„American Hardcore“ von Paul Rachman

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Dies vorweg: American Hardcore ist kein Porno! American Hardcore arbeitet die Geschichte des amerikanischen Hardcore-Punks auf.

Punk ist ja in New York entstanden, mit schlichten schwarzen Lederjacken und zerschlissenen Jeans wurden Drei-Akkord-Stücke in zwei Minuten von den Ramones und anderen runter gedroschen. Irokese, Bondagehosen und die Sex Pistols waren die modische Version für England. Während dort der Post-Punk ebenso artifiziell fortgeführt wurde, entstand in den USA Ende der 1970er Jahre der so genannte Hardcore …

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zuerst erschienen in Filmstart 12/06

Musikbesessen: John Peels Memoiren

Nach seinem Tod wurde die Familie mit Briefen und E-Mails überhäuft, wurden Graffitis an Wände gesprüht und Plattenketten wie HMV und Virgin hielten Gedenkminuten ab oder spielten sein Lieblingslied „Teenage Kicks“ von den Undertones. Als er die Hälfte seiner Memoiren fertig gestellt hatte, erlag er 2004 einem Herzschlag.

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Der zweite Teil von „John Peel – Memoiren des einflussreichsten DJ’s der Welt“ (Rogner & Bernhard) stammt daher von seiner Frau Sheila und seinen vier Kindern. Munter in Erinnerungen hin und her springend, erzählen sie liebevoll, humorvoll und sehr rührend von einem einzigartigen Menschen, seiner Liebe zur Musik und seinen kleinen Macken.

Holden: Idiots are winning

And the winner is: James Holden

Auf dem Cover Abstrakter Expressionismus, darin als Suchbild versteckt eine Windmühle. Da kommt man schnell auf die Idee, dass die gewinnenden Idioten des Albumtitels à la Don Quixote gegen Windmühlen ankämpfen. Was hat James Holden damit zu tun? Der ist Mitte zwanzig, studiert oder studierte Mathematik und ist das gefeierte Wunderkind des britischen Techno – niemand bezweifelt das. Vielleicht ist er der Idiot, der den Kampf gegen die Mühlen der Plattenindustrie gewonnen hat?

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Noch keine zwanzig Jahre alt, hat er bei dem Label Silver Planet einen äußerst ungünstigen Vertrag unterschrieben, weswegen er für die zehntausenden Platten, die er verkaufte, wenig Geld sah, keine Zusammenarbeiten mit anderen Künstlern machen durfte und seinen Namen James Holden nur für Silver Planet verwenden durfte. Es dauerte einige Zeit, bis er da raus kam, sein eigenes Label Border Community gründete und als Holden seine damaligen, wahnsinnigen Erfolge als Trance-Produzent in größte Credibility als beeindruckender Technoproduzent ummünzen konnte. Denn eigentlich steht er gar nicht so sehr auf massenkompatiblen Trance, sondern mag ziemlich verquere Sounds, die zusammen mit den sich aufschraubenden rhythmischen Kleinteilen – man höre sich nur das wirbelnde „Corduroy“ an – deutlich an den Plastikman aka Richie Hawtin der frühen 90er Jahre erinnern beziehungsweise eine Brücke zwischen Kollegen wie Isolée, Ricardo Villalobos und Aphex Twin schlagen. Dabei entstehen nicht nur Tanzstücke, sondern auch verschroben-atmosphärische Soundgebilde, die mit verdrehten und verzerrten Klängen und rhythmischen Eskapaden spielen. Aber für den Club produziert er natürlich auch. Bereits auf seinem außergewöhnlichen DJ-Mix „At the Controls“ konnte man seine sagenhaften Tracks „Lump“ und „10101“ hören, die einen nicht nur mit spektakulären Sounds, sondern auch mit wunderschönen Melodien überwältigen. Ein Idiot? Hm… Gewonnen hat er mit seinem neuen Album auf jeden Fall.
(Border Community/PIAS/Rough Trade: VÖ: 17.11.2006)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 12/06

VA: Pop Ambient 2007

Seit sieben Jahren schon beschert uns das Kölner Elektronik-Label Kompakt pünktlich zur Vorweihnachtszeit besinnliche Klänge. Hinter lieblichem Blumencover verbergen sich auch in diesem Jahr wieder Ambient-Tracks aus der Künstler-Armada des Labels.

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Ihren Beitrag zum Seelenfrieden leisten dieses Mal die Dauergäste Markus Guentner, Ulf Lohmann und Andrew Thomas, die Altmeister Thomas Fehlmann (ex Palais Schaumburg), Jörg Burger (The Moderinst) als Triola und Wolfgang Voigt persönlich unter seinem Alter Ego Gas. Daneben hören wir die jüngeren Protagonisten The Field, Marsen Jules und Klimek und den aufstrebenden Kölner Popnoname. Musikalisch neu ist hier gar nichts. Vielmehr gibt man sich wertkonservativ: es rauscht und wogt, dazu die Glöckchen klingeln. Aber so wollen wir’s ja auch – immer wieder, einmal im Jahr zumindest.
(Kompakt; VÖ: 20.11.2006)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 12/06

VA: Forever Changing – The golden age of Elektra Records 1963 – 1973

Hippie-Heaven

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Jac Holzman hat Anfang der 50er Jahre das Folk- und Blues-Label Elektra gegründet. In den 60er Jahren orientierte man sich im Zuge der aufkommenden Gegenkultur zunehmend an Folk- und Bluesrock, dann an Psychedelic und andere Extreme. Die 5-CD-Box „Forever Changing – The golden Age of Elektra Records 1963-1973“ deckt diese Zeit bis zum Ausstieg Holzmans mit über 100 Stücken von Judy Collins, Doors, Love, Tim Buckley, Nico, The Stooges, MC 5 und unzähligen Obskuritäten ab. Da braucht’s schon die Feiertage zwischen Weihnachten und Neujahr, um sich durch zu wühlen.
(Rhino; VÖ: 16.11.2006)

Beirut: The Gulag Orkestar

Zack Condon als Ein-Mann-Orchester

Dieses Balkan-Orchester heißt mit bürgerlichem Namen Zack Condon, was ja auch gut klingt. Aber der 20jährige kommt weder aus Beirut noch aus dem Balkan, sondern aus New Mexico. Das Interesse an osteuropäischer Musik erklärt Condon mit der russischen Herkunft seiner Großeltern. Seine Transformation dieser Folklore in einen für Independent-Rock Hörer kompatiblen Sound macht aus „The Gulap Orkestar“ aber etwas ganz einzigartiges.

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Schwer melancholisch und Vodka getränkt singt sich Condon mit zitternder, getragener Stimme, die zuweilen an das weinerliche Organ von Thom Yorke von Radiohead erinnert, die Seele aus dem Leib. Eine schmachtende Violine, glänzende Bläsersätze, eine Quetschkommode – das sind die Instrumente, derer Condon sich bedient. Die Percussion-Elemente haben einige Freunde aus New York beigetragen, eine naiv pluckernde Beatbox findet aber auch ihren Platz. So Unterschiedliches wie Arabesken, russische Polka, trunkener Blaskapellensound und Westler-Hippness treffen hier auf eine ganz eigene Art und mit größter Emotionalität aufeinander, dass man das Wort Authentizität weder gegen noch für diese Musik ins Feld führen mag.

Mitte der 80er Jahre, in Zeiten der Post-New Wave, als kaum jemand genau wusste, wo es nun lang gehen sollte, haben etliche Independent-Bands ihre Nische in der Adaption von Folklore gefunden, ohne allzu sehr in Hippie-Glückseligkeit zu verfallen. Die Pogues mischten Irish-Folk mit Punk, Violent Femmes kombinierten College-Rock mit amerikanischer Folklore, The Band of Holy Joy bastelten in England an einer märchenhaften Fusion und Camper van Beethoven verschmolzen ihre Punkattitüde damals schon mit Country und Balkansounds. Dass die kulturelle Entwicklung gewissen zyklischen Bewegungen unterworfen ist, ist ja bekannt. Und dass wir uns gerade wieder am Ende eines New Wave-Revivals befinden ebenfalls. Warum sich also über einen texanischen Jungen, der als Ein-Mann-Balkan-Orchester musiziert, wundern. Das Ergebnis kann sich jedenfalls sehen lassen und ist weitaus mehr als ein Novelty-Gag.
(4AD / Beggars Group / Indigo; VÖ: 10.11.2006)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/06

Whirlwind Heat: Types of Wood

Betont lässig gibt sich das ungewöhnliche Trio aus der Provinz

Indie-Rock Demonstrativ hölzern und steif lässt der Sound von Whirlwind Heat ein wenig an New Wave-Minimalisten, beispielsweise Devo oder auch das ebenfalls gitarrenlose Trio Young Marble Giants denken, allerdings mit spät 80er, früh 90er Jahre Indie-Rock im Rücken. Nicht von ungefähr haben sie Ihren Bandnamen dem Raymond Pettibon Bild auf dem Cover des 90er Sonic Youth-Albums „Goo“ entnommen. „I stole my sister’s boyfriend. It was all whirlwind, heat, and flash. Within a week we killed my parents and hit the road“ steht da staubtrocken. Diese Trockenheit macht auch den Sound des Trios aus, dessen vordergründigstes Soundmerkmal das gänzliche Fehlen einer Gitarre ist. Und nicht zu vergessen: Der mitunter melodiöse Arbeit verrichtende, aber auch mal entfesselte Moog-Synthesizer gibt ihrem lakonisch-lässigen Sound eine besondere Note.

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Als „Goo“ erschien, waren die drei Jungs aus Michigan 10 Jahre alt. Mit 16 gründeten sie ihre Band, um der drohenden Zukunft im ortsansässigen Möbelladen oder Steakhaus zu entgehen. Drei Jahre und einige kleine, selbstproduzierte Veröffentlichungen später hört sie der damals noch nicht so bekannte Jack White von den White Stripes auf einem Konzert. Der Mann hat bekanntermaßen ein Faible für ungewöhnliche Band-Besetzungen. Also nahm er sie als Vorgruppe mit auf Tournee (es folgten Tourneen mit den Yeah Yeah Yeahs und The Kills) und veröffentlichte 2003 ihr erstes Album „Do Rabbits wonder“ auf seinem eigenen Label Third Man Records. Die 13 Stücke sind ausschließlich nach Farben benannt. 2004 erschien ihre 10-Track- EP „Flamingo Honey“, die mit einer Spielzeit von 10 Minuten dem „Commercial Album“ der Residents offensichtlich Konkurrenz machen wollte. Jüngst gab es eine Kollaboration mit Devonte Hynez von den aufgelösten Test Icicles. Hynez, der auch unter dem Banner Lightspeed Champion firmiert, hat zusammen mit der Band als Lightspeed Heat eine Session eingespielt, von der großes berichtet wird. Zumindest haben sie da einen ähnlich verrückten Zeitgenossen getroffen.
(Brille/Labels/EMI; VÖ: 20.10.2006)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 10/06

Pit Er Pat: Pyramids

John McEntire von Tortoise hat das zweite Album des Trios aus Chicago produziert. Zu wesentlichen Veränderungen am Sound hat das nicht geführt. Vielleicht ist das Album im Vergleich zum Vorgänger etwas ausladender geraten.

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Die Arrangements sind immer noch federnd-jazzig, atmen Luft und werden vom melancholischen Gesang der Sängerin bestimmt, es gibt aber auch ausgesprochen lange Improvisationspassagen, die recht frei gehalten sind. Die Band dürfte sich im Plattenregal weiterhin zwischen Pram, den Raincoats und Veröffentlichungen von Recommended Records recht wohl fühlen.
(Thrill Jockey / Rough Trade; VÖ:10.10.2006)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 10/06

Emerson, Lake & Palmer: Pictures at an Exhibition (DVD)

Ein erster, lustiger Höhepunkt des pompösen Symphonic-Rock: Emerson, Lake & Palmer knöpfen sich Ende 1970 im Lyceum Theatre in London Mussorgskys „Pictures at an Exhibition“ vor. Das ist manchmal ziemlich kindischer Pathos-Salat, hat mitunter aber auch coole Proto-Metal Breaks. ‚Prähistorische’ Psychedelic-Effekte im Bild versüßen die etwas unspektakuläre Show. Als Bonus gibt es auf der wieder aufgelegten DVD eine Naxos-Tonaufnahme des Originals von Mussorgsky mit haarsträubender Billiggrafik als Untermalung.
(Warner)

Vert: Some Beans & an Octopus

Erstaunlich, was einem hier an lockeren Songs entgegenhüpft. Der in Köln lebende Exilbrite Adam Butler ist eigentlich als Konzeptmusiker und Arrangeur detailverliebter, nervöser Werke bekannt.

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Die ersten Stücke seines neuen Albums klingen aber eher nach dem unbekümmerten Charme eines Jim Avignon aka Neoangin: Popmelodien haben Einzug gehalten. Im Verlauf des Albums erweitert Vert sein Spektrum noch und gibt auch R’n’B- und HipHop-Annäherungen mit Big Band- und Exotica-Elementen zum Besten. Ein Album voller Überraschungen, dem die Freude daran, Unterschiedlichstes zusammenschmeißen, in jedem Augenblick anzuhören ist.
(Sonig / Rough Trade, VÖ: 6.10.2006)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 10.06

Box Codax: Only an Orchard away

Musik und Humor – ein heikles Thema. Alexander Ragnew und Nick McCarthy, Gittarist bei Franz Ferdinand, trauen sich und haben ein zwar komplett bescheuertes Album aufgenommen, bei dem man die Menge an geflossenem Alkohol nur erahnen kann, aber es ist toll.

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Ween standen Pate ebenso wie Violent Femmes oder Frank Zappa, aber auch ultracoolen Disco, New Wave-Zickigkeit und Punk-Miniaturen findet man hier. Komischen Gesang und alberne Texte gibt’s außerdem in Hülle und Fülle: „I swam with the otter, yes i did … and we played in the pool… it was a perfect day“ – mit engelsgleichem Backgroundgesang und Meeresrauschen untermalt. Helge Schneider würde das wohl auch gefallen.
(Gomma / Groove Attack, VÖ: 22.9.)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 10/06

Jimi Tenor: ReComposed by Jimi Tenor

Nach Matthias Arfmann darf nun Jimi Tenor den Backkatalog der Deutschen Grammophon plündern und weiter verwerten. Klar, dass Tenor mit seinem avancierten Geschmack nicht wie Arfmann die nahe liegende Romantik-Abteilung in HipHop und Dub transformiert, sondern sich auf die Neue Musik des 20. Jahrhunderts stürzt, auf Edgar Varèse, Erik Satie, Pierre Boulez, und Steve Reich.

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Minimal und Musique Concrète war Tenors Musik auch nie fern. Hier bleibt er aber abgesehen von einigen Beateinlagen und Funkandeutungen doch sehr im Kosmos der Neuen Musik, den Geräusch-, Rhythmus- und Elektronik-Experimenten verhaftet. Das alles natürlich durch seine Techno-Funk-Brille betrachtet. Eine sehr spannende Perspektive.
(Deutsche Grammophon / Universal, VÖ: 15.9.)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 09/06

Darkel: s/t

Es fängt an wie man es erwartet: „Be my friend“ setzt voll auf schwülstig-dekadente 70’s-Stimmung zwischen Jean Michel Jarre-Pathos, Gruselsounds der italienischen Horror-Art-Rocker Goblin und ein wenig Weichzeichner Erotik. Man erwartet das, weil Darkel das Solo-Projekt von JB Dunckel (ein Wortwitz, den man wohl nur versteht, wenn man des Deutschen mächtig ist), einer Hälfte der Franzosen Air ist.

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Eigentlich klingt die Beschreibung des Sounds ja recht fürchterlich, aber wir wissen ja, das Air mit diesen Ingredienzien wirklich entrückt Schönes schaffen können. Leider verlässt Monsieur Obscurel, um den Witz auf Französisch weiterzuspinnen, das Gespür für die richtige Mischung und er verliert sich häufig nicht nur in niedlich-naivem 60’s Powerpop, sondern auch in fast schlagerhaften Schmonzetten. Da hat der Bilitis-Einfluss wohl etwas überhand genommen.
(Prototyp Rec. / Labels; VÖ: 15.9.)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 09/06

Pere Ubu: Why I hate women

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Surreal und Expressiv – 30 Jahre nach dem Debüt wieder ein grandioses Werk

Ein ganz schön provokanter Titel, der auf dem Cover zudem mit dem Hinweis “This is an irony-free recording” unterstrichen wird. Es gibt auch etliche spannendere Lesarten als Ironie, die nicht zwingend Satzaussage und Meinung des Sprechenden 1:1 gleichsetzen. Der Sänger David Thomas verweist auf den Schriftsteller Jim Thompson, dessen desillusionistische Romane (z.B. „The Getaway“) für den Titel Pate standen. Trotzdem quillt die Platte über vor Liebesliedern. Soviel dazu.

Selten seit ihrem Debüt-Album „The Modern Dance“ von 1978 haben Pere Ubu, von denen inzwischen nur noch Thomas übrig ist, Punk-Attitüde, Avantgarde-Ansatz, Soundtüftelei und Emotionalität (in alle Richtungen!) so grandios miteinander verbunden. Der Rockanteil drängt die Stücke ungeduldig und ungestüm mit Captain Beefheartschem Freiheitsdrang nach vorne, ungewöhnliche Gitarrensoli zwischen Neil Young und MX-80 Sound inklusive. Nicht nur die ruhigeren Momente der Platte sind voller Gefühl, die ohne jegliche Schablonenhaftigkeit direkt ins Herz geht. Das durch alte Synthesizer, Theremin und andere magische Klangquellen und ungewöhnliche Aufnahmemethoden die Musik durchsetzende Geräusche, Gefiepse und Gebrumme verleiht der Musik – frei nach dem extraterristischen Sun Ra – etwas geheimnisvoll Außerirdisches – oder Überirdisches. Die oft surreal anmutenden Texte von Thomas und sein eigentümlich hoher, gepresster Gesang – wie Kermit mit Helium in der Lunge – tun ihr Übriges, diese Musik weit, ganz weit aus dem gros der Popmusik herauszuheben.

Sie werden gerne als der Missing Link zwischen The Velvet Underground und Punk angesehen und nicht selten, trotz einiger schwächerer Schaffensjahre nach der ersten Reunion in der Mitte der 80er Jahre, als „die größte Rock’n’Roll Band des Jahrhunderts, und vermutlich auch des nächsten“ (The Wire) bezeichnet. Alles Attribute, die sie mit ihrem neuen Werk eindrucksvoll bestätigen.
(Hearpen Rec. / Glitterhouse; VÖ: 15.9.2006)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 09/06

Tapes ’n Tapes: The Loon

In klassischer Indie-Rock Manier, wie man sie aus den 80er- und 90er Jahren von Bands wie den Pixies, Pavement oder Shrimp Boat kennt, schmeißen Tapes ’n Tapes harsche Gitarrenparts, popige Melodien und wohlportionierte Americana-Häppchen in einen Topf und rühren schwungvoll um. Heiter bis wolkig, Ballade bis Gitarrenwand, laut und leise sind die Pole, zwischen denen sich die vier aus Minneapolis tummeln.

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Mit ihrem selbst produzierten Debüt haben sie bereits im letzten Jahr Furore gemacht und im Eigenvertrieb 10.000 Einheiten verkauft. Das Werk wird nun endlich durch XL Recordings allgemein zugänglich gemacht. Sie könnten die neuen Indie-Stars aus Übersee werden.
(XL Recordings / Beggars Group, VÖ: 18.8.)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 08/06

Lambchop: Damaged

Gediegen kann man das schon nennen, was Lambchop seit Jahren im Bereich zwischen Indie-Rock und Nashville-Country betreiben. Fans hingegen beschwören, Sänger und Bandleader Kurt Wagner könnte sogar aus dem Telefonbuch herzzerreißend vorsingen.

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Der Titel des neuen Albums deutet darauf hin, dass vielleicht tatsächlich ein Herz zerrissen ist. Schlimme Rückschläge musste Wagner im letzten Jahr hinnehmen, doch außer dem Titel klingt nichts an „Damaged“ tragisch. Langsam wie eh und je nähern sie sich weiterhin den langsamsten ‚Americanan’ – den unvergessenen Souled American – an. Mit Klavier, Rührbesen, weich gefederten Saiteninstrumenten und der butterweichen Stimme von Wagner klingen sie sehr zart und, doch, auch sehr gediegen.
(City Slang, VÖ: 11.8.06)

zuerst erschienen in Kölner illustrierte 08/06

Kante: Die Tiere sind unruhig

Klassenbester? Kante geben sich als die Rowdies der Hamburger Schule

„Die Konkurrenz ist unruhig“. So wurde das vierte Album der Hamburger Band Kante unlängst angekündigt, und mit Konkurrenz waren natürlich die Freunde von Blumfeld und den Sternen gemeint. „Was der Altherrenriege fehlt, liefern Kante… den Biss“, wird da großmäulig verkündet. Schade eigentlich, waren die ausladenden Exkursionen zwischen Art-Rock à la Robert Wyatt oder der späten Talk Talk, die Jazzeinflüsse und sogar Afro-Beats in ihrer Musik doch immer sehr spannend. Hier wird also wieder gerockt. Wenn das der Fall ist, wie in „Die Wahrheit“ oder „Ich hab’s gesehen“, dann zeigen Kante den „zahnlosen Blumfelds und Sternen“, so der Werbetext weiter, wie sie selbst früher geklungen haben, und das nicht nur, weil Sänger Peter Thiessen mit seinem Tonfall so sehr den von Jochen Distelmeyer trifft. Aber schließlich war Thiessen selbst mal Mitglied bei Blumfeld, und so darf das nicht verwundern.

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Die Stärken des Albums liegen aber doch wieder in den vielen musikalischen Kunstgriffen und einer tiefen Emotionalität. Manchmal muss man Kante mögen, um das gut zu finden. Wenn Thiessen mit seiner weichen, ruhigen Stimme im wunderschönen Opener singt „Das Fieber steigt / Die Stadt vibriert / Meine Nerven pulsieren“, dann klingt das schon sehr absurd, denn von Unruhe ist da nichts zu hören. Aber schön ist’s. Musikalisch liefern sie trotz aller anders lautenden Ankündigungen getragene Arrangements, Orchestereinlagen und Jazz-Exkursionen. Aber auch sich langsam, aber stetig in den Himmel schraubende Gitarrenparts. Na, vielleicht liegen die Stärken dieses uneinheitlichen Albums vor allem darin, zwischen den kunstvollen Arrangements und dem ungestümem Rocken zu vermitteln. Erfrischend ist das Hin und Her auf jeden Fall. Und der Hinweis auf dem Cover „This record should be played loud“, der ist sowohl für die rockigen als auch für die orchestralen Momente des Albums sinnvoll. Wenn die Gitarrenwände dann anschwellen wie bei Mogwai, dreht man gerne den Regler noch etwas höher.
(Labels / EMI, VÖ: 4.8.2006)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 07/06