Das Debut von Maya Arulpragasam wurde bereits im Vorfeld hoch gehandelt, und die überdrehte Stimmung auf „Arual“ entspricht der Aufregung voll und ganz … „M.I.A.: „Arual““ weiterlesen
Mathias Schaffhäuser II
DISSONANZ UND REIBUNG
Mathias Schaffhäuser ist nach wie vor gut beschäftigt: er kümmert sich immer noch im Alleingang um sein Label Ware, das gerade unprätentiös mit einer simplen Maxi das 50. Release feierte. Daneben fand er aber auch Zeit, sein drittes Soloalbum zu veröffentlichen – zählt man die Maxi-Compilation auf Blaou („from 4 to 6 am), das Turismo-Album und das Remix-Album („Re:“) dazu – dann ist es bereits der sechste Longplayer. Und die sind dem Rock-sozialisierten Produzenten nach wie vor wichtig!
„Ich war als Kind und Jugendlicher absoluter Doppelalbum Fan. Das Klappcover habe ich für „Love & Business“ gemacht und habe es mir jetzt auch wieder gegönnt, weil die Grafik so toll war. Auf dem kleinen CD-Format wäre das sehr schade gewesen. Und ein Album ist für mich wirklich wichtig, weil da die ganze Bandbreite und Abwechslung dargestellt werden kann, die ich mag. Bei einer Maxi kann man bei 2-3 Stücken nicht von einem Bogen sprechen. Ein Album ist aber ein ganz eigener Entwurf, wo ich die Eigenart, die ich habe, darstellen kann“.
Die Eigenart von Schaffhäuser zeigt sich unter anderem in dezenten Verweisen auf die Musikgeschichte. Das gab’s schon in Bezug auf King Crimson oder die Beatles, auf dem neuen Album gibt es ein Zitat von Frank Zappa und eine Hommage an Steely Dan.
„Ich höre so was selber kaum noch, aber das ist einfach im Kopf und ich würde immer sagen, ich bin nach wie vor Fan und relativ gut informiert im Rock- und Popbereich. Aber die Selektion ist inzwischen größer – im Elektronikbereich finde ich mehr Sachen, die mich berühren“.
Eine andere Eigenart von Schaffhäuser ist neben einer von Dub-Reggae inspirierten bassigen Wärme die Vorliebe für geräuschige Elemente. Das neue Album zeichnet sich mit seiner Verschrobenheit daher vor allem durch die so entstandenen Dissonanzen und Reibungen aus.
„Nach all den ruhigen Minimal-Jahren muss mal klar gemacht werden, für was ich eben auch stehe. Denn ich habe eigentlich immer auch harte Tracks gemacht, mit Knarzigkeit und so. Aber das ist immer untergegangen, weil ich immer in dieses Kölner Minimal- und dann dieses Pophouse-Ding wegen „Hey Little Girl“ eingeordnet worden bin.“
Stattdessen hegt er immer noch ein großes Interesse für die nervöse „Linie King Crimson, Henry Cow, Art Bears, Massacre, Material“. Nur Art-Rockigen Perfektionismus darf man deshalb nicht von ihm erwarten.
„Ich selber war nie der Virtuose, und genauso bin ich heute nicht der Computer-Nerd, der alles ganz sauber produziert. Ich bin kein Studiofuchs. In erster Linie bin ich wohl faul, und habe deshalb nicht so viele Skills. Aber irgendwie ist es auch ein bewusstes Vermeiden von allzu viel Technik-Know-How. Ich habe mich immer mehr für das kreative, schnelle, spontane, improvisierte und zufällige interessiert.“
Zuerst erschienen in De:Bug 05/05
The Sound of Kulturamt-Förderung
Mit dem Referat für Popularmusik und dem bundesweit einzigartigen Projekt Music Export Cologne werden Kölner Musiker systematisch gefördert. Probleme mit der Stadt gibt es trotzdem hin und wieder.
In der Kölner Kulturpolitik ging es im vergangenen Jahr hoch her. Eine Hiobsbotschaft jagte die nächste, jede zweite Entscheidung wurde wieder revidiert: ein Chaos voller politischer Peinlichkeiten. Seit dem Frühling 2003 klafft das sogenannte ‚Kulturloch’ repräsentativ für die fehlgeleitete Kulturpolitik gut sichtbar inmitten der Kölner Innenstadt. Dort sollte eigentlich ein Museumskomplex entstehen, aber durch die Misswirtschaft der städtischen Kulturpolitik musste das Projekt eingefroren werden. Auf Musik-Ebene hatten die Verantwortlichen nicht minder haarsträubende Aktionen zu bieten: Ebenfalls im Frühling 2003 wurde eine Streichung des Referats für Popularmusik vorgeschlagen. Daraufhin schlug der Stadt eine Welle der Empörung entgegen: Musiker, Veranstalter und die Presse formulierten ihr Entsetzen angesichts der drohenden Streichung einer Institution des Kulturamts, die in der letzten Dekade nachweißlich viel für die Musikszene und damit auch die Stadt geleistet hat. Als dann im Sommer die Nachricht vom Weggang der Popkomm (die hatte Anfang der 90er Jahre das Referat für Popkultur – damals noch Rockbüro, von Düsseldorf nach Köln geholt) kam, trat man den Rückzug an: im Jahr der Bekanntmachung der Bewerbung Kölns zur Kulturhauptstadt 2010 konnte man sich einen derartigen Wegbruch einer ganzen Kulturschiene dann doch nicht leisten.
Wenn man sich die Geschichte des Referats für Popularkultur genauer ansieht, ist es kaum verständlich, dass man überhaupt an eine Streichung gedacht hat. Seit 1989 fördert Manfred Post Musiker und Veranstaltungen – von der Organisation von Proberäumen über die Vermittlung von Auftrittsmöglichkeiten bis zur Produktion von Kölner CD-Samplern („The Sound of Cologne“; „Underground Explosion“) – die Köln tatsächlich weltweit einen guten Ruf als Musikstadt eingebracht hat. Das ist vor allem im Bereich der elektronischen Musik zu spüren. Hört man sich bei den dienstältesten Protagonisten der Kölner Elektronik-Szene um, dann ergibt sich ein klares Bild der Arbeit des Referats für Populärkultur.
Zwar gibt es mit dem Kompakt-Umfeld eine ganze ‚Familie’, die sehr betont, ohne städtische Subventionen ganz autark zu wirtschaften – wie Wolfgang Voigt im Gespräch mitteilt. Und auch einem populären Produzenten wie Jörg Burger aka The Modernist fällt, auf Kooperationen angesprochen, nicht viel ein (obwohl natürlich indirekt Verbindungen bestehen, wenn The Modernist z.B. beim „Electrobunker“ auftritt, der ja vom Kulturamt gefördert wird). Doch weitere Gespräche zeigen, dass dies Ausnahmen sind. So findet Matthias Schaffhäuser, Technoproduzent und Betreiber des Labels ‚Ware’, nur gute Worte für die Zusammenarbeit mit Manfred Post:
„Es gab in den letzten Jahren etliche Kooperationen mit dem Kulturamt der Stadt Köln, genauer gesagt mit dem Referat für Popularmusik und dessen Leiter Manfred Post. Es ging dabei von der Unterstützung von Party-Projekten oder Auslandsreisen wie z.B. zur Sonar-Messe bis hin zu der Zusammenarbeit in Sachen CD-Compilation „Sound Of Cologne“, die Bernhard Lösener von The Kitbuilder und ich zusammen gestellt haben. Also eine Kooperation in beide Richtungen, die immer sehr positiv, angenehm und fair verlaufen ist. Das Engagement von Herrn Post kann dabei gar nicht hoch genug gelobt werden, da er immer in erster Linie die Musik im Auge hat bei seinen Aktionen und ein nicht-abgesprochenes Ausnützen gemeinsamer Aktivitäten nie stattgefunden hat!“
Alex Paulick von dem in Köln lebenden, exil-britischen Elektronik-Pop-Duo Coloma kann ebenfalls auf eine lange und erfolgreiche Zusammenarbeit zurückblicken. „Dadurch, dass es ganze Konzertreihen organisiert oder
Proberäume vermittelt, hat das Amt vielen Musikern ein Forum geschaffen.
In den letzten 8 Jahren haben wir selbst auf verschiedenen Events gespielt, die vom
Kulturamt mit unterstützt worden sind. Das war vor allem in unserer
Anfangszeit ziemlich hilfreich.“ Doch gibt es von städtischer Seite zuweilen auch Gegenwind zu spüren: „Das Ordnungsamt übernimmt dagegen oft die Rolle die Spielverderbers. Ich will zwar auch Ordnung, ¬nur bloß nicht zu viel davon! Als wir vor Jahren nach Köln kamen, war Straßenmusik unsere erste Einkommensquelle. Das Ordnungsamt hat damals nicht nur einmal versucht, uns außer Gefecht zu setzen.“
Probleme mit dem Ordnungsamt kennt man natürlich auch und vor allem im Zusammenhang mit Parties. Hans Nieswandt, DJ und ehemaliges Mitglied der Formation „Whirlpool Prod.“: „In gewisser Weise (gibt es solche Probleme) natürlich ständig, weil Köln eben so klein, eng und eingefahren ist, was die Austragungsorte des Nachtlebens angeht… Köln ist einfach vergleichsweise recht arm an Freiräumen.“ Neben dem rühmlichen Engagement von Manfred Post kann man in Köln also durchaus auch von anderen Erfahrungen berichten. Nieswandt: „Mir ist im Lauf der Jahre einfach immer wieder eine gewisse Widersprüchlichkeit aufgefallen: einerseits schmückt sich Köln ja nun wirklich gerne mit dem Attribut, eine elektronische Hauptstadt zu sein, in der schon zu Zeiten der Römer mit antiken Analogsequenzern gefrickelt wurde, dann kam Stockhausen, dann Can und dann direkt schon Mike Ink. und Jörg Burger oder so. Andererseits spiegelt sich das nicht in einem nennenswerten Nachtleben. Ich kenne sehr viele Kölnbesucher, die enttäuscht sind und den weithallenden Ruf der Stadt nicht mit dem in Übereinkunft bringen können, was sie dann tatsächlich dort erleben. Köln ist eigentlich eher eine tagsüber-Stadt. Und das Zusammenspiel von Kulturamt und Ordnungsamt erinnert in dem Zusammenhang an Konstellationen wie Umwelt- oder Gesundheitsministerium versus Finanzminister.“
Doch trotz der Interventionen des Ordnungsamtes und der meist haarsträubenden Kulturpolitik der Regierenden zeigt sich ein überwiegend positives Bild. Dr. W von Air Liquide, der mit dem Club Camouflage auch Clubbetreiber und Partyveranstalter ist, ist rundum zufrieden: „Mit fast allen Veranstaltungen arbeiten wir sehr eng mit dem Referat für Popularmusik, zusammen. Wir veranstalten ja auch gemeinsam das Kölner Elektronik-Festival „Battery Park“, welches in diesem Jahr zum siebten mal stattfinden wird. Ich kenne kaum ein anderes Kulturamt einer anderen deutschen Stadt, dass sich so für die elektronische Musikkultur in der Heimatstadt einsetzt! Das Kulturamt ist auch äußerst engagiert in der Planung und Realisation des Zentrums für elektronische Musik, Köln, ein Projekt, das in absehbarer Zeit für großes Aufsehen sorgen wird.
Doch zuvor wird mit dem Festival „c/o pop“ noch an einem Ersatz für die Popkomm gebastelt. Seit knapp einem Jahr steht mit dem Projekt „Music Export Cologne“ (MEC) dem Referat für Popularmusik ein geeignetes Instrument für derartige Projekte mit internationalem Wirkungsradius zur Verfügung. Das Festival mit Schwerpunkt auf elektronischer Musik, dass sich an das Sonar-Festival in Barcelona anlehnt und erstmals vom 6. bis zum 22. August 2004 stattfinden soll, wurde von MEC mitinitiiert. Und damit dürften alle zufrieden sein – da kann nicht einmal das Ordnungsamt die Stimmung trüben!
(unveröffentlicht)
Graw Böckler: Raum für Projektion
„In der Krise kann man am besten was machen“, weiß Georg Graw. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Ursula Böckler machen sie als Produzenten-Duo kurze, experimentelle Filme, die sie in ihrem „Raum für Projektion“ zeigen und auf dem gleichnamigen DVD-Label veröffentlichen … „Graw Böckler: Raum für Projektion“ weiterlesen
Interview mit Irmin Schmidt (Can)
Irmin Schmidt, Gründungsmitglied der legendären Kölner Progressiv-Rock-Band „Can“, tritt am 9.2. beim intro-intim-Abend in der Christuskirche zusammen mit seinem Musikerkollegen Kumo auf. Vor und nach dem Konzert wird man Ausschnitte der Ende des Jahres erschienenen Can-DVD sehen können … „Interview mit Irmin Schmidt (Can)“ weiterlesen
Can DVD
Squarepusher
Sonic Destroyer!
Bevor das Interview beginnt, fällt im Raum der Name Alan McGee. Kennt der nach einigen Stunden Dumme-Journalisten-Fragen-Beantworten deutlich abgeschlaffte Tom Jenkinson aka Squarepusher nicht! Als ich erläutere, dass er das Label Creation gegründet hat, lautet sein desinteressierter Kommentar: „Kenn ich auch nicht, aber was für ein blöder Name. Hätte er besser Destroy genannt“.
Dabei macht sich Squarepusher nach wie vor häufig die doppelte Arbeit: erst kreieren, dann negieren, oder – etwas positiver ausgedrückt: erst zusammensetzten, dann wieder auseinandernehmen! Auf Squarepushers neuer Platte ‚Go plastic’ kommt diese Tugend wieder voll zum tragen, nachdem er zuvor mit Maximum Priest und Budakhan Mindphone fast schon seriöse Avantgardeziele verfolgt hat. Auf die Bemerkung, er würde sich im Moment wieder mehr seinem frühen Wahnwitz nähern, und überhaupt sei seine Entwicklung alles andere als die einer linearen Evolution, kontert er mit einem Modell dreier Tracktypen, die ständigen Verfeinerungen unterworfen werden: „Es gibt die ruhigeren Stücken ohne Beats (Leute, die das Ambient nennen, sollten ihm nicht zu nahe kommen…), die eher im Drum ‚n’ Bass-Kontext angesiedelten Stücken und die freieren, Fusion-Jazz inspirierten Sachen. Die drei Typen vermischen sich natürlich auch“. Denn alle drei Stränge bewegen sich auch gerne in Kreisen, entwickeln sich also nicht nach herkömmlichen Fortschritts-Schemata, und – das kann man sich leicht ausmalen – verheddern sich auch ineinander. Das führt zu D’n’B- Ambient (aua!), Fusion-D’n’B, Ambient-Fusion (noch mal aua!) und ähnlichem Unfug, der zu Hören dem Wagemutigen großen Spaß bereiten kann.
Neben dem wieder angehobenem Irrwitzfaktor scheint auch der Anteil ‚herkömmlicher’ Instrumente (Bass und Schlagzeug) wieder abgenommen zu haben.
Bei dem Thema entwickelt Herr Jenkinson allerdings einen ähnlichen Ekel, wie bei der Genreeinordnung seiner Tracks, aber da muss er jetzt trotz seines desolaten Zustands durch. „Die Unterscheidung von Computern und Instrumenten, äh, wenn ich von Instrumenten rede meine ich…(spielt den muckermäßig hochgeschnallten Luft-Bass), interessiert mich nicht“.
Ich stimme ihm schnell zu, um nicht vollkommen als Trottel dazustehen… Aber schließlich hat er dieses Fusion-Virtuositätsausstellungsspiel selber bereits mit den Bass-gniedel-daddel-Soli seines ersten Albums „Feed Me Weird Things“ losgetreten. „Hm, ja, stimmt“. Na also! Die Anteile herkömmlicher Instrumente sind jedoch gar nicht zurückgegangen, nur macht eine nachträgliche Klangbearbeitung auf der einen, und das Sampeln herkömmlicher Instrumente auf der anderen Seite eine Unterscheidung immer schwieriger und natürlich auch überflüssiger. Das Werk beantwortet die Fragen mal wieder wesentlich besser als der Autor. Und auch dessen Laune ist deutlich besser. Findet er eigentlich, dass seine Musik humorvoll ist? „Ja, schon…“.
Wirklich neu ist hingegen sein Versuch, 2Step ein wenig Charakter einzuhauchen. „Eines Tages kam ein Freund von mir, der viel 2Step hört, in mein Studio und er fand meine neuen Sachen mal wieder sehr strange. Da habe ich gesagt: ‚Ich mach Dir mal einen 2Step Track in meinem Stil’“ . Hat er gemacht, und als der Freund ihn gehört hat, hat er ihm anscheinend sogar gefallen, auch wenn er ihn etwas ungewöhnlich fand. Nur, es ist zu befürchten, dass der beim Tanzen zu „My Red Hot Car“ seinen Champagner verschütten wird.
Zuerst erschienen in De:Bug 11/03
Schlammpeitziger II
Schlamm(ge)schichten
Drei Jahre hat sich der Schlammpeitziger aka Jo Zimmermann Zeit genommen, um sein neues Album fertig zustellen. Aber nicht drei Jahre lang! Nach einem Remix für Depeche Mode und seiner Best of CD für das Britische Label Domino war zunächst eine Neupositionierung gefragt. Das Album selbst wurde in nur einem halben Jahr eingespielt. Was ist neu, was ist anders?
In der Tat hat sich einiges geändert, auch wenn einem das nicht so direkt ins Auge und Ohr springt. Die Produktionsbedingungen, die seit langem in der fast hermetischen Schlammpeitziger-Welt überschaubar waren, sind etwas durcheinander geraten: er hat zum ersten mal stringent an einem Album gearbeitet, und nicht über zwei Jahre Stücke angesammelt. Nach nur einem halben Jahr waren 9 Tracks fertig! „Es sollten eigentlich 10 Stücke werden, aber nach dem neunten war ich einfach leer! Da konnten die Geräte auch mal wieder schweigen.“ Auch hier, beim Instrumentarium, hat sich einiges geändert: Wo zuvor der Casio tonangebend war, regiert jetzt ein Roland SP 808 mit seiner Vielfalt an Möglichkeiten. „Man kann da Sachen exakt platzieren, wie im Minicomputer. Das ist eine ganz andere Arbeitsweise: da kann man Dinge nebeneinander und übereinander stellen, so dass die vom Timing auch genau hineinpassen. Ich habe auch viel mit Resamples gearbeitet. Die vier digitalen Spuren habe ich dann oft nachher wieder auf 8 analoge gebracht und noch mal Melodien dazu gespielt. Außerdem habe ich eine dickere Drummaschine benutzt, weil ich auf die Casio-‚Holzdrums’ wirklich keine Lust mehr hatte – es sollte mehr nach vorne gehen.“
Und nach oben, unten, rechts und links! Nachdem die kleinen Attraktionen, für Depeche Mode remixen zu dürfen (der Matmos- oder Mark Bell-Effekt hat sich aber nicht eingestellt, weil der Remix „zu eigen, zu verschroben“ war) und sein Best-of… Album „Collected simplesongs Of My Temporary Past“ auf Domino veröffentlichen zu können das Telefon NICHT haben heiß klingeln lassen, hatte Jo Zeit, sich über eine Neupositionierung Gedanken zu machen. „Ich wollte eine Grätsche machen zwischen Elektronik, Pop und Experiment. Ich habe die drei Jahre viel Musik gehört, und was letztendlich für mich hängen geblieben ist, wo ich am meisten dachte, da könnte es für mich hingehen, war zwischen Capitol K, Vert und Stevie Wonder. Ich dachte, dass das auch für mich eine gute Fortsetzung wäre für elektronische Popmusik im weitesten Sinne. Ich hatte keine Lust, dass das alles glatter wird, oder mainstreamiger. Ich wollte, dass das verschroben und komisch bleibt., zwischen Geräusch, Melodie und Pop.“ Niedlich-Sound adé! Stattdessen rappelt es auf dem neuen Album „Everything Without All Inclusive“ ordentlich und man kann bei der Vielschichtigkeit der Tracks durchaus von einem komplex geschichteten Wall of Sound sprechen.
Aus den vielen Schichten schälen sich dann immer wieder Geschichten – vage narrative Strukturen heraus. Konkreter wird es, wenn gesampelte Geräusche wie das Summen eines Bienenschwarms oder die Geräusche eines Ruderbootes zu hören sind. „Eine Geschichte ergibt sich erst während der Arbeit mit den Bruchstücken, bevor man die Versatzstücke zusammenfügt und es ein Ganzes ergibt. Das wurde jetzt schon öfters lyrisch genannt, worauf dann die Frage nach Gesang folgte. Auf Gesang hatte ich aber keine Lust. Ich wollte noch mal eine Platte machen, bei der ich einen Schritt anders wohin gehen und trotzdem instrumental bleiben kann. Ich dachte, dass es auf jeden Fall noch eine Erzählform in elektronischer Musik gibt, die ohne Stimme auskommt! Außerdem hätte ich total anders arbeiten müssen, wenn da noch eine Stimme hätte reinpassen sollen. Die Musik ist viel zu dicht und gar nicht so angelegt! Das ist aber witzig, das jetzt gesagt wird, die Platte klingt lyrisch, denn dann hat sich das mit der Stimme ja eh erst mal erledigt!“
Geblieben sind bei all den Veränderungen und Auflockerungen des hermetischen Schlammpeitziger-Universums die langen Titel aus neuen Wortschöpfungen. Nur beim Album Titel wurde er etwas pragmatischer: „Diesmal war es mir wichtig, etwas zu sagen, was nicht in diesem geschlossenen Schlammpeitziger-System ist. Der Titel „Everything Without All Inclusive“ richtet sich gegen ‚all inklusive’, fordert Eigenheit und Einzigartigkeit. Auch in der Elektronik wird alles so auf EINEM Teppich breitgetreten, und da ist es wichtig, dass es auch verschrobene und andersartige Sachen gibt innerhalb dieser ganzen Parameter.“
(Sonig, VÖ: 3.11.03).
Zuerst erschienen in De:Bug 11/03
Peaches – Fatherfucker
Erstmal volle Punktzahl für’s Image: Peaches mit angeklebtem Bart auf dem Cover des wohlüberlegt betitelten zweiten Albums „Fatherfucker“:

Sexploitation und Gender-Verwirrung sind weiter ihre Themen. In einem der drei Bonus-Videos dann noch ein musikalisches Statement: „Queen of the Electro-Crap“ nennt sie sich da und läuft rum wie die 43. Version einer M.I.A. Obwohl: rein musikalisch betrachtet könnte sie natürlich auf dem Electro-Clash-Sampler landen: ihr Minimal-Electro-Booty-Style ist ab und an von Rockgitarren durchkreuzt. Das meiste hier ist aber staubtrockener Ghetto-Bass, Techno-Bass oder wie man das Zeug zur Zeit nennt. Cool wie Scheiße, dieser Crap, und das weiß inzwischen sogar good old Iggy Pop, der mit ihr bei „Kick It“ im Duett singt. (Als Doppel-CD mit 3 Bonustracks, darunter das tolle, bisher nur live gehörte „Sex(I’m a)“).
(XL-Rec./Beggars Group, VÖ: 15.9.2003)
Zuerst erschienen in De:Bug 10/03
Cavemen Speak – Wooden Cast
Es ist erstaunlich, was für eine Bandbreite das Duo Cavemen Speak da auf 11 Tracks demonstriert: zwischen hübsch verträumten Stücken mit perlenden Pianoakkorden, düster-verrauschtem Minimalismus, eingeflochtenen tricky Breakbeats in Drum ‚n’ Bass-Tempo, Electronica-Anleihen, Jazz-elementen und fernöstlichen Sounds findet man hier so ziemlich alles in bester Qualität, was man vom Leftfield-HipHop der letzten Jahre kennt. Und mehr! Schöne Überraschung!
(Shadowanimals, VÖ: 9/03)
Fanny Pack – So Stylistic
Salt ‚n’ Pepper oder die unbekannteren aber ziemlich irren und guten L’Trimm sind die deutlichen Referenzen von Fanny Pack. Also Female Rap der späten 80er: aufgekratzt freche Raps plus minimalistische Beats aus der Roland-808. In der Version der zwei musizierenden Jungs und der drei Girls (Jessibel, Belinda und Cat heißen die) paart sich das zudem mit fettem Booty-Style. Das klingt zwar erst einmal sehr ausgedacht – und ist es wohl auch – doch die Mischung funktioniert vorzüglich. Wenn man „Push it“ mochte und gegen Partymusik mit einer Extraportion Bass nichts einzuwenden hat, ist das genau das richtige. Und bitte nicht vom 80’s-Trash-Cover mit original Fat Boys Schriftzug abschrecken lassen.
(Tommy Boy, VÖ: 09/03)
Schorsch Kamerun zu „Golden Lemons“
Rockerdialog: Wen interessiert das noch?
Nach gut 20 Dienstjahren gibt es die Goldenen Zitronen erstmals im Kino zu sehen. Ihre US-Tour als Vorgruppe des schizophrenen und autistischen Musikers Wesley Willis bildet den Rahmen für den Tourfilm ‚Golden Lemons’. Regisseur Jörg Siepmann begleitete die Band knapp zwei Wochen durch die Provinzstädte des Westen der USA und liefert ein Portrait der Band unter diesen ungewöhnlichen Bedingungen. Ganz glücklich sind die mit dem Film jedoch nicht. Gründungsmitglied Schorsch Kamerun erläutert warum.
De:Bug: Eindeutige, sichere Zustände interessieren Euch anscheinend nicht. Als deutlich links positionierte politische Punkband tourt Ihr durch die eher konservativen Provinzstädte des US-Amerikanischen Westens. War das eine bewusste Entscheidung für einen Konfrontationskurs?
Schorsch Kamerun: Es waren schon klar Subkultur- orientierte Umgebungen in denen wir dort aufgetreten sind. Insofern empfanden wir die unmittelbaren Auftrittsorte nicht unbedingt „konservativer“ als ein Kulturzentrum wie „die Fabrik“ in Hamburg- Altona. Konfrontationen durch unser Auftreten allein waren so vorab erstmal nicht angelegt. Es gab eher ein erstauntes Empfinden über unsere klareren politischen Statements (beispielsweise über den aktuellen Präsidenten), aber niemals eine verärgerte Reaktion.
De:Bug: Könnt ihr einschätzen, wie man Euch dort als Band wahrgenommen hat? Habt Ihr ein detaillierteres Feedback von den Leuten bekommen? Wart Ihr die verrückten Deutschen, die coolen Deutschen, oder war Irritation eher vorherrschend? Wie hat die Musik gewirkt? Der Film gibt darüber nicht so recht Aufschluss…
SK: Das scheint mir eines der Probleme des Films zu sein. Er interessiert sich nicht weiter für die direkten Reaktionen die wir beim Publikum auslösten. Das heißt er ignoriert weitestgehend die kommunikativen Erlebnisse zwischen den Leuten vor Ort und uns- nach, aber auch während der Auftritte. Es gab viele spannende Gespräche mit den unterschiedlichsten Leuten, breit gefächert über Themen aus meist subkulturellen und politischen Bereichen, die der Film komplett auslässt.
Unser musikalisches Auftreten schien mir in seinem „realen Moment“ am überraschendsten zu wirken für das Publikum. Ich glaube wir sind als europäische Band weit weniger vordergründig eine „Show“ als vergleichbare Acts, wie vielleicht Jon Spencer o.Ä.
De:Bug: Wie habt Ihr den Spagat zwischen den Polen ausgehalten, als Vorgruppe des schizophrenen Musikers Wesley Willis einerseits Teil eines lobenswerten ‚Projektes’ zu sein (vgl. Phänomen ‚Station 17’), andererseits Euch aber auch immer wieder wie in einer unangenehmen Freakshow vorzukommen, wo man nicht mehr weiß, wer hier mit und wer über Willis lacht?
SK: Man muss schon ziemlich genau hin schauen bei dem Phänomen Wesley Willis. Er ist ziemlich komplex. Er ändert auch des Öfteren seine Positionen. In seinem Grundwesen ist er aber mit Sicherheit ein durchaus friedliebend ausgerichteter Zeitgenosse. Die Konzert bestimmenden „Fun- orientierten“ Reaktionen der Leute, vornehmlich bei den rüpelhaftesten Passagen seiner Vorstellungen (inklusive seiner Kopfnussrituale), sind für mich aber auch nicht immer voll zu verstehen. Es gilt zu bedenken das er meist in einer eigentlich recht eindeutigen Hardcore- Szene stattfindet.
De:Bug: Eine inhaltliche Auseinandersetzung war mit WW bzw. seinem Manager wohl nicht zu führen bzw. wäre wohl auch fehl am Platz gewesen. Im Film kommt mehrmals und an exponierter Stelle der Bin Laden Song vor, so dass man fragen muss, wie Ihr Euch dazu verhalten habt? Da klingt ja EIGENTLICH ein unangenehmer Patriotismus mit. Wie geht man damit um, wenn das von einem Menschen wie WW kommt?
SK: In dem man ihn ganz direkt fragt, was genau er mit diesem Lied sagen will. Es gibt aber kein klares Bild einer Antwort. Ich selbst habe ihn exakt diesen Song schon sehr unterschiedlich interpretieren hören. Textlich bleibt die reduzierte Ebene von: der Böse hat das Schlimme angerichtet und darum ist er ein Arschloch und deshalb man sollte Dieses und Jenes mit ihm anstellen. Anderseits denkt Wesley im Genaueren, allein schon durch seine Prägung (er war Zeuge schwerer Gewaltverbrechen), ein ganz feines Nachdenken über Gewaltausübung. Im besten Fall nehme ich solche brachialen Texte deshalb als (wie auch immer zu bewertenden) „Style“ wahr.
De:Bug: Der Film zeigt Euch sehr offen in Bezug auf Eure Konflikte untereinander und Eure inneren Konflikte. Wie empfindet Ihr diese Offenheit, wenn Ihr den Film seht?
SK: Das wäre im Grunde Okay mit uns. Wir finden nur, dass der Film an diesen Stellen sehr populistisch wiedergibt, wenn es um die Interna der Band geht. Außerdem ist das wirklich unverständlich schwach klischiert wenn man Bilder ausstellt, wo sich Gitarrist und Sänger über zu laute Verstärker streiten. Das gibt es zwar, aber wen interessiert das noch?
De:Bug: Ihr seid mit dem Bild, dass der Film von Euch zeichnet, nicht sonderlich zufrieden. Was gefällt Euch nicht an Eurer Darstellung im Film, was wäre Euch in einem Film wichtiger gewesen?
SK: Wir haben diese Tournee zu sagen wir 50% anders empfunden als der Film das wieder gibt. Er lässt völlig aus wie sich unsere Band in der besonderen Situation präsentiert hat in der wir uns befanden in den USA. Es gab unendlich viele Kontakte, Gespräche, Diskussionen, aber auch diverse persönliche Erlebnisse mit Leuten vor Ort. Das fehlt extrem für eine halbwegs adäquate Wiedergabe. Stattdessen sieht man Massen ästhetisierte Szenen von melancholischen Musikreisenden die traurig aus dem Tourbus sinnieren. Der Film sollte in dieser Form zumindest nicht so heißen wie die Band. Unser Problem ist nun, das wir den Film handwerklich als nicht ungelungen empfinden. Nur ignoriert er zu großen Teilen unsere Anliegen im Allgemeinen und noch mal mehr im Speziellen die dieser USA- Reise.
(Bundesstart von Golden Lemons: 28.8.2003)
Zuerst erschienen in De:Bug 09/2003
Danger Mouse & Jemini – Ghetto Pop Life
Jetzt gibt’s von Lex Records auch mal richtigen HipHop. Na, den gab`s auch schon auf ein paar Maxis, aber nach den drei Teilen des Lexoleums und der LP von Boom Bip war man doch eher HipHop orientierte Electronica von ihnen gewohnt.

Danger Mouse & Jemini hingegen ist astreiner NY-Underground. MC Jemini hat viel zu erzählen (meist Blödsinn…), reitet schnell auf den Beats ohne ins Hecheln zu kommen, bleibt immer geschmeidig und rund im flow (klingt wie Sadat X auf Speed!). Danger Mouse bastelt dazu extrem abwechslungsreiche Musik, die ganz und gar nicht nach einem 24jährige Jungspund klingt. Absolut musikgeschichtsbewandert kreiert er ausgesprochen eigenständige neue Soundverbindungen, von hart rockend bis romantisch einlullend, vom Gitarrenloop über Pianokaskaden zur eingearbeiteten Operette. Verschnaufpausen gönnen die beiden einem jedenfalls nicht. Gut so!
(Lex, VÖ: 14.07.2003)
Zuerst erschienen in De:Bug 06.03
Meanest Man Contest (Interview)
Gefühlsachterbahn
Meanest Man Contest machen es dem zwangsneurotischen Archivar auch nicht leichter. Als gäbe es nicht schon genügend Verwirrung stiftende Scott Herrens auf dieser Welt, müssen sich auch MMC gekonnt zwischen die Stühle Electronica und HipHop setzen.
Auf ihrem eigenen Label Weapon-Shaped veröffentlichen sie krudes Anticon-Zeug und Artverwandtes in bester visueller Verpackung. Für ihr Debutalbum ‚Merit’ geht das Duo Meanest Man Contest allerdings zu Plug Research, dem Connaisseur-Label für Elektronik-Listener aller Art. Und natürlich sieht das Album-Cover überhaupt nicht nach HipHop, sondern nach gutem Kunst-Comic aus.
De:Bug Ähnlich wie zur Zeit auch bei einigen anderen HipHop-Produzenten, hat Eure Musik eine narrative Struktur, die mehr ist als das gewöhnliche ‘1-sampleloop-plus-1-catchy-Refrain’-Ding. Das erinnert an Electronica-HipHop-Produzenten wie Scott Herren (Prefuse 73). Kommt ihr wie er aus dieser Ecke, oder seid ihr eher B-Boys, die sich elektronischer Musik nähern?
Quarterbar: Wir haben definitiv mit einem Interesse an HipHop angefangen und uns dann hin zur elektronischen Musik bewegt. Das war aber keine bewusste Entscheidung. Wir versuchen, über solche Dinge nicht zu viel nachzudenken und einfach die Musik zu machen, die wir lieben. Aber wir mögen natürlich Sachen wie Push Button Objects oder Boards Of Canada.
De:Bug: Bei Euch gibt es ja auch den für Abstract-HipHop üblichen Schwerpunkt auf Instrumentals. Geht es Euch also mehr um die Erweiterung des musikalischen Ausdrucks im HipHop als um Rap-Skills und Lyrics?
Eriksolo: Wir wollen einfach nicht auf eine Formel reduziert sein. Einiges von dem, was wir demnächst veröffentlichen, wird mehr Vocal-orientiert sein als ‚Merit’. Für dieses Album haben wir aber eine instrumentale Herangehensweise beschlossen.
De:Bug: Ihr habt viele Jazz-Elemente in Eurer Musik. Die sind aber weniger die übliche Imitation (wie häufig beim Sampling durch die Verwendung von Klischees) als eine Neuerfindung von Jazz, wie man es auch von Plug Research-Labelmates wie Daedelus oder Low Res kennt. Könnt ihr dem zustimmen und Euer Verhältnis zu Jazz erläutern?
QB: Danke, das ist ein großes Kompliment! Wir sind beide große Jazz-Fans schätzen alle Möglichkeiten, die der Jazz bietet. Wir haben eine Menge Jazz-Samples verwendet – das wird wohl zu diesem Jazz-Feeling auf ‚Merit’ führen. Wir versuchen dabei tatsächlich neues zu erschaffen statt nur zu wiederholen, wie es viele Jazz-Musiker tun. Plug Research hat viele kreative Leute, die ebenfalls versuchen, etwas neues zu machen. Es ist gut, ein Teil davon zu sein. Einen MMC-Song zu machen ist dennoch keine spontane oder freie Angelegenheit. Fast alle Stücke sind mit dem MPC2000 aus Platten-Samples zusammengebaut. Es gibt einige wenige Stücke, wo ich Gitarre drüber spiele, mich selber an Gitarre oder Synthie gesampelt habe – das meiste sind aber gesampelte Platten. Ich mag die Tatsache, dass Du nur durchs sampeln einen so reichen Sound erlangen kannst. Jede Platte ist mit anderen Instrumenten, Verstärkern, Mikros und in unterschiedlichen Räumen aufgenommen, unterschiedlich gemastert. Je mehr Quellen Du verwendest, desto mehr kannst Du daraus Gewinn ziehen.
De:Bug: Á propos Gitarre: In Eurer Musik ist oft auch ein melancholischer folky Touch mit freundlicher, warmer Stimmung zu finden. Das steht oft im Kontrast zu düsteren, elektronischen Klängen. Wechselt Ihr gerne innerhalb der Stücke so extrem zwischen den Stimmungen? Warum wählt Ihr eine solche Achterbahnfahrt der Gefühle?
QB: Ich denke, dass Dinge mehr Beachtung finden, wenn man sie in Kontrast zueinander stellt, das bewirkt einen stärkeren Effekt. Der Grund dafür, warum die Beats so wechselhaft sind, liegt in meiner Arbeitsweise. Ich mache ziemlich viele Beats und wähle später die besten aus. Manchmal kann ich mich zwischen zweien nicht entscheiden – dann nehme ich eben beide oder verschmelze sie.
De:Bug: Wie seid Ihr als HipHop-Produzenten eigentlich zu Plug Research gekommen?
E: Wir haben Material zu einem Label in LA geschickt. Der Typ hat das Allen von Plug Research vorgespielt, dem es sofort gefiel. Keine gute Story, wirklich! Wir sollten uns mal eine spannendere Version ausdenken!
Zuerst erschienen in De:Bug 6/03
Jürgen Teipel: Verschwende Deine Jugend (Buch)
V/A: Verschwende Deine Jugend (CD)
Warum sich ‚New Wave’ nicht mit ‚Neue Deutsche Welle’ übersetzen lässt.
Ende letzten Jahres erschien im Suhrkamp Verlag das großartige Buch VERSCHWENDE DEINE JUGEND. Damit lieferte Jürgen Teipel anhand unzähliger O-Töne ehemaliger Protagonisten der deutschen New Wave zwischen 1976 und 1983 ein umfangreiches Zeitkolorit vom Auf- bis zum Zusammenbruch der Szene. Die Zitate aus den einzelnen hierfür geführten Interviews sind kommentarlos, aber in höchst raffinierte Weise aneinandergereiht – der Autor nennt es Doku-Roman, das Prinzip ist übernommen von dem ebenso gelungenen Pendant und Vorbild „Please kill me“ von Legs McNeil und Gilian McCain (auf Deutsch erschienen bei Hannibal).

Im Zusammenhang mit diesem Buch erscheint nun bei dem damals stark involvierten Düsseldorfer Plattenlabel Ata Tak eine ebenso einmalige Doppel-CD, die analog zum Buch die bedeutendsten Musikstücke dieser Zeit zusammenfasst. Über die Auswahl muss man erst gar nicht streiten: denn erstens ist sie wirklich sehr repräsentativ für das musikalische Geschehen dieser Zeit (die Düsseldorflastigkeit findet man bereits im Buch, sie ist aber auch historisch legitim), und zweitens orientiert sie sich ja an den im Buch entscheidenden Stücken, ist also eine Gesamtauswahl vieler der Beteiligten Musiker: angefangen vom Düsseldorfer Ur-Punk bei MALE, MITTAGSPAUSE und S.Y.P.H., über die avantgardistischeren, mehr aus Kunstkontexten entstandenen Ansätze bei PALAIS SCHAUMBURG, der TÖDLICHEN DORIS, den Einstürzenden Neubauten oder FSK bis zum Abgesang auf die ‚Happy New Wave’ von XAO SEFFCHEQUE und den neue Tendenzen anstoßenden, elektronischen Tanzmusiken von DAF, den KRUPPS und LIAISONS DANGEREUSES (nur: wo bleiben die GEISTERFAHRER?). Buch und CD gemeinsam konsumiert, ergibt das einen äußerst gelungenen Einblick in eine bis dahin eher dürftig dokumentierte musikalische Deutschstunde. Und wer sich jetzt fragt, warum Nena und Markus unerwähnt bleiben, der muss nachsitzen und 100 mal ‚New Wave’ an die Tafel schreiben!
Erschienen bei Suhrkamp (Buch) bzw. Universal (CD; VÖ: 22.4.2002).
Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 4/02
St. Thomas: „I’m Coming Home“
Mal was neues: Country-Folk aus Norwegen! Der Novelty-Gag an sich würde natürlich als Grund für eine Rezension nicht reichen. Aber trotz aller Absurdität dieser Kombination verbirgt sich hinter ‚I’m Coming Home’ ein ernst zu nehmendes Album mit amerikanischer Folklore aus der Sicht von St. Thomas’ offensichtlichen Vorbildern wie Neil Young oder Palace Brothers. Vor allem gesanglich nähert er sich diesen beiden Helden bedrohlich nahe, fast bis zur Selbstaufgabe: Wir hören also eine leicht nasale, zarte und zerbrechliche Stimme, die auch von der vorwiegend akustischen und sparsam eingesetzten instrumentalen Begleitung kaum gestützt wird. Was aber vor allem auffällt, ist das wirklich gute Songwriting, durch das einige regelrechte Ohrwürmer entstanden sind. Dass so etwas in Norwegen in den Top Ten landet spricht zwar für das Land, kann aber kaum der musikalischen Einschätzung dienen. Aber man freut sich ja immer, wenn sympathische Minderheitenmusik ohne laute Gesten auch einmal Erfolg hat.
(City Slang/Labels/Virgin, )
Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 4/02
Selten gehörte Musik in Köln
Ein antiautoritäres Lustspiel
Oswald Wiener präsentierte Mitte Januar im Kölner Volkstheater Millowitsch ‚Selten gehörter Musik’ und versuchte mit jungen Musikern, sein Projekt aus den 70er Jahren in die Jetztzeit zu katapultieren. Das gelang ihm allerdings nur ansatzweise.
Die Welten, die in Köln am Abend des 14.1. aufeinander prallten, könnten kaum verschiedener sein. ‚Selten gehörte Musik’ wurde für diesen Abend im Millowitsch-Theater angekündigt, und die Namen, die hinter diesem Projekt standen, konnten das Kölner Lustspieltheater mühelos mit einem vorwiegend jungen Publikum füllen.
‚Selten Gehörte Musik’ war in den siebziger Jahren ein aus der neodadaistischen Wiener Gruppe hervorgegangenes musikalisches Trio. Oswald Wiener (Dozent für Poetik und Ästhetik an der Düsseldorfer Kunstakademie), Gerhard Rühm und Dieter Roth haben sich in dieser Zeit für einige Konzerte und Schallplattenaufnahmen („3. Berliner Dichter-Workshop“,’73) zusammengefunden, um „…eine Ästhetik des Scheiterns auszuprobieren, das heißt eine Ästhetik des Nichtkönnens, des Möchtens, des Wollens. Und dies ist eine schmerzhafte Ästhetik, es ist eine Ästhetik der Peinlichkeiten, der Blamage, des Verzichts…“(Wiener). Durch das bewusste aufs Spiel setzen des Gelingens der Aufführung sollen die Ausdrucksmöglichkeiten der Musik erweitert werden. So nimmt man gezielt ein Instrument in die Hand, das man nicht beherrscht (falls man überhaupt eines beherrscht…), denn Kunst kommt nach Wiener nicht von können, sondern von wollen (deshalb nennt er es auch Wunst).
Nach langer Zeit hatte man nun erneut die seltene Gelegenheit, ‚Selten gehörte Musik’ zu erleben – allerdings in ganz anderer Besetzung. Auf der Bühne, in der Kulisse eines biederen, neoklassizistischen Wohnzimmers des gehobenen Bürgertums (die Kulisse der aktuellen Aufführung des Theaters), saßen nicht weniger als 13 Personen mit Glockenspiel, Gitarren, Schlagzeug, Samplern, Tuba, Saxophon, allerlei Flöten uvm. Die Liste der Beteiligten schien wild zusammengewürfelt zu sein: Mehrere Generationen avantgardistischer Aktivisten, von der ‚Wiener Family (Adam, Ingrid und Oswald Wiener) und Valie Export (Experimentalfilmerin aus dem Umfeld des Wiener Aktionismus) über Wolfgang Müller (ehem. Die Tödliche Doris) zu Marcus Schmickler, Thomas Brinkmann (der einst Schüler von Wiener war), Jan Werner von Mouse On Mars und der Medientheoretiker Nils Röller standen neben anderen auf der Bühne. Ein Generationskonflikt entstand daraus allerdings nicht. Groß war anscheinend der Respekt, den die jüngeren Teilnehmer dem Initiator Oswald Wiener entgegenbrachten.
Das Konzert wurde durch ein in dadaistischer Fantasiesprache gehaltenes Gespräch zwischen Wiener und Walter Fähndrich eingeleitet, an dem sich nach und nach alle Protagonisten beteiligten – verbal, musikalisch oder mit kleinen Handlungen. Das barg während des gut einstündigen Konzertes einige sowohl musikalische (in den besten Momenten energetisch wie ein gutes Free Jazz Konzert) als auch literarische oder gar komödiantische Höhepunkte.
Allerdings blieb das alles in allem recht brav. Die Akteure diffamierten sich zwar regelmäßig gegenseitig mit ‚peinlich,peinlich’ und ‚Blamage’ Zurufen und Fähndrich versuchte zwischendurch per Handy die Polizei wegen Ruhestörung zu rufen, doch blieb der Versuch reine Showeinlage. Ein kurzer Schlagabtausch mit Überraschungseiern zwischen Bühne und Saal verebbte schnell wieder und das biedere Ambiente auf der Bühne blieb komplett verschont. Musikalisch sehr inspirierend klangen jedoch Stefan Schmidts Traktierung der Gitarre mit einer Bohrmaschine und Jan Werners rhythmische Rückkopplungen. Überhaupt: wirkten die Einlagen der älteren Aktivisten zuweilen etwas antiquiert, so erdeten die jüngeren Teilnehmer das Unternehmen immer wieder ästhetisch im Hier und Jetzt. Damit barg das antiautoritäre Ereignis doch noch einige subtile Reibereien.
Christian Meyer
Workshop: Es liebt Dich und Deine Körperlichkeit ein Ausgeflippter
Falsches langsam ausschließen
Zuweilen entstehen Workshop-Platten in alten Landhäusern mit bis zu 15 Musikern. Für das neue Album ‚Es Liebt Dich Und Deine Körperlichkeit Ein Ausgeflippter’ haben sich nur Kai Althoff und Stephan Abry, der eigentliche Kern des Workshops, zusammengefunden und ihre Ideen erst kollidieren, dann fusionieren lassen.

Mit ihrer neuen Platte entziehen sich Workshop wieder geschickt einer Schublade – indem sie gleich ganz viele anbieten: Folk, elektronische Musik und Art-‚Rock’ zum Beispiel. Aus der Schublade ihres Labels Ladomat sind sie jetzt allerdings komplett herausgefallen, um bei Sonig, ihrem neuen Label, auch nicht recht ins Programm zu passen.
Kai Althoff: Stephan wollte sehr gerne, dass die Platte folkig wird und akustische Gitarre spielen, was er am Anfang gar nicht mehr so gut konnte, wie er dachte. Das tat aber nichts zur Sache, denn wir wollten das eh teilweise sampeln und nicht 1:1 alles einspielen.
Da die beiden räumlich weit voneinander getrennt leben (Kai in Köln, Stephan in Hamburg), wurden die mitgebrachten Ideen erst beim Aufeinandertreffen für die Aufnahmen miteinander abgestimmt und modifiziert.
K.A.: Da wir uns wirklich sehr lange kennen, ist es aber so, dass man dabei nicht viel reden muss. Wir haben das teilweise auch innerhalb von Sekunden, ohne etwas zu reden, entschieden, das dies nicht geht, und dass das geht. Langes Diskutieren gab es nicht. Es gab kurze Momente, in denen einer für den anderen einen Kompromiss gemacht hat. Wenn Stephan wollte, dass da ein Mellotron drauf ist, dann habe ich gesagt: nee, das will ich eigentlich nicht, aber dann darf ich dafür woanders mal was sagen. Aber das waren wirklich kleine Sachen.
Nach einer langzeitigen räumlichen Trennung ist man natürlich verstärkt unterschiedlichen Einflüssen ausgeliefert, trägt also zunehmend unterschiedliche Ideen ins Studio. So kommt es dann, dass zwei Ideen etwas skurril aufeinander prallen: hier die Akustik-Gitarre, da die Drummaschine…
K.A.: Sicherlich will man gerne unterbringen, welche Musik man gerade hört. Wir freuen uns aber auch darüber, dass in der Konsequenz, weil der Andere was anderes will, wir uns das gegenseitig wieder kaputtmachen. Nur so kann etwas passieren, was interessant ist. Im Kern, von den Emotionen her, ist das immer die gleiche Sache, die sich eben in der Form immer sehr verändern kann. Deswegen würde ich nicht sagen, dass wir aufeinander geprallt sind. Wir waren uns schon einig. Ich hätte es nur nicht gerne gehabt, wenn da die ganze Zeit ein richtiges Schlagzeug zu hören gewesen wäre. Das hätte mich nicht interessiert. Mir gefällt ja gerade, dass das sehr stumpfe Snare-Getrommel einhergeht mit etwas, was doch eher ergreifend ist
Und mit Computern und Samples kann man ja auch wunderbar das Handwerkliche unterwandern…
K.A.: Virtuosität in der Musik interessiert uns sicherlich nicht. Mich interessiert der Punkt der Euphorie, an dem man merkt, etwas könnte gut werden, und es atemlos fertig stellt. Jedes Stück musste ja in zwei Tagen fertig werden. Wenn man merkte, dass man zu lang dran rum bastelte, war auch klar: dass würde so nichts werden. Mir gefällt der Gedanke sehr gut, deswegen Computer anzuwenden, weil es schnell gehen muss, weil man sonst schon wieder alles verloren hat. Auch wenn es nicht die besten Sounds sind. Wenn das Gefühl bei der Platte stimmt, wird man sich nicht daran aufhalten – auch nicht daran, wie z.B. die Gitarre gespielt ist – das ist wirklich nicht wichtig.
Wichtig sind hingegen die Texte, die sich in eigentümlicher Sprache zart und zärtlich am Schönen weiden und dessen Vergänglichkeit reiben, und sämtlich von Kai Althoff stammen. Vorher bereits fertig geschrieben, hat er sie frei über die Stücke gesungen, und meistens hat es auch direkt gepasst.
K.A.:Teilweise habe ich dann etwas improvisiert, um zu gucken, ob man diesen Satz als Refrain benutzen kann oder nicht. Wobei: Wiederholen ist eh immer richtig und gut – wenn es wichtig ist.
Zuerst erschienen in De:Bug 1/02
Alter Ego: Humor und Härte
Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke aka Alter Ego vermitteln zwischen Härte und Humor.
Gestern war Krieg in den USA! In der folgenden Nacht setzten sintflutartige Regenfälle ein, die bis in den Morgen andauerten. Jetzt hat sich das Wetter etwas beruhigt. Leichte Weltuntergangsstimmung liegt trotzdem über dem Szenario, als wir uns mit Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke, die zusammen das Produzentenduo Alter Ego bilden (ihr anderes Ego ist Sensorama) in den Räumen der intro-Redaktion treffen. Die Wartezeit bis zum Beginn des Fotoshootings (sämtliche Verspätungen und Pannen werden zur Zeit auf die Terroranschläge geschoben) überbrücken wir naheliegenderweise mit Gesprächen über die Ereignisse in den USA. Die Stimmung schwankt zwischen Besorgnis und hilflosem Rumalbern. Als die Fotosession beginnt, ist der Himmel immer noch tief bedeckt. Während Jörn eher Schlichtes bevorzugt und sich tapfer, aber letztendlich erfolglos gegen Pullunder wehrt, sucht sich Roman kontrastierend zur gedämpften Tagesstimmung einen schreiend-knalligen Pullunder aus dem Kleiderfundus aus: „Wo’s richtig weh tut fängt’s an Spaß zu machen.“
Vom Missverständnis zum Clubhit
Wenn das auch die Losung für „Betty Ford“, den viel gefeierten letztjährigen Clubhit von Alter Ego war, dann scheint sie gut zu funktionieren. „Betty Ford”, ein mächtig schiebender Technotrack, erschien Ende 1999 als 4-Track-EP auf Klang Elektronik, „ist aber 2000 erst richtig durchgebrochen“(Roman). Denn eigentlich war der Track auch nur eines der beiden B-Seiten Stücke. Nach anfänglicher Verwunderung hat sich dann aber nach und nach dieses Stück als der Clubtrack der EP durchgesetzt, und schnell kursierte die EP inoffiziell unter dem Titel „Betty Ford“.
Dabei ist Betty Ford für die Verhältnisse von Alter Ego ein ungewöhnlich hartes Stück. Denn Alter Ego wurde ursprünglich als das Ambient-Projekt der beiden gestartet, „seitdem hat sich das aber immer mehr verhärtet, und jetzt sind wir an diesem Punkt angelangt (Roman).“ ‚Diesen Punkt’ könnte man auch ‚Schrantz’ nennen, jenen harten Loop-Techno vornehmlich Frankfurter Provenienz. Jörn:“Es ist schon eine Schrantz-Hymne, das kann man so sagen. Aber den Begriff gab es zu der Zeit ja noch gar nicht.“ Der Track, der nach einem hochtourig laufenden Maschinenmotor mit kleinen Aussetzern klingt, bedient in der Tat das Schrantz-Publikum. Allerdings – und hier setzt ein Reihe von Missverständnissen und lustigen Zufällen ein – kann man im Stück noch einiges mehr hören – die stumpfen Momente sind doch eher vordergründig.
Digitaler Hardcore-Humor
Roman: „Die Idee ist völlig over-the-top, da sind vollkommen absurde Momente drin. Der Basslauf z.B.: schlimmer geht’s nimmer! Da gibt es wirklich stumpfe Elemente. Man muss die eben nur so einsetzen, dass es nicht peinlich wird.“
Jörn: „Es ist wie eine Achterbahnfahrt die über Höhen und Tiefen geht. Das gibt es im Augenblick selten. Die Stücke sind zur Zeit oft sehr eindimensional – DJ-Tools eben. „Betty Ford“ hingegen ist extra so gemacht, dass es aus dem DJ-Set herausragt. Es will sich in den Vordergrund spielen. Nicht ohne Grund hören so eine Platte auch ganz andere Leute: viele Ältere, viele Künstler, viele Studenten und viele Indie-Leute. Die gehen dazu aber nicht Techno tanzen, sondern finden das einfach gut, weil es so bizarr und absurd ist.“
Roman: „Das Stück nimmt eine gewisse Ernsthaftigkeit raus, die in vielen härteren Techno-Stücken ist. Es schwingt ein Quäntchen Wahnsinn mit, und das macht es etwas außergewöhnlich.“
Der Wahnsinn hat Methode
Deswegen auch der etwas verwirrende Titel: Betty Ford, die Frau von Henry Ford, hat eine Klinik für Suchtkranke Weltstars gegründet. Roman: „Weil der Wahnsinn einfach in der Luft lag, dachten wir, muss das auch im Titel erkennbar sein.“ Dass man bei dem Track auch an Motoren von z.B. Ford-Autos denken kann, ist hingegen nur eine weitere, willkommene Assoziation.
Verglichen mit Schrantz-Tools klingt „Betty Ford“ aber nicht wirklich hart. Dem Hörer schlägt nicht eine undynamisch permanent auf höchstem Level angesiedelte strukturelle Dichte entgegen, die einem rhythmisch gleichförmig spitze Sounds entgegenschleudert. „Betty Ford“ ist eher übersichtlich, mit fettem Bass produziert und konzeptuell Angelegt. Das ist so ziemlich das Gegenteil von Stumpf und liegt direkt in der Nachbarschaft eines Wolfgang Voigt, der mit seinen Projekten „Auftrieb“ und „Freiland“ ähnliche Felder beackert. So war bei der Frage nach den Kandidaten für die längst überfälligen Remixe schnell klar, dass Voigt aka Wassermann mit von der Partie sein wird (auch eine Revanche dafür, dass Alter Ego zusammen mit Sven Väth dessen programmatische Technohymne „W.I.R.“ zerbröselt haben). Auf der kommenden Remix Platte findet sich – neben Versionen von Justin Berkovi und DJ Rush – auch ein Remix von März. Der ist zuständig für den bislang letzten Zufall in dieser Geschichte: März alias Ekkhard Ehlers kam zur rechten Zeit ins richtige Büro und wollte kurzer Hand auch einen Mix beisteuern. Roman:“Wir dachten: ‚Ok, dass kann eigentlich nur absurd werden, lassen wir den ruhig mal ran’.
Christian Meyer
Zuerst erschienen in: intro, 10/2001
Die Remixe von Betty Ford erscheinen als CD bei Zomba, als Vinyl-Maxis weiterhin bei Klang Elektronik
Ming (Interview)
Electro-Pop-Chansons
Das Brüsseler Duo kann sich einfach nicht entscheiden:, Elektronik oder Pop, lustig oder traurig, Kraftwerk oder Telex, Innen oder Außen. Mit Ming zwischen allen Stühlen!
Text: Christian Meyer
Da stellte sich doch leichte Verwirrung ein, als ich kurz nach dem Interview mit dem Belgischen Electro-Pop Duo Ming eine Anzeige für das neue Album von Ming in einem Fachmagazin erblickte. Demnach heißt das überraschenderweise gerade erschienene Debutalbum des anscheinend Britischen Duos nicht ‚Intérieur/Extérieur’, sondern ‚Red’. Des Rätsels Lösung: es gibt zwei Mings und voraussichtlich bald auch den üblichen Namensstreit. Den werden hoffentlich die Belgischen Ming für sich entscheiden können: zum einen, weil sie zuerst da waren, und wer zuerst nennt, heißt schließlich auch zuerst! Zum anderen, weil man von diesen beiden äußerst sympathischen und sensiblen Menschen am liebsten alle Probleme dieser Welt fernhalten möchte. Irgendwie kann man bei ihrem Anblick nicht glauben, dass sie dem standhalten würden (was mit Sicherheit überhaupt nicht stimmt!). Ich treffe Frédérique (kurz Fred) und Nicolas am Rande des Electro Bunker Open-Airs in Köln am Rhein, genauer am Strand des Rheins, wovon die unterschiedlichsten Schiffsmotorengeräusche auf der MD ein munteres Liedchen brummen und die sowieso in lustigem Englisch Sinn zerbröselnden O-Töne verschlucken. Wir befinden uns jedenfalls (dr)außen…
De:Bug: Wie kann man den Albumtitel Intérieur/Exterieur verstehen?
Fred: Einige Songs erzählen die Innenansicht, einige die Außenansicht.
De:Bug: Das müsst ihr genauer erklären, ich verstehe fast kein französisch. Wovon redet ihr in den Texten, beziehungsweise wer von Euch schreibt sie überhaupt?
Nicolas: Manche Texte schreiben wir gemeinsam, manche alleine, das hängt davon ab, wer die Musik geschrieben hat. Ein Text ist auch von dem Dichter Arthur Rimbaud. Die Sprache, die wir benutzen, ist ähnlich poetisch. Wir beschreiben keine Alltagsdinge und benutzen auch keine Alltagssprache. Manchmal sind die Texte sehr abstrakt, manchmal sehr materiell. Fred hat dazu ein Stück geschrieben – Sentir et Analyser – das von beidem, vom Fühlen und Analysieren, handelt.
Fred: Im Französischen Chanson – in bestimmter Weise beziehen wir uns darauf, wenn auch nicht bewusst (alleine dadurch, das der Chanson in Belgien sehr präsent ist und sie in Französisch singen/Anm. CM) – gibt es etwas sehr affektiertes…
Für dieses Album habe ich versucht, nicht zu realistisch zu sein, sondern einen neuen Weg in der Poesie zu gehen. Zwei oder drei Stücke sind aber trotzdem ‚exterieur’, nicht metaphorisch, sondern sehr präzise, technische Beschreibungen von Dingen.
De:Bug: Passt dazu Euer Fassbinder Zitat „Liebe ist kälter als der Tod“?
Nicolas: Das ist als Hommage an Fassbinder gemeint. Er hat auch Musik mit kalten Texten und lustiger Variete Musik gemacht. (hat er das wirklich gesagt, oder versuchen mir hier die Interferenzen eines Schiffsmotors unterzujubeln, Fassbinder hätte auch Musik gemacht?). Der Intérieur-Part tritt bei Rimbaud hervor: er beschreibt einen Zeitgeist, der sehr aktuell erscheint. Das Leben in der Großstadt, die Situation der Jugend, die Opfer der Zeit sind – aber sie unternehmen nichts dagegen.
De:Bug: Musikalisch versuche ich Euch jetzt mal ganz platt mit anderen Brüssler Bands in einen Topf zu schmeißen: Die New Wave Band Honeymoon Killers war ähnlich wie ihr melancholisch und lustig zugleich. Was von beidem ist für Euch bedeutender?
Fred: Es ist einfach beides da!
Nicolas: Ich weiß nicht warum, aber für mich hat Musik immer etwas mit Melancholie zu tun. Aber auch wenn man so etwas Ernstes macht wie Musik, kann man nicht… ich bin nicht Stockhausen! Wir mögen es zu spielen, und es ist eben auch so etwas wie ein Spiel. Zur selben Zeit ist es aber auch wieder so ernst – wir hängen tatsächlich immer zwischen diesen beiden Aspekten.
De:Bug: Der Promozettel redet von starkem Kraftwerk-Einfluß in Eurer Musik. Ich denke eher an Telex, die ja ebenfalls aus Brüssel kommen: die waren weniger Streng, oft spaßig und sehr verspielt.
Nicolas: Dazu können wir nichts sagen. Telex ist uns zu nahe. Die waren soo belgisch. Die kommen aus unserer Parallelstraße. Die Leute machen über diese Nähe schon Witze.
De:Bug: Ihr werdet also oft mit ihnen verglichen?
Nicolas: Nein, und wir sind auch tatsächlich mehr von Kraftwerk beeinflusst. Wenn wir Telex hören, müssen wir immer lachen. Die machen ja ständig nur Witze. Sie haben z.B. 1980 das Stück ‚Eurovision’ auf dem Album Neurovision für den Grand Prix gemacht (wo übrigens auch das sehr schöne ‚Tour de France’ zu finden ist – soviel zum Telex/Kraftwerk-Vergleich!/Anm.CM).
De:Bug: Euer erstes Album Miso-Mix ist noch rauer als die neue Platte! Jetzt klingt alles reifer, erwachsener! Nicolas erzählte mir vorhin, dass ihr neues Equipment habt. Ist das der Grund für den neuen Sound.
Nicolas: Die Musik wird einfach immer wichtiger für uns. Früher haben wir den Schwerpunkt darauf gesetzt, kleine, lustige Melodien mit dem Synthesizer zu spielen. Jetzt versuchen wir Musik zu machen, die alle Möglichkeiten ausschöpft, die uns die Maschinen bieten. Wir sind darin allerdings keine Spezialisten, wir befinden uns eher auf Entdeckungsfahrt. Wir experimentieren, weil wir nicht genau wissen, was dies ist und wie jenes funktioniert.
Fred: Der Prozess des Suchens ist wahrscheinlich auch interessanter als der Moment des Findens.
De:Bug: Fühlt ihr euch der Elektronik-Szene nahe, oder seht ihr Euch eher einfach als Popmusiker? Denkt ihr darüber überhaupt nach?
Fred: (lacht) Wir reden tatsächlich sehr viel darüber. Es ist nicht so eindeutig
Nicolas: Nein, im Moment ist das nicht sehr klar… Vor zwei Jahren wollten wir nur noch elektronische Musik machen, keine Chansons mehr, keine Texte, nur herumexperimentieren. Jetzt wissen wir, dass wir auch andere Dinge machen müssen. Der Pop ist jetzt wieder zurückgekehrt.
De.Bug: Kein Gespräch ohne 80er Retro-Debatte: ihr covert Subculture von New Order. Ist das Eure Jugend?
Nicolas: Die Bassline ist so simple. Ich habe irgendeine Bassline gespielt, und merkte dann, das es von Subculture ist. Das ist alles!
Fred: Es sollte eigentlich etwas anderes werden, aber plötzlich war es New Order.
Für mich sind die 80er kein Jahrzehnt, bei dem man melancholisch werden kann, es war einfach eine lächerliche Zeit.
Nicolas: Eine wirklich schlechte Zeit!
Fred: Wenn das so weiter geht mit diesen Retrophänomen, kann ich das nicht mehr ernst nehmen. Das sind eben Modeerscheinungen.
Nicolas: Das ganze ist einfach nicht sonderlich interessant. Wir ziehen es vor, uns Gedanken über die Gegenwart und Zukunft zu machen. Viele Künstler sind anscheinend nicht fähig, über die Zukunft zu reden – und sie wissen auch nichts von der Gegenwart. Wenn man viel über die Zukunft nachdenkt, merkt man, dass das die totale Katastrophe ist, das Ende, das ist klar… aber ich will jetzt nicht zu negativ werden (lacht). Es ist ganz einfach diese Bassline zu spielen: dumm dum dumm dum.., und dieses 80er Zeug. Das könnten wir…
Fred: …1000 Jahre lang machen (große Belustigung allerseits)!
Nicolas: Wir machen auch so was, aber es ist eigentlich nicht unser Thema! Wir sind in den 80ern Groß geworden, und kennen deshalb die Musik genau, das ist alles.
Zuerst erschienen in De:Bug 10/01





