V/A: Future Folk

Ein selten blöder Titel. Es gab ja Anfang der 90er Jahre, zu Beginn der elektronischen Revolution, ständig Compilations, die Future Sound of Irgendwas hießen.

VA Future Folk.jpg

Das hat, auch wenn logisch betrachtet unsinnig (gibt’s ja schon zu kaufen, ist also Gegenwart, nicht Zukunft), popistisch gedacht seine Berechtigung, will es doch eine Aufbruchstimmung formulieren und das eigene ‚vorne sein’ arrogant postulieren. Aber passt das zu Folk? Gibt es Avantgarde-Folk, oder ist das nicht ein Widerspruch in sich? Egal: tolle Zusammenstellung, die zarte, oft akustisch dominierte, mal auch elektronisch unterwanderte Musik von Colleen, Animal Collective, Ryuichi Sakamoto, Ana Da Silva (Raincoats) Psapp, den etwas überschätzten März oder The Books versammelt. Alles sehr zart und, obwohl eigenwillig, bestimmt auch allgemeinverständlich, also für’s Folk.
(Stereo Deluxe / Edel, VÖ: 24.2.2006)

Hype – The Movie (DVD)

Doug Pray zeigt mit seinem Dokumentarfilm, wie aus der lokalen Musikszene der abseitig gelegenen Großstadt Seattle das weltweite Phänomen des Grunge entstehen konnte.

Hype The Movie.jpg

Von Mitte der 80er Jahre, als Bands wie The Melvins, Green River, Soundgarden u.a. anfingen, Punk bzw. Hardcore mit Metal und 70er-Jahre Rock zu verbinden über die Explosion durch den Erfolg von Nirvana und im folgenden Pearl Jam u.a. bis zum Tod von Kurt Cobain und dem kommerziellen Ausverkauf. Viele Interviews, Konzertausschnitte und ironische Kommentare machen den Film zu einem großen, lehrreichen Vergnügen.
(Attraction Movies, VÖ: 3.1.05)

Tortoise and Bonnie ‚Prince’ Billy: The Brave and the Bold

Als vor ein paar Monaten bekannt wurde, dass sich der Indie-Folk Held Will Oldham (Palace Brothers; Bonnie ‚Prince’ Billy) und die Post-Rock Mitbegründer Tortoise für ein Album zusammentun, war die Aufregung im digitalen Blätterrauschen groß: Im Internet wurde in zahlreichen Foren gehofft und gefürchtet und diskutiert, was dieser Zusammenprall wohl hervorbringen würde. Will Oldham, der zuletzt mit Matt Sweeney für das überaus schöne Album ‚Superwolf’ zusammenarbeitete, trifft mit seiner sensiblen und brüchigen Stimme auf die opulenten Arrangements der Konzept-Rocker Tortoise – das könnte wahrlich zum fürchten schön sein. Freundschaft und Respekt sind bei dieser Laune sicherlich im Spiel.

Tortoise Oldham.jpg

Und was machen sie nun? Natürlich etwas, das man nicht erwartet: ein Coveralbum mit unterschiedlichsten Stücke: von der New Wave Band Devo, dem frühen Hardcore der Minutemen, von Elton John, Bruce Springsteen und dem soften Countrybarden Dan Williams, von den Washington-DC Hardcore Bands Lungfish und Quix*o*tic, von der Folksängerin Melanie, dem Gitarristen Richard Thompson und vom Brasilianer Milton Nascimento. Wo bleibt da der rote Faden?

Kein roter Faden! Die 6 Musiker (ausdrücklich nicht 5 Musiker einer Band plus ein Gast!) schnappen sich Stücke, die toll sind und Stücke, die absolut nicht toll sind, populäres und obskures, und übersetzen sie in eine neue, ihre Sprache. Springsteen wird mit Artrock-Anleihen ganz zart, Elton John ganz ungehobelt und dreckig, aus dem melancholischen Hardcore von Lungfish wird ein wunderschöner Electrotrack, radiotauglicher Country wird zum allerschönsten Indie-Folk und auch die anderen Stücke atmen wahrscheinlich mehr musikalische Freiheit und emotionale Tiefe als die Vorlagen. Und über allem thront Will Oldhams fagiler, zerbrechlicher Gesang, der einem ständig das Herz erweicht.
(Overcoat/Domino, VÖ: 20.1.2006)

Hans Nieswandt: „plus minus 8. DJ Tage, DJ Nächte“ (Interview)

Beruf: Diskjockey

Der Kölner House-DJ und Journalist Hans Nieswandt beschreibt in dem Buch ‚plus minus 8’ kurzweilig aber kompetent Naheliegendes und Abseitiges des DJ-Alltags.

Nicht nur sein Freund und Kollege Thomas Meinecke ist der Meinung, dass Hans Nieswandt genau der Richtige für ein solches Vorhaben war: Nach dem Lesen von Nieswandts Buch-Erstling über seine Erlebnisse als DJ kann daran in der Tat kein Zweifel mehr bestehen. In einem leichten und humorvollen Stil, der aber nie den Effekt gegen die Kompetente Darstellung der Fakten und Zusammenhänge ausspielt, beschreibt er „die zur Routine geronnene Absurdität“ (Nieswandt im Interview) des DJ-Alltags mit all seinen Abgründen (alleine ein Kapitel ist der witzigen wie treffenden Analyse der psychologischen Hintergründe der verschiedenen Typen von Hörerwünschen gewidmet). Der inhaltlichen Vielfalt kommt dabei zu Gute, dass Nieswandt als schreibender DJ und Musikproduzent eine besondere Rolle inne hat: er kann sowohl von Parties aller Größenordnungen und deren Rahmenbedingungen (umständliche Bahnfahrten und desaströse Hotelunterbringung inklusive), als auch von ungewöhnlichen Engagements für Autohersteller und das Goetheinstitut oder sogar die Erlebnisse als Popstar mit einem Nummer-1-Hit in Italien (mit seiner Band Whirlpool) berichten. Seine journalistische Erfahrung ermöglicht ihm dabei stets die Gratwanderung zwischen detaillierter Darstellung der Fakten und der kurzweiligen Erzählung von Anekdoten.

Nieswandt Buch.jpg

INTERVIEW MIT HANS NIESWANDT

Kölner: Wie kam es dazu, dass Du als DJ und Produzent jetzt auch noch zum Schriftsteller geworden bist?

Hans Nieswandt: Das Buch wurde mir vom Verlag vorgeschlagen. Die Idee war, die Wirklichkeit eines DJ’s von jemandem beschreiben zu lassen, der das selbst betrieben und mitgestaltet hat. Es gibt zwar Bücher über DJ’s, aber keine von DJ’s, die das seelische – also nicht nur Fakten und Technik – sondern die Gefühls- und Erlebniswelt von DJ’s beleuchten.
Ich fand die Aufgabe direkt wahnsinnig reizvoll, empfand es aber auch als gigantisch! Am Anfang dachte ich, dass muss mindestens der Zauberberg der DJ-Kultur werden. Dann habe ich gemerkt, dass es besser ist, entspannter an die Sache ran zu gehen und nicht eine Monsterkonstruktion, die von vorne bis hinten Spannungsbögen hat, zu entwerfen. So etwas ähnliches habe ich in Arbeit, aber ich fand für diese Sache eher das Prinzip gut, einmal reinzugreifen und zu gucken: ok, das ist gut und das ist gut – also eher intuitiv zu bleiben.

Kölner: Es ist Erstaunlich, dass das Buch bei all dem ‚Geheimwissen’ ohne Glossar auskommt. Welche Idee vom Publikum steht hinter dem Buch?

Nieswandt: Das war tatsächlich neu für mich: eigentlich bin ich es gewohnt, von Spex und so, die Texte einfach so runterzuschreiben, mit allem Wortgeklingel und Insiderinformationen. Bei einem so langen Text kommt man mit tollen Worterfindungen aber nicht weit, da kommt es viel mehr auf die Substanz der Geschichte an. Das originelle Formulieren hält man wahrscheinlich gar nicht durch, und wenn man es durchhält, dann nervt es. Es ist ja für ein breites Publikum geschrieben: Ich möchte, dass Leute, die sich gut auskennen, und denen man nichts erzählen kann, sagen: das ist korrekt, dass trifft die Sache! Dass aber auch gleichzeitig Leute, die nie in Clubs gehen und vielleicht viel älter sind und einfach neugierig sind, beim lesen nicht dass Gefühl haben, nichts zu verstehen.

Kölner: Obwohl Du der Protagonist des Buchs bist, hast Du doch keine Autobiographie geschrieben. Wie wichtig bist Du dennoch für das Konzept des Buchs?

Nieswandt: Der erste Teil ist ja eher Autobiographisch. Der ist wichtig, damit man sich vorstellen kann, wie man da langsam reinwächst. und weil ich da versucht habe, die Entwicklung der Musik, der Szenen und der Städte, wie ich es erlebt habe, zu beschreiben. Es ist subjektiv, aber ich wollte damit keine Bauchnabelschau betreiben, nicht mit tollen ‚Angebergeschichten’ aufwarten. Ich wollte, dass viele Facetten vorkommen, die für mich das Bild vervollständigen. Dass auch das Elend, das es da manchmal gibt, das blöde oder das melancholische, vorkommt.

Kölner: Die literarische Form Deines Buches ist sehr interessant: es ist wie gesagt keine wirkliche Autobiographie, obwohl Du die zentrale Figur bist – vielleicht siehst Du Dich aber auch selbst im Buch nicht mehr als reale Person?

Nieswandt: Es ist schwierig, die eigenen Geschichten ständig als interessant zu empfinden. Das kommt erst wieder zurück, wenn man den literarischen Weg dazu gefunden hat, und man ein paar Schritte von der eigenen Verwicklung in die Geschichte zurücktreten kann. Irgendwann wird einem das selber wie ein Produkt, und das ist eine sehr angenehme Phase. Dann macht man Textarbeit, und versucht mit Schnitt, Kameraperspektive und handelnden Personen den Leser zu fesseln.

Kölner: Das Buch lebt von einer angenehmen Balance zwischen unterhaltsamen Anekdoten und informativen Beschreibungen und Analysen der Szenerien…

Nieswandt: Ich möchte gerne, dass in meinem Buch das Wissen, dass ich habe, 1:1 rüberkommt, dass die Fakten stimmen, die Charaktere aber wiederum eine Dramatik entwickeln, die nicht unbedingt genau die selbe gewesen sein muss: eine gewisse Inszenierung ist hilfreich, um die Sachen deutlicher zu machen.
Bei ‚plus minus acht’ war jedoch nicht Recherche, sondern das Aussieben die Hauptaufgabe. Und das hat mich während des Schreibens am meisten fertig gemacht. Ich habe vorher noch kein Buch geschrieben, und man lernt eine Menge währenddessen: zum Beispiel hilft es nicht, dass man eine Person einführt, nur damit man mal den Namen erwähnt. DJ Pierre (legendärer Houseproduzent/ Anm d. Autors) wird ja ziemlich ausführlich eingeführt, aber man hätte genauso gut Masters At Work, Todd Terry oder etliche andere schillernde Charaktere erwähnen können. Aber wenn man versucht, alle unterzubringen, dann schillert plötzlich gar keiner mehr. Mich schmerzt, dass so vieles unter den Tisch gefallen ist: Sachen in Wien, München, dem Ruhrgebiet und einiges, was wir in Köln gemacht haben. Ich habe also noch wahnsinnig viel Material. Wenn das Buch gut ankommt, bzw. was davon gut ankommt, entscheidet, wie ich weiter verfahren werde.

HANS NIESWANDT: plus minus acht – DJ Tage DJ Nächte
Kiepenheuer & Witsch, 220 S.)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 12/05

Test Icicles: For Screening purposes only

Keine Ahnung, warum sich eine Band Test Icicles (Probe Eiszapfen) nennt, aber wenn das die einzige Besonderheit der Band wäre, dann hätte sie es sicherlich mit ihrem Debüt „For screen purposes only“ nicht an diese Stelle geschafft. Und auch ihr kryptischer Albumtitel (der Satz wird bei Vorab-Pressekassetten zu kommenden Kinofilmen eingeblendet) ist nicht das einzig erwähnenswerte. Test Icicles ist ein junges Trio, das im derzeitigen Rock-Hype mit Franz Ferdinand, Maximum Park, Bloc Party und all den anderen mitschwimmt, dabei aber wesentlich rauere und stürmischere Wellen nimmt.

Test Icicles.jpg

Hier kracht’s gewaltig. Wer die zweite Albumauskopplung „Circle.Square.Triangle“ kennt und liebt, könnte irritiert sein, wenn nicht gar geschockt, wenn er oder sie das Album hört (im digitalen Blätterwald hat ein zarter Zeitgenosse die erste Single „“Boa vs. Python“ als ‚absolut kranke Musik’ beschrieben). Hier sind auch Mal dreckige HipHop-Beats, Rave-Sounds und Gabba-Beats eingearbeitet, ohne dass man nur eine Sekunde lang an Techno-Rock, Electro-Clash oder ähnliche Mutwilligkeiten denkt, denn die Stil-Zitate fügen sich ganz selbstverständlich in das hohe Energielevel ein. Die Gitarren sind greller und schneidender, die Drums prügeln mehr, die Vocals sind bebrüllter als bei den Kollegen. Popige Melodien sind außer bei der Single in weiter Ferne. Hier gibt’s sogar Speedmetal inlusive Grindcore-Gegrunze („Catch it!“). Die Basis der Musik von Test Icicles ist weniger der New Wave-Rock und Power-Pop der frühen 80er Jahre wie bei vielen anderen aktuellen Bands, sondern der Hardcore der späten 80er.

Dabei erinnern sie Mal an solche Hardcore-Legenden wie Fugazi, Mal an die harte Fraktion der C-86-Bands (Big Flame, A Witness), jener Generation, die ab 1986 britische Gitarrenmusik erstmals von dem übermächtigen Einfluss der New Wave befreit hat. Kantig, krachig und hektisch bis es weh tut. Und ‚weh tun’ tut nach zuviel Wohlklang und Perfektion auch wieder ganz gut.
(Domino/ Rough Trade; VÖ: 18.11.2005)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/05

The Residents: Mark Of The Mole / Intermission & The Tunes Of Two Cities / The Big Bubble

Die Mole-Trilogie der Residents, jene unvollständig gebliebene Konzept-Reihe um den Kulturclash zweier Völker, wird in zwei opulent gestalteten Doppel-CD’s wieder veröffentlicht.

Residents Mark of1.jpg

Von 1981 bis 1985 werkelte das mysteriöse Avantgarde-Quartett aus San Francisco an der mythischen Geschichte um die arbeitsamen Moles und die hochkulturellen Chubs, die nach einem Krieg sich duldend zusammenleben. „Mark of the Mole“ erzählt die Geschichte der beiden Völker, während „The Tunes of two Cities“ die beiden Musikstile der Völker präsentiert. „The Big Bubble“ ist schließlich ein fingiertes Album der gleichnamigen Band, die aus Mischlingen beider Völker, den so genannten „Cross“, besteht. Sie sollen für die neu erwachte Identität der Moles einstehen (die Platte „Intermission“ enthält die zusätzlichen Stücke der Live-Präsentation der Mole-Show).

Residents Tunes of.jpg

Klingt nach haarsträubendem Fantasie-Kitsch, ist aber ein zugleich witziges wie ernstzunehmendes Konzept, das die Residents mit düsteren archaischen und industriellen Sounds und ihrem unvergleichlichen Avantgarde-Humor umgesetzt haben. Beide Doppel-CD’s enthalten ein Booklet mit vielen Texten und Fotos.
(beide Mute, VÖ: 18.11.2005)

„Bob Dylan – No Direction Home“ von Martin Scorsese (DVD)

Schließlich hat sich kein Geringerer als Martin Scorsese des Themas annehmen müssen – wenn’s kein anderer macht:

DVD Bob Dylan No Direction Mome.jpg

Bob Dylans Aufstieg vom Folk-Sänger der Gegenkultur und Bürgerrechtsbewegung der frühen 60er Jahre zu einem der bedeutendsten Musiker der Popgeschichte. Scorsese erzählt in „No Direction Home“ über 200 Minuten mittels Originalaufnahmen und Interviews von Weggefährten und Dylan selbst den Aufstieg und endet bereits mit dem legendären Newcastle-Auftritt von 1966, wo Bob Dylan die E-Gitarre einstöpselt und vom Publikum beschimpft wird. Doch ging’s erst richtig los… Inklusive zahlreicher Konzertmitschnitte von 1963-66.
(Paramount, VÖ: 10.11.2005)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/05

„Das Kind“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne

Dicht dran

Bruno ist Anfang 20 und schlägt sich mit kleinen Betrügereien durchs Leben. Seine Freundin Sonja hat gerade den gemeinsamen Sohn Jimmy zur Welt gebracht. Als Bruno mal wieder Geld fehlt, kommt ihm die Idee, das Baby zu verkaufen.

Von Anbeginn ihrer Karriere als Regisseure beschäftigen sich die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne mit sozialen Außenseitern. Erfolg haben sie damit erst seit ein paar Jahren. Das liegt daran, dass sie bis Ende der 80er Jahre fast ausschließlich im wenig publicityträchtigen Bereich des Dokumentarfilms gearbeitet haben. In ihren Filmen – in den 70er Jahren zunächst auf Video gedrehte Reportagen, später auch lange Dokumentarfilme – haben sie sich den Problemen der Arbeiter in der belgischen Industrieregion Wallonien, der Heimat der Dardennes, gewidmet. Mit den Problemen der Menschen am sozialen Rand der Gesellschaft beschäftigen sie sich bis heute – nur ist es seit den 90er Jahren das Terrain des Spielfilms, auf dem sie sich bewegen. Ihre Erfahrung als sozial engagierte Dokumentarfilmer wirkt sich allerdings nach wie vor auf ihre Filme aus – und macht sie so einzigartig.

Das Kind.jpg

Schlicht, aber nicht einfach

„Das Kind“ ist ein unauffälliger Film. Die Ästhetik tritt vollkommen hinter die Geschichte um die ungewöhnliche Kleinfamilie zurück. Als ständiger Beobachter verfolgt die Kamera die Protagonisten. Beobachtet, wie sie sich in ihrer Umwelt bewegen und wie sie miteinander umgehen. Dabei bleibt sie stets unauffällig im Hintergrund, wird weder selber Protagonist noch ist sie sichtbar Teil eines ästhetischen Programms. Das war beim Vorgänger der Brüder, dem eindrucksvollen Film „Der Sohn“, anders: hier schlich die Kamera lauernd um die beiden Hauptdarsteller herum, rückte ihnen gefährlich nah, um sie auch ja keinen Moment aus den Augen zu lassen. Das entsprach exakt dem Verhältnis der beiden Figuren, die sich während des gesamten Films misstrauisch belauern.

In „Das Kind“ wird der Protagonist Bruno scheinbar sachlich beobachtet. Bei seinen kleinen Gaunereien, die er mit Hilfe einiger Teenager durchführt, beim Weg zu seinem Unterschlupf an der Ausfahrtstraße, den er nutzt, wenn er die Wohnung aus Geldnot untervermietet, bei nächtlichen Deals. Das wirkt zunächst wie ein wenig durchdachtes ‚abfilmen’. Aber das ist es natürlich nicht. Die Nähe und Intensität, mit der die Dardennes ihren Figuren folgen, verrät auch eine starke Zuneigung. Man glaubt es kaum: Diesem Typ, der mit dem Geld – wenn etwas da ist – gedankenlos um sich schmeißt, um einen Sportwagen für einen Tag zu mieten oder eine teure Lederjacke zu kaufen, aber nicht für seine Freundin oder sein Kind sorgen kann, soll man Zuneigung entgegenbringen? Es fällt schwer, aber gerade die intensive Beobachterhaltung ermöglicht es den Dardennes und durch sie auch dem Zuschauer, den Protagonisten nicht zu verurteilen.

Nah am Menschen

Die reservierte Zuneigung der Dardennes für Bruno zeigt sich vor allem in der zweiten Hälfte des Films, als Bruno nach der ungeheuerlichen Tat, das eigene Kind zu verkaufen, und nach Sonjas Zusammenbruch merkt, dass er einen großen Fehler begannen hat und ihn wieder gut machen will. Mit „wir können ja ein Neues machen“, wie er seiner Freundin vorschlägt, ist es aber nicht getan. Also jagt er durch seine Heimat, eine ärmliche Industriestadt mit heruntergekommenen Arbeitersiedlungen, desolaten Industriegeländen und Gewerbegebieten voller leerer Versprechungen, um sein Versprechen, das Baby wieder zu holen, trotz aller Widerstände einzulösen. Die Dardennes bleiben Bruno bei all dem dicht auf den Fersen und spüren damit all die inneren Zwiespälte dieser Person auf.

Der Stil der Brüder Dardenne ist minimalistisch, ohne der Gefahr zu erliegen, dem Konzept des Minimalismus die eigenen Figuren zu opfern. Wenn man genau hin sieht, merkt man, dass dem vermeintlich schlichten Beobachten, dem einfachen Abfilmen meist perfekt arrangierte Einstellungen zu Grunde liegen, die sehr geschickt diese große Nähe zu den Figuren herzustellen wissen. Dass man diese inszenatorischen Kunstgriffe aber kaum wahrnimmt, ist die große Kunst dieser beiden Regisseure.
(Bundesstart: 17.11.2005)

Zuerst erschienen in choices 11/05

The Orb: Okie Dokie it’s The Orb on Kompakt

Erst mal 3 goldene Hamster für den Plattentitel! Aber auch musikalisch können The Orb, das permanent im Personalkarussell befindliche Elektronik-Projekt von Alex Paterson, nach 15 Jahren immer noch oder wieder überzeugen.

The Orb.jpg

Zur Zeit weiterhin als Duo mit Thomas Fehlmann (Palais Schaumburg, Ocean Club) unterwegs, schlendert das Album zwischen leicht shuffelnden, dubigen Tracks, ambienten Stimmungen und auch richtig tanzbaren Stücken hin und her. Immer irgendwie entspannt und auf eine unstaubige Art auch undramatisch altersweise. Das kann man im Techno ja bereits mit Ende 40 werden.
(Kompakt; VÖ: 31.10.2005)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/05

„Wir waren niemals hier“ von Antonia Ganz

wir-waren-niemlas-hier.jpg 

„Daß man sie liebt“

Ein Portrait der einzigartigen Rockband „Mutter“ und der dahinter stehenden Persönlichkeiten mit all ihren persönlichen Beweggründen für ihre Neben- („Mutter“) und Haupttätigkeiten.

Die Berliner Band „Mutter“ ging 1989 aus der Band „Camping Sex“ hervor. Mit schwerem Rock und düsteren, deutschen Texten galten sie schnell als Solitär in der hiesigen Musiklandschaft. Eine vage Nähe zu der neu aufkommenden Indie-Version des „Deutschrock“ brachte auch ihnen Auftrieb. Doch irgendwie haben sie es immer geschafft, den Erwartungen zu trotzen bzw. den Erfolg wieder abzuwürgen. Antonia Ganz erzählt die Geschichte der Band sehr persönlich und emotional, interviewt Freunde und Kenner wie Jörg Buttgereit, Diedrich Diederichsen, Jochen Distelmeyer, Rocko Schamoni, oder Wolfgang Müller von der Band „Die Tödliche Doris“ und Bruder von Sänger Max. Sie begleitet die Band auf Tour, kommt den Musikern dabei sehr nahe und erlebt schließlich den Ausstieg eines der Gründungsmitglieder vor laufender Kamera. Da muss man schon mal schlucken …
(Bundesstart: 20.10.2005)

zuerst erschienen in choices 10/05

Slum Village: s/t

Das fünfte Album von Slum Village kann den hohen Erwartungen an die Detroiter Crew, die des öfteren als legitime Nachfolger von A Tribe Called Quest gehandelt werden, standhalten.

Slum Village.jpg

Mit viel Soul im Gepäck, aber auch der nötigen Abgeklärtheit, um nicht in Neosoul-Klischees abzusaufen, ist ihr selbstbetiteltes Album klassischer adult-orientated HipHop. Variationsreiche Raps, auch mal Gesang und nicht zuviel laid-back Feeling – denn Druck muss schon sein – halten dieses Werk von Anfang bis Ende spannend, soulful und energiegeladen. Auf der Bonus-DVD (geht ja nicht mehr ohne) gibt’s noch 40 Minuten Behind the Scenes und ein halbstündiges Interview.
(Barak, VÖ: 28.10.2005)

Animal Collective: Feels

animal-collective.jpg 

Feelstimmig – Das New Yorker „Animal Collective“ vermittelt zwischen Pop und Avantgarde

„Animal Collective verblüffen über die bloße Breite dessen, was geht…langes, zauselig entrücktes Spielen, mit elektronischen wie akustischen, stets sehr liebevoll ausgesuchten Klangkörpern“ schrieb der Pop-Theoretiker und Journalist Diedrich Diederichsen zu der letzten Platte „Sung Tongs“ vom New Yorker Animal Collective (vgl. Buchkritik im Telegramm auf dieser Seite). Man kann’s kaum schöner sagen, aber erstens wird man hier dafür bezahlt es zumindest noch mal anders zu sagen, und zweitens liegt inzwischen das neue Album des Kollektivs vor. Und „Feels“ klingt eben auch wieder ein wenig anders als der Vorgänger.

Vergleichbar mit den Arbeiten von Gastr del Sol (David Grubbs und Jim O’Rourke) oder David Thomas (Pere Ubu) versucht das Animal Collective zwischen Strategien der Avantgarde und Sounds und Strukturen der Popmusik zu vermitteln. Und das auf eine Art, bei der Avantgarde-Fans um ihre Dogmen fürchten und Popmusik-Fans ihre Ohren öffnen müssen. Musikalisch landen sie da ebenso wie Grubbs, O’Rourke und Thomas mit viel gezupfter und geschrammelter Akustikgitarre Mal bei Folkmusic, Mal bei lang gezogenen Minimalstücken, aber auch ganz speziell bei den Beach Boys, was sich vor allem in den vielstimmigen, wunderschönen Vocalarrangements zeigt. Doch das sollte nicht verwundern. Auch David Thomas outet sich gern musikalisch wie verbal als notorischer Beach Boys-Fans. Das liegt daran, dass Brian Wilson, der Kopf der Kalifornischen Frohnaturen, Mitte der 60er Jahre mittels Drogen mit den Platten „Pet Sounds“ und dem nie in Originalform erschienenem „Smile“ zwei nicht immer so fröhliche Blueprints für die Verschmelzung von Pop und Avantgarde geschaffen hat. Das Animal Collective hebt dieses Zusammenspiel mit energetischen Rhythmen, psychedelischem Vielklang und allerlei Brüchen und Wendungen auf eine neue Ebene. Und das macht nicht nur live, zuweilen dargeboten in komischen Tierkostümen, sondern auch auf Platte tierisch Spaß!
(Fat Cat/Pias/Rough Trade, VÖ: 24.10.)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/05

„Dear Wendy“ von Thomas Vinterberg

Die V-Waffe

Dick ist ein Einzelgänger in der US-amerikanischen Bergarbeiterstadt Estherslope. Als er eine Pistole findet, ist er fasziniert von der Waffe, die ihm Selbstsicherheit verleiht. Zusammen mit einigen anderen Jugendlichen gründen sie den pazifistischen Club der „Dandies“, die ihre Pistolen verehren, aber niemals gegen Menschen richten wollen.

Der neue Film von Lars von Trier startet erst im November in unseren Kinos. Trotzdem fällt bereits jetzt im Zusammenhang mit Thomas Vinterbergs „Dear Wendy“ vermehrt sein Name. Zum einen, weil bereits vor zehn Jahren die beiden Regisseure durch das Dogma-Manifest untrennbar miteinander verbunden waren, auch wenn Vinterbergs letzter Film, der grandios gescheiterte „It’s all about love“, das glatte Gegenteil von Dogma war. Zum anderen, weil sie nun wieder untrennbar miteinander verbunden sind. Denn Vinterberg, der Realist, hat mit „Dear Wendy“ ein Drehbuch von Lars von Trier, dem listigen Strategen, verfilmt.

DearWendy.jpg

Die Nähe zu Lars von Triers aktueller Arbeit ist unübersehbar. „Dear Wendy“ würde nur allzu gut in dessen Amerika-Trilogie passen, beschäftigt sich der Film doch mit der Gewaltproblematik in der Gesellschaft der USA und ist – vergleichbar mit „Dogville“ – theatralisch und in einer ästhetisch äußerst aufregenden Form inszeniert. Vor allem diese Form scheint das Publikum schon jetzt deutlich zu polarisieren: Stark typisiert sehen wir den Marktplatz in dem Bergarbeiterstädtchen und eine alte Zeche, die beiden Handlungsorte des Films. Im Off-Kommentar erzählt Dick die Geschichte seines Lebens und nimmt den Zuschauer mit auf seine Reise vom Außenseiter zum selbstbewussten Anführer einer Waffen liebenden Pazifisten-Gang. Eine Reise, die detailliert die Absurdität des Abschreckung-Prinzips „Frieden schaffen mit Waffen“ durchspielt.

Der anfänglichen Empathie für die Protagonisten (Vinterbergs Part) wird im Verlauf des Films zunehmend die Basis entzogen (von Triers Part) und torpediert von Überzeichnungen und Ausbrüchen aus der Handlung. Damit stellt sich Trier (wieder mal) in die Tradition von Brecht (der klassische V-Effekt), rekurriert aber auch (mal wieder) auf Jean-Luc Godard, der 1963 in einem Film wie „Les Carabiniers“ ähnlich verfuhr. Bei Godard wie bei Trier ist nicht das Maß des sichtbaren Realismus von Bedeutung, sondern die Aufdeckung der Struktur und Logik, die hinter den geschilderten Verhältnissen steckt. Dies geschieht bei von Trier und Vinterberg mit prächtiger Polemik und endet in einem filmisch furiosen Feuerwerk, dessen Genuss nur dadurch getrübt wird, dass einem die post-zivilisatorischen Bilder aus New Orleans zeigen, dass alles noch viel schlimmer ist.
(Bundesstart: 6.10.2005)

„Broken Flowers“ von Jim Jarmusch

Don Johnston wird eines Morgens nicht nur von seiner Freundin verlassen, sondern erhält gleich darauf auch noch einen Brief, in dem ihm eine anonyme Verflossene mitteilt, dass ihn sein bis dato unbekannter Sohn sucht. Der depressive Don macht sich nun seinerseits auf die Suche nach der Mutter.

BrokenFlowers.jpg

Man kommt nicht daran vorbei: Zu ähnlich ist das Thema der neuen Filme von Wim Wenders und Jim Jarmusch, als dass man nicht ständig ins Vergleichen geriete. Die beiden älteren Männer haben Filme über ältere Männer gemacht: Männer, die nach einem rastlosen, exzentrischen Leben ernüchtert aufwachen, auf die Gegenwart blicken und nichts als Leere empfinden. Und wie das so ist, in so einer ausweglosen Situation: Plötzlich erfährt man, dass man mit einer alten Liebe (in beiden Filmen spielt Jessica Lange eine Ex-Geliebte) ein Kind in die Welt gesetzt hat. Hallo, Sinn des Lebens – da bist Du ja wieder!

Keiner der Regisseure ist so blöd, das Bild des einsamen Wolfes komplett ernst zu meinen. Hier ist natürlich viel Ironie im Spiel. Aber während Wenders den Helden aus „Don’t come knocking“ in seiner gebrochenen Tragik immer cool aussehen lässt und mit halb ernst gezeichneten, halb ironisch überzeichneten Klischees nicht geizt, gibt sich Jarmusch völlig der lakonischen Demontage hin. Don reitet nicht auf Pferden, wacht nicht versoffen mit Dreitagebart neben jungen Mädchen auf und wird auch nicht in Handschellen abgeführt. Don fährt einen langweiligen PKW, liegt traurig zusammengerollt auf seinem Sofa und guckt am Ende nur dumm aus der Wäsche, die ein wenig schmeichelhafter Jogginganzug ist.

Wo Wenders möglichst verrückte Bilder sucht, um die Dinge zu zeigen, die er nicht sagt, gelingt das Jarmusch mit beiläufigen Gesten, Blicken und kleinen Ereignissen am Rande. Wenders setzt auf Eindeutigkeit, Jarmusch hingegen entspannt ein offenes Spiel von Andeutungen. Und die entfalten ihre volle Wirkung erst, wenn der Film bereits lange zu Ende ist. Es ist einiges geschehen und viel kann sich daraus noch entwickeln. Was genau, das lässt der Film offen.

Eine kleine Fußnote: Jarmusch, der knapp 10 Jahre jünger ist als Wenders, hat sich Ende der 70er Jahre als Produktionsassistent bei Wenders verdingt, um seinen ersten Film „Permanent Vacation“ finanzieren zu können. Dafür muss man Wenders zumindest danken.
(Bundesstart: 8.9.05)

Zuerst erschienen in 09/05

„Das wandelnde Schloss“ von Hayao Miyazaki

Sprechende Wärme

Die junge Hutmacherin Sophie wird nach einer Begegnung mit dem smarten Zauberer Hauro von einer Hexe mit einem Fluch belegt: sie hat auf einmal den Körper einer 90 jährigen. Nun sucht sie Hauro, um den Fluch umzukehren.

DasWandelndeSchloss.jpg

Die ins Elsass des 19. Jahrhunderts verlegte Handlung des neuen Animes von Hayao Miyazaki („Chihiros Reise ins Zauberland“; „Prinzessin Mononoke“) wirkt zu Beginn nicht zufällig wie eine Sequenz aus der bekannten Zeichentrick-Serie „Heidi“, denn auch die stammt von Miyazaki. Doch die Alpen-Idylle, die der Regisseur Ende der 70er Jahre aus finanziellen Gründen noch kitschig inszeniert hat, wird in seinem neuen Werk unterwandert von finsteren Glibbergeistern, bösen Hexen, selbstsüchtigen Zauberern und apokalyptischen Kriegslandschaften. Dass man in seinem neusten Märchen sowohl als Kind wie als Erwachsener viel zu lachen hat, liegt an den wirklich urkomischen Ideen sprechender Feuergeister, seniler alter Hexen und der mächtig resolut agierenden Sophie. Dass hier auch wieder viel Fantasie und menschliche Wärme im Spiel ist, macht den Film umso sehenswerter.
(Bundesstart: 25.8.2005)

Zuerst erschienen in choices 8/05

„Bin-Jip“ von Kim Ki-Duk

Tae-Suk bricht in leer stehende Wohnungen ein. Dort wohnt er für ein paar Tage, bis die Bewohner wieder kommen. Er stiehlt nichts, kümmert sich im Gegenteil um die Wohnungen. Eines Tages überrascht ihn die depressive Sun-Hwa. Von nun an ziehen sie gemeinsam durch leere Häuser.

BinJip.jpg

Seit Jahren scheinen sich alle Kritiker auf die Filme des koreanischen Regisseurs Kim Ki-Duk einigen zu können. Das zeigen nicht nur die regelmäßigen und zahlreichen Auszeichnungen auf den wichtigsten Filmfestivals, sondern auch die überschwänglichen Rezensionen zu seinen Filmen. Die hiesige Faszination (in Korea ist er weitaus weniger erfolgreich) mag mit der stilisierten Schönheit, aber auch mit der irritierenden Widersprüchlichkeit der Filme zusammen hängen.

Tae-Suk bricht in Häuser ein, aber er ist kein normaler Einbrecher. Er stiehlt nichts, und anders als in „Die fetten Jahre sind vorbei“ werden auch keine Stühle verrückt, um politische Signale zu setzen. Während der Abwesenheit der Bewohner übernimmt er deren Rolle und bewohnt Haus oder Apartment – er isst dort, er wäscht und er räumt auf. Und falls Zeit ist übernimmt er auch kleinere Reparaturen. Wenn die verreisten Bewohner nach einigen Tagen zurückkehren, entschwindet er wie ein guter Geist. Ein einsames Leben, da Tae-Suk immer dort ist, wo niemand ist. Bis er eines Tages in eine Villa einbricht, in der sich die depressive Sun-Hwa, ein ehemaliges Model, das von ihrem gewalttätigen Ehemann schikaniert wird, aufhält. Heimlich beobachtet sie ihn bei seinem Treiben, nähert sich dem offensichtlich sensiblen Fremden, der sich in ihrem Haus gemütlich einrichtet, langsam und vorsichtig an. Schließlich ziehen sie gemeinsam fort, um leere Häuser mit Leben zu füllen.

Kim Ki-Duk ist ein Regisseur der Bilder. Das zeigt sich in seinem neuen Film alleine dadurch, dass Worte sehr rar gesät sind, vor allem seine beiden Protagonisten wortlos durch das Geschehen gleiten. Bei vielen Regisseuren würde eine solch konsequente Wortverweigerung wahrscheinlich prätentiös und aufgesetzt wirken – der Koreaner hingegen gibt nicht nur Hinweise, die die Verletzungen hinter der Stummheit erahnen lassen, sondern rahmt die Stille in eine zaghafte Körperlichkeit ein, die Worte kaum vermissen lässt. Und passt außerdem den Ausdruck seines Films dem körperlichen Ausdruck des ungewöhnlichen Liebespaares mit einer ebenso zurückhaltenden wie genauen Beobachtung durch die Kamera an. Die Kamera ist die dritte Person in diesem Liebesreigen, der einen Traum einer vollkommenen, leichten Liebe träumt – der Welt enthobenen.

Ein Traum nur, der natürlich von der Wirklichkeit torpediert wird. Zunächst von der Vergangenheit, die noch schmerzvoll in den traurigen Blicken und den schüchternen Bewegungen der beiden hängt, natürlich auch in den Resten des Masochismus von Sun-Hwa und der Brutalität von Tae-Suk. All das macht die Annäherung der beiden zu einer schwierigen Angelegenheit, die sie vertrauensvoll mit kleinen Zeichen und Gesten meistern. Vor allem wird dieser Traum aber in der Gegenwart von außen, von der Welt attackiert. Denn die sanktioniert solche Versuche, außerhalb der Spielregeln das Glück zu finden. Und so geraten die beiden wieder in die Knechtschaft der Wirklichkeit, die hier in Form der Justiz und des Ehemanns Rache nimmt für die Respektlosigkeit und den Mut, nach dem Glück zu greifen.

Kim Ki-Duk befindet sich in guter Gesellschaft mit anderen asiatischen Regisseuren wie Takeshi Kitano, wenn er den Kontrast zwischen Zärtlichkeit und Brutalität stark betont, gleichzeitig aber an einer Ästhetisierung der Gewalt arbeitet. Dass er diese für europäische Augen eher widersprüchliche Darstellungsweise wie kaum ein anderer beherrscht, hat er in Filmen wie „Samaria“, vor allem aber mit „The Isle“ bis ins kaum erträgliche Extrem vorgeführt. Doch in den Ausbrüchen der Gewalt findet man immer Sehnsüchte als Ursache und Antrieb. Das klingt nach einer relativierenden Entschuldigung für alle Gewalt, ist aber begleitet von einer Verzweiflung, die genau diese Gewalt nicht verstehen kann. Man möchte ihr entfliehen, so wie Tae-Suk und Sun-Hwa ihr in geisterhafter Manier zu entschwinden suchen. „Bin-Jip“ spiegelt ein buddhistisches Streben nach vollkommener Harmonie mehr als jeder andere Film des Regisseurs.
(Bundesstart: 11.8.05)

Zuerst erschienen in choices 08/05