„Denk ich an Deutschland in der Nacht“
von Romuald Karmakar


 
Die Szenerie erinnert an ein in die Jahre gekommenes Raumschiff: Im Hintergrund steht ein riesiges Rack mit blinkenden elektronischen Geräten in einem unüberschaubaren Kabelgewirr, im Vordergrund noch mehr Technik und Kabelsalat. Dazwischen sitzt Ricardo Villalobos lässig auf einem Drehstuhl neben imposanten Lautsprechern, die wie riesige weiße Megaphone aussehen und Kubricks A Space Odyssee entstammen könnten …
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„Gimme Danger“ von Jim Jarmusch


 
Wie ein hysterisches Äffchen hüpft er rum, windet sich dann auf dem Boden wie angeschossen, lutscht und saugt am Mikrophon und wandert schließlich mit nacktem Oberkörper, silbernen Handschuhen und rotem Hundehalsband über ein Meer aus Leibern. James Osterberg mutiert auf der Bühne zu einem ekstatischen Wesen, halb in Trance, aber mit sensationeller Körperbeherrschung.. .
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Wortkarge Hilfsbereitschaft:
„Auf der anderen Seite der Hoffnung“
von Aki Kaurismäki


 
Wie ein schwarzes Gespenst taucht Khaled (Sherwan Haji) zu Beginn des Films auf: Der junge Syrer ist mit einem Frachtschiff nicht ganz freiwillig im Hafen der finnischen Hauptstadt Helsinki gelandet. Nachdem er sich auf dem Schiff aus einem Kohleberg befreit hat, schleicht er nachts über die leeren Straßen der Stadt und wird dabei fast von Wikström (Sakari Kuosmanen) angefahren. Der Vertreter für Hemden hat gerade sein Lager geräumt und seine alkoholsüchtige Frau verlassen, um einen Neuanfang als Restaurantbesitzer zu wagen. Später werden die beiden ungleichen Männer dann wirklich handfest aufeinanderprallen …
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Groteske Politparabel:
„Hier selbst“ von Jacques Tardi

Der französische Comiczeichner Jacques Tardi hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten zunehmend den Gräueln der Weltkriege gewidmet. Aber auch Romanadaptionen – gerne Krimis – gehören zu seinem Spätwerk. Mitunter arbeitet er aber auch exklusiv mit Autoren zusammen, um eine neue Geschichte zu erzählen. Ein frühes Beispiel für eine solche Zusammenarbeit ist „Hier selbst“ aus dem Jahr 1979, das zum 35-jährigen Jubiläums des Verlags Edition Moderne nach 27 (!) Jahren in einer zweiten Auflage erscheint und somit nun endlich wieder lieferbar ist. Es wurde Zeit: Das mit 200 Seiten opulente, großformatige Werk – ursprünglich in der Tradition des Fortsetzungsromans in einzelnen Kapiteln erschienen und ohne Gesamtkonzept genau so Kapitel für Kapitel entwickelt – besticht durch seine surreale Kapitalismuskritik von Jean-Claude Forest und Tardis wunderbar eigenwillige Schwarzweiss-Zeichnungen, die ihn schon hier unverwechselbar machen. „Groteske Politparabel:„Hier selbst“ von Jacques Tardi“ weiterlesen

Dunkler als Blau:
„Moonlight“ von Barry Jenkins


 
Seit dem vergangenen Jahr kommen zunehmend amerikanische Filme in die deutschen Kinos, die vom Schicksal der Schwarzen in den USA erzählen – im Allgemeinen und im Speziellen. Und das häufig mit einem all-black Cast. Anders als z.B. in türkischen Filmen, die regelmäßig in den Multiplexen laufen, sieht man das selten in unseren Kinos, weil dafür aus demografischen Gründen kein Markt gesehen wird …
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Spiel mit den Regeln:
„Nimona“ von Noelle Stevenson

Auf „Nimona“ können sich alle einigen: Das funny Superhelden-Fantasy-Ritter-Epos der jungen Amerikanerin Noelle Stevenson spielt klug mit den Regeln der Genres: moralisch Fragen nach Gut und Böse sowie Figurenzeichnung und Erzählform werden hier unorthodox verhandelt bzw. auf den Kopf gestellt, und das mit einer entwaffnenden Spielfreude und Fabulierkunst. „Spiel mit den Regeln:„Nimona“ von Noelle Stevenson“ weiterlesen

Sentimentale Action:
T2 – Trainspotting“ von Danny Boyle (Berlinale 2017)


 
Das kann richtig schiefgehen! Einen Kultfilm mit einer Fortsetzung wiederzubeleben, ist ein großes Risiko. Danny Boyle hat 1996 mit der Verfilmung von Irvine Welshs gleichnamigem Junkie-Roman aus dem Jahr 1993 einen Hit gelandet. Seinen Darstellern, allen voran Ewan McGregor, bescherte der Film Ruhm. Und auch für ihn selber bedeutete der Erfolg von „Trainspotting“ nach seinem ersten Achtungserfolg „Kleine Morde unter Freunden“ den Durchbruch und Beginn einer großen Karriere. Der Film selber ist schnell zum Kultfilm avanciert …
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Dialektik der Aufgeklärten (Forushande):
„The Salesman“ von Asghar Farhadi


 
Ein Schreck in der Nacht: Alle Bewohner eines Teheraner Mietshauses müssen Hals über Kopf ihre Wohnungen verlassen. Unter ihnen ist auch das Ehepaar Emad und Rana. Zunächst glauben sie, ein Erdbeben erschüttere das Wohnhaus. Doch dann stellen sie fest, dass ein Bagger, der auf dem Nachbargrundstück für das Fundament eines Neubaus gräbt, das Fundament des eigenen Hauses massiv beschädigt hat. Als man am nächsten Morgen zurückkehrt, wird klar, dass das Haus nicht mehr bewohnbar ist. Alle Mieter, auch Emad und Rana, müssen sich eine neue Bleibe suchen …
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So nah und doch so fern:
„Einfach das Ende der Welt“
von Xavier Dolan

 

Wohin die Reise geht, und wer da reist, das erzählt uns Xavier Dolan in seinem neuen Film „Einfach das Ende der Welt“ gleich mit der ersten Szene: In einer von Musik unterlegten Parallelmontage sehen wir zum Einen einen eleganten, jungen Mann Anfang Dreißig in einem Taxi. Zum Anderen fängt die Kamera ein, was sein Blick aus dem Fenster auf der Fahrt erhascht: trostlose Schaufenster, Vorortsiedlungen der unteren Mittelschicht, Brachland, Tristesse. Das Eine mag zum Anderen nicht recht passen. Und doch gehört es zusammen. „So nah und doch so fern:„Einfach das Ende der Welt“von Xavier Dolan“ weiterlesen

Strich für Strich zurück ins Leben:
„Die Leichtigkeit“ von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit – Catherine Meurisse hat sie sich mühevoll erarbeitet. Sie hat das Trauma des Anschlags auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ nicht nur überlebt, sie lebt wieder. Doch die Welt ist keine bessere geworden. Am Abend vor der Veröffentlichung der deutschen Ausgabe ihres Comics forderte in Berlin ein Anschlag zwölf Tote und knapp 50 Verletzte …
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Schatten der Vergangenheit:
„Nocturnal Animals“ von Tom Ford

 

Tom Ford scheint nach seinem gefeierten Debüt „A Single Man“ nun zugleich zwei Filme ins Kino zu bringen. Der eine Film erzählt von der latent unglücklichen Kunsthändlerin Susan (Amy Adams). Sie lebt mit ihrem Ehemann Hutton (Armie Hammer) in einer schicken Villa mit Blick über Los Angeles. Hutton scheint gerade kurz vor der Insolvenz zu stehen, aber seine Sorgen und was ihn sonst noch umtreibt teilt er nicht mit Susan. Die hat zwar Erfolg im Beruf, fühlt sich aber einsam und leer. Die gemeinsame Tochter lebt längst ihr eigenes Leben. „Schatten der Vergangenheit:„Nocturnal Animals“ von Tom Ford“ weiterlesen

Unsoziale Willkür:
„Ich, Daniel Blake“ von Ken Loach

 

Um mehr Transparenz in die Arbeit der Jobcenter zu bringen, hat die Internetplattform FragDenStaat.de im Oktober die Aktion FragDasJobcenter ins Leben gerufen. Dort können User die fragwürdigen Zielvereinbarungen und Weisungen der Jobcenter anfragen. Denn dass die Behörden vor allem die Arbeitslosenstatistiken bereinigen sollen und dabei auch noch möglichst viel Geld durch oft willkürlich vollstreckte Sanktionen sparen sollen, haben zahlreiche absurd anmutende Fallbeispiele aus der jüngeren Zeit gezeigt. Hat man Ken Loachs neuen Film gesehen, kann man davon ausgehen, dass das in England nicht besser aussieht. „Unsoziale Willkür: „Ich, Daniel Blake“ von Ken Loach“ weiterlesen

Beobachtung zweiter Ordnung:
„Paterson“ von Jim Jarmusch

 

Will man das: So heißen wie die Stadt, in der man wohnt? Das ist in etwa so, als stünde man mit einem rotbraunen Anzug vor einer Backsteinmauer. Genau so unscheinbar ist Paterson (Adam Driver /„Star Wars“, „Frances Ha“), der Protagonist des neuen Films von Jim Jarmusch. Der heißt nicht nur wie der Film, sondern eben auch wie die Stadt, in der er wohnt und durch die er sich unauffällig bewegt. Den Ort gibt es wirklich: 150.000 Einwohner leben hier. Mit den Great Falls des Passaic River gibt es einen beachtlichen Wasserfall, den aber angesichts der trostlosen Umgebung nur wenige Touristen aufsuchen dürften. „Beobachtung zweiter Ordnung:„Paterson“ von Jim Jarmusch“ weiterlesen

Zwischen Wut und Trauer:
„Die Ökonomie der Liebe“
von Joachim Lafosse

 

Es gibt Regeln und die müssen eingehalten werden. Zum Beispiel, an welchem Tag man für die Kinder, die Zwillinge Jade und Margaux, da zu sein hat. Heute ist Marie zuständig, aber plötzlich platzt Boris herein und bringt alles durcheinander. Der Ablauf gerät aus den Fugen: Die Kinder freuen sich über Papa, machen aber nicht mehr, was Mama sagt. Marie ist genervt, es kommt zum Streit. Die beiden sind seit 15 Jahren verheiratet und leben mit ihren Töchtern in einer schicken Eigentumswohnung mit pittoreskem Kopfsteinpflasterhof. Nun haben sich Boris und Marie für eine Trennung entschieden. Dass sie immer noch zusammen wohnen, liegt daran, dass die gemeinsame Wohnung Marie gehört und Boris sich keine eigene Wohnung leisten kann. „Zwischen Wut und Trauer:„Die Ökonomie der Liebe“von Joachim Lafosse“ weiterlesen

Fragmentierte Körper der Liebe:
„Swiss Army Man“
von Daniel Kwan & Daniel Scheinert

 

Splatterkomödie? Buddy-Movie oder Body-Movie? Vielleicht auch tragikomische Fantasy? Man sollte erst gar nicht versuchen, „Swiss Army Man“ zu kategorisieren. Einen Film wie diesen, über den vorab nicht allzu viel verraten werden darf, hat man bestimmt noch nicht gesehen: Hank (Paul Dano) sieht mit seinen langen Haaren, dem Bart und den ramponierten Klamotten ein wenig aus wie ein moderner Robinson Crusoe. Und in der Tat: Er scheint auf einer kleinen, einsamen Insel gestrandet zu sein. Seit Tagen schickt er Plastikflaschen mit Botschaften auf das weite Meer. Doch dann verliert er die Hoffnung auf Rettung und versucht, sich zu erhängen. Als er schon baumelt, sieht er jemanden am Strand liegen. Hank kann seinen Hals gerade noch aus der Schlinge ziehen. „Fragmentierte Körper der Liebe:„Swiss Army Man“von Daniel Kwan & Daniel Scheinert“ weiterlesen

„Röhner“ von Max Baitinger

roehner

Klare Linien, Geometrie, Ordnung! Max Baitinger umreißt auf den ersten Seiten in wenigen Strichen und ebenso wenigen Worten die Welt seiner Hauptfigur P.. Die Wohnung, den Alltag, das Denken: „Kocher an“, „Kanne auf“, „Tank füllen“, „Sieb drauf“, „Kaffee rein“, „Nicht drücken!“, Rand säubern“, „Kanne zu“, Herdplatte“, „Ventil zur Wand“. „„Röhner“ von Max Baitinger“ weiterlesen