„Montag kommen die Fenster“ von Ulrich Köhler (Interview)

Nach seinem Erstling „Bungalow“ erzählt Ulrich Köhler auch in seinem neuen Film wieder von Gefühlen der Entfremdung in der Mittelschicht. Nina verlässt sprachlos das Eigenheim und bleibt auch im Rest des Films sprachlos. Ohne ausgesprochenen Grund und ohne erkennbares Ziel flüchtet sie. Im Ferienhaus der Eltern trifft sie auf ihren Bruder, und flüchtet auch dort wieder. In einem klotzigen Großhotel schleicht sie somnanbulistisch durch die Gänge, trifft auf einen abgehalfterten Tennisstar (gespielt von der Tennislegende Ilie Năstase) und landet schließlich wieder bei ihrer Familie. Eine Lösung gibt es nicht. Ernüchternd und in ebenso nüchternen, wenn auch wohl gestalteten Bildern folgt Köhler seiner Protagonistin. Die innere Leere der Protagonistin überträgt er mit seiner Distanziertheit auf die Zuschauer.

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INTERVIEW MIT ULRICH KÖHLER:
Es ist einige Zeit vergangen seit „Bungalow“. Warum dauerte es bis zum zweiten Kinofilm so lange? …

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Whirlwind Heat: Types of Wood

Betont lässig gibt sich das ungewöhnliche Trio aus der Provinz

Indie-Rock Demonstrativ hölzern und steif lässt der Sound von Whirlwind Heat ein wenig an New Wave-Minimalisten, beispielsweise Devo oder auch das ebenfalls gitarrenlose Trio Young Marble Giants denken, allerdings mit spät 80er, früh 90er Jahre Indie-Rock im Rücken. Nicht von ungefähr haben sie Ihren Bandnamen dem Raymond Pettibon Bild auf dem Cover des 90er Sonic Youth-Albums „Goo“ entnommen. „I stole my sister’s boyfriend. It was all whirlwind, heat, and flash. Within a week we killed my parents and hit the road“ steht da staubtrocken. Diese Trockenheit macht auch den Sound des Trios aus, dessen vordergründigstes Soundmerkmal das gänzliche Fehlen einer Gitarre ist. Und nicht zu vergessen: Der mitunter melodiöse Arbeit verrichtende, aber auch mal entfesselte Moog-Synthesizer gibt ihrem lakonisch-lässigen Sound eine besondere Note.

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Als „Goo“ erschien, waren die drei Jungs aus Michigan 10 Jahre alt. Mit 16 gründeten sie ihre Band, um der drohenden Zukunft im ortsansässigen Möbelladen oder Steakhaus zu entgehen. Drei Jahre und einige kleine, selbstproduzierte Veröffentlichungen später hört sie der damals noch nicht so bekannte Jack White von den White Stripes auf einem Konzert. Der Mann hat bekanntermaßen ein Faible für ungewöhnliche Band-Besetzungen. Also nahm er sie als Vorgruppe mit auf Tournee (es folgten Tourneen mit den Yeah Yeah Yeahs und The Kills) und veröffentlichte 2003 ihr erstes Album „Do Rabbits wonder“ auf seinem eigenen Label Third Man Records. Die 13 Stücke sind ausschließlich nach Farben benannt. 2004 erschien ihre 10-Track- EP „Flamingo Honey“, die mit einer Spielzeit von 10 Minuten dem „Commercial Album“ der Residents offensichtlich Konkurrenz machen wollte. Jüngst gab es eine Kollaboration mit Devonte Hynez von den aufgelösten Test Icicles. Hynez, der auch unter dem Banner Lightspeed Champion firmiert, hat zusammen mit der Band als Lightspeed Heat eine Session eingespielt, von der großes berichtet wird. Zumindest haben sie da einen ähnlich verrückten Zeitgenossen getroffen.
(Brille/Labels/EMI; VÖ: 20.10.2006)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 10/06

Gipi: Aufzeichnungen für eine Kriegsgeschichte

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 Die noch junge Karriere des italienischen Künstlers Gipi entwickelt sich rasant. Nach den zwei langen Geschichten Le Local“ (bislang nicht auf deutsch erhältlich) und „Aufzeichnungen für eine Kriegsgeschichte„, den zwei Kurzgeschichten in der Kollektion Ignatz und der Geschichtensammlung „Nachtaufnahmen“ ist er einer der gefeiertsten Newcomer der Comicszene. Zuletzt wurde das mit der Auszeichnung der Kriegsgeschichten als bester Comic beim Festival in Angoulème unterstrichen.

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Pit Er Pat: Pyramids

John McEntire von Tortoise hat das zweite Album des Trios aus Chicago produziert. Zu wesentlichen Veränderungen am Sound hat das nicht geführt. Vielleicht ist das Album im Vergleich zum Vorgänger etwas ausladender geraten.

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Die Arrangements sind immer noch federnd-jazzig, atmen Luft und werden vom melancholischen Gesang der Sängerin bestimmt, es gibt aber auch ausgesprochen lange Improvisationspassagen, die recht frei gehalten sind. Die Band dürfte sich im Plattenregal weiterhin zwischen Pram, den Raincoats und Veröffentlichungen von Recommended Records recht wohl fühlen.
(Thrill Jockey / Rough Trade; VÖ:10.10.2006)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 10/06

Emerson, Lake & Palmer: Pictures at an Exhibition (DVD)

Ein erster, lustiger Höhepunkt des pompösen Symphonic-Rock: Emerson, Lake & Palmer knöpfen sich Ende 1970 im Lyceum Theatre in London Mussorgskys „Pictures at an Exhibition“ vor. Das ist manchmal ziemlich kindischer Pathos-Salat, hat mitunter aber auch coole Proto-Metal Breaks. ‚Prähistorische’ Psychedelic-Effekte im Bild versüßen die etwas unspektakuläre Show. Als Bonus gibt es auf der wieder aufgelegten DVD eine Naxos-Tonaufnahme des Originals von Mussorgsky mit haarsträubender Billiggrafik als Untermalung.
(Warner)

Vert: Some Beans & an Octopus

Erstaunlich, was einem hier an lockeren Songs entgegenhüpft. Der in Köln lebende Exilbrite Adam Butler ist eigentlich als Konzeptmusiker und Arrangeur detailverliebter, nervöser Werke bekannt.

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Die ersten Stücke seines neuen Albums klingen aber eher nach dem unbekümmerten Charme eines Jim Avignon aka Neoangin: Popmelodien haben Einzug gehalten. Im Verlauf des Albums erweitert Vert sein Spektrum noch und gibt auch R’n’B- und HipHop-Annäherungen mit Big Band- und Exotica-Elementen zum Besten. Ein Album voller Überraschungen, dem die Freude daran, Unterschiedlichstes zusammenschmeißen, in jedem Augenblick anzuhören ist.
(Sonig / Rough Trade, VÖ: 6.10.2006)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 10.06

Box Codax: Only an Orchard away

Musik und Humor – ein heikles Thema. Alexander Ragnew und Nick McCarthy, Gittarist bei Franz Ferdinand, trauen sich und haben ein zwar komplett bescheuertes Album aufgenommen, bei dem man die Menge an geflossenem Alkohol nur erahnen kann, aber es ist toll.

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Ween standen Pate ebenso wie Violent Femmes oder Frank Zappa, aber auch ultracoolen Disco, New Wave-Zickigkeit und Punk-Miniaturen findet man hier. Komischen Gesang und alberne Texte gibt’s außerdem in Hülle und Fülle: „I swam with the otter, yes i did … and we played in the pool… it was a perfect day“ – mit engelsgleichem Backgroundgesang und Meeresrauschen untermalt. Helge Schneider würde das wohl auch gefallen.
(Gomma / Groove Attack, VÖ: 22.9.)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 10/06

„Sehnsucht“ von Valeska Grisebach (Interview)

Markus und Ella sind seit ihrer Kindheit ein Paar. In ihrer dörflichen Umgebung genügen sich die beiden. Als Markus bei einer Dienstreise eine andere Frau kennen lernt, gerät sein Leben aus den Fugen.

Was für ein Filmtitel! „Ein Liebesfilm“ heißt es noch, nicht minder Eindeutig, im Untertitel. So schlicht die Worte, so groß ihre Bedeutung. Das trifft auch auf den Film zu, der mit Laiendarstellern – ein Begriff, den die Regisseurin nicht sonderlich mag – in einem kleinen Dorf gedreht wurde. Die Geschichte von dem Schlosser und der Haushaltshilfe ist eine der eindringlichsten, die man seit langer Zeit im Kino sehen konnte. „Sehnsucht“ ist wieder einer jener neuen deutschen Filme, der den Figuren so nahe kommt, dass man sich als Zuschauer fast als Störenfried in deren Intimsphäre fühlt. Hier entsteht eine Tiefe der Gefühle, von der Regisseure von Hochglanz-Melodramen nur träumen können. Und das Ende dieses wunderbaren Films ist schier unglaublich.

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INTERVIEW MIT VALESKA GRIESEBACK:
Inwiefern unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit Laien von der mit professionellen Schauspielern?

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Jimi Tenor: ReComposed by Jimi Tenor

Nach Matthias Arfmann darf nun Jimi Tenor den Backkatalog der Deutschen Grammophon plündern und weiter verwerten. Klar, dass Tenor mit seinem avancierten Geschmack nicht wie Arfmann die nahe liegende Romantik-Abteilung in HipHop und Dub transformiert, sondern sich auf die Neue Musik des 20. Jahrhunderts stürzt, auf Edgar Varèse, Erik Satie, Pierre Boulez, und Steve Reich.

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Minimal und Musique Concrète war Tenors Musik auch nie fern. Hier bleibt er aber abgesehen von einigen Beateinlagen und Funkandeutungen doch sehr im Kosmos der Neuen Musik, den Geräusch-, Rhythmus- und Elektronik-Experimenten verhaftet. Das alles natürlich durch seine Techno-Funk-Brille betrachtet. Eine sehr spannende Perspektive.
(Deutsche Grammophon / Universal, VÖ: 15.9.)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 09/06

Darkel: s/t

Es fängt an wie man es erwartet: „Be my friend“ setzt voll auf schwülstig-dekadente 70’s-Stimmung zwischen Jean Michel Jarre-Pathos, Gruselsounds der italienischen Horror-Art-Rocker Goblin und ein wenig Weichzeichner Erotik. Man erwartet das, weil Darkel das Solo-Projekt von JB Dunckel (ein Wortwitz, den man wohl nur versteht, wenn man des Deutschen mächtig ist), einer Hälfte der Franzosen Air ist.

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Eigentlich klingt die Beschreibung des Sounds ja recht fürchterlich, aber wir wissen ja, das Air mit diesen Ingredienzien wirklich entrückt Schönes schaffen können. Leider verlässt Monsieur Obscurel, um den Witz auf Französisch weiterzuspinnen, das Gespür für die richtige Mischung und er verliert sich häufig nicht nur in niedlich-naivem 60’s Powerpop, sondern auch in fast schlagerhaften Schmonzetten. Da hat der Bilitis-Einfluss wohl etwas überhand genommen.
(Prototyp Rec. / Labels; VÖ: 15.9.)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 09/06

Pere Ubu: Why I hate women

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Surreal und Expressiv – 30 Jahre nach dem Debüt wieder ein grandioses Werk

Ein ganz schön provokanter Titel, der auf dem Cover zudem mit dem Hinweis “This is an irony-free recording” unterstrichen wird. Es gibt auch etliche spannendere Lesarten als Ironie, die nicht zwingend Satzaussage und Meinung des Sprechenden 1:1 gleichsetzen. Der Sänger David Thomas verweist auf den Schriftsteller Jim Thompson, dessen desillusionistische Romane (z.B. „The Getaway“) für den Titel Pate standen. Trotzdem quillt die Platte über vor Liebesliedern. Soviel dazu.

Selten seit ihrem Debüt-Album „The Modern Dance“ von 1978 haben Pere Ubu, von denen inzwischen nur noch Thomas übrig ist, Punk-Attitüde, Avantgarde-Ansatz, Soundtüftelei und Emotionalität (in alle Richtungen!) so grandios miteinander verbunden. Der Rockanteil drängt die Stücke ungeduldig und ungestüm mit Captain Beefheartschem Freiheitsdrang nach vorne, ungewöhnliche Gitarrensoli zwischen Neil Young und MX-80 Sound inklusive. Nicht nur die ruhigeren Momente der Platte sind voller Gefühl, die ohne jegliche Schablonenhaftigkeit direkt ins Herz geht. Das durch alte Synthesizer, Theremin und andere magische Klangquellen und ungewöhnliche Aufnahmemethoden die Musik durchsetzende Geräusche, Gefiepse und Gebrumme verleiht der Musik – frei nach dem extraterristischen Sun Ra – etwas geheimnisvoll Außerirdisches – oder Überirdisches. Die oft surreal anmutenden Texte von Thomas und sein eigentümlich hoher, gepresster Gesang – wie Kermit mit Helium in der Lunge – tun ihr Übriges, diese Musik weit, ganz weit aus dem gros der Popmusik herauszuheben.

Sie werden gerne als der Missing Link zwischen The Velvet Underground und Punk angesehen und nicht selten, trotz einiger schwächerer Schaffensjahre nach der ersten Reunion in der Mitte der 80er Jahre, als „die größte Rock’n’Roll Band des Jahrhunderts, und vermutlich auch des nächsten“ (The Wire) bezeichnet. Alles Attribute, die sie mit ihrem neuen Werk eindrucksvoll bestätigen.
(Hearpen Rec. / Glitterhouse; VÖ: 15.9.2006)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 09/06

Tapes ’n Tapes: The Loon

In klassischer Indie-Rock Manier, wie man sie aus den 80er- und 90er Jahren von Bands wie den Pixies, Pavement oder Shrimp Boat kennt, schmeißen Tapes ’n Tapes harsche Gitarrenparts, popige Melodien und wohlportionierte Americana-Häppchen in einen Topf und rühren schwungvoll um. Heiter bis wolkig, Ballade bis Gitarrenwand, laut und leise sind die Pole, zwischen denen sich die vier aus Minneapolis tummeln.

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Mit ihrem selbst produzierten Debüt haben sie bereits im letzten Jahr Furore gemacht und im Eigenvertrieb 10.000 Einheiten verkauft. Das Werk wird nun endlich durch XL Recordings allgemein zugänglich gemacht. Sie könnten die neuen Indie-Stars aus Übersee werden.
(XL Recordings / Beggars Group, VÖ: 18.8.)

Zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 08/06

Kiriko Nananan: Blue

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Schwebend

Kiriko Nananan, die 1993 mit „Hole!“ im Underground-Manga-Magazin „Garo“ debütierte, hat schon diverse Alben veröffentlicht, im deutschsprachigen Raum ist sie allerdings noch relativ unbekannt. Zu eigentümlich ist ihr Stil, als dass sie im Manga-Strom der großen Verlage mit an die Oberfläche hätte gespült werden können. Ihre Geschichte „Blue“, die im Januar 2005 auch in der Manga-Folge der „Comix“-Reihe auf Arte vorgestellt wurde, ist nun endlich in der deutschen Übersetzung erhältlich …

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Das digitale Kino – Was wird sich ändern?

Digital ist fast überall – auch beim Film. Nur der klassische Kinobetrieb läuft fast immer noch wie vor hundert Jahren mittels fotochemischen Films und eines herkömmlichen Projektors ab. Doch das digitale Kino kommt und das Gerangel um die besten Plätze ist im vollen Gang…
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Zuerst erschienen in Filmstart 7/06

Lambchop: Damaged

Gediegen kann man das schon nennen, was Lambchop seit Jahren im Bereich zwischen Indie-Rock und Nashville-Country betreiben. Fans hingegen beschwören, Sänger und Bandleader Kurt Wagner könnte sogar aus dem Telefonbuch herzzerreißend vorsingen.

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Der Titel des neuen Albums deutet darauf hin, dass vielleicht tatsächlich ein Herz zerrissen ist. Schlimme Rückschläge musste Wagner im letzten Jahr hinnehmen, doch außer dem Titel klingt nichts an „Damaged“ tragisch. Langsam wie eh und je nähern sie sich weiterhin den langsamsten ‚Americanan’ – den unvergessenen Souled American – an. Mit Klavier, Rührbesen, weich gefederten Saiteninstrumenten und der butterweichen Stimme von Wagner klingen sie sehr zart und, doch, auch sehr gediegen.
(City Slang, VÖ: 11.8.06)

zuerst erschienen in Kölner illustrierte 08/06

Kante: Die Tiere sind unruhig

Klassenbester? Kante geben sich als die Rowdies der Hamburger Schule

„Die Konkurrenz ist unruhig“. So wurde das vierte Album der Hamburger Band Kante unlängst angekündigt, und mit Konkurrenz waren natürlich die Freunde von Blumfeld und den Sternen gemeint. „Was der Altherrenriege fehlt, liefern Kante… den Biss“, wird da großmäulig verkündet. Schade eigentlich, waren die ausladenden Exkursionen zwischen Art-Rock à la Robert Wyatt oder der späten Talk Talk, die Jazzeinflüsse und sogar Afro-Beats in ihrer Musik doch immer sehr spannend. Hier wird also wieder gerockt. Wenn das der Fall ist, wie in „Die Wahrheit“ oder „Ich hab’s gesehen“, dann zeigen Kante den „zahnlosen Blumfelds und Sternen“, so der Werbetext weiter, wie sie selbst früher geklungen haben, und das nicht nur, weil Sänger Peter Thiessen mit seinem Tonfall so sehr den von Jochen Distelmeyer trifft. Aber schließlich war Thiessen selbst mal Mitglied bei Blumfeld, und so darf das nicht verwundern.

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Die Stärken des Albums liegen aber doch wieder in den vielen musikalischen Kunstgriffen und einer tiefen Emotionalität. Manchmal muss man Kante mögen, um das gut zu finden. Wenn Thiessen mit seiner weichen, ruhigen Stimme im wunderschönen Opener singt „Das Fieber steigt / Die Stadt vibriert / Meine Nerven pulsieren“, dann klingt das schon sehr absurd, denn von Unruhe ist da nichts zu hören. Aber schön ist’s. Musikalisch liefern sie trotz aller anders lautenden Ankündigungen getragene Arrangements, Orchestereinlagen und Jazz-Exkursionen. Aber auch sich langsam, aber stetig in den Himmel schraubende Gitarrenparts. Na, vielleicht liegen die Stärken dieses uneinheitlichen Albums vor allem darin, zwischen den kunstvollen Arrangements und dem ungestümem Rocken zu vermitteln. Erfrischend ist das Hin und Her auf jeden Fall. Und der Hinweis auf dem Cover „This record should be played loud“, der ist sowohl für die rockigen als auch für die orchestralen Momente des Albums sinnvoll. Wenn die Gitarrenwände dann anschwellen wie bei Mogwai, dreht man gerne den Regler noch etwas höher.
(Labels / EMI, VÖ: 4.8.2006)

zuerst erschienen in Kölner Illustrierte 07/06