The Orb: Okie Dokie it’s The Orb on Kompakt

Erst mal 3 goldene Hamster für den Plattentitel! Aber auch musikalisch können The Orb, das permanent im Personalkarussell befindliche Elektronik-Projekt von Alex Paterson, nach 15 Jahren immer noch oder wieder überzeugen.

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Zur Zeit weiterhin als Duo mit Thomas Fehlmann (Palais Schaumburg, Ocean Club) unterwegs, schlendert das Album zwischen leicht shuffelnden, dubigen Tracks, ambienten Stimmungen und auch richtig tanzbaren Stücken hin und her. Immer irgendwie entspannt und auf eine unstaubige Art auch undramatisch altersweise. Das kann man im Techno ja bereits mit Ende 40 werden.
(Kompakt; VÖ: 31.10.2005)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/05

„Wir waren niemals hier“ von Antonia Ganz

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„Daß man sie liebt“

Ein Portrait der einzigartigen Rockband „Mutter“ und der dahinter stehenden Persönlichkeiten mit all ihren persönlichen Beweggründen für ihre Neben- („Mutter“) und Haupttätigkeiten.

Die Berliner Band „Mutter“ ging 1989 aus der Band „Camping Sex“ hervor. Mit schwerem Rock und düsteren, deutschen Texten galten sie schnell als Solitär in der hiesigen Musiklandschaft. Eine vage Nähe zu der neu aufkommenden Indie-Version des „Deutschrock“ brachte auch ihnen Auftrieb. Doch irgendwie haben sie es immer geschafft, den Erwartungen zu trotzen bzw. den Erfolg wieder abzuwürgen. Antonia Ganz erzählt die Geschichte der Band sehr persönlich und emotional, interviewt Freunde und Kenner wie Jörg Buttgereit, Diedrich Diederichsen, Jochen Distelmeyer, Rocko Schamoni, oder Wolfgang Müller von der Band „Die Tödliche Doris“ und Bruder von Sänger Max. Sie begleitet die Band auf Tour, kommt den Musikern dabei sehr nahe und erlebt schließlich den Ausstieg eines der Gründungsmitglieder vor laufender Kamera. Da muss man schon mal schlucken …
(Bundesstart: 20.10.2005)

zuerst erschienen in choices 10/05

Slum Village: s/t

Das fünfte Album von Slum Village kann den hohen Erwartungen an die Detroiter Crew, die des öfteren als legitime Nachfolger von A Tribe Called Quest gehandelt werden, standhalten.

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Mit viel Soul im Gepäck, aber auch der nötigen Abgeklärtheit, um nicht in Neosoul-Klischees abzusaufen, ist ihr selbstbetiteltes Album klassischer adult-orientated HipHop. Variationsreiche Raps, auch mal Gesang und nicht zuviel laid-back Feeling – denn Druck muss schon sein – halten dieses Werk von Anfang bis Ende spannend, soulful und energiegeladen. Auf der Bonus-DVD (geht ja nicht mehr ohne) gibt’s noch 40 Minuten Behind the Scenes und ein halbstündiges Interview.
(Barak, VÖ: 28.10.2005)

Animal Collective: Feels

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Feelstimmig – Das New Yorker „Animal Collective“ vermittelt zwischen Pop und Avantgarde

„Animal Collective verblüffen über die bloße Breite dessen, was geht…langes, zauselig entrücktes Spielen, mit elektronischen wie akustischen, stets sehr liebevoll ausgesuchten Klangkörpern“ schrieb der Pop-Theoretiker und Journalist Diedrich Diederichsen zu der letzten Platte „Sung Tongs“ vom New Yorker Animal Collective (vgl. Buchkritik im Telegramm auf dieser Seite). Man kann’s kaum schöner sagen, aber erstens wird man hier dafür bezahlt es zumindest noch mal anders zu sagen, und zweitens liegt inzwischen das neue Album des Kollektivs vor. Und „Feels“ klingt eben auch wieder ein wenig anders als der Vorgänger.

Vergleichbar mit den Arbeiten von Gastr del Sol (David Grubbs und Jim O’Rourke) oder David Thomas (Pere Ubu) versucht das Animal Collective zwischen Strategien der Avantgarde und Sounds und Strukturen der Popmusik zu vermitteln. Und das auf eine Art, bei der Avantgarde-Fans um ihre Dogmen fürchten und Popmusik-Fans ihre Ohren öffnen müssen. Musikalisch landen sie da ebenso wie Grubbs, O’Rourke und Thomas mit viel gezupfter und geschrammelter Akustikgitarre Mal bei Folkmusic, Mal bei lang gezogenen Minimalstücken, aber auch ganz speziell bei den Beach Boys, was sich vor allem in den vielstimmigen, wunderschönen Vocalarrangements zeigt. Doch das sollte nicht verwundern. Auch David Thomas outet sich gern musikalisch wie verbal als notorischer Beach Boys-Fans. Das liegt daran, dass Brian Wilson, der Kopf der Kalifornischen Frohnaturen, Mitte der 60er Jahre mittels Drogen mit den Platten „Pet Sounds“ und dem nie in Originalform erschienenem „Smile“ zwei nicht immer so fröhliche Blueprints für die Verschmelzung von Pop und Avantgarde geschaffen hat. Das Animal Collective hebt dieses Zusammenspiel mit energetischen Rhythmen, psychedelischem Vielklang und allerlei Brüchen und Wendungen auf eine neue Ebene. Und das macht nicht nur live, zuweilen dargeboten in komischen Tierkostümen, sondern auch auf Platte tierisch Spaß!
(Fat Cat/Pias/Rough Trade, VÖ: 24.10.)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 11/05

„Dear Wendy“ von Thomas Vinterberg

Die V-Waffe

Dick ist ein Einzelgänger in der US-amerikanischen Bergarbeiterstadt Estherslope. Als er eine Pistole findet, ist er fasziniert von der Waffe, die ihm Selbstsicherheit verleiht. Zusammen mit einigen anderen Jugendlichen gründen sie den pazifistischen Club der „Dandies“, die ihre Pistolen verehren, aber niemals gegen Menschen richten wollen.

Der neue Film von Lars von Trier startet erst im November in unseren Kinos. Trotzdem fällt bereits jetzt im Zusammenhang mit Thomas Vinterbergs „Dear Wendy“ vermehrt sein Name. Zum einen, weil bereits vor zehn Jahren die beiden Regisseure durch das Dogma-Manifest untrennbar miteinander verbunden waren, auch wenn Vinterbergs letzter Film, der grandios gescheiterte „It’s all about love“, das glatte Gegenteil von Dogma war. Zum anderen, weil sie nun wieder untrennbar miteinander verbunden sind. Denn Vinterberg, der Realist, hat mit „Dear Wendy“ ein Drehbuch von Lars von Trier, dem listigen Strategen, verfilmt.

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Die Nähe zu Lars von Triers aktueller Arbeit ist unübersehbar. „Dear Wendy“ würde nur allzu gut in dessen Amerika-Trilogie passen, beschäftigt sich der Film doch mit der Gewaltproblematik in der Gesellschaft der USA und ist – vergleichbar mit „Dogville“ – theatralisch und in einer ästhetisch äußerst aufregenden Form inszeniert. Vor allem diese Form scheint das Publikum schon jetzt deutlich zu polarisieren: Stark typisiert sehen wir den Marktplatz in dem Bergarbeiterstädtchen und eine alte Zeche, die beiden Handlungsorte des Films. Im Off-Kommentar erzählt Dick die Geschichte seines Lebens und nimmt den Zuschauer mit auf seine Reise vom Außenseiter zum selbstbewussten Anführer einer Waffen liebenden Pazifisten-Gang. Eine Reise, die detailliert die Absurdität des Abschreckung-Prinzips „Frieden schaffen mit Waffen“ durchspielt.

Der anfänglichen Empathie für die Protagonisten (Vinterbergs Part) wird im Verlauf des Films zunehmend die Basis entzogen (von Triers Part) und torpediert von Überzeichnungen und Ausbrüchen aus der Handlung. Damit stellt sich Trier (wieder mal) in die Tradition von Brecht (der klassische V-Effekt), rekurriert aber auch (mal wieder) auf Jean-Luc Godard, der 1963 in einem Film wie „Les Carabiniers“ ähnlich verfuhr. Bei Godard wie bei Trier ist nicht das Maß des sichtbaren Realismus von Bedeutung, sondern die Aufdeckung der Struktur und Logik, die hinter den geschilderten Verhältnissen steckt. Dies geschieht bei von Trier und Vinterberg mit prächtiger Polemik und endet in einem filmisch furiosen Feuerwerk, dessen Genuss nur dadurch getrübt wird, dass einem die post-zivilisatorischen Bilder aus New Orleans zeigen, dass alles noch viel schlimmer ist.
(Bundesstart: 6.10.2005)

„Broken Flowers“ von Jim Jarmusch

Don Johnston wird eines Morgens nicht nur von seiner Freundin verlassen, sondern erhält gleich darauf auch noch einen Brief, in dem ihm eine anonyme Verflossene mitteilt, dass ihn sein bis dato unbekannter Sohn sucht. Der depressive Don macht sich nun seinerseits auf die Suche nach der Mutter.

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Man kommt nicht daran vorbei: Zu ähnlich ist das Thema der neuen Filme von Wim Wenders und Jim Jarmusch, als dass man nicht ständig ins Vergleichen geriete. Die beiden älteren Männer haben Filme über ältere Männer gemacht: Männer, die nach einem rastlosen, exzentrischen Leben ernüchtert aufwachen, auf die Gegenwart blicken und nichts als Leere empfinden. Und wie das so ist, in so einer ausweglosen Situation: Plötzlich erfährt man, dass man mit einer alten Liebe (in beiden Filmen spielt Jessica Lange eine Ex-Geliebte) ein Kind in die Welt gesetzt hat. Hallo, Sinn des Lebens – da bist Du ja wieder!

Keiner der Regisseure ist so blöd, das Bild des einsamen Wolfes komplett ernst zu meinen. Hier ist natürlich viel Ironie im Spiel. Aber während Wenders den Helden aus „Don’t come knocking“ in seiner gebrochenen Tragik immer cool aussehen lässt und mit halb ernst gezeichneten, halb ironisch überzeichneten Klischees nicht geizt, gibt sich Jarmusch völlig der lakonischen Demontage hin. Don reitet nicht auf Pferden, wacht nicht versoffen mit Dreitagebart neben jungen Mädchen auf und wird auch nicht in Handschellen abgeführt. Don fährt einen langweiligen PKW, liegt traurig zusammengerollt auf seinem Sofa und guckt am Ende nur dumm aus der Wäsche, die ein wenig schmeichelhafter Jogginganzug ist.

Wo Wenders möglichst verrückte Bilder sucht, um die Dinge zu zeigen, die er nicht sagt, gelingt das Jarmusch mit beiläufigen Gesten, Blicken und kleinen Ereignissen am Rande. Wenders setzt auf Eindeutigkeit, Jarmusch hingegen entspannt ein offenes Spiel von Andeutungen. Und die entfalten ihre volle Wirkung erst, wenn der Film bereits lange zu Ende ist. Es ist einiges geschehen und viel kann sich daraus noch entwickeln. Was genau, das lässt der Film offen.

Eine kleine Fußnote: Jarmusch, der knapp 10 Jahre jünger ist als Wenders, hat sich Ende der 70er Jahre als Produktionsassistent bei Wenders verdingt, um seinen ersten Film „Permanent Vacation“ finanzieren zu können. Dafür muss man Wenders zumindest danken.
(Bundesstart: 8.9.05)

Zuerst erschienen in 09/05

„Das wandelnde Schloss“ von Hayao Miyazaki

Sprechende Wärme

Die junge Hutmacherin Sophie wird nach einer Begegnung mit dem smarten Zauberer Hauro von einer Hexe mit einem Fluch belegt: sie hat auf einmal den Körper einer 90 jährigen. Nun sucht sie Hauro, um den Fluch umzukehren.

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Die ins Elsass des 19. Jahrhunderts verlegte Handlung des neuen Animes von Hayao Miyazaki („Chihiros Reise ins Zauberland“; „Prinzessin Mononoke“) wirkt zu Beginn nicht zufällig wie eine Sequenz aus der bekannten Zeichentrick-Serie „Heidi“, denn auch die stammt von Miyazaki. Doch die Alpen-Idylle, die der Regisseur Ende der 70er Jahre aus finanziellen Gründen noch kitschig inszeniert hat, wird in seinem neuen Werk unterwandert von finsteren Glibbergeistern, bösen Hexen, selbstsüchtigen Zauberern und apokalyptischen Kriegslandschaften. Dass man in seinem neusten Märchen sowohl als Kind wie als Erwachsener viel zu lachen hat, liegt an den wirklich urkomischen Ideen sprechender Feuergeister, seniler alter Hexen und der mächtig resolut agierenden Sophie. Dass hier auch wieder viel Fantasie und menschliche Wärme im Spiel ist, macht den Film umso sehenswerter.
(Bundesstart: 25.8.2005)

Zuerst erschienen in choices 8/05

„Bin-Jip“ von Kim Ki-Duk

Tae-Suk bricht in leer stehende Wohnungen ein. Dort wohnt er für ein paar Tage, bis die Bewohner wieder kommen. Er stiehlt nichts, kümmert sich im Gegenteil um die Wohnungen. Eines Tages überrascht ihn die depressive Sun-Hwa. Von nun an ziehen sie gemeinsam durch leere Häuser.

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Seit Jahren scheinen sich alle Kritiker auf die Filme des koreanischen Regisseurs Kim Ki-Duk einigen zu können. Das zeigen nicht nur die regelmäßigen und zahlreichen Auszeichnungen auf den wichtigsten Filmfestivals, sondern auch die überschwänglichen Rezensionen zu seinen Filmen. Die hiesige Faszination (in Korea ist er weitaus weniger erfolgreich) mag mit der stilisierten Schönheit, aber auch mit der irritierenden Widersprüchlichkeit der Filme zusammen hängen.

Tae-Suk bricht in Häuser ein, aber er ist kein normaler Einbrecher. Er stiehlt nichts, und anders als in „Die fetten Jahre sind vorbei“ werden auch keine Stühle verrückt, um politische Signale zu setzen. Während der Abwesenheit der Bewohner übernimmt er deren Rolle und bewohnt Haus oder Apartment – er isst dort, er wäscht und er räumt auf. Und falls Zeit ist übernimmt er auch kleinere Reparaturen. Wenn die verreisten Bewohner nach einigen Tagen zurückkehren, entschwindet er wie ein guter Geist. Ein einsames Leben, da Tae-Suk immer dort ist, wo niemand ist. Bis er eines Tages in eine Villa einbricht, in der sich die depressive Sun-Hwa, ein ehemaliges Model, das von ihrem gewalttätigen Ehemann schikaniert wird, aufhält. Heimlich beobachtet sie ihn bei seinem Treiben, nähert sich dem offensichtlich sensiblen Fremden, der sich in ihrem Haus gemütlich einrichtet, langsam und vorsichtig an. Schließlich ziehen sie gemeinsam fort, um leere Häuser mit Leben zu füllen.

Kim Ki-Duk ist ein Regisseur der Bilder. Das zeigt sich in seinem neuen Film alleine dadurch, dass Worte sehr rar gesät sind, vor allem seine beiden Protagonisten wortlos durch das Geschehen gleiten. Bei vielen Regisseuren würde eine solch konsequente Wortverweigerung wahrscheinlich prätentiös und aufgesetzt wirken – der Koreaner hingegen gibt nicht nur Hinweise, die die Verletzungen hinter der Stummheit erahnen lassen, sondern rahmt die Stille in eine zaghafte Körperlichkeit ein, die Worte kaum vermissen lässt. Und passt außerdem den Ausdruck seines Films dem körperlichen Ausdruck des ungewöhnlichen Liebespaares mit einer ebenso zurückhaltenden wie genauen Beobachtung durch die Kamera an. Die Kamera ist die dritte Person in diesem Liebesreigen, der einen Traum einer vollkommenen, leichten Liebe träumt – der Welt enthobenen.

Ein Traum nur, der natürlich von der Wirklichkeit torpediert wird. Zunächst von der Vergangenheit, die noch schmerzvoll in den traurigen Blicken und den schüchternen Bewegungen der beiden hängt, natürlich auch in den Resten des Masochismus von Sun-Hwa und der Brutalität von Tae-Suk. All das macht die Annäherung der beiden zu einer schwierigen Angelegenheit, die sie vertrauensvoll mit kleinen Zeichen und Gesten meistern. Vor allem wird dieser Traum aber in der Gegenwart von außen, von der Welt attackiert. Denn die sanktioniert solche Versuche, außerhalb der Spielregeln das Glück zu finden. Und so geraten die beiden wieder in die Knechtschaft der Wirklichkeit, die hier in Form der Justiz und des Ehemanns Rache nimmt für die Respektlosigkeit und den Mut, nach dem Glück zu greifen.

Kim Ki-Duk befindet sich in guter Gesellschaft mit anderen asiatischen Regisseuren wie Takeshi Kitano, wenn er den Kontrast zwischen Zärtlichkeit und Brutalität stark betont, gleichzeitig aber an einer Ästhetisierung der Gewalt arbeitet. Dass er diese für europäische Augen eher widersprüchliche Darstellungsweise wie kaum ein anderer beherrscht, hat er in Filmen wie „Samaria“, vor allem aber mit „The Isle“ bis ins kaum erträgliche Extrem vorgeführt. Doch in den Ausbrüchen der Gewalt findet man immer Sehnsüchte als Ursache und Antrieb. Das klingt nach einer relativierenden Entschuldigung für alle Gewalt, ist aber begleitet von einer Verzweiflung, die genau diese Gewalt nicht verstehen kann. Man möchte ihr entfliehen, so wie Tae-Suk und Sun-Hwa ihr in geisterhafter Manier zu entschwinden suchen. „Bin-Jip“ spiegelt ein buddhistisches Streben nach vollkommener Harmonie mehr als jeder andere Film des Regisseurs.
(Bundesstart: 11.8.05)

Zuerst erschienen in choices 08/05

Lorenzo Mattotti: Briefe aus ferner Zeit

Das Album versammelt vier Kurzgeschichten, darunter zwei sehr knappe mit jeweils 2- und 4-Seiten. Die Geschichten kreisen um die Themen Liebe und Erinnerung, stets sehr symbolhaft und ausgeschmückt in allegorischen Bildern. Wartende auf dem Flughafen, reisende im Zug – das sind die Ausgangspunkte für Meditationen über die Liebe in der Ferne, trotz der Ferne, wegen der Ferne, auch mal ohne Nähe.

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Die Entstehung von Mattottis jüngstem Werk „Briefe aus ferner Zeit“ konnte man bereits Anfang des Jahres in einer Folge einer 7-teiligen Comic-Serie auf Arte mitverfolgen. Dort wurde Mattotti bei der Arbeit zu dem Album über die Schulter geschaut und die Ansicht, die meisten seiner Panels könnten auch als eigenständige Gemälde funktionieren, bestätigt: einige sind oder werden leicht umgearbeitet tatsächlich Gemälde, und da der Text häufig am Rand des Bildes angeordnet ist, unterscheiden sie sich auch kaum von Mattottis ausschließlich als Gemälde konzipierten Bildern.

Doch hat „Briefe aus ferner Zeit“ eine nähere Bindung an das Genre des klassischen Comics als man zunächst, bei aller Gemäldehaftigkeit der Bilder, meinen könnte. Viele Panels kommen ohne Sprechblasen aus, manche lassen sogar die Textbegleitung ganz missen, aber Sprechblasen sind nach wie vor ein wichtiger Bestandteil in Mattottis Arbeit. Und mit der Titelgeschichte widmet er sich nicht nur einem im Comic präsenten Genre, der Science Fiction, sondern fährt auch zitatenhaft Abenteuercomics eines gewissen Lucio Mazzotti (daraus darf man wohl eine Anspielung auf Mattotti lesen) auf. Allerdings wird dem Verweis dann wieder ein romantisches Gemälde aus dem 19. Jahrhundert entgegen gesetzt. Mattotti macht es sich mit seiner narrativen, an Francis Bacon aber auch Neue Sachlichkeit erinnernden Kreidemalerei eben immer zwischen beiden Stühlen gemütlich: Kunst und Comic gut durchmischt.
(Schreiber & Leser, 64 Seiten, Farbe, Hardcover, 19,95€)

Zuerst erschienen in Strapazin # 79, 6/05

Hanco Kolk: Club Paradise

Der niederländische Comic-Künstler und Illustrator Hanco Kolk ist vor allem durch seine franco-belgischen Funnies bekannt. Und in der ersten Hälfte der 90er Jahre wurde er bereits mit zahlreichen Preisen überhäuft. Doch von all dem weiß man als deutschsprachiger Comicfan – des Niederländischen nicht mächtig – wenig. Auf Deutsch sind von ihm bislang nämlich nur die ersten beiden Alben seiner Mini-Serie „Meccano“ erschienen. Und die zeigen ein ganz anderes Bild des Zeichners: kunstvolle Abstraktionen mit abgründigen Untertönen erwarten hier den Leser.

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Diesem Stil entspricht auch Kolks neues Werk, das auf Englisch erscheinende Album „Club Paradise“. War es bei „Meccano“ vor allem der Zeichenstil, der Aufmerksamkeit erregte, ist es bei „Club Paradise“ das Konzept. Die Story spielt sich nur auf den rechten Seiten des Heftes ab: Ein Zeichner – offensichtlich Kolk selbst – reist in die USA, um neue Erwerbsmöglichkeiten aufzutun. Schlechtes Timing, wie er selbst bemerkt, denn es ist Mitte Oktober 2001, und die Stadt liegt noch im Terror-Trauma. Da ist mit gezeichneten Gags nicht gut Geld verdienen. Also hängt er in Cafés und Bars rum, beobachtet die Leute, macht Skizzen, landet schließlich in einem Strip-Club, macht auch dort Skizzen, recherchiert unter den Tänzerinnen für eine Story und kommt so schließlich zu dem vorliegenden Album.
Kolk erzählt – wie gesagt: nur auf den rechten Seiten –die Geschichte in lakonischen und selbstironischen Texten und Bildern ohne Rahmung. Mal sind zwei bis drei kleinere Zeichnungen locker auf einer Seite angeordnet, mal nur eine einzige. Die Comic-Strip artigen Figuren sind stark stilisiert und in nur wenigen, stark konturierenden Strichen angedeutet. Dahinter liegen jeweils größere, sich teilweise über die gesamte Seite erstreckende farbige Skizzen in raschen, groben Strichen, die als die Skizzen des Protagonisten zu deuten sind. Dadurch erfährt die Erzählung eine atmosphärische Ergänzung, die die Geschichte aus der Comic-Strip-Ästhetik heraushebt. Dass auf der jeweils linken Seite des Albums zudem eine große Zeichnung von je einer der Tänzerinnen des Titel gebenden Clubs zu sehen ist (Picasso überdeutlich als großes Vorbild), ergänzt die kurzweilige Geschichte um eine Katalog ähnliche Bildersammlung.
(Oog en Blik Editions, Farbe u. S/W, Softcover, 56 Seiten, 19,95 €)

Zuerst erschienen in Strapazin # 79, 6/05

„Nobody Knows“ von Hirokazu Kore-Eda

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Das Leben – ein Kinderspiel?

Keiko lebt mit ihren vier Kindern in Tokio in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Die Kinder haben allesamt verschiedene Väter, und auch jetzt noch führt ihre Mutter ein unstetes Leben. So bleibt sie auch mal einen Monat weg, während sich der älteste Sohn um die Geschwister kümmert. Dann kommt Keiko gar nicht mehr nach Hause …

„„Nobody Knows“ von Hirokazu Kore-Eda“ weiterlesen

Mathias Schaffhäuser II

DISSONANZ UND REIBUNG

Mathias Schaffhäuser ist nach wie vor gut beschäftigt: er kümmert sich immer noch im Alleingang um sein Label Ware, das gerade unprätentiös mit einer simplen Maxi das 50. Release feierte. Daneben fand er aber auch Zeit, sein drittes Soloalbum zu veröffentlichen – zählt man die Maxi-Compilation auf Blaou („from 4 to 6 am), das Turismo-Album und das Remix-Album („Re:“) dazu – dann ist es bereits der sechste Longplayer. Und die sind dem Rock-sozialisierten Produzenten nach wie vor wichtig!

„Ich war als Kind und Jugendlicher absoluter Doppelalbum Fan. Das Klappcover habe ich für „Love & Business“ gemacht und habe es mir jetzt auch wieder gegönnt, weil die Grafik so toll war. Auf dem kleinen CD-Format wäre das sehr schade gewesen. Und ein Album ist für mich wirklich wichtig, weil da die ganze Bandbreite und Abwechslung dargestellt werden kann, die ich mag. Bei einer Maxi kann man bei 2-3 Stücken nicht von einem Bogen sprechen. Ein Album ist aber ein ganz eigener Entwurf, wo ich die Eigenart, die ich habe, darstellen kann“.

Die Eigenart von Schaffhäuser zeigt sich unter anderem in dezenten Verweisen auf die Musikgeschichte. Das gab’s schon in Bezug auf King Crimson oder die Beatles, auf dem neuen Album gibt es ein Zitat von Frank Zappa und eine Hommage an Steely Dan.

„Ich höre so was selber kaum noch, aber das ist einfach im Kopf und ich würde immer sagen, ich bin nach wie vor Fan und relativ gut informiert im Rock- und Popbereich. Aber die Selektion ist inzwischen größer – im Elektronikbereich finde ich mehr Sachen, die mich berühren“.

Eine andere Eigenart von Schaffhäuser ist neben einer von Dub-Reggae inspirierten bassigen Wärme die Vorliebe für geräuschige Elemente. Das neue Album zeichnet sich mit seiner Verschrobenheit daher vor allem durch die so entstandenen Dissonanzen und Reibungen aus.

„Nach all den ruhigen Minimal-Jahren muss mal klar gemacht werden, für was ich eben auch stehe. Denn ich habe eigentlich immer auch harte Tracks gemacht, mit Knarzigkeit und so. Aber das ist immer untergegangen, weil ich immer in dieses Kölner Minimal- und dann dieses Pophouse-Ding wegen „Hey Little Girl“ eingeordnet worden bin.“
Stattdessen hegt er immer noch ein großes Interesse für die nervöse „Linie King Crimson, Henry Cow, Art Bears, Massacre, Material“. Nur Art-Rockigen Perfektionismus darf man deshalb nicht von ihm erwarten.

„Ich selber war nie der Virtuose, und genauso bin ich heute nicht der Computer-Nerd, der alles ganz sauber produziert. Ich bin kein Studiofuchs. In erster Linie bin ich wohl faul, und habe deshalb nicht so viele Skills. Aber irgendwie ist es auch ein bewusstes Vermeiden von allzu viel Technik-Know-How. Ich habe mich immer mehr für das kreative, schnelle, spontane, improvisierte und zufällige interessiert.“

Zuerst erschienen in De:Bug 05/05

Max Andersson & Lars Sjunnesson: Bosnian Flat Dog

Das Cover macht schon mal deutlich: es ist kein gewöhnlicher Comic, den uns die beiden schwedischen Comiczeichner Max Andersson und Lars Sjunnesson hier auftischen: ein grobpixeliges Foto eines verwesten Kopfes mit einem Augapfel und Militärmütze lädt den Leser auf eine surrealistische Reise ins Bosnien der Kriegswirren ein. Andersson und Sjunnesson werden auf einem Comic-Kongress von einem alten slowenischen Studienkollegen kontaktiert, der ihnen seine brisanten Kriegstagebücher zum Verkauf anbietet. Im Folgenden irren unsere Helden durch das zerbröselte ehemalige Jugoslawien und begegnen der verwesten Leiche Titos, unterirdischen Eisfabriken, militanten Srebrenicafrauen, Tito-Zombies und den titelgebenden, mutierten Hunden.

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Wer sich da an Chester Browns ersten großen Comic-Roman, „Ed the happy Clown“, erinnert fühlt, liegt nicht falsch: auch die Geschichte um die beiden schwedischen Zeichner im ehemaligen Jugoslawien ist voller absurder Wendungen, oft von solider Geschmacklosigkeit und hangelt sich alptraumhaft von einem wilden Szenario in das nächste, noch wildere. Politische Zusammenhänge werden hier bewusst fahrlässig in eine stürmische Odyssee überführt, die den tatsächlichen Alptraum und die Logik des Krieges sicherlich adäquater Umsetzen als es eine ‚realistische’ Darstellung könnte, die einen objektiven, verstehenden Standpunkt behauptet, wo es keinen gibt.

Andersson und Sjunnesson fungieren gleichermaßen als Autoren und Zeichner und verlassen dabei die herkömmliche Arbeitsaufteilung so sehr, „dass sie selber nicht mehr wissen, wer was gemacht hat“, wie der Klappentext verrät. Das führt zu sprunghaften Orts- und Ereigniswechseln und wohl auch zu den extrem vielteiligen und durch viele Schraffuren extrem düsteren Zeichnungen. Eine visuelle Unübersichtlichkeit, mit der die nicht minder verwirrenden Geschehnisse treffend dargestellt werden.

Der Band mit der vierteiligen Geschichte „Bosnien Flat Dog“, einem One-Pager, der die Autoren direkt zu Wort kommen lässt und einem nicht minder absurden, aber auch scharfsichtigen Glossar wird ergänzt durch die Kurzgeschichten „Onkel Skledar – Der Kotzfilm“ und „Traktor-Girl und das Haustier“. Eine Geschichte, die den großen Humanismus hinter all der Perversion der beiden Schweden durchscheinen lässt.
(Reprodukt, 86 Seiten; S/W, Softcover, 17 Euro)

Zuerst erschienen in Strapazin # 78, 03/05

„Persepolis – Jugendjahre“ von Marjane Satrapi

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Mit dem ersten Teil von „Persepolis“, auf der Frankfurter Buchmesse als Comic des Jahres ausgezeichnet, hatte die gebürtige Iranerin von ihrer Kindheit im Iran berichtet. Nicht minder beeindruckend sind ihre Erinnerungen an die Jugend. In „Jugendjahre“ erzählt sie von ihrem Exil in Österreich und der Rückkehr in den Iran. Der Comic lebt von dem Kontrast zwischen zeichnerischer Naivität und erzählerischer Genauigkeit und gewährt Einblicke in eine zerrissene, heimatlose Seele.
(Edition Moderne)

„Die Reise ins Glück“ von Wenzel Storch (Interview)

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Die Reise ins Kino

Nach 10 Jahren kommt Wenzel Storchs dritter Spielfilm „Die Reise ins Glück“ endlich ins Kino. choices sprach mit dem Regisseur über das Filmemachen und die deutsche Filmlandschaft.

Woher nimmst Du die Energie und Zuversicht, ein Projekt wie „Die Reise ins Glück“ über zehn Jahre lang mit nur spärlichen finanziellen Mitteln durchzuhalten …

„„Die Reise ins Glück“ von Wenzel Storch (Interview)“ weiterlesen

The Sound of Kulturamt-Förderung

Mit dem Referat für Popularmusik und dem bundesweit einzigartigen Projekt Music Export Cologne werden Kölner Musiker systematisch gefördert. Probleme mit der Stadt gibt es trotzdem hin und wieder.

In der Kölner Kulturpolitik ging es im vergangenen Jahr hoch her. Eine Hiobsbotschaft jagte die nächste, jede zweite Entscheidung wurde wieder revidiert: ein Chaos voller politischer Peinlichkeiten. Seit dem Frühling 2003 klafft das sogenannte ‚Kulturloch’ repräsentativ für die fehlgeleitete Kulturpolitik gut sichtbar inmitten der Kölner Innenstadt. Dort sollte eigentlich ein Museumskomplex entstehen, aber durch die Misswirtschaft der städtischen Kulturpolitik musste das Projekt eingefroren werden. Auf Musik-Ebene hatten die Verantwortlichen nicht minder haarsträubende Aktionen zu bieten: Ebenfalls im Frühling 2003 wurde eine Streichung des Referats für Popularmusik vorgeschlagen. Daraufhin schlug der Stadt eine Welle der Empörung entgegen: Musiker, Veranstalter und die Presse formulierten ihr Entsetzen angesichts der drohenden Streichung einer Institution des Kulturamts, die in der letzten Dekade nachweißlich viel für die Musikszene und damit auch die Stadt geleistet hat. Als dann im Sommer die Nachricht vom Weggang der Popkomm (die hatte Anfang der 90er Jahre das Referat für Popkultur – damals noch Rockbüro, von Düsseldorf nach Köln geholt) kam, trat man den Rückzug an: im Jahr der Bekanntmachung der Bewerbung Kölns zur Kulturhauptstadt 2010 konnte man sich einen derartigen Wegbruch einer ganzen Kulturschiene dann doch nicht leisten.

Wenn man sich die Geschichte des Referats für Popularkultur genauer ansieht, ist es kaum verständlich, dass man überhaupt an eine Streichung gedacht hat. Seit 1989 fördert Manfred Post Musiker und Veranstaltungen – von der Organisation von Proberäumen über die Vermittlung von Auftrittsmöglichkeiten bis zur Produktion von Kölner CD-Samplern („The Sound of Cologne“; „Underground Explosion“) – die Köln tatsächlich weltweit einen guten Ruf als Musikstadt eingebracht hat. Das ist vor allem im Bereich der elektronischen Musik zu spüren. Hört man sich bei den dienstältesten Protagonisten der Kölner Elektronik-Szene um, dann ergibt sich ein klares Bild der Arbeit des Referats für Populärkultur.

Zwar gibt es mit dem Kompakt-Umfeld eine ganze ‚Familie’, die sehr betont, ohne städtische Subventionen ganz autark zu wirtschaften – wie Wolfgang Voigt im Gespräch mitteilt. Und auch einem populären Produzenten wie Jörg Burger aka The Modernist fällt, auf Kooperationen angesprochen, nicht viel ein (obwohl natürlich indirekt Verbindungen bestehen, wenn The Modernist z.B. beim „Electrobunker“ auftritt, der ja vom Kulturamt gefördert wird). Doch weitere Gespräche zeigen, dass dies Ausnahmen sind. So findet Matthias Schaffhäuser, Technoproduzent und Betreiber des Labels ‚Ware’, nur gute Worte für die Zusammenarbeit mit Manfred Post:
„Es gab in den letzten Jahren etliche Kooperationen mit dem Kulturamt der Stadt Köln, genauer gesagt mit dem Referat für Popularmusik und dessen Leiter Manfred Post. Es ging dabei von der Unterstützung von Party-Projekten oder Auslandsreisen wie z.B. zur Sonar-Messe bis hin zu der Zusammenarbeit in Sachen CD-Compilation „Sound Of Cologne“, die Bernhard Lösener von The Kitbuilder und ich zusammen gestellt haben. Also eine Kooperation in beide Richtungen, die immer sehr positiv, angenehm und fair verlaufen ist. Das Engagement von Herrn Post kann dabei gar nicht hoch genug gelobt werden, da er immer in erster Linie die Musik im Auge hat bei seinen Aktionen und ein nicht-abgesprochenes Ausnützen gemeinsamer Aktivitäten nie stattgefunden hat!“
Alex Paulick von dem in Köln lebenden, exil-britischen Elektronik-Pop-Duo Coloma kann ebenfalls auf eine lange und erfolgreiche Zusammenarbeit zurückblicken. „Dadurch, dass es ganze Konzertreihen organisiert oder
Proberäume vermittelt, hat das Amt vielen Musikern ein Forum geschaffen.
In den letzten 8 Jahren haben wir selbst auf verschiedenen Events gespielt, die vom
Kulturamt mit unterstützt worden sind. Das war vor allem in unserer
Anfangszeit ziemlich hilfreich.“ Doch gibt es von städtischer Seite zuweilen auch Gegenwind zu spüren: „Das Ordnungsamt übernimmt dagegen oft die Rolle die Spielverderbers. Ich will zwar auch Ordnung, ¬nur bloß nicht zu viel davon! Als wir vor Jahren nach Köln kamen, war Straßenmusik unsere erste Einkommensquelle. Das Ordnungsamt hat damals nicht nur einmal versucht, uns außer Gefecht zu setzen.“

Probleme mit dem Ordnungsamt kennt man natürlich auch und vor allem im Zusammenhang mit Parties. Hans Nieswandt, DJ und ehemaliges Mitglied der Formation „Whirlpool Prod.“: „In gewisser Weise (gibt es solche Probleme) natürlich ständig, weil Köln eben so klein, eng und eingefahren ist, was die Austragungsorte des Nachtlebens angeht… Köln ist einfach vergleichsweise recht arm an Freiräumen.“ Neben dem rühmlichen Engagement von Manfred Post kann man in Köln also durchaus auch von anderen Erfahrungen berichten. Nieswandt: „Mir ist im Lauf der Jahre einfach immer wieder eine gewisse Widersprüchlichkeit aufgefallen: einerseits schmückt sich Köln ja nun wirklich gerne mit dem Attribut, eine elektronische Hauptstadt zu sein, in der schon zu Zeiten der Römer mit antiken Analogsequenzern gefrickelt wurde, dann kam Stockhausen, dann Can und dann direkt schon Mike Ink. und Jörg Burger oder so. Andererseits spiegelt sich das nicht in einem nennenswerten Nachtleben. Ich kenne sehr viele Kölnbesucher, die enttäuscht sind und den weithallenden Ruf der Stadt nicht mit dem in Übereinkunft bringen können, was sie dann tatsächlich dort erleben. Köln ist eigentlich eher eine tagsüber-Stadt. Und das Zusammenspiel von Kulturamt und Ordnungsamt erinnert in dem Zusammenhang an Konstellationen wie Umwelt- oder Gesundheitsministerium versus Finanzminister.“

Doch trotz der Interventionen des Ordnungsamtes und der meist haarsträubenden Kulturpolitik der Regierenden zeigt sich ein überwiegend positives Bild. Dr. W von Air Liquide, der mit dem Club Camouflage auch Clubbetreiber und Partyveranstalter ist, ist rundum zufrieden: „Mit fast allen Veranstaltungen arbeiten wir sehr eng mit dem Referat für Popularmusik, zusammen. Wir veranstalten ja auch gemeinsam das Kölner Elektronik-Festival „Battery Park“, welches in diesem Jahr zum siebten mal stattfinden wird. Ich kenne kaum ein anderes Kulturamt einer anderen deutschen Stadt, dass sich so für die elektronische Musikkultur in der Heimatstadt einsetzt! Das Kulturamt ist auch äußerst engagiert in der Planung und Realisation des Zentrums für elektronische Musik, Köln, ein Projekt, das in absehbarer Zeit für großes Aufsehen sorgen wird.

Doch zuvor wird mit dem Festival „c/o pop“ noch an einem Ersatz für die Popkomm gebastelt. Seit knapp einem Jahr steht mit dem Projekt „Music Export Cologne“ (MEC) dem Referat für Popularmusik ein geeignetes Instrument für derartige Projekte mit internationalem Wirkungsradius zur Verfügung. Das Festival mit Schwerpunkt auf elektronischer Musik, dass sich an das Sonar-Festival in Barcelona anlehnt und erstmals vom 6. bis zum 22. August 2004 stattfinden soll, wurde von MEC mitinitiiert. Und damit dürften alle zufrieden sein – da kann nicht einmal das Ordnungsamt die Stimmung trüben!

(unveröffentlicht)