New Hollywood – Next Generation

Das übermächtige Hollywood-System der großen Studios ist dick und träge. Erfolgsrezepte werden hier gerne besonders lange tot geritten. Kein Wunder also, dass nun wieder kleineren Filmen, die Anderes wagen, mehr Erfolg zuteil wird.
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Zuerst erschienen in Filmstart 04/06

„Aus der Ferne“ von Thomas Arslan

„Eine Reise durch die Türkei“ lautet schlicht der Untertitel von Thomas Arslans neuem Film, und genau so schlicht ist der Film selbst. Es ist ein ruhiger Film, und er ist sehr offen angelegt.
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(Bundesstart: ??.??.2006)

Zuerst erschienen in choices 04/06

Scott Walker: The Drift

Höchstens alle zehn Jahre macht Scott Walker eine Platte, seit er Mitte der 60er Jahre mit der ‚Boy Group’ The Walker Brothers ein existentialistischer Teenie Star wurde und danach Ende der 60er schnell hintereinander fünf Soloalben veröffentlichte.

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„The sun ain’t gonna shine any more“, der Titel einer der Nummer 1-Hits der Walker Brothers, trifft die Stimmung des neuen Albums des 63Jährigen am ehesten. Neue Musik, Industrialsounds, Elektronik und ein theatralisch hoher Gesang vermischen sich zu einem ergreifenden Horrortrip, der sich mühelos einreiht zwischen Furcht einflößenden Platten wie Tim Buckleys „Lorca“; Nicos „Marble Index“, Goblins Soundtracks für Dario Argento oder SPKs „Leichenschrei“. Ein harter Brocken, der die Mühe lohnt.
(4AD, VÖ: 5.5.06)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 05/05

Barbara Morgenstern: The Grass is always greener

Elektro-Pop Uff! Das ist erst mal harter Tobak, den Barbara Morgenstern uns mit dem Opener anbietet. Schlager, möchte man abwehrend ausrufen, was vor allem an dem glatten Gesang liegt. Gibt man der Platte aber eine Chance, dann merkt man schnell, dass die erste Einschätzung der Musik so gar nicht gerecht werden will.

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Schon der zweite Track „The Operator“ schielt mit schwungvollem Elektro-Pop auf die Tanzfläche. Über diesen Umweg findet man dann auch zu dem Rest der Platte, der vor allem zwischen balladesken Momenten und langen Instrumentalpassagen pendelt. Vor allem letztere zeigen Morgensterns Künste, mit viel Piano (oder dem wunderbar warmen Sound ihrer Orgel), ungewöhnlichen Harmoniefolgen und ein wenig Electronica-Geknister gefühlvolle, intelligente Musik zu kreieren – auch wenn man manchmal zurückschreckt vor der Direktheit und dem sorglosen Umgang mit vermeintlich Peinlichem.
(Monika / Indigo, VÖ: 21.4.06)

Ziggy Kinder: Akrobatik

Mit seiner ersten Maxi „Mikro Tanz“ hat der Kölner Ziggy Kinder Ende 2004 direkt für Furore gesorgt, war die gelungene Mischung von Verschrobenheit, Pop und Rockertum doch sehr überzeugend.

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Nach zwei weiteren Maxis für Ware kommt nun schon das erste Album, und sein Rezept geht nach wie vor auf. Ebenso fluffig wie knarzig, smart wie schiebend, hakend wie rollend, bewältigt Ziggy Kinder das Langformat mit offensichtlicher Freude und hat wieder einige potentielle Hits auf der Liste. Für CD-Käufer sind noch mal 3 Stücke (u.a. der grandiose „Glücksbotenstoff“ und der charmante „Probanden Tanz“ von „Mikro Tanz“) der bisherigen Maxis enthalten.
(Ware/Kompakt, VÖ: 2.5.06)

Phantom Ghost: Three

Electro-Pop Das dritte Album des Seitenprojekts von Dirk von Lowtzow (Tocotronic) und Thies Mynther (Stella, Superpunk u.a.) ist ruhiger denn je. Tanzmusik, auch gedämpft-kontemplative, findet man auf „Three“ weniger.

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Ruhige Arrangements mit viel Klavier, ein wenig Akustikgitarre und äußerst zurückhaltende Rhythmik kennzeichnen die neun neuen Stücke. Über all dem liegt sehr präsent Lowtzows Gesang, der ruhiger und melodischer ist als bei Tocotronic. „Relax it’s only a ghost“! Der Titel des zweiten, wunderschönen Stücks schwebt über diesem entspannten Album. Kein Spukgeist treibt hier sein Unwesen, sondern ein poetisch wuselndes Phantom, das zarte Lieder singt und auch mal von Hexen erzählt: Im letzten Track wird Willow besungen, die süße Hexe aus der ober-referentiellen Fantasyserie „Buffy“.
(Lado/SPV, VÖ: 28.4.06)

Kollektion Ignatz

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 Der italienische Künstler Igort („5 ist die perfekte Zahl“) hat den Stein ins Rollen gebracht, und im Moment scheint er auch gut weiter zu rollen: Nachdem Igort zusammen mit David B. beim intimen Tee-Besäufnis beschlossen hat, eine „offene, erfrischend neue und poetische Sichtweise auf die Realität zu erfinden“, war auch schnell eine passende Produktionsform gewählt.

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Diverse: Japan as viewed by 17 creators

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Der Kulturaustausch unter Comicschaffenden steht hoch im Kurs: Gerade erst erschien bei dem Berliner Avant-Verlag der Band „Cargo“ mit Geschichten von durch Deutschland reisenden Israelis und durch Israel reisenden Deutschen, da werden auch schon Franzosen nach Japan geschickt, um dort die Kultur zu erkunden. Neun französische Autoren und Autorinnen sind nach Japan gereist, um dort ihre Erlebnisse und Erfahrungen im fernen Osten in Kurzgeschichten fest zu halten. Im Gegenzug wurden acht japanische Zeichner – nein, nicht nach Frankreich geholt, sondern sie wurden angehalten, auch ihren Blick auf Japan festzuhalten.

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V/A: Dirty Diamonds 3

Zum dritten und Gerüchten zu Folge letzten Mal hat das D*I*R*T*Y Soundsystem aus Paris eine Zusammenstellung vorgelegt, die sich jeglicher Kategorisierung entzieht.

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Vage Kriterien für die Auswahl sind wie auch schon bei den beiden vorherigen Compilations eine konzentrierte Eleganz und ein morbider, dekadenter Unterton. Diese Verbindung transportieren auch die nachgestellten, klassischen Gemälde auf den Covern. Dieses Mal sind es gar zwei CDs geworden, auf denen wie immer Unbekanntes und überraschend Bekanntes, Rock, Elektronik, Disco, E-Musik u.a. von 1962 bis 2005 in einer ungewöhnlichen Verbindung zu ganz eigenen Effekten führt. Mit dabei: Animal Collective, Robert Wyatt, Mazzy Star, Cristian Vogel, Kevin Ayers, Brooks, Flash and the Pan, Soft Cell, Nico, Ennio Morricone, Supermax u.a.
(Diamond Traxx/Discograph, VÖ: 14.4.06)

Melvins – Salad of a thousand Delights (DVD)

Ein Konzert mit kleiner, aber wüster Clubatmosphäre: permanent tummeln sich Leute auf der Bühne, stagediven, wenn sie es schaffen, bevor sie vom Bassisten erwischt werden.

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Oder umgekehrt: direkt beim ersten Stück landet Joe Preston im Publikum, seinen Bass findet er erst am Ende des Stücks wieder. So war das 1991 in Olympia, südlich von Seattle. Die Melvins spielen ihren superben Stopp-and-Go-Doom-Hardcore-Metal abgeklärt, der Film ist in diesem Rahmen zwar relativ aufwändig mit mehreren Kameras gemacht, insgesamt aber doch eine sehr punkige Angelegenheit. Als Bonus gibt es noch ulkige Frühstaufnahmen von 1983 – da war sogar King Buzzo noch jung!
(MVD)

Jürgen Bonz u.a. (Hg.): Pop Journalismus

Nachdem Jürgen Bonz zuletzt den Reader “Popkulturtheorie” im Ventil-Verlag herausgegeben hatte, wo ein akademischer, ethnografisch orientierter Blick auf die Popkultur vorgestellt wurde, erscheint nun – von ihm zusammen mit Michael Büscher und Johannes Springer Herausgegeben – ein vielseitiger Band zum Thema „Pop Journalismus“, also vor allem der nicht-akademischen Beschreibung von Popmusik.

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In verschiedenen Texten wird das Schreiben in Spex, Intro und Visions verglichen, die Autorenrolle befragt oder die ökonomischen Hintergründe des Popjournalisten beleuchtet. Außerdem gibt es interessante Interviews mit anspruchsvollen Popmusik-Vermittlern wie Diedrich Diederichsen, Helmut Salzinger, Klaus Fiehe und Pinky Rose.
(Ventil, 206 Seiten, 12,90 Euro)

Bob Gruen/Nadya Beck: New York Dolls – All Dolled up (DVD)

Anfang der 70er Jahre drang durch sie der New Yorker Underground kurz an die Oberfläche: musikalisch durch harte Bands wie MC5 begünstigt, drogenmäßig am Puls der Zeit, also auf Heroin, im Transvestiten-Style von den ‚Superstars’ aus Warhols Factory, aber auch eingekleidet von Malcolm McLaren, der hier schon mal seine Hakenkreuz-Provokationen für die Sex Pistols, für die die Dolls sicherlich auch musikalisch bedeutsam waren, ausprobieren konnte, bespielten sie in der ersten Hälfte der 70er die Clubs der Großstädte.

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Bob Gruen und Nadya Beck haben sie damals drei Jahre lang begleitet und Gefilmt – auf der Bühne, Backstage, in Hotels und beim Abhängen – und nun eine Impression daraus geformt. Kommentare gibt es während der Slide-Show als Bonus.
(MVD)

„Capote“ von Bennett Miller

Der Autor Truman Capote schafft mit seinem Tatsachenroman „Kaltblütig“ zwar nicht ein komplett neues Genre. Dem großartigen Werk, das er unbedingt schreiben wollte, ist er nach sechs Jahren Arbeit aber sehr nahe gekommen. Doch er zahlt einen hohen Preis dafür.

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Bennett Miller wählt ein interessantes Themenfenster: Der Film ist nicht die Verfilmung des Lebens von Truman Capote, wie der Titel nahe legen könnte. Und er ist auch nicht eine weitere Verfilmung von Capotes Roman „Kaltblütig“, obwohl der Inhalt des Films fast identisch mit dem des Romans ist. Aber nur fast, denn eine Figur des Films taucht im Buch überhaupt nicht auf – die Hauptfigur. Bennett Miller tritt mit Hilfe seines Drehbuchautors Dan Futterman und gestützt auf Gerlad Clarkes Biografie „Capote“ einen Schritt vom Roman zurück, und plötzlich kommt der Autor ins Blickfeld.

Der exzentrische Autor Truman Capote (sehr beeindruckend Philip Seymour Hoffman) beginnt nach seinem Erfolg „Frühstück bei Tiffany“ Recherchen zu einem Mordfall im Mittelwesten – eine vierköpfige Farmerfamilie war nach einem Raubüberfall tot aufgefunden worden – und reist Ende ’59, noch vor der Festnahme der beiden Täter, an den Ort des Verbrechens. Schnell ist Capote von dem Thema gebannt, und als er nach der Festnahme der Täter vor allem Perry Smith näher kommt und in dessen sensibler Einsamkeit eine Wesensverwandtschaft erkennt, vielleicht auch Liebe für ihn empfindet, kann er nicht mehr loslassen: Es soll sein bis dahin ambitioniertestes Projekt werden, bei dem er Journalismus und Literatur auf unnachahmliche Weise miteinander verbindet.

Richard Brooks gleichnamiger Film von 1967 erzählt eindrucksvoll den Roman nach. Mitchells Film erzählt Capotes Arbeit an dem Roman nach und somit automatisch auch die Ereignisse des Falls. Was hier hinzukommt, ist allerdings nicht nur eine Figur, sondern die spannende Entstehungsgeschichte dieses legendären Romans, der den Tatsachenroman zwischen Beatniks und New Journalism perfektionierte. Und es ist vor allem die schonungslos erzählte Geschichte eines einsamen, arroganten Narzissten (man lese nur „Ich bin schwul. Ich bin süchtig. Ich bin ein Genie“, sein 250 Seiten langes Gespräch mit Lawrence Grobel). Vor allem den moralischen Zwiespalt, Nutznießer der Hinrichtung zu sein – erst dann kann er sein Buch beenden – schildert der Film. Capote hat dies nie verwunden, auch wenn er weiterhin seine Rolle als Superstar in der Öffentlichkeit genoss.
(Bundesstart: 2.3.06)

Zuerst erschienen in choices 03/06

„Brokeback Mountain“ von Ang Lee

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„Go West, Young Man !“. 1865 ermunterte der New Yorker Zeitungsverlegers Horace Greeley seine Landsleute mit diesem Ausspruch, im Westen ihr Glück zu suchen. Wyoming war lange Zeit Zentrum des ‚Wilden Westens’, das legendäre Fort Laramie ein wichtiges Nadelöhr zum Westen. Hundert Jahre später kann man das karge Leben in der Prärie am Rande der nördlichen Rocky Mountains kaum glücklich nennen. Das Land ist arm, es gibt kaum Arbeit – für das ausgediente Modell ‚Cowboy’ schon gar nicht.

So sind der Rancher Ennis del Mar und der Rodeoreiter Jack Twist bereits froh, ihr ‚Glück’ in einem einsamen Job als Schafhüter in den Bergen zu finden. Unter widrigen Bedingungen hausen sie mehrere Monate zusammen in einem Zelt – Ennis schützt in den Nächten die Herde vor Raubtieren, Rick kümmert sich vor allem um die Verpflegung. Langsam kommen sich die beiden wortkargen Männer näher – auch körperlich. Als Ennis wegen eines plötzlichen Wintereinbruchs eines Nachts nicht zur Herde kann und die Temperaturen ungemütlich werden, übermannt es die beiden. Viel Platz für derartige Gefühle zwischen zwei Männern gibt es in dieser Welt aber nicht. Vor allem für den introvertierten Ennis sind die Ereignisse in den Bergen zunächst nur ein Ausrutscher, die darin liegenden Möglichkeiten, ein anderes Leben zu leben, sieht er eher als eine Gefahr denn eine Perspektive. Auf weitere Annäherungsversuche von Jack reagiert er mit brüsker Zurückweisung.

„Go West, Young Man“ ist auch der Titel eines Dokumentarfilms von 2003, in dem den Orten und Geschichten der Western-Filme nachgespürt wird. Dabei macht der Film Halt in Wyoming und stößt auf die Schriftstellerin Annie Proulx, die sich auf ungewöhnliche Art am Mythos des Westerns abarbeitet. Die Kurzgeschichte „Brokeback Mountain“ der Purlitzer-Preisträgerin ist die Vorlage für Ang Lees ungewöhnlichen Cowboy-Film. Die unwirtliche, windige Prärielandschaft, die in dem Dokumentarfilm zu sehen ist, prägt nicht nur die Eingangssequenz von „Brokeback Mountain“: ein sandiger Platz, der Wind treibt den Staub vor sich her – es ist kalt. Vor einem schäbigen Container, der als Büro dient, treffen sich Ennis und Jack zum ersten Mal, als sie sich um den Job bewerben, der sie in die Rocky Mountains führt. Dann wähnt man sich fast in einem klassischen Western: beeindruckende Totalen der Gebirgslandschaft und das wortkarge Gebaren der Männer prägen den Film. Doch dann biegt der Film wieder ab und wird ein psychologisches Langzeitportrait einer kaum ausgelebten schwulen Liebesbeziehung und eine erbarmungslose Sozialstudie ihrer kleinbürgerlichen Umgebung.
Nachdem ihre gemeinsame Zeit ein Ende gefunden hat, flüchtet sich Ennis in ein trostloses, bürgerliches Leben mit Frau und Kindern und auch Jack reiht sich ein in die Rolle des Familienvaters. Ihre heimlichen Sehnsüchte leben sie nur alle paar Monate, oft seltener, bei gemeinsamen Angeltouren aus. Rick glaubt zunehmend an die Möglichkeit, in einer Beziehung mit Ennis sein Leben voller Kompromisse und Lügen hinter sich lassen zu können, Ennis jedoch kann nicht einmal sich selbst die Wahrheit über seine Gefühle eingestehen. Das Doppelleben nagt an den Protagonisten – wirkliche Wärme und Nähe überlebt in dieser Umgebung nicht.
(Bundesstart: 9.3.2006)

Zuerst erschienen in Filmstart 03/06

The Velvet Underground: Velvet Redux – Live MCMXCIII (DVD)

„John Cale und Lou Reed im selben Raum zu sehen, ohne dass sie sich gegenseitig zerrissen, war einfach wunderbar“, erinnert sich Ronnie Cutrone in dem Buch „Please Kill Me“ zur Geschichte des Punk.

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Cutrone war zu Zeiten von Velvet Undergrounds erstem Album Assistent von Andy Warhol, der die berühmte „Bananen“-Platte 1966 produzierte. Damals wenig beachtet, wurde die Band zu einer der Haupteinflüsse für Punk und New Wave. 1993 fand man sich trotz der Spannungen zwischen Cale und Reed für einige Auftritte in Europa zusammen. Die DVD gibt die Konzerte im Pariser Olympia wieder (leider ohne jeglichen Bonus) und zeigt eine in Würde gealterte Band: Maureen Tucker trommelt stoisch, Sterling Morrison bleibt mit Bass im Hintergrund, Reed hält seinen Rockismus im Zaum und Cale sorgt mit Geige und Piano für experimentelle Momente.
(WSM/Rhino, 24.2.06)

NMFarner: Das Gesicht

Es wird ihnen selber klar sein, dass man sofort Hamburger Schule ausruft, sobald NMFarner erklingen. Berlin-Schweizer Schule müsste es gemäß des Personals richtig heißen, denn für dieses Trio haben sich die Berliner Mascha Qrella (Mina, Contriva) und Norman Nietzsche (Mina) sowie der Züricher Chriegl alias Christian Farner (Schlagzeuger bei Knarf Rellöm und außerdem erfolgreich als Comiczeichner und Illustrator für Plattencover, Konzertplakate, Bücher und Anderes tätig) zusammengefunden. So ergibt sich auch der kryptische Bandname: M(ascha)N(orman)Farner!

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Musikalisch denkt man direkt an etliche Bands vom Anfang der 90er Jahre der inzwischen geschlossenen Hamburger Schule: die frühen Blumfeld klingen deutlich an, an die Kolossale Jugend muss man ebenso denken, gesanglich vielleicht auch an Cpt. Kirk &, deren erstes Album „Stand rotes Madrid“, 1986 so etwas wie der Blueprint für die Hamburger Schule, genau wie „Das Gesicht“ mit einem deutsch-englischem Textgemisch überraschte. Die neue Platte ist trotzdem differenzierter als das NMFarner-Debüt „Die Stadt“ angelegt, das unerbittlich knallte. Auf „Das Gesicht“ gönnt man sich mehr Feinheiten, ohne an Rocker-Qualität einzubüßen. Da ist vor allem der ungestüme Bass, der häufig weit im Vordergrund die Stücke antreibt. Überhaupt scheinen die drei Spaß daran zu haben, die üblichen Verhältnisse, die Relationen auszuhebeln: mal wüten sie, dann senkt sich der Lautstärke- wie der Energiepegel ganz plötzlich, der Bass verschwindet wieder im Hintergrund, dafür kommt die Gitarre nach vorne. Ergebnis dieser wackeligen Verhältnisse ist eine manchmal unfertig wirkende, aber im besten Sinne unperfekte Rohheit, die auch nach mehrmaligem Hören Verwunderung zulässt. Und dann tauchen auch noch überall kleine Melodiehappen auf, die einen nicht in Ruhe lassen wollen – sogar Hitpotential können sie mit ihrem rauen Sound entfalten.
(Labels / EMI, VÖ: 17.2.2006)

Liars: Drum’s Not Dead

Die Liars abermals mit einer ganz eigenen archaischen Klangwelt

Dass die Mieten in Berlin niedriger sind als in Köln, ist allgemein bekannt. Dass sie auch niedriger als in New York sind, kann man sich denken. Die Liars sind zwar nicht deshalb von New York nach Berlin übergesiedelt, die Kostenersparnis war aber sicherlich ein willkommener Nebeneffekt. Und da überschüssiges Geld ausgegeben werden will, hat man dem aktuellen, dritten Album eine DVD beigelegt, auf der das komplette Album drei Mal ‚verfilmt’ wurde – das sind über 140 Minuten Bildmaterial. Da hat sich sogar die Plattenfirma zweimal überlegt, ob sie mitspielen will, zumal auch die Musik nicht gerade einen Kassenschlager erwarten lässt. Nun kommt das Album etwas verzögert endlich in die Läden und wird die mit dem zweiten Album verprellten Fans wahrscheinlich wieder an den Rand ihrer Toleranzgrenze treiben.

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Ihr Erstling „They Threw Us All In A Trench And Stuck A Monument On Top“ war noch ein Kracher im Zeichen der kantigen Gang of Four, als dieser Bezugspunkt noch nicht so abgedroschen war. Der Nachfolger „They Were Wrong, So We Drowned“ wartete dann mit düsteren Soundscapes auf und erinnerte an die späten Wire. Die Rockfraktion war irritiert. Dass das Trio nicht gewillt ist, die Enttäuschung mit dem neuen Album wieder gut zu machen, zeigt sich schnell: Das Konzeptalbum „Drum’s Not Dead“ spielt mit den Gegensätzen von Anspannung und Entspannung. Dabei spielen einerseits zwei Schlagzeuge, andererseits allerlei atmosphärische Sounds eine Rolle. Archaisch klingen sowohl die ruhigen wie die energetischen Momente der Platte, die Stimmen, die oft tribalistisch (vielleicht indianisch?) klingen, unterstützen diesen Eindruck. Neben Wire mag man daher auch an die experimentelle New Wave-Band This Heat denken. Aber bei all ihren Bezügen (im letzten Stück – einem ‚richtigen’ Song – lassen sie gar an Velvet Underground denken) sind sie nie auf ihre Einflüsse reduzierbar. Anders als viele der Bands, die sich derzeit auf die New Wave beziehen, emanzipieren sich die Liars von ihren Vorbildern komplett und kreieren eine ganz eigene Klangwelt.
(Mute/EMI; VÖ: 17.2.06)

Television Personalities: My Dark Places

Seit 1977 gibt es die Band um Daniel Treacy, und obwohl ihr ein größerer Bekanntheitsgrad stets verwehrt blieb (sie hatten 1978 mit „Part Time Punks“ mal einen veritablen kleinen Indie-Hit), genießen sie Legendenstatus.

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In den 90er Jahren wurde es ruhig um die Band, was auch auf die Drogenprobleme von Treacy zurückzuführen ist. Nun erscheint seit elf Jahren das erste neue Album. Und das klingt frisch, als hätte Treacy ein zweites Leben begonnen. In rauem Lo-Fi-Sound und mit seiner charmant-kindlichen Säuferstimme singt er seine Außenseiterballaden, mal spartanisch instrumentiert, mal angefüllt mit 60er-Jahre-Psychedelik oder elektronischen Sounds, auf jeden Fall aber immer auf höchst unkonventionelle Art arrangiert.
(Domino/Rough Trade, VÖ: 24.2.2006)

Johnny Cash: At Folsom Prison / At San Quentin

Das ist nicht nur ein Versuch, über den Johnny Cash Film “Walk the Line” noch einmal ein bisschen mit zu verdienen ( das auch, klar!), sondern eine sinnvolle Zusammenfassung der beiden Knast-Konzerte, die Cash 1968 und 1969 aufnahm, und die für ihn nach Jahren des gemäßigten Erfolgs wieder Aufwind brachten.

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Neben unzähligen seiner Hits wie I walk the Line, Ring of Fire, San Quentin, Folsom Prisom Blues, I got stripes, Wreck of the old 97) ist vor allem die Kommunikation mit seinem Publikum (und den ihn nervenden Fernsehteams) spannend. Und sorgte dafür, dass die Fernsehausstrahlung wegen seiner Gesellschaftskritik damals gecancelt wurde (beide CDs natürlich in den inzwischen erschienenen kompletten Versionen der Konzerte).
(Sony BMG, VÖ: 06)