Jimi Tenor: ReComposed by Jimi Tenor

Nach Matthias Arfmann darf nun Jimi Tenor den Backkatalog der Deutschen Grammophon plündern und weiter verwerten. Klar, dass Tenor mit seinem avancierten Geschmack nicht wie Arfmann die nahe liegende Romantik-Abteilung in HipHop und Dub transformiert, sondern sich auf die Neue Musik des 20. Jahrhunderts stürzt, auf Edgar Varèse, Erik Satie, Pierre Boulez, und Steve Reich.

Jimi Tenor.jpg

Minimal und Musique Concrète war Tenors Musik auch nie fern. Hier bleibt er aber abgesehen von einigen Beateinlagen und Funkandeutungen doch sehr im Kosmos der Neuen Musik, den Geräusch-, Rhythmus- und Elektronik-Experimenten verhaftet. Das alles natürlich durch seine Techno-Funk-Brille betrachtet. Eine sehr spannende Perspektive.
(Deutsche Grammophon / Universal, VÖ: 15.9.)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 09/06

Darkel: s/t

Es fängt an wie man es erwartet: „Be my friend“ setzt voll auf schwülstig-dekadente 70’s-Stimmung zwischen Jean Michel Jarre-Pathos, Gruselsounds der italienischen Horror-Art-Rocker Goblin und ein wenig Weichzeichner Erotik. Man erwartet das, weil Darkel das Solo-Projekt von JB Dunckel (ein Wortwitz, den man wohl nur versteht, wenn man des Deutschen mächtig ist), einer Hälfte der Franzosen Air ist.

Darkel.jpg

Eigentlich klingt die Beschreibung des Sounds ja recht fürchterlich, aber wir wissen ja, das Air mit diesen Ingredienzien wirklich entrückt Schönes schaffen können. Leider verlässt Monsieur Obscurel, um den Witz auf Französisch weiterzuspinnen, das Gespür für die richtige Mischung und er verliert sich häufig nicht nur in niedlich-naivem 60’s Powerpop, sondern auch in fast schlagerhaften Schmonzetten. Da hat der Bilitis-Einfluss wohl etwas überhand genommen.
(Prototyp Rec. / Labels; VÖ: 15.9.)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 09/06

Pere Ubu: Why I hate women

 Pere Ubu1.jpg

Surreal und Expressiv – 30 Jahre nach dem Debüt wieder ein grandioses Werk

Ein ganz schön provokanter Titel, der auf dem Cover zudem mit dem Hinweis “This is an irony-free recording” unterstrichen wird. Es gibt auch etliche spannendere Lesarten als Ironie, die nicht zwingend Satzaussage und Meinung des Sprechenden 1:1 gleichsetzen. Der Sänger David Thomas verweist auf den Schriftsteller Jim Thompson, dessen desillusionistische Romane (z.B. „The Getaway“) für den Titel Pate standen. Trotzdem quillt die Platte über vor Liebesliedern. Soviel dazu.

Selten seit ihrem Debüt-Album „The Modern Dance“ von 1978 haben Pere Ubu, von denen inzwischen nur noch Thomas übrig ist, Punk-Attitüde, Avantgarde-Ansatz, Soundtüftelei und Emotionalität (in alle Richtungen!) so grandios miteinander verbunden. Der Rockanteil drängt die Stücke ungeduldig und ungestüm mit Captain Beefheartschem Freiheitsdrang nach vorne, ungewöhnliche Gitarrensoli zwischen Neil Young und MX-80 Sound inklusive. Nicht nur die ruhigeren Momente der Platte sind voller Gefühl, die ohne jegliche Schablonenhaftigkeit direkt ins Herz geht. Das durch alte Synthesizer, Theremin und andere magische Klangquellen und ungewöhnliche Aufnahmemethoden die Musik durchsetzende Geräusche, Gefiepse und Gebrumme verleiht der Musik – frei nach dem extraterristischen Sun Ra – etwas geheimnisvoll Außerirdisches – oder Überirdisches. Die oft surreal anmutenden Texte von Thomas und sein eigentümlich hoher, gepresster Gesang – wie Kermit mit Helium in der Lunge – tun ihr Übriges, diese Musik weit, ganz weit aus dem gros der Popmusik herauszuheben.

Sie werden gerne als der Missing Link zwischen The Velvet Underground und Punk angesehen und nicht selten, trotz einiger schwächerer Schaffensjahre nach der ersten Reunion in der Mitte der 80er Jahre, als „die größte Rock’n’Roll Band des Jahrhunderts, und vermutlich auch des nächsten“ (The Wire) bezeichnet. Alles Attribute, die sie mit ihrem neuen Werk eindrucksvoll bestätigen.
(Hearpen Rec. / Glitterhouse; VÖ: 15.9.2006)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 09/06

Tapes ’n Tapes: The Loon

In klassischer Indie-Rock Manier, wie man sie aus den 80er- und 90er Jahren von Bands wie den Pixies, Pavement oder Shrimp Boat kennt, schmeißen Tapes ’n Tapes harsche Gitarrenparts, popige Melodien und wohlportionierte Americana-Häppchen in einen Topf und rühren schwungvoll um. Heiter bis wolkig, Ballade bis Gitarrenwand, laut und leise sind die Pole, zwischen denen sich die vier aus Minneapolis tummeln.

TapesnTapes.jpg

Mit ihrem selbst produzierten Debüt haben sie bereits im letzten Jahr Furore gemacht und im Eigenvertrieb 10.000 Einheiten verkauft. Das Werk wird nun endlich durch XL Recordings allgemein zugänglich gemacht. Sie könnten die neuen Indie-Stars aus Übersee werden.
(XL Recordings / Beggars Group, VÖ: 18.8.)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 08/06

Kiriko Nananan: Blue

Blue.jpg 

Schwebend

Kiriko Nananan, die 1993 mit „Hole!“ im Underground-Manga-Magazin „Garo“ debütierte, hat schon diverse Alben veröffentlicht, im deutschsprachigen Raum ist sie allerdings noch relativ unbekannt. Zu eigentümlich ist ihr Stil, als dass sie im Manga-Strom der großen Verlage mit an die Oberfläche hätte gespült werden können. Ihre Geschichte „Blue“, die im Januar 2005 auch in der Manga-Folge der „Comix“-Reihe auf Arte vorgestellt wurde, ist nun endlich in der deutschen Übersetzung erhältlich …

„Kiriko Nananan: Blue“ weiterlesen

Das digitale Kino – Was wird sich ändern?

Digital ist fast überall – auch beim Film. Nur der klassische Kinobetrieb läuft fast immer noch wie vor hundert Jahren mittels fotochemischen Films und eines herkömmlichen Projektors ab. Doch das digitale Kino kommt und das Gerangel um die besten Plätze ist im vollen Gang…
lesen

Zuerst erschienen in Filmstart 7/06

Lambchop: Damaged

Gediegen kann man das schon nennen, was Lambchop seit Jahren im Bereich zwischen Indie-Rock und Nashville-Country betreiben. Fans hingegen beschwören, Sänger und Bandleader Kurt Wagner könnte sogar aus dem Telefonbuch herzzerreißend vorsingen.

Lambchop.jpg

Der Titel des neuen Albums deutet darauf hin, dass vielleicht tatsächlich ein Herz zerrissen ist. Schlimme Rückschläge musste Wagner im letzten Jahr hinnehmen, doch außer dem Titel klingt nichts an „Damaged“ tragisch. Langsam wie eh und je nähern sie sich weiterhin den langsamsten ‚Americanan’ – den unvergessenen Souled American – an. Mit Klavier, Rührbesen, weich gefederten Saiteninstrumenten und der butterweichen Stimme von Wagner klingen sie sehr zart und, doch, auch sehr gediegen.
(City Slang, VÖ: 11.8.06)

zuerst erschienen in Kölner illustrierte 08/06

Kante: Die Tiere sind unruhig

Klassenbester? Kante geben sich als die Rowdies der Hamburger Schule

„Die Konkurrenz ist unruhig“. So wurde das vierte Album der Hamburger Band Kante unlängst angekündigt, und mit Konkurrenz waren natürlich die Freunde von Blumfeld und den Sternen gemeint. „Was der Altherrenriege fehlt, liefern Kante… den Biss“, wird da großmäulig verkündet. Schade eigentlich, waren die ausladenden Exkursionen zwischen Art-Rock à la Robert Wyatt oder der späten Talk Talk, die Jazzeinflüsse und sogar Afro-Beats in ihrer Musik doch immer sehr spannend. Hier wird also wieder gerockt. Wenn das der Fall ist, wie in „Die Wahrheit“ oder „Ich hab’s gesehen“, dann zeigen Kante den „zahnlosen Blumfelds und Sternen“, so der Werbetext weiter, wie sie selbst früher geklungen haben, und das nicht nur, weil Sänger Peter Thiessen mit seinem Tonfall so sehr den von Jochen Distelmeyer trifft. Aber schließlich war Thiessen selbst mal Mitglied bei Blumfeld, und so darf das nicht verwundern.

Kante Tiere.jpg

Die Stärken des Albums liegen aber doch wieder in den vielen musikalischen Kunstgriffen und einer tiefen Emotionalität. Manchmal muss man Kante mögen, um das gut zu finden. Wenn Thiessen mit seiner weichen, ruhigen Stimme im wunderschönen Opener singt „Das Fieber steigt / Die Stadt vibriert / Meine Nerven pulsieren“, dann klingt das schon sehr absurd, denn von Unruhe ist da nichts zu hören. Aber schön ist’s. Musikalisch liefern sie trotz aller anders lautenden Ankündigungen getragene Arrangements, Orchestereinlagen und Jazz-Exkursionen. Aber auch sich langsam, aber stetig in den Himmel schraubende Gitarrenparts. Na, vielleicht liegen die Stärken dieses uneinheitlichen Albums vor allem darin, zwischen den kunstvollen Arrangements und dem ungestümem Rocken zu vermitteln. Erfrischend ist das Hin und Her auf jeden Fall. Und der Hinweis auf dem Cover „This record should be played loud“, der ist sowohl für die rockigen als auch für die orchestralen Momente des Albums sinnvoll. Wenn die Gitarrenwände dann anschwellen wie bei Mogwai, dreht man gerne den Regler noch etwas höher.
(Labels / EMI, VÖ: 4.8.2006)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 07/06

Niobe: White Hats

Mit Niobes Platten weht immer ein Hauch Nostalgie ins Haus. Allerdings sind ihre Platten frei von allen problematischen Aspekten der Nostalgie. Yvonne Cornelius, wie sich die Künstlerin im richtigen Leben nennt, will nicht eine alte, vermeintlich bessere Zeit heraufbeschwören, indem sie historisches nachstellt. Ihren Stücken haftet stattdessen immer etwas Zerrissenes an.

Niobe White Hats.jpg

So wie auf dem Cover durch eine Collage mit ausgerissenen Motiven eine ungewöhnliche Spannung entsteht, so entsteht unter ähnlichen Bedingungen ein ganz eigentümliches changieren zwischen gestern und heute in ihren Songs. Verstaubte Platten von alten (Blues)-Sängerinnen sind das Gestern, elektronische Produktionsweisen und dekonstruktive Momente sind das Heute. „White Hats“, mit zahlreichen Gästen wie Wechsel Garland, liefert eine ungemein reiche Verbindung von beidem.
(Tomlab / Hausmusik, VÖ: 23.6.06)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 07/06

TV on the Radio: Return to Cookie Mountain

“Hoppla, jetzt kommen wir!” Soundwände türmt das inzwischen zum Quintett erweiterte Trio aus Brooklyn auf, dass einem fast hören und sehen vergeht. Aber hinhören sollte man auf jeden Fall, denn der Sound der Band, die gerne in einen Topf mit all den jungen Rock-Bands geschmissen wird, ist äußerst vielschichtig.

TV on Radio.jpg

Ein wenig erinnert ihre Experimentierfreude an die Liars. Doch wo jene sich gerade zunehmend von der Rockmusik verabschieden, nähern sie TV on the Radio mit ihrem neuen Album den rockigen Sounds enthusiastisch an. Das klingt dann stellenweise tatsächlich nach unbefangenem Glam-Rock (ach ja: David Bowie ist hier als Gast zu hören). Und wenn man stutzt, dass man zwischendurch auch The Sisters of Mercy rauszuhören glaubt, dann passt auch das, war doch der Post-Punk von Bands wie Bauhaus, Virgin Prunes oder eben den Sisters of Mercy stark vom Glam Rock beeinflusst.
(4 AD, VÖ: 30.6.06)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 07/06

The Nova Dream Sequence: Interpretations – A King Britt Project

 Nova Dream Sequence.jpg

King Britts Hommage an die Erfinder von Techno

Für so einen wie King Britt gibt es im Deutschen schöne Ausdrücke: Tausendsassa etwa, oder noch illustrativer: Hans-Dampf-in-allen-Gassen. Die Gassen des King Britt reichen von der HipHop-Road über die House-Street zur Techno-Alley. Letzteres ist sein jüngstes, eher untypisches Operationsgebiet.

Der aus Philadelphia stammende DJ und Produzent steht eigentlich vor allem für einen Sound zwischen HipHop, House, Soul und Funk. Angefangen hat er in den frühen 90er Jahren, als er zusammen mit seinem Freund Josh Wink Platten veröffentlichte und 1993 als E-Culture mit „Tribal Confusion“ sogar einen weltweiten Hit hatte. Für die inzwischen legendäre, jazzige HipHop-Formation Digable Planets war er außerdem zwei Jahre lang als Live-DJ unterwegs. Zuletzt erschien vor drei Jahren sein viel gefeiertes HipHop-Album „Adventures in Lo-Fi“. Und nun also Techno.

„The Nova Dream Sequence (Interpretations)“ riecht ein wenig – wie so gerne bei King Britt – nach Konzeptalbum. Alleine die Titel machen das schon klar: Dream 1 bis 15 findet man hier. Aber keine Angst. Es ist kein Ambient-Trance-Walgesänge-Trip, auf dem Britt hier wandelt. Vielmehr regiert ein knackiger 4/4-Beat, und auch die an- und abschellenden Sounds haben einige Kanten aufzuweisen. „Dream“ heißen die Stücke, weil sie angeblich Vertonungen und Interpretationen von Britts Träumen sind. Und auch musikalisch weisen sie durch ihren wogenden Aufbau trotz aller Stringenz und Schärfe eine verträumte, warme Qualität auf. Musikalisch rekuriert King Britt, der neben seiner Liebe für Soul, Funk und HipHop auch eine lange gehegte Vorliebe für elektronische Musik – von Kraftwerk zu Techno – hat, eindeutig auf Detroit und den dort entstandenen, stoisch maschinellen Maschinensound und Black Music vereinenden Techno. Derrick May, erklärtermaßen ein großes Vorbild für den Mann aus Philadelphia, darf dann auch gleich die Platte auf dem Frontcover mit seinen lobenden Worten schmücken. Und der Münchner Michael Reinboth darf sich freuen, das Werk auf seinem Compost Label veröffentlichen zu dürfen.
(Compost, VÖ: 30.6.06)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 07/06

Four Tet: DJ Kicks

Querfeldein-Mixe sind zwar auch nicht mehr so einzigartig, aber oft genug unterhaltsamer als Label- oder Genre-Sampler, und in der Ausführung eines Kieran Hebden aka Four Tet tatsächlich etwas ganz besonderes.

Four Tet DJ Kicks.jpg

Alleine die Mixtechnik ist jenseits des guten Handwerks, denn neben gemixten Übergängen finden sich hier häufig kleine eingespielte Synthie-Miniaturen von Hebden, dievon Individualismus (ganz zu schweigen von dem großartigen, exklusiv angefertigten Four Tet-Track „Pockets“) zeugen. Für die Auswahl gilt das sowieso: der großartige David Behrman leitet beinahe akademisch ein, während im Folgenden Cut-up-House, Free-Jazz, Soul, HipHop und vieles mehr sich die Hände reicht. Mit u.a. Curtis Mayfield, Akufen, Gong, Cabaret Voltaire, Autechre, Group Home, Animal Collective, So Solid Crew, Madvillain.
(!K7 / Rough Trade, VÖ: 23.6.06)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 06/06

Can komplett

Mit fünf weiteren CD-Veröffentlichungen ist die Reissue-Reihe der Kölner Band abgeschlossen

Die nicht nur in Köln, sondern weltweit legendäre Band Can hat zwischen 1968 und 1974 fünf großartige Alben und zwei Compilations veröffentlicht. Mit dem dritten Schwung der Remastered-Veröffentlichungen sind mit „Flow Motion“ (’76), „Saw Delight“ (’77), „Can“ (’79) und „Rite Time“ (’89) die letzten vier Alben der Band an die Reihe.

Can Saw.jpg

Ganz klar kommen die Platten nicht an die früheren Meisterwerke heran. Doch ist es nicht nur interessant, wie Can zeitgenössische Entwicklungen wie Reggae, Disco und elektronische Popmusik in ihre Musik einflochten, sondern die eigentümlichen Soundlandschaften der Band sind auch hier immer noch faszinierend. Als kleine Perle erscheint außerdem das erst 1981 erschienene Album „Delay“ mit Material, das ursprünglich für das erste Can-Album geplant war. Und das ist wahrlich – ohne wenn und aber – ein großartiges Meisterwerk (Spoon/ 23.6.06).

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 06/06

„Kippenberger – Der Film“ von Jörg Kobel

Alleine der Titel könnte schon vom Künstler selbst stammen. Martin Kippenberger hatte durchaus etwas übrig für billigen Humor und tief fliegende Witze – mit dem Filmtitel an eine Ebene anzudocken, die man vielleicht bei „Otto – Der Film“ erwartet, passt durchaus ins Programm des Künstlers. „Krieg böse“ lautet der Titel eines Bildes aus dem Jahre 1983, 1990 kalauert er schmerzhaft: „Was ist der Unterschied zwischen Casanova und Jesus: Der Gesichtsausdruck beim Nageln“. Gerne also auch geschmacklos, oft um die Ecke, beißend sozialkritisch. Das wilde Leben dazu führte er Atemlos. „Dieses Leben kann nicht die Ausrede für das nächste sein“. So gab er in diesem alles, bis er 1997 nichts mehr geben konnte und am Raubbau seines Körpers zugrunde ging.

Kippenberger.jpg

Der Film von Jörg Kobel versucht an Hand einiger Kommentare von Freunden und Bewunderern ein Bild von Kippenbergers Leben zu erstellen. Interviews mit seiner Galeristin Gisela Capitain, dem Direktor des Museum Ludwig, Kasper König (an Weiberfastnacht in Köln im Sträflingskostüm interviewt – das hätte auch Kippenberger gefallen), dem Popkulturkritiker Diedrich Diederichsen oder dem Kippenberger-Fan Christoph Schlingensief neben seiner letzten Lebensgefährtin, seinem besten Freund oder seinen beiden Schwestern lassen einen zwar wilden, provokanten und bissigen Menschen erkennen, ebenso aber auch eine sensible und empfindsame Person, die sicherlich besser austeilen konnte, als sie fähig war, Kritik einzustecken.

Die Interview-Beiträge sind nicht immer auf den Punkt gebracht, scheinen oft spontan, ohne große Vorbereitung entstanden zu sein. Das entspricht einerseits vielleicht der hastigen Produktivität Kippenbergers, lässt aber hier und da auch etwas Stringenz vermissen. Die Bedeutung für die Kunstwelt, dieselbe vor allem aus ihrer betulichen Selbstbezogenheit zu zerren, schimmert – vor allem durch Diederichsens ‚Kompaktseminar’ – trotzdem durch.
(Bundesstart: 15.6.2006)

Zuerst erschienen in Filmstart 06/06

Herbert: Scale

 Herbert Scale.jpg

Herbert verbreitet politisch-korrekt gute Laune

„Ehrlich gesagt bin ich von mir selbst etwas angepisst. Ich wollte eine fröhliche Pop-Platte machen, aber ich habe es nicht getan. Das geht einfach nicht, wenn Dick Cheney an der Macht ist.“ Der US-Amerikanische Vize-Präsident hätte es fast geschafft, aber irgendwie ist es dann doch die fröhliche Pop-Platte geworden. Mitgeholfen haben ein Kammerorchester und diverse Hörner, einige Vokalisten, darunter wie immer Matthew Herberts Lebensgefährtin Dani Siciliano, aber auch ein Anrufbeantworter, Meteoriten, Benzinpumpen und ein Tornado-Bomber.

Letztere sind signifikant dafür, dass Herbert nicht nur erneut das Sampling fremder Musik ablehnt und alle Sounds entweder spielt bzw. spielen lässt, oder aber Umweltgeräusche sampelt. Sie verweisen auch auf den hinter dem Klang lauernden Subtext dieser Platte, die abermals von einem Grundthema beherrscht wird. War es bei dem etwas schwerverdaulichen Vorgänger „Plat du Jour“ das Thema Nahrungsmittel, so ist diesmal das Öl an der Reihe. Beides politisch aufgeladene Themen, an Hand derer man Fragen zu Globalisierung und Verteilungskämpfen stellen kann.

Musikalisch lässt Matthew Herbert auf „Scale“ einige seiner Projektabteilungen näher zusammenrücken. Sein ‚Pseudonym’ Herbert stand immer für House, und den findet man alleine schon in den Beats. Aber auch Jazz- und Big Band-Elemente, wie man sie von Matthew Herberts Big Band kennt, finden Einlass in die Musik. Und nicht zuletzt die rhythmischen Finessen von frühen Projekten wie Radio Boy und Wishmountain sorgen für Spannungsreiche Momente. Die Annäherung an Popmusik ist auf „Scale“ jedoch in seiner bislang deutlichsten Form vollzogen, ohne dass man Herbert damit Radiokompatibilität vorwerfen müsste. Auf besseren Sendern würden allerdings sowohl die balladeskeren Momente als auch die Housetracks ihren Platz finden. Denn kopfgebürtig oder grüblerisch klingt die Musik bei allem gedanklichen Unterbau keineswegs. Ehrlich gesagt, sind wir von der neuen Platte von Matthew Herbert mal wieder alles andere als angepisst.
(Accidential / !K7, VÖ: 26.5.06)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 06/06

Lithops: Queries

 Lithops.jpg

Jan St. Werner kennt man vor allem von Mouse on Mars. Neben seinem Projekt Microstoria (zusammen mit Markus Popp von Oval) veröffentlicht er außerdem solo als Lithops. „Queries“ versammelt bislang unveröffentlichtes Material aus den Jahren 1995 bis 1999 und drei vergriffene Vinyl-Veröffentlichungen aus dieser Zeit. Die kleinteiligen Stücke sind mal frei und ohne Beat organisiert, mal rhythmisch sehr komplex strukturiert und auch mal richtiggehend ravig. Und Humor kann man diesen Queries bei aller Sperrigkeit sicherlich auch nicht absprechen.
(Sonig / Rough Trade, VÖ: 2.6.06)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 06/06

The Who – Under Review (DVD)

Sicherlich war der legendäre Auftritt von The Who in der Smothers Brothers TV-Show mit „My Generation“ eine Inspiration für die Punkbewegung.

The Who DVD.jpg

Nicht nur Pete Townshends musikalische Gitarrenattacken waren beeindruckend, auch die Tatsache, dass die raue Mod-Band ihre Instrumente stilsicher zerlegte, war imposant. Die DVD verfolgt die Band von der Frühzeit um 1964 bis 1968, kurz bevor sie mit einer Rockoper wie „Tommy“ überkandidelt wurden. Archivmaterial und Kommentare von Zeitzeugen und Musikkritikern komplettieren das Bild.
(Chrome Dreams)

Captain Beefheart – Under Review (DVD)

Beefheart DVD.jpg

Captain Beefheart und seine Magic Band waren eines jener seltenen musikalischen Ereignisse in der Geschichte der Popmusik, das zwar in seinen Einzelteilen auf Vorheriges zurückzuführen ist, in seiner Gesamtheit aber absolut einzigartig war: Beefhearts unnachahmliche Blues-Stimme, der hohe Abstraktionsgrad ihrer freien, von improvisierter Musik beeinflussten Rockmusik, aber auch Beefhearts Ego-Trips sind das Thema dieser gelungenen Doku, die auch Beefhearts künstlerische Tiefpunkte in der Mitte der 70er Jahre nicht verschweigt. Wie alle DVDs der Reihe erscheint auch diese nur in englischer Sprache.
(Sexy Intellectual)