, San Quentin, Folsom Prisom Blues, I got stripes, Wreck of the old 97) ist vor allem die Kommunikation mit seinem Publikum (und den ihn nervenden Fernsehteams) spannend. Und sorgte dafür, dass die Fernsehausstrahlung wegen seiner Gesellschaftskritik damals gecancelt wurde (beide CDs natürlich in den inzwischen erschienenen kompletten Versionen der Konzerte).
(Sony BMG, VÖ: 06)

Next Life: Electric Violence

Cock Rock Disco von Jason Forrest ist zur Zeit eh eines der besten Labels, Next Life ist aber auch unter den bislang dort erschienenen acht CDs etwas besonderes: das norwegische Duo serviert auf „Electric Violence“ eine umwerfende Mischung aus Speed-Metal, Breakcore und Art-Rock, die höchstens noch an John Zorn denken lässt.

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Der Metal äußert sich mittels brutal Schneller Double-Bassdrum (elektronisch) und Metal-Chords auf der Gitarre. Der Breakcore kommt ebenfalls über die Beats, die gerne gebrochen und abgehackt durch die Stücke irren, und der Art-Rock mischt sich über minimalistische Synthesizer-Parts, dissonante Kompliziertheiten und pathetisches Aufbäumen ein und erinnert an die so genannte Canterbury-Szene um Henry Cow, Art Bears oder auch King Crimson. Dass zwischendurch auch Kreischen und andere Formen außergewöhnlicher verbaler Äußerungen einen Platz finden, macht diese unglaubliche Veröffentlichung noch einen Tick… unglaublicher. Grandios und wirklich Mindblasting.
(Cock Rock Disco / Cargo, VÖ: 20.2.2006)

So kann man’s aber auch sehen! Armer Kerl …

Made in Sheffield – The Birth of Electronic Pop (DVD)

Die elektronische New Wave-Musik in der nordenglischen Industriestadt Sheffield stand immer im Zeichen der Stahlwerke. Dass von dort die frühen Soundcollagen von Cabaret Voltaire oder die Tanzmusik von Human League („Being Boiled“) mit ihren Industriesounds kommt, kann nicht verwundern.

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Der Film von Eve Wood beleuchtet das Entstehen der Szene aus der urbanen Umwelt und dem Interesse an Kraftwerk, zunächst durch die Sheffield-Pioniere Cabaret Voltaire, die schon seit 1974 experimentierten, dann durch die Protagonisten der aufkommenden Punkbewegung, die neuer Musik erst einen Raum bot. Interviews und Live-Material von Human League, Cabaret Voltaire, Heaven 17, ABC, Artery, der nordenglische Akzent ist allerdings eine Herausforderung bei der nicht untertitelten DVD.
(Plexifilm, VÖ: 02/06).

Miles Davis: The Cellar Door Sessions 1970

Neu entdeckte Aufnahmen einer Jazz Legende

Während der Free Jazz nach einem Jahrzehnt langsam zur Ruhe kam, schrieb Miles Davis mit seiner Annäherung an die Rockmusik Geschichte: 1970 erschien der elektrifizierte Meilenstein „Bitches Brew“, kurz darauf trat er vor 600.000 Rockfans beim Isle of Wight Festival auf.

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Zum Ende des Jahres ist er zwar wieder in einem kleinen Jazz Club angelangt, die Musik ist aber nach wie vor weit von den Jazzstandards entfernt: Zusammen mit Keith Jarrett, Jack DeJohnette, Gary Bartz, Michael Henderson und Airto Moreira und stellenweise John McLaughlin, also wieder einer fast komplett neuen Besetzung mit fast komplett neuen Stücken nach „Bitches Brew“, spielt er an vier Tagen in dem kleinen Club in Washington. Vom Rock- und Funk-Groove getragen und weit entfernt von späterem Fusion-Gedaddel, improvisieren die Musiker auf einzigartig lockere Art. Die Box mit sechs CDs kommt in edler Verpackung und einem 96Seitigen Booklet mit aktuellen Texten der Bandmitglieder. Die bislang unveröffentlichten Aufnahmen klingen mindestens genauso gut, wie diese opulente Veröffentlichung aussieht.
(Sony BMG, VÖ: 3.2.06)

Klaus Sander/ Jan St. Werner : Vorgemischte Welt

Die Kölner Jan St. Werner (Mouse on Mars) und Klaus Sander (Supposé Audioverlag) unterhalten sich in „Vorgemischte Welt“ (Suhrkamp, 230 S., 12 €) über das Musik machen mit Maschinen. Dabei gehen sie von einem klaren Schöpfer- und Kunstideal aus, das genuin Neues hervorbringt.

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Im Dialog reflektieren sie die Möglichkeiten der Kreativität in Zeiten vorprogrammierter Musikapparaturen und laden immer wieder Gäste in ihren Diskurs ein: Klaus Theleweit, Oswald Wiener, F.X. Randomiz oder Dietmar Dath. Viel Richtiges wird da gesagt über Input, Output, technische Hintergründe, das Pop- und das Kunstsystem, auch wenn der aufgeklärt bildungsbürgerliche Ansatz und Anspruch – bei aller Freundschaft der beiden Autoren zum Experiment – zuweilen etwas antiquiert wirkt in dieser Welt. Aber auch das wird reflektiert.
(Suhrkamp, 230 Seiten plus CD mit Hörbeispielen, 12 Euro)

Nick Cave and the Bad Seeds: The Road to God knows where / Live at the Paradiso (DVD)

Hier werden zwei VHS-Veröffentlichungen auf DVD zusammengefasst. Uli M. Schueppels Konzertfilm „The Road to God knows where“ begleitet die Band Anfang ’89 auf ihrer US-Tour.

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Impressionen vom Backstage-Bereich, von Hotelaufenthalten, Busfahrten, Interviews und Fototerminen zeigen einen reservierten, manchmal vom Rummel auch deutlich genervten Cave. Die zweite DVD enthält ein Konzert „Live at the Paradiso“ von 1992. Die Qualität hält sich in Grenzen und der Film ist ein wenig überambitioniert geschnitten, dank der tollen Setliste (u.a. Mercy Seat, Tupelo, From her to Eternity) ist’s aber trotzdem ein Vergnügen. Bonus: Der Kurzfilm „The Song“ zeigt die Band im Studio, „City of Refuge“ sind weitere Tourimpressionen.
(Mute)

V/A: Go Commando with James F!@#$%´` Friedman

Der aktuelle Rockhype hat auch dazu geführt, dass wieder massiv zu Rockmusik getanzt wird. Unter anderem, weil man sich in Erinnerung an den Punk-Funk der frühen 80er Jahre dessen Mittel bedient, perkussive Elemente in den Vordergrund zu rücken.

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Dahin geht auch der Mix von James F!Q#$%´` Friedman, der Dance-Remixe von Rockbands wie Bloc Party, WhoMadeWho oder Tom Vek neben Punk-Funk von Out Hud und ausgewiesener elektronischer Tanzmusik von Tiefschwarz, DJ T oder Freeform Five stellt. Der Herr, dessen Namen ich so ungerne Tippe, kann sein hohes Energieniveau tatsächlich über 70 Minuten durchhalten.
(Defend Music / Groove Attack, VÖ: 27.1.2006)

Bauhaus: Shadow of light / Archive (DVD)

Die britische Band Bauhaus könnte man zur dritten Generation der New Wave zählen. Diejenige Generation, die eigentlich erst Alben veröffentlichte, als die Welle schon abflaute. So waren sie denn auch signifikant für den Übergang zum Post-Punk und machten Wave-Rock mit Glam-Anleihen und düster-elegischen Momenten.

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Dass sie in Sachen Style und Theatralik auch ‚Mitschuld’ an Gothic u.ä. sind, zeigt die DVD, die zwei VHS-Veröffentlichungen der 80er Jahre zusammenfasst: „Shadow of Light“ mischt die Videos der Band mit einem Auftritt von 1982, „Archive“ ist ein Film von Christopher Collins mit einer etwas ungelenken Rahmenhandlung. Das historische Material ist trotzdem nicht nur für absolute Fans spannend – und die Musik klingt beim Wiederhören überraschend frisch.
(Beggars Banquet)

The Considerate Builders Scheme: Exit to Riverside

Die Musik des Südafrikaners Justin de Nobrega kann auch Leuten gefallen, die eigentlich nichts für die üblichen, aus Funk und Fernsehen üblichen HipHop-Posen übrig haben. Denn The Considerate Builders Scheme steht für Beats ohne Rhymes.

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Die Beats hingegen sind unglaublich fett (da muss man dieses abgenutzte Wort wirklich mal verwenden) und werden von kleinen Melodien umspielt, die etwas ungelenk dazwischen umher stolpern und sich nur mit aller größter Mühe wacker auf den Beinen bzw. im Takt halten. „Exit to Riveside“ offenbart eine Musik, die mit ihrer brüchigen, manchmal naiv-kindlichen Schönheit wesentlich mehr mit ähnlich gelagerten Projekten wie Funkstörung oder Prefuse 73 als mit einem 50 Cent gemein haben und mit ihrer holprigen Sexyness trotzdem stets zum Körperwackeln einladen. Tolle Platte.
(Combination / Alive, VÖ: 27.1.2006)

V/A: Future Folk

Ein selten blöder Titel. Es gab ja Anfang der 90er Jahre, zu Beginn der elektronischen Revolution, ständig Compilations, die Future Sound of Irgendwas hießen.

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Das hat, auch wenn logisch betrachtet unsinnig (gibt’s ja schon zu kaufen, ist also Gegenwart, nicht Zukunft), popistisch gedacht seine Berechtigung, will es doch eine Aufbruchstimmung formulieren und das eigene ‚vorne sein’ arrogant postulieren. Aber passt das zu Folk? Gibt es Avantgarde-Folk, oder ist das nicht ein Widerspruch in sich? Egal: tolle Zusammenstellung, die zarte, oft akustisch dominierte, mal auch elektronisch unterwanderte Musik von Colleen, Animal Collective, Ryuichi Sakamoto, Ana Da Silva (Raincoats) Psapp, den etwas überschätzten März oder The Books versammelt. Alles sehr zart und, obwohl eigenwillig, bestimmt auch allgemeinverständlich, also für’s Folk.
(Stereo Deluxe / Edel, VÖ: 24.2.2006)

Hype – The Movie (DVD)

Doug Pray zeigt mit seinem Dokumentarfilm, wie aus der lokalen Musikszene der abseitig gelegenen Großstadt Seattle das weltweite Phänomen des Grunge entstehen konnte.

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Von Mitte der 80er Jahre, als Bands wie The Melvins, Green River, Soundgarden u.a. anfingen, Punk bzw. Hardcore mit Metal und 70er-Jahre Rock zu verbinden über die Explosion durch den Erfolg von Nirvana und im folgenden Pearl Jam u.a. bis zum Tod von Kurt Cobain und dem kommerziellen Ausverkauf. Viele Interviews, Konzertausschnitte und ironische Kommentare machen den Film zu einem großen, lehrreichen Vergnügen.
(Attraction Movies, VÖ: 3.1.05)

Tortoise and Bonnie ‚Prince’ Billy: The Brave and the Bold

Als vor ein paar Monaten bekannt wurde, dass sich der Indie-Folk Held Will Oldham (Palace Brothers; Bonnie ‚Prince’ Billy) und die Post-Rock Mitbegründer Tortoise für ein Album zusammentun, war die Aufregung im digitalen Blätterrauschen groß: Im Internet wurde in zahlreichen Foren gehofft und gefürchtet und diskutiert, was dieser Zusammenprall wohl hervorbringen würde. Will Oldham, der zuletzt mit Matt Sweeney für das überaus schöne Album ‚Superwolf’ zusammenarbeitete, trifft mit seiner sensiblen und brüchigen Stimme auf die opulenten Arrangements der Konzept-Rocker Tortoise – das könnte wahrlich zum fürchten schön sein. Freundschaft und Respekt sind bei dieser Laune sicherlich im Spiel.

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Und was machen sie nun? Natürlich etwas, das man nicht erwartet: ein Coveralbum mit unterschiedlichsten Stücke: von der New Wave Band Devo, dem frühen Hardcore der Minutemen, von Elton John, Bruce Springsteen und dem soften Countrybarden Dan Williams, von den Washington-DC Hardcore Bands Lungfish und Quix*o*tic, von der Folksängerin Melanie, dem Gitarristen Richard Thompson und vom Brasilianer Milton Nascimento. Wo bleibt da der rote Faden?

Kein roter Faden! Die 6 Musiker (ausdrücklich nicht 5 Musiker einer Band plus ein Gast!) schnappen sich Stücke, die toll sind und Stücke, die absolut nicht toll sind, populäres und obskures, und übersetzen sie in eine neue, ihre Sprache. Springsteen wird mit Artrock-Anleihen ganz zart, Elton John ganz ungehobelt und dreckig, aus dem melancholischen Hardcore von Lungfish wird ein wunderschöner Electrotrack, radiotauglicher Country wird zum allerschönsten Indie-Folk und auch die anderen Stücke atmen wahrscheinlich mehr musikalische Freiheit und emotionale Tiefe als die Vorlagen. Und über allem thront Will Oldhams fagiler, zerbrechlicher Gesang, der einem ständig das Herz erweicht.
(Overcoat/Domino, VÖ: 20.1.2006)

Hans Nieswandt: „plus minus 8. DJ Tage, DJ Nächte“ (Interview)

Beruf: Diskjockey

Der Kölner House-DJ und Journalist Hans Nieswandt beschreibt in dem Buch ‚plus minus 8’ kurzweilig aber kompetent Naheliegendes und Abseitiges des DJ-Alltags.

Nicht nur sein Freund und Kollege Thomas Meinecke ist der Meinung, dass Hans Nieswandt genau der Richtige für ein solches Vorhaben war: Nach dem Lesen von Nieswandts Buch-Erstling über seine Erlebnisse als DJ kann daran in der Tat kein Zweifel mehr bestehen. In einem leichten und humorvollen Stil, der aber nie den Effekt gegen die Kompetente Darstellung der Fakten und Zusammenhänge ausspielt, beschreibt er „die zur Routine geronnene Absurdität“ (Nieswandt im Interview) des DJ-Alltags mit all seinen Abgründen (alleine ein Kapitel ist der witzigen wie treffenden Analyse der psychologischen Hintergründe der verschiedenen Typen von Hörerwünschen gewidmet). Der inhaltlichen Vielfalt kommt dabei zu Gute, dass Nieswandt als schreibender DJ und Musikproduzent eine besondere Rolle inne hat: er kann sowohl von Parties aller Größenordnungen und deren Rahmenbedingungen (umständliche Bahnfahrten und desaströse Hotelunterbringung inklusive), als auch von ungewöhnlichen Engagements für Autohersteller und das Goetheinstitut oder sogar die Erlebnisse als Popstar mit einem Nummer-1-Hit in Italien (mit seiner Band Whirlpool) berichten. Seine journalistische Erfahrung ermöglicht ihm dabei stets die Gratwanderung zwischen detaillierter Darstellung der Fakten und der kurzweiligen Erzählung von Anekdoten.

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INTERVIEW MIT HANS NIESWANDT

Kölner: Wie kam es dazu, dass Du als DJ und Produzent jetzt auch noch zum Schriftsteller geworden bist?

Hans Nieswandt: Das Buch wurde mir vom Verlag vorgeschlagen. Die Idee war, die Wirklichkeit eines DJ’s von jemandem beschreiben zu lassen, der das selbst betrieben und mitgestaltet hat. Es gibt zwar Bücher über DJ’s, aber keine von DJ’s, die das seelische – also nicht nur Fakten und Technik – sondern die Gefühls- und Erlebniswelt von DJ’s beleuchten.
Ich fand die Aufgabe direkt wahnsinnig reizvoll, empfand es aber auch als gigantisch! Am Anfang dachte ich, dass muss mindestens der Zauberberg der DJ-Kultur werden. Dann habe ich gemerkt, dass es besser ist, entspannter an die Sache ran zu gehen und nicht eine Monsterkonstruktion, die von vorne bis hinten Spannungsbögen hat, zu entwerfen. So etwas ähnliches habe ich in Arbeit, aber ich fand für diese Sache eher das Prinzip gut, einmal reinzugreifen und zu gucken: ok, das ist gut und das ist gut – also eher intuitiv zu bleiben.

Kölner: Es ist Erstaunlich, dass das Buch bei all dem ‚Geheimwissen’ ohne Glossar auskommt. Welche Idee vom Publikum steht hinter dem Buch?

Nieswandt: Das war tatsächlich neu für mich: eigentlich bin ich es gewohnt, von Spex und so, die Texte einfach so runterzuschreiben, mit allem Wortgeklingel und Insiderinformationen. Bei einem so langen Text kommt man mit tollen Worterfindungen aber nicht weit, da kommt es viel mehr auf die Substanz der Geschichte an. Das originelle Formulieren hält man wahrscheinlich gar nicht durch, und wenn man es durchhält, dann nervt es. Es ist ja für ein breites Publikum geschrieben: Ich möchte, dass Leute, die sich gut auskennen, und denen man nichts erzählen kann, sagen: das ist korrekt, dass trifft die Sache! Dass aber auch gleichzeitig Leute, die nie in Clubs gehen und vielleicht viel älter sind und einfach neugierig sind, beim lesen nicht dass Gefühl haben, nichts zu verstehen.

Kölner: Obwohl Du der Protagonist des Buchs bist, hast Du doch keine Autobiographie geschrieben. Wie wichtig bist Du dennoch für das Konzept des Buchs?

Nieswandt: Der erste Teil ist ja eher Autobiographisch. Der ist wichtig, damit man sich vorstellen kann, wie man da langsam reinwächst. und weil ich da versucht habe, die Entwicklung der Musik, der Szenen und der Städte, wie ich es erlebt habe, zu beschreiben. Es ist subjektiv, aber ich wollte damit keine Bauchnabelschau betreiben, nicht mit tollen ‚Angebergeschichten’ aufwarten. Ich wollte, dass viele Facetten vorkommen, die für mich das Bild vervollständigen. Dass auch das Elend, das es da manchmal gibt, das blöde oder das melancholische, vorkommt.

Kölner: Die literarische Form Deines Buches ist sehr interessant: es ist wie gesagt keine wirkliche Autobiographie, obwohl Du die zentrale Figur bist – vielleicht siehst Du Dich aber auch selbst im Buch nicht mehr als reale Person?

Nieswandt: Es ist schwierig, die eigenen Geschichten ständig als interessant zu empfinden. Das kommt erst wieder zurück, wenn man den literarischen Weg dazu gefunden hat, und man ein paar Schritte von der eigenen Verwicklung in die Geschichte zurücktreten kann. Irgendwann wird einem das selber wie ein Produkt, und das ist eine sehr angenehme Phase. Dann macht man Textarbeit, und versucht mit Schnitt, Kameraperspektive und handelnden Personen den Leser zu fesseln.

Kölner: Das Buch lebt von einer angenehmen Balance zwischen unterhaltsamen Anekdoten und informativen Beschreibungen und Analysen der Szenerien…

Nieswandt: Ich möchte gerne, dass in meinem Buch das Wissen, dass ich habe, 1:1 rüberkommt, dass die Fakten stimmen, die Charaktere aber wiederum eine Dramatik entwickeln, die nicht unbedingt genau die selbe gewesen sein muss: eine gewisse Inszenierung ist hilfreich, um die Sachen deutlicher zu machen.
Bei ‚plus minus acht’ war jedoch nicht Recherche, sondern das Aussieben die Hauptaufgabe. Und das hat mich während des Schreibens am meisten fertig gemacht. Ich habe vorher noch kein Buch geschrieben, und man lernt eine Menge währenddessen: zum Beispiel hilft es nicht, dass man eine Person einführt, nur damit man mal den Namen erwähnt. DJ Pierre (legendärer Houseproduzent/ Anm d. Autors) wird ja ziemlich ausführlich eingeführt, aber man hätte genauso gut Masters At Work, Todd Terry oder etliche andere schillernde Charaktere erwähnen können. Aber wenn man versucht, alle unterzubringen, dann schillert plötzlich gar keiner mehr. Mich schmerzt, dass so vieles unter den Tisch gefallen ist: Sachen in Wien, München, dem Ruhrgebiet und einiges, was wir in Köln gemacht haben. Ich habe also noch wahnsinnig viel Material. Wenn das Buch gut ankommt, bzw. was davon gut ankommt, entscheidet, wie ich weiter verfahren werde.

HANS NIESWANDT: plus minus acht – DJ Tage DJ Nächte
Kiepenheuer & Witsch, 220 S.)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 12/05

Test Icicles: For Screening purposes only

Keine Ahnung, warum sich eine Band Test Icicles (Probe Eiszapfen) nennt, aber wenn das die einzige Besonderheit der Band wäre, dann hätte sie es sicherlich mit ihrem Debüt „For screen purposes only“ nicht an diese Stelle geschafft. Und auch ihr kryptischer Albumtitel (der Satz wird bei Vorab-Pressekassetten zu kommenden Kinofilmen eingeblendet) ist nicht das einzig erwähnenswerte. Test Icicles ist ein junges Trio, das im derzeitigen Rock-Hype mit Franz Ferdinand, Maximum Park, Bloc Party und all den anderen mitschwimmt, dabei aber wesentlich rauere und stürmischere Wellen nimmt.

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Hier kracht’s gewaltig. Wer die zweite Albumauskopplung „Circle.Square.Triangle“ kennt und liebt, könnte irritiert sein, wenn nicht gar geschockt, wenn er oder sie das Album hört (im digitalen Blätterwald hat ein zarter Zeitgenosse die erste Single „“Boa vs. Python“ als ‚absolut kranke Musik’ beschrieben). Hier sind auch Mal dreckige HipHop-Beats, Rave-Sounds und Gabba-Beats eingearbeitet, ohne dass man nur eine Sekunde lang an Techno-Rock, Electro-Clash oder ähnliche Mutwilligkeiten denkt, denn die Stil-Zitate fügen sich ganz selbstverständlich in das hohe Energielevel ein. Die Gitarren sind greller und schneidender, die Drums prügeln mehr, die Vocals sind bebrüllter als bei den Kollegen. Popige Melodien sind außer bei der Single in weiter Ferne. Hier gibt’s sogar Speedmetal inlusive Grindcore-Gegrunze („Catch it!“). Die Basis der Musik von Test Icicles ist weniger der New Wave-Rock und Power-Pop der frühen 80er Jahre wie bei vielen anderen aktuellen Bands, sondern der Hardcore der späten 80er.

Dabei erinnern sie Mal an solche Hardcore-Legenden wie Fugazi, Mal an die harte Fraktion der C-86-Bands (Big Flame, A Witness), jener Generation, die ab 1986 britische Gitarrenmusik erstmals von dem übermächtigen Einfluss der New Wave befreit hat. Kantig, krachig und hektisch bis es weh tut. Und ‚weh tun’ tut nach zuviel Wohlklang und Perfektion auch wieder ganz gut.
(Domino/ Rough Trade; VÖ: 18.11.2005)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/05

The Residents: Mark Of The Mole / Intermission & The Tunes Of Two Cities / The Big Bubble

Die Mole-Trilogie der Residents, jene unvollständig gebliebene Konzept-Reihe um den Kulturclash zweier Völker, wird in zwei opulent gestalteten Doppel-CD’s wieder veröffentlicht.

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Von 1981 bis 1985 werkelte das mysteriöse Avantgarde-Quartett aus San Francisco an der mythischen Geschichte um die arbeitsamen Moles und die hochkulturellen Chubs, die nach einem Krieg sich duldend zusammenleben. „Mark of the Mole“ erzählt die Geschichte der beiden Völker, während „The Tunes of two Cities“ die beiden Musikstile der Völker präsentiert. „The Big Bubble“ ist schließlich ein fingiertes Album der gleichnamigen Band, die aus Mischlingen beider Völker, den so genannten „Cross“, besteht. Sie sollen für die neu erwachte Identität der Moles einstehen (die Platte „Intermission“ enthält die zusätzlichen Stücke der Live-Präsentation der Mole-Show).

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Klingt nach haarsträubendem Fantasie-Kitsch, ist aber ein zugleich witziges wie ernstzunehmendes Konzept, das die Residents mit düsteren archaischen und industriellen Sounds und ihrem unvergleichlichen Avantgarde-Humor umgesetzt haben. Beide Doppel-CD’s enthalten ein Booklet mit vielen Texten und Fotos.
(beide Mute, VÖ: 18.11.2005)

„Bob Dylan – No Direction Home“ von Martin Scorsese (DVD)

Schließlich hat sich kein Geringerer als Martin Scorsese des Themas annehmen müssen – wenn’s kein anderer macht:

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Bob Dylans Aufstieg vom Folk-Sänger der Gegenkultur und Bürgerrechtsbewegung der frühen 60er Jahre zu einem der bedeutendsten Musiker der Popgeschichte. Scorsese erzählt in „No Direction Home“ über 200 Minuten mittels Originalaufnahmen und Interviews von Weggefährten und Dylan selbst den Aufstieg und endet bereits mit dem legendären Newcastle-Auftritt von 1966, wo Bob Dylan die E-Gitarre einstöpselt und vom Publikum beschimpft wird. Doch ging’s erst richtig los… Inklusive zahlreicher Konzertmitschnitte von 1963-66.
(Paramount, VÖ: 10.11.2005)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/05

The Orb: Okie Dokie it’s The Orb on Kompakt

Erst mal 3 goldene Hamster für den Plattentitel! Aber auch musikalisch können The Orb, das permanent im Personalkarussell befindliche Elektronik-Projekt von Alex Paterson, nach 15 Jahren immer noch oder wieder überzeugen.

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Zur Zeit weiterhin als Duo mit Thomas Fehlmann (Palais Schaumburg, Ocean Club) unterwegs, schlendert das Album zwischen leicht shuffelnden, dubigen Tracks, ambienten Stimmungen und auch richtig tanzbaren Stücken hin und her. Immer irgendwie entspannt und auf eine unstaubige Art auch undramatisch altersweise. Das kann man im Techno ja bereits mit Ende 40 werden.
(Kompakt; VÖ: 31.10.2005)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/05

„Wir waren niemals hier“ von Antonia Ganz

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„Daß man sie liebt“

Ein Portrait der einzigartigen Rockband „Mutter“ und der dahinter stehenden Persönlichkeiten mit all ihren persönlichen Beweggründen für ihre Neben- („Mutter“) und Haupttätigkeiten.

Die Berliner Band „Mutter“ ging 1989 aus der Band „Camping Sex“ hervor. Mit schwerem Rock und düsteren, deutschen Texten galten sie schnell als Solitär in der hiesigen Musiklandschaft. Eine vage Nähe zu der neu aufkommenden Indie-Version des „Deutschrock“ brachte auch ihnen Auftrieb. Doch irgendwie haben sie es immer geschafft, den Erwartungen zu trotzen bzw. den Erfolg wieder abzuwürgen. Antonia Ganz erzählt die Geschichte der Band sehr persönlich und emotional, interviewt Freunde und Kenner wie Jörg Buttgereit, Diedrich Diederichsen, Jochen Distelmeyer, Rocko Schamoni, oder Wolfgang Müller von der Band „Die Tödliche Doris“ und Bruder von Sänger Max. Sie begleitet die Band auf Tour, kommt den Musikern dabei sehr nahe und erlebt schließlich den Ausstieg eines der Gründungsmitglieder vor laufender Kamera. Da muss man schon mal schlucken …
(Bundesstart: 20.10.2005)

zuerst erschienen in choices 10/05

Slum Village: s/t

Das fünfte Album von Slum Village kann den hohen Erwartungen an die Detroiter Crew, die des öfteren als legitime Nachfolger von A Tribe Called Quest gehandelt werden, standhalten.

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Mit viel Soul im Gepäck, aber auch der nötigen Abgeklärtheit, um nicht in Neosoul-Klischees abzusaufen, ist ihr selbstbetiteltes Album klassischer adult-orientated HipHop. Variationsreiche Raps, auch mal Gesang und nicht zuviel laid-back Feeling – denn Druck muss schon sein – halten dieses Werk von Anfang bis Ende spannend, soulful und energiegeladen. Auf der Bonus-DVD (geht ja nicht mehr ohne) gibt’s noch 40 Minuten Behind the Scenes und ein halbstündiges Interview.
(Barak, VÖ: 28.10.2005)